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      ear



Sonette ueber das Sonett

   12.04.2006, 10:50



“Sonette über das Sonett”
Innerhalb der Sonettdichtung, bilden die Sonette über das Sonett eine gesonderte Gruppe.
1)Allgemeine Lobpreisung des Sonetts durch Alfred de Musset, an Madame N. Menèssier gerichtet, Mai 1843, betitelt “A la Même”; es hat die Form abab abab ccd cdc.
Betrachten wir gleich den 2.Teil der Oktave:
Bonjour, ami sonet, si doux, si bien veillant,
Poésie, amitié que le vulgaire ignore,
Gentil bouquet de fleurs, de larmes tout brillant,
Que dans un noble cœr un soupir fait éclore!
Das Sonett wird besungen in seiner sanften Schönheit, wie ein hübscher Strauß von Blumen. .
Von Theodore Watts- Dunton wird das Ebenmaß des Sonetts herausgehoben und mit der ebenmäßigen Bewegung der Wellen verglichen in seinem Gedicht”The Sonnet’s Voice”, a metrical lesson by the seashore. Die Oktave zeigt den umschließenden Reim abba abba:
You silvery billows breaking on the beach
Fall back in foam beneath the star-shine clear
The while my rhymes are murmuring in your ear
A restless love like that the billows teach;
For on these sonnet-waves my soul would reach
From its own depths, and rest within you, dear,
As through the billowy voices yearning here
Great Nature strives to find a human speech.
Er schrieb das Gedicht, um seine Theorie klar zu erläutern mit dem Gesetz der Wellenbewegung,im Wechsel von Spannung und Entspannung.
2)Zum Bau des Sonetts hat der Begründer der “fruchtbringenden Gesellschaft”, Ludwig von Anhalt, eine sehr nette Definition des Sonettbaues überliefert, die er 1640 in seiner versifizierten Anleitung zur deutschen Reimkunst machte:
:Die Klinggedichte sein von vierzehn vollen Zeilen,
Die man dermaßen soll ausputzen und befeilen
Wie auch ist vorgesagt. Im anfang findet man
Gesätze, deren zwei gleich folgen in acht Reien,
Darauf sich können wohl die sechse so verneuen,
Wie man bloß nach der lust sie will setzen an.
Wir finden hier die Verdeutschung des Wortes Sonett als “Klinggedicht”, die von Opitz noch verschmäht wurde, hier aber von dem Sprachpuristen ganz bewußt eingesetzt wird.
Johann Bernhard Menke, Vorsteher der deutschübenden poetischen Gesellschaft zu Leipzig schrieb:
Bey meiner Treu! es wird nur Angst gemacht,
Ich soll geschwind ein rein Sonettgen sagen,
Und meine Kunst in vierzehn Zeilen wagen,
Bevor ich mich auf rechten Stoff bedacht;
Was reimt sich nun auf agen und auf acht?
Doch eh ich kan mein Reimregister fragen,
Und in dem Sinn das ABC durchjagen,
So wird bereits der halbe Theil belacht!
Kan ich nun noch sechs Verse dazu tragen,
So darf ich mich mit keinen Grillen plagen:
Wolan da sind schon wieder drey vollbracht;
Und weil noch viel in meinem vollen Kragen,
So darf ich nicht am letzten Reim verzagen,
Bey meiner Treu! Das Werk ist schon gemacht.
Friedrich Schlegel erklaert, wie man sich schnell und ohne große Mühe die äußeren Regeln des Sonetts einprägen könne:
Heut lehr ich euch die Regel der Son(ette)!
Versucht gleich eins! Gewiß, es wird gel(ingen).
Dann noch drei Paare, daß man vierzehn (hätte) .
Laßt demnach an der vielgeteilten K(ette)
Als Glied in Glied so einen Schlußring sp(ringen):
Das muß alsdann wie pures Gold erkl(ingen);
Gewisse Herrn zwar hängen Klett an K(lette):
Ein solcher findet meine schönen N(ichten)
Bei diesem Muster:” Ach, Fräulein, sie st(icken)!”
“O nein, Herr Graf, hier gibt es Silben z(ählen),”
“Wirklich? Doch wenn die Lauren selber d(ichten)
Was soll Petrarca?” ” Der mag Strümpfe str(icken),
Dies ist Beschäftigung für schöne S(eelen)!”.
In dieser Sonettform abba abba cde cde gibt Fr. Schlegel ein köstliches Gesellschaftsbild; er witzelt über die Sonettwut der Gebildeten, insbesondere der Damen, welche das Dichten von Sonetten mit Leidenschaft betreiben.
Ludwig Tieck in seiner ersten Sonettreihe, im “Poetischen Journal” 1800, tritt dem Mißbrauch der Form entgegengetreten.
Ein nett honett Sonett, so nett zu drechseln,
Ist nicht so leicht, Ihr Kinderchen, das wett ich.
