Dinner mit Lotti / 2 · zuppanova · ·


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      zuppanova



Dinner mit Lotti / 2

   19.10.2007, 10:22



Dinner mit Lotti / 2

(Teil 1: hier klicken)


Lotti nahm sich - warum denn auch nicht? - Berit Linde’s Therapeutinnenswinger, ein Gerd-Lange-Modell übrigens, Stahlrohr mit Antilopenleder bespannt, rückte, Schreibzeug auf dem Schoß, neben die meerblaue Couch, auf der bleich und stumm Berit unter ihrer weißen Decke lag, atmete einige Male tief durch und sprach endlich mit sanfter und doch nachdrücklicher, also möglichst professioneller Stimme einen einzigen Satz:

"Was bewegt Sie denn, jetzt, in diesem Moment, Berit?"

Zunächst geschah überhaupt nichts. Berit blieb stumm.
Lotti, obschon es ihr schwer fiel, denn schließlich war sie als Ärztin doch gewohnt, rasch und zielführend zu handeln, schwieg ebenfalls. Minuten verstrichen.
Eine ungeheuerliche Spannung breitete sich aus in dem hellen Therapieraum, ein Vibrieren, Oszillieren, ein Obertonknistern, und Lotti war, als läge sie selbst im Koma nach einem schweren Unfall, als kröche sie auf allen Vieren durch den Tunnel ihres eigenen Nahtoderlebnisses, ohne die geringste Aussicht, jemals göttliches Licht zu erblicken - da schlug Berit Linde unverhofft die Augen auf, fixierte Lotti mit einem unglaublich intensiv moosgrünen Blick, seufzte tief und begann leise, gleichsam atemlos zu sprechen:

ich bin umwölkt von gerede, Lotti, denn ich war auf diesem fucking fest gestern, sehr viele leute auf mehrere zimmer einer altbauwohnung in haidhausen verteilt, und in der küche knubbelten sich die meisten, da nahm ich mir einen großen teller kürbissuppe + brot und suchte mir im wohnzimmer einen platz, um zu sitzen und die suppe zu essen, neben mir einige leute, die ich vage kenne von irgendwelchen anderen festen, sie erzählen viel und diskutieren engagiert über impfschäden, über veränderungen im lebensgefühl, über die elternrolle, über mobilfunkmasten, über schulabschlüsse, über sinnentwürfe und scheitern, über die pubertät, über rätselkalender zu weihnachten, über verhütungsmethoden in bürgerlichen kreisen des späten neunzehnten jahrhunderts, über die lokalisten, und ich schaue diesen leuten in die augen und nicke + lache oder verziehe anderweitig passend das gesicht, um halbzwölf hab ich angefangen, mich zu verabschieden, das hasse ich am allermeisten, diese abschiedsrituale, das zieht sich hin, es ist, als müsse beim abschied alle vorherige leere aufgefangen + gutgemacht werden durch bedeutungsvollere, intensivere worte ---
ab und zu bin ich in die küche gegangen, die von einem lauthalsigen menschen namens Goggi dominiert wurde, er stand neben dem tschillikonkarnetopf, den ich aber mied, Goggi erzählte von vergammeltem joghurt in seinem kühlschrank, dann wieder, als ich das nächste mal in die küche kam, davon, wie seine katze ihm eine maus in die wohnung brachte, er hob sie, die maus, am schwanz hoch, um sie fortzuschaffen, ha-ha- "da brach mir der schwanz ab, den hatte die nämlich angebissen, ich hatts überhaupt nicht gemerkt", das war der witzigste moment dieses abends, aber die anderen haben den witz nicht verstanden, einmal ging ich aufs klo, überlegte dort, ob ich an D. eine sms senden solle, war aber zu sprachlos + obendrein so müde, dass ich mich am liebsten auf dem boden zusammengerollt + geschlafen hätte, aber dann wäre das klo ja dauerbesetzt gewesen, also ging ich zurück an den platz, wo ich suppe gegessen hatte, der mann neben mir hieß Michael und sprach mit genuss ausführlich davon, dass er seit einiger zeit immer deutlicher spüre, was er NICHT wolle, als ich anfing, mich zu verabschieden, später, umarmte er mich + sagte, es sei ein gutes gespräch gewesen, mit mir ---
mein auto musste ich suchen, es stand ein paar straßen weiter, man findet kaum parkplatz in dieser gegend, ich setzte mich neben dem auto auf die bordsteinkante + rauchte eine menthol, es war neblig + ausgestorben still, ich überlegte erneut, ob ich eine sms an D. senden solle, aber es fühlte sich alles so grundsätzlich absurd an, dass ich abstand nahm von der zu sendenden sms + stattdessen mehrere minuten lang mich an das wort "cunnilinküsse" lehnte, dann bin ich nach hause gefahren, und nun - liege ich hier, auf meiner eigenen couch, worte tropfen aus mir heraus wie blut, ich verblute, Lotti, ich brauche hilfe, mir ist, als könnte nicht einmal ein wort wie doggystyle mich noch halten -


