| |
|
augustine
|
12.10.2007, 02:49 / 1 x geändert
|
|
Die Familiengruppe fuhr in zwei Autos von Athen zum Poseidon-Tempel im Süden von Attika. Man kommt da an Brauron vorbei, von einem Artemis-Tempel sind Reste dort, nicht sehr viele, lang nicht so eindrucksvoll wie in anderen antiken Stätten, den berühmten mit den Umweg-lohnt-Sternchen in den Reiseführern. Nur zwei wollten mit mir aussteigen, aber es kamen dann doch die meisten mit. Die kleine archäologische Stätte war eingezäunt. Am geöffneten Zugang stand auf einem wackligen Tischlein ein Blechteller, dabei ein Schild: Eintritt kostet ..; ich weiß nicht mehr; wenig. Wir legten Münzen hinein. Es war sehr heiß. Einer der Männer hatte sein Hemd ausgezogen und im Auto gelassen, suchte sich sofort den nächsten Stein im Schatten, um dort zu sitzen und zu warten. Antike Trümmer interessierten ihn nicht. Da kam ein alter Mann auf ihn zu, den wir zuvor nicht gesehen hatten, das Hemd offen, ein Kreuz um den Hals. Ach, dort in der Hütte hatte er gelegen, die kaum größer war als das Bett, das hinter dem zur Seite gebundenen Vorhang aus Plastikstreifen sichtbar war. Er machte eine verbietende Gebärde und sagte: "Holy" und zeigte erst zur Erde und dann zum wolkenlos dunkelblauen Himmel. "No go here, not sit here, so". Der Mann aus dem Norden Europas stand schließlich auf, ging zum Auto und blieb dort.
AugenblickeBlickwinkel 10

|  |
zuppanova
|
servus, und -
eine reisenotiz (für mich), kurz gefasst und ganz "auf den punkt hin" geschrieben. neben der ich-erzählerin, deren interesse an "ruinen" eigentlich alles folgende auslöst, gibt es zwei protagonisten, ich nenne sie mal:
der Tourist < -- > der Hüter des Heiligtums,
beide mit wenigen, aber die leserinnenphantasie (meine jedenfalls) in gang bringenden worten als personen/typen anskizziert, ebenso wie auch eine rahmenhandlung (touristen/familiengruppe unterwegs zu sehenswürdigkeiten) zu der kernszene sehr komprimiert angelegt ist.
die ich-erzählerin bezieht nicht position zum geschehen, berichtet lediglich: der leser muss selber sehen, wie er einordnet, was er liest - mir gefällt das.
also, liebe lesende ringsum, was meint ihr: worum geht es und was "bedeutet" die begegnung dieser beiden männer am heiligen ort?
so gefragt von der mittagszuppa.

|  |
Jolante
|
So kurz die Geschichte auch ist: In ihr begegnen sich Welten oder viel mehr zwei verschiedene Weltanschauungen."Wat dem ehnen sin Uhl, is dem annern sin Nachtigall." Für den einen ist es eine "geweihte" Stätte, für den andern ein Stein, auf dem es sich gut ausruhen lässt. Vielleicht haben wir es hier auch mit dem Gegensatz Romantiker - Philister zu tun. Eine interessante kleine Geschichte, die viele Denkanstöße bietet.
Es grüßt Jolante

|  |
Schreibtisch
|
Ach zuppa, könnte ich nur
halbviertelachtel von dem ausdrücken, was du ausdrücken kannst!
Wirklichwirklich immer wieder so gekonnt und präzise die eigene Wahrnehmung widergeben und dabei all das nicht tun, was auch wir nicht tun wollen, aber immer wieder doch tun...du bist für mich die schönste Beweisin, dass man sachbezogen beschreiben kann, ohne dabei an Wärme sparen zu müssen. Doof für mich, dass ich mich dann gar nichts eigenes mehr trau zu schreiben, aber das ist mein Problem...
Ach augustine, deine Geschichte ist schön!!
Mir gefällt vor allem, wie du mich mit wenigen Worten auf eine Spur schickst, mich aber dann alleine entscheiden lässt, was ich dort finden möchte. Du sagst mir nicht, was ich zu denken haben und auch nicht zu fühlen habe. Was passiert, wenn Heiliges und Profanes aufeinandertrifft? Vermeintlich Heiliges auf vermeintlich Profanes und sind die Grenzen nicht sowieso...
Ach Jolante! Bist wieder da! Fein!
Ein jedes Ding hat seinen Mund zur Offenbarung -Jakob Böhme
Achige Grüße, Schreibtisch mit Fieber immernoch