Ihr nennt’s Sonett, doch klingt es nicht sonettig,
Statt Haber füttert ihr den Gaul mit Hechseln.
Dergleichen Dinge muß man nicht verwechseln,
Ein Unterschied ist zwischen einem Rettig
Und ritt ich, rutsch ich, rump’l ich oder rett ich,
Auch Dichten, Dünnen, Singen, Krähen,Krächzeln.
Drum liegt im Hafen stille noch ein Weilchen
Und lasset hier das kranke Schiff ausbessern,
Es zeigt mehr Leck als Schiff in seiner Fläche:
Noch lecker wird es, ihr bezahlt die Zeche,
Doch düngt uns leider nicht ein einzig Zeilchen;
Nach lauem Wasser kann kein Mund je wässern.
Es ist das 4. Sonett aus einer Reihe von 7, die er “Kunst der Sonette” betitelt.
Die kompositorische Schwierigkeit des Sonetts mit leicht ironischem Unterton finden wir in Tristan Corbières”Un Sonnet” avec la manière de s’en servir, also einer Art Gebrauchsanweisung, die er unter das Motto stellt:”Réglons notre papier et mormons bien nos lettres”.In diesen Zeilen schon zeigt sich die ganz persönliche Sprache des Dichters. Seine Gedichte wurden 1873 zum erstenmal als einziges Werk in einem kleinen Band herausgegeben, den er “Les Amours Jaunes” betitelte. Die Gedichte gerieten in Vergessenheit, bis sie 1942 wiederentdeckt wurden und den späten aber großen Nachruhm Corbières einleiteten. Corbière lebte von 1845-1875.
Vers filés à la main et d’un pied uniforme,
Emboîtant bien le pas, par quatre en peloton;
Quen marquant la césure, un des quatre’endorme…
Ça peit dormir debout comme soldats de plomb.
Sur le railway du Pinde est la ligne, la forme;
Aux fils du télégraphe:-on en suit quatre, en long;
A chaque pieu, la rime –exemple:Chloroforme.
-Chaque vers est un fil, et la rime un jalon.
-Télégramme sacré- 20 mots.-vite à mon aide…
(Sonnet –c’est un sonnet-) ô Muse d’Archimède !
-La preuve d’un sonnet est par l’attition:
Je pose 4 et 4=8! Alors je procède
En posant3 et 3!-Tenons Pégase raide:
“O lyre! O délire: O…”-Sonnet- Attention!
.In freier Nachdichtung heißt es bei Georg Schneider:
Sonett mit einer Anweisung zu Nutz und Frommen derer, die sich ihrer bedienen.Das Papier liniert und gut die Buchstaben gesetzt:
O Verse, handgestickt, Versfüße uniform,
In Reih und Glied zu viern, in Schritt und Tritt genaht!
Von viern schläft einer stets nach der Zäsur enorm…
Schläft ein im Stehn stramm wie ein Zinnsoldat.
Railway am Pindus, Strich dir gleicht die Form-
Je vier mitsamt-dem Telegraphendraht.
Und jeder Mast ein Reim- zum Beispiel:Chloroform.
Nur 20 Wörter-heilig Telegramm.- Zu Hilfe!(Seht:
‘s ist ein Sonett-). O Musenkind des Archimed!
-Addiert, so habt ihr ein Sonett gemacht;
Ich setze 4 plus 4 gibt 8. Wie gut das geht,
Zähl ich noch 3 zu 3.He, Pegasus,mach stet:
“O Lyrium, Delirium…” Sonett- He, he habt acht!
Eines der berühmtesten Sonette über die Form schrieb August Wilhelm Schlegel, in welchem er Formenreiz,Ebenmaß und Baugesetz in vollendeter Weise verherrlicht:
Zwei Reime heiß ich viermal kehren wieder
Und stelle sie, geteilt, in gleiche Reihen,
Daß hier und dort, zwei eingefaßt von zweien
Im Doppelchore schweben auf uns nieder.
Dann schlingt des Gleichlauts Kette durch zwei Glieder,
Sich freier wechselnd, jegliches von dreien.
In solcher Ordnung, solcher Zahl gedeihen
Die zartesten und stolzesten der Lieder.
Den werd ich nie mit meinen Zeilen kränzen,
Dem eitle Spielerei mein Wesen dünket
Und Eigensinn die künstlichen Gesetze.
Doch wem in mir geheimer Zauber winket,
Dem leih ich Hoheit, Füll in engen Grenzen,
Und reines Ebenmaß der Gegensätze.
In den beiden Quartetten (abba abba) beschreibt das Sonett selbst seinen Bau und gipfelt in der Feststellung, daß ihm Anmut und Würde in höherem Maße gegeben sei als jedem anderen Gedicht. Schlegel nennt das Sonett “die Strophe par excellence: er hat es zu den höchsten Gebilden der Poesie emporgehoben, hat endgültig den 5-füssigen Jambus auch in Deutschland zum Sonettvers gemacht und die ausschließliche Verwendung weiblicher Reime für unumgänglich erklärt, die Zweiteilung als Notwendigkeit hervorgehoben.Die junge Generation des 20. Jahrhunderts hat sich gegen Schlegel aufgelehnt.

