Schiller, Die Sendung Moses · augustine · ·


Lange Zitate · Forum für Literatur & Germanistik
 

Neue Beiträge   |   Registrierung   |   Lesungen Literatur auf YouTube - Gedichte - Forum für Literatur und Germanistik  |   dradio   |   Archiv   |   l o g i n

 
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Leseliste
~ Forenliste
~ Gäste-Chat
Literatur
~ Impressum

  Online

  Lesungen

  Piep, piep, piep...

  Aktuelle Themen

Texte zitieren auf literature-online.de

Kipp-Phänomene: Brillante Rhetorik

Mein Buchhändler

welt

Dichte Reime

Zwei Gedichte

Enjambements in Heyms Berlin III

G7sus4 (12-string) --> für chantal

Reise durch lit-on

Vatnajökull (prisma)

Achrad (6)

Trahisa (5)

Letzte Nacht

Straße

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

Feierabendland

Ein Dogma

Distanz

in die nacht

Jahrestage


 

      augustine



Schiller, Die Sendung Moses

   08.10.2007, 19:58 / 4 x geändert



Wenn wir das Bisherige kurz zusammenfassen, was war eigentlich der Plan, den Moses in der arabischen Wüste ausdachte?
Er wollte das israelitische Volk aus Ägypten führen und ihm zum Besitz der Unabhängigkeit und einer Staatsverfassung in einem eigenen Lande helfen. Weil er aber die Schwierigkeiten recht gut kannte, die sich ihm bei diesem Unternehmen entgegenstellen würden, weil er wußte, daß auf die eigenen Kräfte dieses Volks so lange nicht zu rechnen sei, bis man ihm Selbstvertrauen, Mut, Hoffnung und Begeisterung gegeben, weil er voraussah, daß seine Beredsamkeit auf den zu Boden gedrückten Sklavensinn der Hebräer garnicht wirken würde: so begriff er, daß er ihnen einen höhern, einen überirdischen Schutz ankündigen müsse, daß er sie gleichsam unter die Fahne eines göttlichen Feldherrn versammeln müsse.
Er gibt ihnen also einen Gott, um sie fürs erste aus Ägypten zu befreien. Weil es aber damit noch nicht getan ist, weil er ihnen für das Land, das er ihnen nimmt, ein anders geben muß, und weil sie dieses andre erst mit gewaffneter Hand erobern und sich darin erhalten müssen, so ist nötig, daß er ihre vereinigten Kräfte in einem Staatskörper zusammenhalte, so muß er ihnen also Gesetze und eine Verfassung geben.
Als ein Priester und Staatsmann aber weiß er, daß die stärkste und unentbehrlichste Stütze aller Verfassung Religion ist; er muß also den Gott, den er ihnen anfänglich nur zur Befreiung aus Ägypten, als einen bloßen Feldherrn gegeben hat, auch bei der bevorstehenden Gesetzgebung brauchen; er muß ihn also auch gleich so ankündigen, wie er ihn nachher gebrauchen will. Zur Gesetzgebung und zur Grundlage des Staats braucht er aber den wahren Gott, denn er ist ein großer und edler Mensch, der ein Werk, das dauern soll, nicht auf eine Lüge gründen kann. Er will die Hebräer durch die Verfassung, die er ihnen zugedacht hat, in der Tat glücklich und dauernd glücklich machen, und dies kann nur dadurch geschehen, daß er seine Gesetzgebung auf Wahrheit gründet. Für diese Wahrheit sind aber ihre Verstandskräfte noch zu stumpf; er kann sie also nicht auf dem reinen Weg der Vernunft in ihre Seele bringen. Da er sie nicht überzeugen kann, so muß er sie überreden, hinreißen, bestechen. Er muß also dem wahren Gott, den er ihnen ankündigt, Eigenschaften geben, die ihn den schwachen Köpfen faßlich und empfehlungswürdig machen; er muß ihm ein heidnisches Gewand umhüllen und muß zufrieden sein, wenn sie an seinem wahren Gott gerade nur dieses Heidnische schätzen und auch das Wahre bloß auf eine heidnische Art aufnehmen. Und dadurch gewinnt er schon unendlich, er gewinnt – daß der Grund seiner Gesetzgebung wahr ist, daß also ein künftiger Reformator die Grundverfassung nicht einzustürzen braucht, wenn er die Begriffe verbessert, welches bei allen falschen Religionen die unausbleibliche Folge ist, sobald die Fackel der Vernunft sie beleuchtet.
Alle andre Staaten jener Zeit und auch der folgenden Zeiten sind auf Betrug und Irrtum, auf Vielgötterei gegründet, obgleich, wie wir gesehen haben, in Ägypten ein kleiner Zirkel war, der richtige Begriffe von dem höchsten Wesen hegte. Moses, der selbst aus diesem Zirkel ist und nur diesem Zirkel seine bessere Idee von dem höchsten Wesen zu danken hat, Moses ist der erste, der es wagt, dieses geheim gehaltene Resultat der Mysterien nicht nur laut, sondern sogar zur Grundlage eines Staats zu machen. Er wird also, zum Besten der Welt und der Nachwelt, ein Verräter der Mysterien und läßt eine ganze Nation an einer Wahrheit teilnehmen, die bis jetzt nur das Eigentum weniger Weisen war. Freilich konnte er seinen Hebräern mit dieser neuen Religion nicht auch zugleich den Verstand mitgeben, sie zu fassen, und darin hatten die ägyptischen Epopten einen großen Vorzug vor ihnen voraus. Die Epopten erkannten die Wahrheit durch ihre Vernunft, die Hebräer konnten höchstens nur blind daran glauben.

