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MeisterB24
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Auf Wikipedia, dem Inbegriff des fast schon wieder veralteten und zugleich hochgepriesenen Web 2.0, wird ein Schriftsteller als eine Person, die das Verfassen insbesondere von literarischen Texten als einen beruflichen Schwerpunkt setzt, beschrieben. Ich wiederum würde mich auch gerne als Schriftsteller bezeichnen. Betrachtet man jedoch meine Einkünfte aus dieser Tätigkeit, so würde jeder normale Mensch das höchst wahrscheinlich verneinen. Aber bei den wirklich revolutionären Künstlern, zu denen ich Schriftsteller prinzipiell auch zähle, trifft das in der Regel sowieso nicht zu. Daher verweise ich, insbesondere in Gesprächen mit Freunden, gerne auf die Passage des "beruflichen" Schwerpunkts. Obwohl, wiederum nach Wikipedia, die Ausübung eines Berufes im Allgemeinen der Sicherung des Lebensunterhaltes dient, sehe ich darin vielmehr die "Berufung". Und das ist genau das, was die Schriftstellerei für mich bedeutet.
Ich bin Max, 32 Jahre alt und lebe in der Nähe von Frankfurt. Ich besitze keinerlei schriftstellerische Ausbildung, habe erst ziemlich spät angefangen Bücher zu lesen bzw. zu lieben und habe bis dato keine einzige Zeile veröffentlicht, geschweige denn geschrieben. Dennoch kann ich es kaum erwarten, meinem neuen Leben entgegenzutreten. Ich werde Schriftsteller und ich werde es allen zeigen, die sich im vornherein darüber lustig gemacht haben. Von wegen ich sei dafür nicht gemacht und man bräuchte dafür Talent oder eine künstlerische Ader. In den Momenten hätte ich mir gerne gewünscht, vorher ein wenig mehr recherchiert zu haben, um mit Phrasen wie "Aber die überaus erfolgreichen Autoren WICHTIG und BEKANNT haben ihr Schreiber-Talent auch nicht durch eine Ausbildung in dem Bereich erlangt" zu kontern. Oder "Wir sind halt Autodidakten und bringen uns das Schreiben selber bei".
Aber das ist jetzt auch egal. Eine Woche noch und dann werde ich meinen alten Job endlich nicht mehr ausüben müssen. Ich habe mich trotz gleitender Arbeitszeit sowieso nie wirklich an die Kernarbeitszeit gewöhnen können. Wer will denn schon um 9 Uhr im Büro sein? Das passt doch gar nicht in den Biorhytmus, schon gar nicht wenn nach 22 Uhr die guten Filme laufen! Und immer die gleichen Arbeitsabläufe, das wird doch auf Dauer langweilig. Ich wurde dank der immer gleichen Aufgaben zwar immer besser, wenn nicht sogar der Beste, in dem, was ich tat, aber das kann doch nicht alles im Leben gewesen sein? Das klingt jetzt vielleicht ein wenig nach "Midlife-Crisis", ist es aber nicht. Ich betrachte dieses vielmehr als späte, wenn auch definitiv nicht allzu späte, Selbstverwirklichung. Leider wird es jedoch eine Selbstverwirklichung auf Zeit, denn meine Ersparnisse werden höchstwahrscheinlich für nur etwa ein Jahr reichen.
Wie ich auf die Zahl komme, ist relativ schnell erklärt. Wenn ich etwas bei meiner Arbeit gelernt habe, dann ist es der Umgang mit Tabellenkalkulationsprogrammen, kurz Excel. So habe ich meine zu erwartenden Einkünfte und Ausgaben gegenübergestellt, abdiskontiert und im Rahmen von Senstitivitätsanlysen untersucht. Im schlechtesten Fall oder wie man bei uns in der Firma sagt "Worst Case" wird das Geld 6 Monate reichen, im besten Fall jedoch fast 2 Jahre.
In meiner (bald ehemaligen) Firma gibt es mehrere Kollegen, die in etwa in meinem Alter ein "Sabbatical", d.h. eine Art Auszeit zur Selbstfindung bzw. -verwirklichung, machen. Aufgrund der oberflächlich betrachtet verblüffenden Ähnlichkeit meines Anliegens werde ich von der dicken kleinen Dame im Personalbüro in der Statistik unter "Sabbatical" geführt. Das gefällt mir gar nicht, da dieses meine Kreativität einschränken könnte. Da ich es aber sowieso nicht ändern kann, freue ich mich über die dadurch ermöglichte Option, im Falle eines Scheiterns, wieder an meinen alten Arbeitsplatz zurückkehren zu dürfen. Mir wurde allerdings klar gemacht, dass die Option eher einer Europäischen Option ähnelt, da ich diese erst in einem Jahr wahrnehmen könnte. Hängt wohl irgendwie mit der Personalplanung zusammen.
Jetzt soll aber Schluß sein mit der Vergangenheit. Ich wende mich der Zukunft zu. Eine Zukunft bei meinen Eltern.
Ich habe es dank eines sehr langen, obwohl sehr sehr unaufregenden Studiums, leider nicht geschafft, ein für diese Zwecke ausreichendes Vermögen aufzubauen. Hinzu kommt noch meine für Männer typische Leidenschaft für Technikartikel, deren Halbwertszeit in etwa der von Radium entspricht. So habe ich es dann auch geschafft, mir ein Heimnetzwerk mit sage und schreibe 8 teilweise sehr veralteten Computern aufzubauen. Ob dieses nun als alleinstehende Person, die sowieso nur an einem Computer arbeiten kann, sinnvoll ist oder nicht, sei einmal dahingestellt.
Auf jeden Fall habe ich mich dazu entschieden, meine jetzige Wohnung zu kündigen und bei meinen Eltern einzuziehen. Das ist nicht nur viel günstiger, wenn auch bei potentiellen Dates etwas schwieriger zu erklären, sondern auch viel entspannter. Man braucht sich einfach über viel weniger Dinge Sorgen zu machen. Hiermit meine ich nicht nur das Essenkochen oder das Waschen, sondern auch der fordernde geistige Austausch. Denn durch das Feedback meiner ersten Leser, hier meiner Eltern, soll meiner größten Sorge entgegengetreten werden: Dass am Ende gar niemand mein Buch lesen möchte. Außerdem kann ich das Auto meiner Eltern nutzen. Meines habe ich erst kürzlich meistbietend im Internet verkauft. All das klingt im ersten Moment nicht wirklich wie ein Fortschritt, aber ihr werdet sehen! ..........

