| |
|
first flush
|
Sitzend, kauernd – viele Stunden Fahrt
Gedanken an nichts
Lichter vorbeiziehend und gesehener Wind
ich hinten, bald liegend
Mama, Papa vorne
Sie hält den Gurt ab, befürchtend
ihr Kleid zerknittere sonst
Ein Kleid aus rosa Seide,
stoffüberzogene Knöpfe halten es,
kellergefalteter Rock auffliegend auf zarter Haut
spähe nach vorn – wortlos
Er lenkt mit festem Arm
Wir ziehen vorbei, vorbei an Wagen, an Gebäuden, an der Welt
Eine leichte Übelkeit durchzieht mich
Mach die Augen zu, dann wird's besser, sagen sie
Sie rauchen vorne
Wissend, dass geschlossene Augen nichts nützen,
schließ ich sie
Sie wächst und wächst
Musik ist es nun, auf das ich mich konzentriere,
den Wunsch zu brechen unterbindend
Ein Lied, viel Rauschen, wenig Melodie
Druck auf meinem Kopf
Beuge mich vor, öffne die Augen,
setze zum Sprechen an und schon bricht es aus mir heraus.
Mamis schönes Kleid nun ganz besprenkelt
Fenster werden geöffnet, Ruhe behalten und weitergefahren

|  |
augustine
|
Hallo, first flush, schön, nun auch einen eigenen Text von dir zu lesen. Eine Kindererinnerung, ein Malheur, das von den Eltern beinahe nicht wahrgenommen wurde.
Du liebst die Partizipien, was? Hier gibt's nun reichlich PPA; ob die so tauglich sind für eine Erinnerung aus der Perspektive des Kindes? Und die nun: "Lichter vorbeiziehend und gesehener Wind" ('und Wind in den Bäumen' wäre einfacher und passender), ja, das ist die Perspektive des hinten mitfahrenden Kindes; später: "Wir ziehen vorbei..." - das ist die der Erwachsenen, die sich erinnert. Dergleichen sehe ich noch mehr. Vielleicht magst du den Text daraufhin nochmal durchgehen?
Manche Einzelheiten könnten wegbleiben (rosa Seidenkleid z.B. würde genügen, scheint mir; "aufliegend", nicht "auffliegend" - oder du spielst noch mit den Wörtern), dagegen vielleicht betont werden: Autofahren ist für das Kind eigentlich immer brechreizauslösend / rauchender Vater nimmt keine Rücksicht darauf / wie wird das Kind getröstet oder wird es nicht / der Schaden am Kleid wie behoben?
LG augustine

|  |
first flush²
|
09.10.2007, 11:35 / 1 x geändert
|
|
liebe augustine,
vielen dank für deine zeilen.
ja, ich liebe grammatik und dieses gedicht ist quasi eine reduktion, die
ich aus einer kurzgeschichte "herausgekocht" habe.
ich wollte ausprobieren, wie sich ein text macht, der allein mit
inflektiven formen und verkürzung arbeitet, so weit wie es halt geht...
es sollte tatsächlich das aufliegen und das fliegen sein, denn
seide ist ja ein beinahe ätherischer stoff.
du bist wirklich eine äusserst aufmerksame leserin, das hat mich gefreut.
ich finde es sehr spannend, was man mit grammatik anstellen kann, gerade in so einer wortästhetischen gattung.
wirklich lieben dank für deine anregungen.

|  |
augustine
|
09.10.2007, 15:20 / 3 x geändert
|
|
Liebe first flush,
deine Antwort hat mich gefreut, weil du die Kritik als Werkstattgespräch verstanden hast; und so war sie auch gemeint.
Ich habe mich auch mal zwischen Gedicht und Kurzgeschichte bewegt, nur umgekehrt; wenn du möchtest, sieh mal hier;
und noch diesen Essay: hier.
Liebe Grüße, ausgustine

|  |
Mary Poppins
|
Hi, first flush,
eines der schwierigsten Sachen, aus der Perspektive einen kindes* zu schreiben: meistens doch wieder nur die Perspektive des Erwachsnen, der so tut, wie er oder sie meint, ein Kind denkt und fühlt, ohne dieses wirklich zu treffen. Und ebenso auch sehr schwierig, wirklich gut für Kinder zu schreiben, nicht belehrend und künstlich aus Erwachsenendenken heraus übergestülpt.
Möchte sagen, für mich, vermiss ich jederlei Rhitmus in dem text, so möchte behaupten, es ist immer noch Prosa (wie Kurzgeschichte), nur mit mehr kurzen sätzen und Zeilenumbruch versehen. Dazu weiter noch Frage: warum immer ein leere Zeile dazwischen? WaS es bringen? Für mich, es scheint sehr überflüssig. Auch Partizipien , für mich, viele zu viele. Heutzutage sehr schwierig, Partizip zu gebrauchen ohne Lächerlichkeit.
Nun habe ich versucht, dein text aus Perspektive der Mutter etwas umzuformulieren, und wenn dir recht ist, schreibe ich es.
Bitte, ich hoffe, du nimmst mir Kritikpünkte nicht übel.
viele Grüße, Mary.
*
Aglaja Veteranyi: Warum das Kind in der Polenta kocht, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1999, 190 Seiten, (Beispiel für Buch aus der Perspektive des Kindes) oder kannst schauen da:
Erwin Mortier: Marcel, Suhrkamp Verlag 2001, 118 Seiten, oder auch noch:
Jörg W. Gronius, Ein Stück Malheur, Weidle Verlag, Bonn 2000, 180 Seiten

|  |
first flush²
|
11.10.2007, 17:54 / 1 x geändert
|
|
liebe mary poppins,
ich gehöre nicht zu der sorte mensch, die sich selber so
riesenwichtig nimmt und denkt unumstößliche dinge zu erschaffen.
ich freue mich ungemein über jeden kommentar und jede kritik.
es ist voll in ordnung für mich, dass du den text so rezipierst, wie du
ihn rezipierst.
im gegenteil: ich bin sogar richtig gespannt auf deine umsetzung und habe auch schon nach ihr gesucht...leider nichts gefunden.
stell deinen text bitte ein, ich wäre dir dafür sehr dankbar.
zu deinen anregungen:
zu meiner kurzgeschichte sagten alle, die sie lasen, dass sie
ein gedicht sei - der ellipsen wegen, denke ich -
und nun sagst du, das "gedicht" sei prosa...
ein dilemma?
mir gefallen beide texte und ich mag das ernüchterte an meinem
kind, was zugegebenermaßen nicht kind-anmutend ist.
vielleicht sollte ich mal sagen, dass ich aus dem lager der funktionalen grammatik
komme und daher sehr gerne in grammatischen sphären schwebe und dieses liebe.
zu den leeren zeilen:
das ist mein, mir selbstgespendeter lesekomfort, ich mag keine gedrängten,
engen formatierungen. also, da hat die form leider keine funktion.
ich könnte sie mir und euch ersparen, aber ich finde es einfach bequemer.
liebe augustine,
ich wollte dir gerne ausführlicher schreiben und dir gerne sagen, was deine texte mit mir machen. dazu brauche ich etwas mehr zeit.
jetzt drängte es aber in mir, mary zu antworten und aus dem grund dieser kleine
4-zeiler an dich.

|  |
Mary Poppins
|
hallor, ja first flush, es freut mich, gut, und werd es einstellen, es hat den Titel dann
sonntagsfahrt
aber erst später, denn bügeln noch Rechtschreibung stimmen und gebe glatte form,
das ist wichtig und letzte Schlif brauch ich nochmal Ruhe..
bis später, Mary P.

|  |
|
|