Der Schluss einer Vorlesung (!!) von 1790, im Druck knapp 20 Seiten; auch in der aktuellen Monotheismus-Diskussion unbedingt lesenswert.
Ganz zu lesen im Projekt Gutenberg

Einige Unterstreichungen nachträglich von mir, augustine

 

      zuppanova



RE: Schiller, Die Sendung Moses

   11.10.2007, 13:39



serv.s augustine,

nur eine kurze anmerkung zum obigen Schillertext:
für mich (die ich allerdings sehr wenig Schiller’schen hintergrund besitze) entstehen nicht so sehr theologische assoziationen, sondern vielmehr pädagogisch-anthropologische bzw. soziologisch-politische, oder auch solche, die in richtung bewusstseinsphilosophie zielen. die hinwendung zur Moses-geschichte (am ende einer vorlesung) scheint mir so etwas wie ein kurzer fingerzeig zu sein auf das, was Schiller in seinen philosophischen/ästhetischen schriften behandelt, z.b. in " Ueber die nothwendigen Grenzen beim Gebrauch schöner Formen" oder in "Ueber die ästhetische Erziehung des Menschen, in einer Reihe von Briefen", d.h. es geht (auch) um dualitäten wie

  • Stofftrieb (Leben, Natur) <-> Formtrieb (Vernunft, Kultur)
  • empfinden (sinnliche Erfahrung, Materie, Ästhetik, Bleibendes) <-> denken (Geist, Veränderung)
  • Person <-> Zustand

in dem text oben beispielhaft dargelegt einerseits daran, wie Moses den Ägyptern die entwicklung hin zu einem "vernunftgeprägt-humanistischen" staatswesen schmackhaft macht, andererseits an der lebensgeschichte des Moses selbst bzw. daran, wie er der pharaonentochter schmackhaft gemacht wird und so, durch "Umhüllen mit einem heidnischen Gewand" (im übertragenen sinn!) auch vor dem zugriff des tyrannenstaates gerettet (zu lesen in der über deinen link erreichbaren fassung).

leider rennt die zeit grad wieder hinter mir her und ich muss weiter, sonst schlägt sie mich tot. der text könnte ein einstieg sein in die beschäftigung mit "Schiller’s Welt".

lg, zuppa.

PS - was war der anlass, den text einzustellen? könnte zwar was vermuten ... -

 

      augustine²



RE: Schiller, Die Sendung Moses

   11.10.2007, 16:45 / 1 x geändert



Die Schiller-Texte, die du nennst, zuppa, hab' ich seit dem Studium nicht mehr gelesen. Das ist nun so. Einiges, was für mich ganz neu war, hab ich vor 2 Jahren gelesen, im Gedenkjahr zum 200. Todestag (IN zwei Jahren ist schon wieder ein Schiller-Jahr, 250. Geburtstag). Unter dem war diese Vorlesung, die hat mich damals geradezu umgehauen: solche Gedanken 1790 in einer öffentlichen Vorlesung! Schiller, der Historiker, redet über die Historizität von Religionen - das war der Beweggrund, einen Textauszug hier einzustellen, als er mir durch einen inneren link wieder in den Sinn gekommen war.
Grüße von augustine

 

      zuppanova



A. Kluge über Schiller

   12.10.2007, 10:43



"solche Gedanken 1790 in einer öffentlichen Vorlesung!":

1790 über die Historizität von Religionen sprechen - ja, das meint auch: ihnen einen (nicht den [ersten, unhinterfragbaren]) Platz zuweisen, ihnen eine Funktion in einem Denkgebäude geben (nicht das Denkgebäude gründen auf der Religion) - in diese Richtung wollte ich mit meinem Beitrag auch weisen.

Las dieser Tage (in Zus.hang mit dem kommenden 150.), Alexander Kluge habe Schiller einen Intellektuellen* genannt, was man laut Kluge daran erkenne, dass er, Schiller, Lust am Unterscheiden habe, an der Differenz - weiter sagt Kluge (und erwähnt hier in einem Nebensatz "den Lebemann" Goethe, der sich wohnlich einrichtet im Leben), Schiller lebe und denke in Spannungen, sei wie einer, der im Zirkus auf dem Trapez eine große Fallhöhe hat, während er den Raum von einem zum anderen Ort überbrückt, und dabei habe er (das gefiel mir beim Lesen) auch etwas ungemein Praktisches, Zielgerichtetes, und: seinen Enthusiasmus.

Das wollte ich der Öffentlichkeit hier nicht vorenthalten, denn: über wen kann man so etwas (heutzutage) schon sagen?

lg, zuppa.


* interessanter Definitionsansatz dazu, was eigentlich ein "Intellektueller" sein soll -

 

      Vladimir



RE: Schiller, Die Sendung Moses

   17.02.2008, 22:32



Späten großen Dank für diesen Hinweis! So hab ich jemanden die Bibel noch nie lesen gesehn! Ganz ganz großartig!




Views heute: 2.142 | Views gestern: 5.897 | Views gesamt: 5.490.080