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augustine
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Hallo, Meister Berger!
Mal ein langer Text als erster - das gefällt mir schon mal.
Und Roman - eine Ankündigung, ein Anfang?
Folgt Fortsetzung?
Wir werden sehen. Neugierig drauf ist
augustine

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Marcel Frank
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Hmm. Da gibt es so einen Web 1.0 - Text mit miesen Leidenschaften und kauernder Miene. Houellebecq, Kampfzone glaube ich.
Ein starker Text zur Old New Economy fehlt sicherlich, dazu gehört auch das Vokabular a la Duden - next gen. Die "Anlage" (um es ruhrgebietslike auszudrücken: "ideenmäßig" ...) finde ich sehr lesenswert, wobei die (dann doch beabsichtigte) "Abstract-Haftigkeit" etwas stört: Offenbar servierst Du hier den Teig eines noch breit auszurollenden "Großtexts" (es liest sich wie ein selbst auferlegter Schreibauftrag). Ja, "dem Erzähler da" geht das Gespür nicht ab für die Eckdaten einer exemplarischen "Büro-Biographie nach 2000". Das alles geschieht sehr bedacht:
Web 2.0, Frankfurt, Midlife, Firma, (der Begriff) Tabellenkalkulationsprogramm, Netzwerk, Selbstverwirklichung vs. Familie, eBay ...
Das könnten "Themen" werden, gute Brocken. Dagegen steht das etwas "Grünohrige" in puncto "Schriftstellerei" (ganz sperrig). Das als antipodische Konstellation zu Web 2.0 o.ä. aufzubauen, als "alten Reiz gegen den aktuellen", ich ahne, das täte dem Text nicht gut, auch wenn bei einer Handvoll Nennungen (Thema: Schriftstellerei) eine sehr pfiffige dabei war ("Feedback meiner ersten Leser, hier meiner Eltern [...]. Außerdem kann ich das Auto meiner Eltern nutzen."). Oder: Man müsste es unaufdringlich be-werk-stelligen ...
Der beste Abschnitt ist dieser (der könnte auch als S. 53 in einem längeren Text auftauchen): "gibt es mehrere Kollegen, die in etwa in meinem Alter ein "Sabbatical", d.h. eine Art Auszeit zur Selbstfindung bzw. -verwirklichung, machen. Aufgrund der oberflächlich betrachtet verblüffenden Ähnlichkeit meines Anliegens werde ich von der dicken kleinen Dame im Personalbüro in der Statistik unter "Sabbatical" geführt. Das gefällt mir gar nicht, da dieses meine Kreativität einschränken könnte. [...] Option, im Falle eines Scheiterns, wieder an meinen alten Arbeitsplatz zurückkehren zu dürfen. Mir wurde allerdings klar gemacht, dass die Option eher einer Europäischen Option ähnelt, da ich diese erst in einem Jahr wahrnehmen könnte."
Dass die Stocksteifigkeit eher ein stilistischer Schachzug nach vorne ist, kann man aus 1 DinA4-Seite noch nicht ersehen. Sie bietet sich aber an.
Mich stören nur Details*, "so auf Formulierungsebene", aber nicht das Konzept, man riecht das Durchdachte ...
m
* Don't give a fuck on it.

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