Zeit zu gehen · Jolante · ·


Kurzgeschichten · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      ear



RE: Zeit zu gehen

   05.09.2007, 21:53



Der Titel: “Zeit zu gehen” in seiner doppelten Bedeutung zeigt die tragische Weite des Textes und bezieht sich auf die beiden weiblichen Hauptfiguren: Carla und das Lyrische Ich.
Beide wissen, dass sie nicht dienen koennen, weil sie ein zu starkes Selbst besitzen, Beide fuehlen sich vom Boss umschmeichelt. Carla, der klugen und sehr attraktiven Frau, mit ‘bruechigem Charm’ werden allmaehlich die Kompetenzen gekuerzt und auf Carlas neu eingesetzte Privatsekretaerin, das lyrische Ich, uebertragen. Unvermeidlich entstehen Spannungen, Neid und Intrigen. Carla verlaesst ihre Position, das Lyrische Ich sonnt sich ueber ein Jahr im Glanz des ‘Goldenen Kalbes’, das wie ein Goetzenbild ‘angebetet ‘ wird.
Den Rahmen des Textes bilden Robert und das Lyrische Ich, sowie kurz der Sohn.
Robert, der unparteisch Bleibende, der ruhende Pol., welcher das Lyr. Ich zur Trauerfeier, der am Krebsleiden verstorbenen Carla, begleitet, ist am Schluss Derjenige, welcher seine Frau zur Wirklichkeit des Kaffeetrinkens animiert, denn das Laecheln koennte in dem Augenblick ebenso gut dem Ehemann gelten, nicht nur dem Gedenken Carlas.
Durch das Lyrische Ich erfaehrt der Leser ueber Carlas Champagner –Verfallenheit und ihre Ess-stoerungen, aber auch ueber ihre bestimmt sich mokierende Weise, wegen einer Trauerfeier, welche von Freunden und Feinden gleich besucht wird . Suessliche Musik, Weihrauch fuer Carlas angebliche Mutterrolle, welche keineswegs der Wahrheit entsprach. Flucht nach Kuba, um nicht fuer das Kind sorgen zu muessen .
Ihre Wiederkehr und erneute Annaeherung an den Boss zeigen nicht die gewuenschen Erfolge.
Das Lyrische Ich gleitet wie Carla in Kritik, Neid und Intrigen. Auch sie spricht dem Champagner zu.
Carla wird eine Position ohne Einflussnahme zugebilligt, und sie begreift ihre Fesseln. Eine zweite Geburt bringt keine Verbesserung ihrer Lage, sie wird von Krebs befallen, der ihr Ende bedeutet.
Vergeblich bemueht sie sich um Annaeherung an das Lyrische Ich, welches inzwischen aus der Erkenntnis des ‘Nicht-Dienen-Koennens’ gekuendigt hat. Das Lyrische Ich verweigert ihr die Versoehnung, weil die gleiche schlimme Krankheit auch sie erreicht hat. Ob es Letzterer ,dem Lyrischen Ich, gelingt dem Tod zu entkommen, bleibt offen.
Gliederung und Stil des Textes sind sehr geglueckt. L.G.ear

 

      Klaus



RE: Zeit zu gehen

   06.09.2007, 07:18



Liebe jolante,

diese Beerdigung war und ist lebendig; Szenen, Bilder, Worte sind wach,
Erinnerungen leben auf, Unabschließbares. Die Gefühle wurden so tief
(verletzt), dass du sie nur noch mit einem versuchten Lächeln zu decken
suchst - in eurem Namen.
Du wurdest aber auch verstanden, sie scheint dich gegen Ende genau
verstanden zu haben und du sie, auch wenn kein persönliches Treffen
mehr möglich war - da war eine innerlich annehmende Begegnung. Es
ist jetzt gut. Jetzt geht es um dein Leben, um das Leben, mögest du viel
Jetzt leben können. Das wünsche ich dir von Herzen.

LG Klaus

 

      rollerball



RE: Zeit zu gehen

   06.09.2007, 09:39



Dass die Schilderung von Begräbnissen faszinierend sein kann und eine gute Perspektive für Charakterstudien und philosophische Betrachtungen bietet, haben viele Autoren, besonders oft Thomas Bernhard, immer wieder bewiesen. Auch du, liebe Jolante, hast aus diesem Thema einen beeindruckenden Text geschaffen, der mich berührt. Er ist so intensiv und wirkt so persönlich, dass Ich mich frage, ob du dabei eigene Erfahrungen verarbeitet und aufgearbeitet hast - zumindest formal und inhaltlich ist er gelungen, ob du das Thema auch für dich persönlich bewältigen konntest, bleibt nur zu hoffen und zu wünschen.