Berit brach ab, wieder war es sehr still.
Lotti, zutiefst betroffen, hatte das deutliche Empfinden, etwas sagen zu müssen, jedoch: es fiel ihr, wie sie einige Tage später ihrer Freundin Porgy bei einem gemeinsamen Abendessen gestand, nichts auch nur annähernd Passendes ein. Nie hatte sie sich in einer so diffizilen Situation befunden; sie fühlte sich aufgewühlt, überfordert, verzweifelt, und so blieb sie einfach nur sitzen und konzentrierte sich stumm darauf, möglichst entspannende Energieströme auf Berits Herzchakra zu projizieren, allerdings nicht ohne zugleich auch verwundert, ja vielleicht sogar verächtlich den Kopf zu schütteln über sich selbst, denn über das Projizieren entspannender Energieströme auf Herz- und andere Chakren und was man davon halten solle hatte sie nur wenige Tage zuvor im Deutschen Ärzteblatt eine außerordentlich bissige Glosse gelesen.
Nach einer geraumen Weile (Lotti kam es vor, als seien Stunden vergangen), warf Berit Linde, die vollkommen reglos, wie schlafend, ach, wie tot, da gelegen hatte, in einer plötzlichen, heftigen Bewegung ihre Decke von sich; sprang auf, reckte die Arme, gähnte, dehnte und streckte sich; ging auf Lotti zu, ihr die Hand zum Abschiedsgruß hinhaltend mit den professionell freundlich, aber bestimmt gesprochenen Worten:

"Unsere Stunde ist zu Ende, Frau Synagowitz. Es war sehr intensiv heute, nicht wahr? Wir sehen uns dann nächste Woche, wie immer."

Was blieb Lotti anderes übrig? - sie verabschiedete sich demütig und verließ die Praxis.

(to be continued)

___________________________

- Bei Glenn auf einem roten Sofa
- Georg-mein-Ritter
- Dinner mit Lotti / 1
- Dinner mit Lotti / 2
- Brief aus dem Morgengrauen

 

      Erik



RE: Dinner mit Lotti / 2

   19.10.2007, 10:50



Ahoi...

Mannmannmann. Respekt. Das liest sich alles wirklich super. Dein Stil gefällt mir. Da kann man die Zeilen richtig reinfressen.
Besonders die vorherige Bratpfannenpassage und im zweiten Teil natürlich die "Party". Schlimm...ich sitz gerade hier und überlege mir, wieviel sinnlosen Müll ICH eigentlich auf Feiern loswerde und mir dabei trotzdem vorkomme, wie die in deinem Text geschilderte Berit.

Nun...ich freue mich auf mehr.

Erik

 

      ear



RE: Dinner mit Lotti / 2

   19.10.2007, 16:19



Kairos : auch in deiner Erzaehlung spielt das Verstreichen von Zeit waehrend einer Therapie, die sich zu dehnen scheint, eine wichtige Rolle, welche nur noch durch das Obertonknistern ueberboten wird . Die angestaute Spannung ist aehnlich des Mittels, welches Shabrazade in “10001 Nacht” verwendet, um ihr drohendes Todesurteil abzuwenden. Wie eine Droge, moechte man mehr haben und baldigst mehr hoeren.
Bitte, zuppa, lass uns nicht zu lange auf die Fortsetzung warten, ear.