|  |
augustine²
|
17.10.2007, 18:52 / 1 x geändert
|
|
Man denkt sich ja immer so, was wer wohl drin sehen würde, wenn man einen Text herzeigt, und auch: wer überhaupt was drin sieht. Über einige Antworten würde ich mich noch freuen, möchte aber auf diese schon mal reagieren:
danke, zuppa, Jolante, Schreibtisch!
Einen Gegensatz habe ich natürlich gemeint. "Philister" ist ein gutes Wort für den Mann mit nacktem Oberkörper. Den anderen würde ich nicht "Romantiker" nennen: er ist ja einfach der Wärter, tut seinen Dienst oder zunächst nicht, denn er lag über Mittag oder was es war sinnvollerweise in der Hütte. Aber er ist die Person, auf die es mir ankam.
Ja, ein "heiliger Ort", der Artemis-Tempel von Brauron, selbst noch in seinen Ruinen. Und indem der unwillige und kenntnislose Tourist das nicht sehen will/kann, repräsentiert er das "Profane".
Ja, diesen alten Mann habe ich nie vergessen, die einfache Würde trotz der holperigen Worte, mit der er, der Christ, auf der Heiligkeit der antiken Stätte bestand.
Es war ja eine Situation, die ganz knapp alles enthielt, was so sehr mein Thema ist: auf der Historizität des (jeweils) Heiligen zu beharren und das deshalb als menschengemacht zu verstehen - und dennoch die Menschen und Orte zu ehren, denen ein Ort heilig ist oder wo die Heiligkeit eines Ortes sich in verschiedenen Ausdrucksformen tradiert hat (wo sie tradiert wurde; es ist viel Psychologie dabei). In Bayern hab' ich das schön gesehen/gelesen: da sind ja oft Kirchen oder Kapellen auf Vorbergen gebaut, die auch schon keltische Heiligtümer trugen.
Wenn ihr mögt, lest nochmal dies; der alte Mann von Brauron steckt schon in der Figur des Ziegenhirten dort.
Liebe Grüße euch! augustine

|  |
Elise
|
Ja, es ist wohl eine augustinische Spezialität, Polar(itär)es aufzuzeigen, so auch hier: im passenden Augenblick rasch den Blickwinkel wechseln - von der neuen in die alte Welt, vom Mann im Norden zum Griechen mit dem Kreuz am Kettchen, von einem, der vor allem schwitzt unter der Sonne, zu dem anderen, der die Geschichten der Steine kennt, vom schnell sich ortswechselnd bewegenden modernen Auto zur praetechnischen Schlafstatt im Tempel ...
Die Historizität (als tradierte Bedeutung) könnte vielleicht auch als Wissen (gar nicht so sehr im intellektuellen Sinn) beschrieben werden: was ein alter Stein "bedeutet", hängt damit zusammen, wieviel einer "weiß" - oder auch: für wahr zu nehmen im Stande ist.
Elis.

|  |
Erik
|
19.10.2007, 11:12 / 2 x geändert
|
|
Hi...
Mir fällt zu deinem Text grad zwei kleine Begebenheiten ein, die ich vor mehreren Jahren mal auf einem Tempelgelände in Peking erleben konnte. Passt zu "Brauron".
Teenage-Erik war mit Vater also in China unterwegs und leider auch mit einer größeren Reisegruppe, in der sich "Der Kettenraucher" und der "Tourist" befanden. Ersterer rauchte natürlich Kette und das wahrscheinlich schon seit dem Punkt seiner Zeugung. Der Tourist hatte alles, was ein Tourist braucht, also Umhängevideocamera, Basecap (flacher Schirm), Hochklapp-Sonnenbrille, dürre weiße Beinchen ala Sumsemann und ein riesiges Westeuropa-Ego.
Naja. Das Tempelgelände war extrem sauber (im Gegensatz zum Rest) und mit ziemlich vielen Menschen besetzt. In China war es fast unmöglich, zwischen Polizisten und Soldaten zu unterscheiden. Nun, wir standen im Schatten des Tempels und der Kettenraucher tat, was er konnte. Ein kleiner (wahrscheinlich) Soldat kam mit Mörderblick und mehr oder weniger Stechschritt auf uns zu. "No smoking". Ok. Und was tut Kettenraucher? Er beschwerte sich kurz und - kein Scheiß, ich stand daneben - drückte die Kippe an der Tempelwand aus. Ich hätte mich am liebsten vergraben. Das war mehr als peinlich, das war schon abstoßend...
Der Tourist schoss dann kurz darauf den Vogel ab. Kettenraucher war, wohl dank seines Touristendaseins, nicht in nem Fluss versenkt worden und so erreichten wir dann endlich einen der Tempel auf dem Gelände. Außen ein Schild, welches auf die Heiligkeit des Ortes verwies und aufforderte, nicht zu filmen oder Fotos zu machen.
Und was macht der Tourist? Hängt sich (er war ja ein Schlauer) die Videocamera vor die Brust, schaltet sie ein und geht rein.
Und als wieder ein Soldatenpolizistenchinese erschien und ihm - nachdem er sich geweigert hatte, den Film herauszugeben - diesen kurzerhand selbst aus der Videocamera rupfte, beschwerte er sich allen Ernstes über den Umgang mit Touristen in diesem Land...
Ich denke, die zwei Momente sprechen für sich, aber daran musste ich, Augustine, denken, als ich zuerst deinen Brauron-Text gelesen hatte. Ob es unterschiedliche Typen von Menschen sind oder Sache von Bildung, Erziehung oder sonstwas...keine Ahnung. Allein man sollte doch als Mensch fähig sein zu erkennen, wann man in Bereiche eindringt, die anderen Leuten extrem wichtig sind. Und das gelingt doch recht schnell, wenn man nicht die eigene Anschauung als das Maß aller Dinge nimmt...einfach eine Sache des Respekts...
Nun denn...
Erik

|  |
|
|