Klassentreffen nach Jahren · augustine · ·


Satire · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      augustine



Klassentreffen nach Jahren

   25.09.2007, 21:50 / 3 x geändert



Bärbchen erklärt noch immer sanftmütig jedem,
wie die Welt in Wahrheit ist.
Bini braucht keine Cocktailparties mehr zu organisieren.
Jürgen ist Arzt, HNO. weil er da auch operieren kann.
Uli war auch Arzt, ist aber trotzdem tot.
Sabine sieht aus wie eine alte Frau.
Ralph ist noch immer unausstehlich,
aber er hat seine Partnerin geheiratet.
Ingrid hat 100 Kuchen gebacken
und danach ein braves Kleid angezogen.
Gitti ist schon werdende Großmutter.
Jochen schielt natürlich weiterhin.
Claudia ist erneut ausländisch verheiratet,
diesmal türkisch.
Monika wohnt nun im Umland.
Hatscha ist auch tot. Ein Jagdunfall, hieß es.
Johannes konnte, anthroposophisch bedingt,
leider nicht kommen.
Jörn ist in Afrika.
Peterchen ist, natürlich, Matheprofessor.
Ama hat Silberne Hochzeit gefeiert und
ist danach von einer Brücke gesprungen.
Ein Engel hat sie aufgefangen.
Heide, unpassend zum Namen, ist fromm geworden.
Ich bin nicht fromm geblieben.

Und beim Klassentreffen bin ich nicht gewesen.

 

      zuppanova



auf unser aller Wohl

   28.09.2007, 23:14



Angenommen, der Text wär ein Wein,
und ich wär ein Wein-Kenner(in), dann sagte ich so:

"Angenehm trocken, im Gesamtaroma gerundet,
unaufdringlich und doch nicht zu leicht: samtig /
lakonisch. Auf der Zunge durchaus pointiert
mit satirisch-kritischer Note, aber
von Schluck zu Schluck: immer süffig.
Feiner ironischer Abgang des lyrIch.
Kein bitterer Nachgeschmack. Ein Wein
für den still vergnügten Genießer."

Ja, so sagte sie, wenn sie Weinkennerin wär,
die abendrundfliegende zuppa.
Ganz ungelogen.

 

      wohlgesonne



RE: Klassentreffen nach Jahren

   29.09.2007, 03:35 / 1 x geändert



Und wenn ich hoffte, alle hätten heute noch ihre Wünsche, Ziele, Fehler und Wertlosigkeiten, bin ich dann ein Träumer oder ein Geschwür der Zeit?

 

      lost



RE: Klassentreffen nach Jahren

   29.09.2007, 23:52



das lyrische Ich (kaum spricht die Autorin vom "fromm sein" - schon ist es da, oder vielmehr: rennt es weg) hat sich entwickelt gegen den oder im Gegensatz zu dem Rest der Klasse. gewissermaßen eine Absage an den Mainstream. mir gefällt die gut durchdachte, angespitzte Knappheit im Entwurf der vorgestellten Persönlichkeiten: eine kleine Sammlung zeitgenössischer ... Selbstinszenierungen? Lebensentwurfsmöglichkeiten? Lebensentwurfsaberrationen?
der Text macht Spaß: auch dann noch, wenn man ihn ernst nimmt. das ist gut.

regards, lost.

 

      Jolante



RE: Klassentreffen nach Jahren

   30.09.2007, 10:53



Ich kann mich dem Lob von zuppa und lost nur anschließen, Ein bemerkenswertes Gedicht mit einer nüchternen, sanft-ironisch gefärbten Bilanz von Lebensentwürfen, die -früh angelegt- sich verwirklicht oder eben nicht verwirklicht haben. Im Grunde bleibt jede/r das, was er/sie ist bzw. schon immer war. Sie werden eben nur älter oder sind gar schon tot. Auch das lyr.Ich war sicher schon immer ein kritischer Geist, der nichts ungeprüft übernahm, und so konnte es auch auf Dauer nicht fromm bleiben. Es schwimmt gegen den Strom, es ist eigenwillig, und so kann es auch der Oberflächlichkeit eines Klassentreffens nichts abgewinnen. Dieses Gedicht ist leichte und schwere Kost zugleich, oder besser gesagt: unterhaltend und gehaltvoll !

Liebe Grüße
Jolante

 

      Gretchen



RE: Klassentreffen nach Jahren

   30.09.2007, 13:48



Heiahei,

bin noch damit beschäftigt, die ganzen Typen zu sortieren.
Wen würd ich auf die berühmte einsame Insel mitnehmen?
Oder andersrum: wen nicht?
Schwierige Entscheidung, woll ... (gibbet die alle eigentlich "wirklich", augustine?).

Greta grüßt mit Nachdenkrunzeln.

 

      augustine²



RE: Klassentreffen nach Jahren

   30.09.2007, 18:29 / 10 x geändert



Während du vielleicht noch überlegst, greta scholastica, wen du mitnehmen würdest auf die einsame Insel (und ob überhaupt wen) - überlege ich so nebenbei weiterhin (denn die Frage habe ich so etwa erwartet), was ich sagen kann unter Wahrung des Geheimnisses der Personen. Ich bin da schon sehr weit gegangen. Ja, die Typen und Typinnen gibt's alle oder eben: gab's. Der Text ist fast 20 Jahre alt. Damals wirklich quick entstanden, jetzt fast nicht bearbeitet; eigentlich hätte er unter Satire (thanks, o thanks, admin!) gepasst. Für zu böse befunden in all den Jahren; aber nie vergessen.
Ich denke, es kommt noch was zu dem Phänomen 'Schulklasse'/Tutandengruppe - für mich hab' ich's vor. Es ist schließlich die seltsamste Gruppe, zu der wir alle mal gehört haben.

Und auch zu deinen Überlegungen, lost. Sie treffen ja den Kern der Frage.

LG augustine

 

      augustine²



RE: Klassentreffen nach Jahren

   22.01.2008, 22:10



Auch hier Dank an zuppa, die das Verschieben unter dies Thema vorgeschlagen und gemacht hat!

Hab' auch beim Lesen der Kommentare gesehen, dass ich irgendeine Art von Antwort vorhatte. Ich glaub' aber, dass es so war: ich hatte auf mehr diesbezügliche Mitteilungen aus dem je eigenen Leben gehofft, auf die ich dann antworten wollte. Besonders auch wegen der Hypothese: man ist i. a. in den späteren Schuljahren eigentlich schon die/der, der man eben ist, und das Werden und Sich-Ausdifferenzieren gelingt 'nur' auf dem Grund des Angelegten, und viele Überraschungen gibt's (meistens, ja, ich weiß auch Gegenbeispiele) nicht mehr.
Oder?
Lg augustine




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