Alles Gute, liebe Grüße,
Rollerball

 

      augustine



RE: Zeit zu gehen

   07.09.2007, 17:34 / 1 x geändert



Mit einer Trauerfeier, möchte ich nur eben zu rollerball bemerken, begann ja auch das Januar-Rätsel hier (Christoph Hein, Drachenblut), das bisher letzte, glaube ich. Mir war danach die Lust vergangen, ein neues zu stellen. Dann hatte ich eins und wollte damit auf den Winter warten, aber jetzt bin ich ziemlich sicher, dass der Schreibtisch es sofort weiß ...

Verzeih das Vorweg, Jolante:
Deine neue Geschichte habe ich mehrfach gelesen, immer ja ein Zeichen für Qualität. Das Milieu vom der früheren, kürzeren Wem die Stunde schlägt habe ich wiedererkannt; du halfst mir aus mit dem genauen Titel, danke.
Jetzt ist mein 'bemalter' Ausdruck verschwunden, vielleicht reiche ich noch was nach. So sage ich jetzt nur: ich finde es besonders gut, wie du mit der Eingangsszene die Spannung aufbaust: da ist eine Totenmesse mit so vielen Leuten, dass die meisten vor der Kirche stehen, die Erzählerin und ihr Begleiter irgendwie dazwischen: im Portal, so dass sie hören können, aber offensichtlich keine geladenen Gäste. Man fragt sich also: für wen das Requiem? in welchem Verhältnis steht die Erzählerin (in einer Erzählung gibt es 'naturgemäß' kein lyrisches Ich) zu ihm oder ihr?
Das erfährt der Leser dann durch die Erinnerungen der Erzählerin. 'Carla' und sie selbst hatten beide Krebs. Carla starb, die Erzählerin überlebt. Ob ein letzter Besuch bei der todkranken C. stattgefunden hat, bleibt offen, meine ich. Jedenfalls ist die Duplizität bzw. dann nicht die Duplizität der Lebensschicksale gerade dadurch eindrucksvoll dargestellt, dass da überhaupt nichts ausgewalzt wird. Vielmehr hat 'Robert' das letzte, nüchtern-hilfreich 'auf die Erde' zurückholende Wort, so wie mit seinem Namen die Geschichte begann, vielleicht zu lesen als ein Dank an eine bestimmte nahe Person.

Ein Wort über das Berührtsein durch Literatur sei erlaubt. Natürlich gibt es das. Ich denke, es ist der innere Vorgang, der es entscheidet, ob man sich mit einem Text näher beschäftigen möchte (was auch ein Verriss sein kann!!! man soll das Wort 'Berührtsein' nur ja nicht zu gefühlig sehen). Es ist oder sollte sein: ein Wort im Bereich der Rezeption, nicht eines zur Bezeichnung literarischer Qualität. Aussagen wie: 'mein Verhältnis zur Literatur ist aber ...' sind da, ziehen aber ihre Berechtigung aus nichts weiter als eben ihrem Da-Sein.

Ich freue mich an dieser gelungenen Geschichte! augustine

 

      zuppanova



RE: Zeit zu gehen

   09.09.2007, 23:52



servus, Jolante.

das ist eine sehr komplexe geschichte, reich an inhaltlichen details, grössere zeiträume greifend im erzählen, dennoch gut aufgebaut und geführt (dazu trägt u.a. der anfang bei, ein sprung "medias in res"): zwei frauen-biografien - ineinander, gegeneinander gespiegelt, miteinander verknüpft. auch mir fiel sofort die von augustine bereits erwähnte andere geschichte ein, überdies noch (namensbedingt) dein "Fliegender Robert". ein bild, das mehrfach auftaucht, vllt. sogar als metapher zu nehmen: das "dienen können".
beim lesen war ich zunächst (nicht nur berührt, sondern) betroffen - so fiel/fällt es mir nicht leicht zu kommentieren.

gut, Jolante, dass du diese geschichte geschrieben und eingestellt hast.

viele lg, zuppa.

PS
was augustine oben schreibt, über das berührtsein, möchte ich gern noch einmal hervorheben:
“ Es ist oder sollte sein: ein Wort im Bereich der Rezeption, nicht eines zur Bezeichnung literarischer Qualität.“




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