 

      augustine



RE: Dinner mit Lotti / 2

   24.10.2007, 23:29 / 1 x geändert



Ich wusste gar nicht mehr, zuppa, dass der Rollentausch schon im ersten Teil (mehr als ein Jahr alt!!) vorbereitet war, vielleicht sogar schon ausgedacht; wunderbar ausgedacht, einschlürfsam erzählt, ja. Das allein würde mir nicht genügen, ein Text muss auch zweitem und drittem Lesen Stand halten, und das tut dieser, fürwahr, auch wenn er bei dir vielleicht eine Eruption war wie die Partyerzählung von Berit Linde. Aus Lotti wurde danach dann wieder Frau Synagowitz, und von der würde ich bei erneutem eruptivem kreativem Ausbruch gern wissen, was denn die "traumaverhangenen Abgründe ihrer Kindheit" waren. Und Georg (und) Glenn werden auch noch verstrickt werden. Bin gespannt!!
Lg augustine

 

      zuppanova²



RE: Dinner mit Lotti / 2

   30.10.2007, 17:59



servus Erik, dein schneller, spontaner kommentar hat mich gefreut. bin mir nämlich nie so ganz sicher, ob lesbar ist, was ich da schubartig aus mir heraus schreibe - und wenn dann einer sagt, die sätze seien zum reinfressen, dann bin ich schon eher beruhigt.

und ear, ein vergleich mit Scheherazade ist natürlich sehr ehrenvoll - da weiß ich gar nicht, was sagen - !

augustine (mhmn, einschlürfsam ist auch ein angenehmes wort), ja, am ende von teil 1 war (mir) klar, dass teil 2 erzählen sollte, was in dieser rollengetauschten therapiesitzung geschieht. zunächst dachte ich daran, die beiden, Lotti und Berit, einfach schweigen zu lassen: hat aber nie zum aufschreiben gereicht - dann kam (in meinem richtigen zuppanova-leben) dieses fest, danach war der inhalt von teil 2 klar. ein teil 3, das weiß ich schon, wird das gemeinsame essen abschließen und Porgy und Berit zusammenbringen, außerdem soll Georg am ende noch auftreten ...
hm, ja, wann das geschrieben wird, weiß ich aber nicht - wegen der traumaverhangenen kindheitsabgründe noch: ja, schaumeramal, vllt. schreibt Lotti einen brief an Porgy, wo leser dann erstmalig einen blick hinab tun kann.

danke sehr für die kommentare.
lg, zuppa.

 

      ear



RE: Dinner mit Lotti / 2

   30.10.2007, 20:14



Liebe zuppa, bitte schreib einen Brief Lottis an Porgy. Ein Brief gibt oft Persoenliches , welches nicht bei einer normalen Unterredung geaeussert werden kann.
Lass dich nicht wirklich hetzen, wir warten nur mit Spannung, das ist es, ear.

 

      Elise



RE: Dinner mit Lotti / 2

   02.11.2007, 10:39



Liebe zuppa,
mir fällt gerade nur dieses zu deinem Dinner mir Lotti ein:

"Alles, was du erzählst, phantasierst, erfindest, sagt etwas über dich aus. Weil nur du es so erfinden kannst. Das ist das Objektive daran. Ich meine, ich bin keine Therapeutin, aber ich stelle mir vor, dass Therapeuten das so sehen: Du bist, was du erzählst."
(Robert Menasse. Don Juan de la Mancha.)

Wie geht es dir mit diesem Satz?

Herzlichst, Elise.

 

      zuppanova²



RE: Dinner mit Lotti / 2

   10.11.2007, 14:18



ohje, Elise, das von dir erwähnte buch kenn ich nicht, muss also das zitat direkt so nehmen wie es hier steht, ohne weiteren zusammenhang - und: es kommt mir vor wie ein hübsch gekonnt formulierter allgemeinplatz. nicht weniger, nicht mehr.

was kann eine/r denn schon erfinden, beschreiben, wenn nicht sich selbst in tausend facetten: ich bin die, die auf der couch liegt, und natürlich bin ich auch die, die mit dem schreibzeug (!) auf dem schoß dasitzt - wovon erzählen, wenn nicht "von mir" (jedenfalls soweit es den bereich fiktionaler literatur betrifft) -

mehr fällt mir dazu nicht ein. hab ich vllt. deine frage nicht richtig verstanden?

lg, zuppa.