 

      Jolante



RE: Sonette ueber das Sonett

   09.06.2006, 11:37



Hallo ear,

deinen Beitrag über das Sonett finde ich interessant. Als Ergänzung hierzu Gernhardts "Materialien zu einer Kritik der bekanntesten Gedichtform italienischen Ursprungs":

Sonette find ich sowas von beschissen,
so eng, rigide, irgendwie nicht gut;
es macht mich ehrlich richtig krank zu wissen,
dass wer Sonette schreibt. Dass wer den Mut

hat, heute noch so`n dumpfen Scheiß zu bauen;
allein der Fakt, dass so ein Typ das tut,
kann mir in echt den ganzen Tag versauen.
Ich hab da eine Sperre. Und die Wut

darüber, dass so`n abgefuckter Kacker
mich mittels seiner Wichserein blockiert,
schafft in mir Aggressionen auf den Macker.

Ich tick nicht, was das Arschloch motiviert.
Ich tick es echt nicht. Und wills echt nicht wissen:
Ich find Sonette unheimlich beschissen."

Als Provokation doch garnicht so schlecht, oder ? Mit einem Augenzwinkern grüßt

Jolante

 

      ear²



RE: Sonette ueber das Sonett

   09.06.2006, 15:04



Hallo Jolante,
Ich zwinkere zurueck.Nett, dass du die Auflehnung gegen das Sonett in seiner Strenge aufgegriffen hast. Es war unvermeidlich, es gab unendlich viele Kritiker (u.a.Goethe, Wordsworth, Herder,Ben Johnson,Keats). Julio Dantas und Johannes Becher galten als schaerfste Gegner mit Assonanzen-oder reimlosen Sonetten. Und doch: dein zitiertes Sonett oder weitere, die in der lyrikcommunity inzwischen entstanden sind, zeigen mit gleichem Augenzwinkern,dass selbst heute irgendetwas daran reizvoll bleibt.Gruss, ear.




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