 

      Jolante



RE: Dinner mit Lotti / 2

   12.11.2007, 18:34 / 2 x geändert



Liebe zuppa, mein Kommentar klappert ein wenig nach, weil ich mich etwas schwer tue mit der Ausdeutung dieses so brillant geschriebenen Textes. Ungewöhnlich ist schon der Einstieg, bei dem zwei Ärztinnen die Rollen tauschen. Lotti übernimmt die Rolle der Psychotherapeutin, Berit schlüpft in die der Patientin. L. fühlt sich schon zu Beginn unbehaglich, ausgelöst durch die spannungsgeladene Stille, in der es vibriert, oszilliert und sogar obertonknistert, bis B. endlich anfängt zu sprechen. Ihre Eindrücke von dem Fest, zu dem sie eingeladen war, sind für mich leicht nachzuvollziehen. Wer kennt es nicht, das oberflächliche Geplauder von meist eitlen Menschen, die sich mehr oder weniger gut kennen, sich im Grunde nicht viel zu sagen haben, aber bemüht sind, sich zu allen erdenklichen Themen mehr oder weniger kompetent zu äußern. Man fühlt sich schnell einsam bei solchen Anlässen, sehnt sich nach einer Nische, in die man sich zurückziehen kann (vielleicht auf Glenn`s Sofa?), oder einem Arm, an dem man sich festhalten kann. Das alles hast du in deinem Text sehr anschaulich gemacht, zuppa, köstlich auch der Typ, der die Küche dominiert, in die sich B. zeitweise flüchtet, weil sie sich dort etwas heimischer fühlt. Ja, solche Feste sind anstrengend und nur selten erbaulich. Da fühlt sich "alles so grundsätzlich absurd" an und ein Gefühl der Leere breitet sich aus. So sucht Berit kurz vor dem Nachhausefahren verzweifelt nach Worten, an denen sie sich ein wenig festhalten kann. Aber die Worte tropfen aus ihr heraus wie Blut, das sagt sie nun Lotti, sie verblute, brauche Hilfe. Lotti, in der ungewohnten Rolle der Therapeutin ist bestürzt, auch noch als Berit sich von der Couch erhebt und scheinbar entspannt zur Tagesordnung übergeht. - Was ist es, was Lotti so betroffen macht? Hat B. vielleicht genau das gesagt, was sie an ihrer Stelle hätte sagen wollen?
Der Text erscheint mir recht hintergründig und ich fürchte, dass ich seine Nüsse nicht wirklich knacken konnte. Ich bin sehr gespannt, zuppa, ob und wie du dich zu der Therapiestunde äußern wirst.

Es grüßt in die Runde
Jolunde

 

      zuppanova²



RE: Dinner mit Lotti / 2

   14.12.2007, 14:05



Jolante, grüss dich.

danke dir sehr für dein feedback. nüsse wollt ich gar nicht verstecken in dem text, es ist im grunde alles ganz einfach. kern der episode ist dieser monolog, den Berit Linde spricht: das wollte ich aufschreiben, loswerden, aussagen und hab also eine verpackung gesucht, eine gestaltungmöglichkeit, einen weg, diesen kern zu transportieren, ohne dass leser gleich vor langeweile gähnen, bin also darauf verfallen, eine Lotti-episode daraus zu machen (der rollentausch war ja in der vorgeschichte bereits angelegt). ohje, das ist wahrscheinlich gar nicht sehr befriedigend, was ich hier sage?
so sehr ich mich freue, wenn meine texte gelesen werden und resonanz hervorrufen (danke!), so schwer fällt es mir doch, sie zu erklären.

lg, zuppa.

PS: ein weiteres Lotti-stück (blick in den abgrund) ist längst fertig, aber ich "trau" mich noch nicht, es zu posten ...




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