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augustine
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01.09.2007, 16:49 / 1 x geändert
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Dich hab ich liebgehabt,
ich, jugendlich und lang noch drüberhin,
entkommen so der Engigkeit bei denen,
von woher ich kam, der Starre da.
In deinem Ehehaus lernt' ich Familienfröhlichkeit.
Du Mütterliche.
Wer warest du?
Nicht allen alles, aber vielen viel.
Wer zu dir kam, dem hast du zugehört,
Mit aller Zeit der Welt, ganz Ohr, ganz da,
Und rietest ihnen, was dein Leben dich gelehrt hat,
und seinen Lebenskummer, ihren Liebesschmerz,
den nahmst du auf in Herz und Hirn und auch in deinen Schoß.
Du Augenblickliche.
Später: du hast Wahrheiten behauptet, schnell wechselnde,
Gefolgschaft dir gesucht, verstehende, verehrende.
Doch ich verstand dich nicht und wollte nicht verehren.
So (und noch anders) kamst du mir abhanden durch endlose Jahre.
Und was die andern nennen: Wirklichkeit,
Erinnerung und Zukunft, das verschwamm,
Und du verlorst dein Wichtigstes, die Sprache.
Du Störrische. So dacht' ich. Du Vermisste.
Zuletzt, einschleichend erst und dann schlagartig schnell,
bist du erstarrt in Hirn und Leib.
Lang lagst du so in deinem Haus, in Lolos liebem Kasten.
Dann hast du endlich einfach ausgeatmet
Und bist frei gewesen.
Du Lebendige.

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Jolante
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03.09.2007, 13:10 / 5 x geändert
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Liebe augustine,
dein Erinnerungsgedicht ist sehr persönlich und doch vermittelt es Eindrücke von tief empfundenen Gefühlen und Erfahrungen, von denen ich mich auch als Leserin unmittelbar angesprochen fühle. Wärme und Verständnis hat das lyr.Ich in früheren Jahren bei der geliebten Person gefunden, "mütterliche" Zuwendung und "Familienfröhlichkeit", die es ihm leichter machten, aus der kleinmütigen Enge und Starre seiner Familie auszubrechen und die eigene Persönlichkeit zu stärken. Die Erinnerung an die Verstorbene ist wehmütig, aber nicht weinerlich. Sie konnte zuhören, gab wertvolle Erfahrungen weiter, sie war da, wenn sie gebraucht wurde, und sie hatte die Fähigkeit, sich anderen Menschen ganz und gar zuzuwenden. Dass sie am Schluss der zweiten Strophe als "Du Augenblickliche" angeredet wird, zeugt von ihrer Spontaneität und Lebenskraft. Doch Beziehungen bleiben nicht konstant, wir wissen es alle nur zu gut. Das lyr.Ich sieht mit zunehmender Reife und Lebenserfahrung die Freundin kritischer. Es distanziert sich von "behaupteten Wahrheiten" und "wechselnden Gefolgschaften", will nicht "verehren", was in seinen Augen nicht verehrungswürdig ist. Die früher so intensive Beziehung ist seit vielen Jahren nicht mehr vital. Das lyr.Ich vermisst schmerzlich die "Störrische", die am Ende ihres Lebens "erstarrt" ist in "Hirn und Leib", mit ihrem letzten Atemzug aber frei. Durch die Erinnerungen des lyr.Ichs wurde sie wieder zu einer "Lebendigen", eine wunderbare Liebeserklärung.
Mir gefallen die strenge Gliederung des Gedichts (1. u. 4. Strophe mit jeweils 6, 2. u. 3. Str. mit jeweils 8 Zeilen) und der sanfte Rhythmus. Form und Inhalt erscheinen mir kongruent. Die Schlusszeilen der Strophen sind unmittelbare Anreden (Du Mütterliche, Du Augenblickliche, Du Störrische, Du Vermisste, Du Lebendige), die mich an Litaneien erinnern. Du hast viel reingepackt in das gar nicht so lange Gedicht und doch ist es nicht überfrachtet.
LG Jolante

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Schreibtisch
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Liebe augustine,
mich rührt an deinen Zeilen sehr der Respekt und das warme, würdigende Erinnern,
mit dem du die Beziehung zu der "lieben Alten" in seinen Stationen nachzeichnest.
Es ist wenig beurteilend oder gar verurteilend, sondern in der Beschreibung um
Genauigkeit auch in der Facette bemüht, ohne Bitterkeit und ohne ein "über die bin ich hinausgewachsen", das ist dir gut gelungen und tut mir beim Lesen gut.
Schön finde ich auch die Du-Anrede und die ausdrucksstarken Namen, die du für sie gefunden hast.
Das schafft Unmittelbarkeit und Nähe und läßt mich als Leserin hineinspüren in die Haltung mit der du die Zeilen für sie geschrieben hast.
Das Sterben hier als ein sich ausatmen in die Freiheit um dann/und dann lebendig zu sein
so lese ich die letzten Zeilen
gefällt mir sehr, sehr.
herzlich mit Sonntagsgrüßen, der Schreibtisch

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zuppanova
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serv.s, und nur kurz:
was (auch) mir gut gefällt und mich "anspricht", augustine, ist der klare, symmetrische aufbau, das strukturierte, durchgearbeitete dieses textes.
dazu gehören auch die strophenenden, welche die beschriebene person jeweils in einem wort charakterisieren, und die zu beginn der zweiten strophe gestellte frage "Wer warest du?" nach und nach beantworten:
Du Mütterliche, Du Augenblickliche, Du Störrische/Vermisste, Du Lebendige - dies (Du Lebendige) an den schluss gestellt, am ende des lebens, würdig und würdigend zugleich.
das klare metrum gibt dem text seinen ruhigen fluss, in korrespondenz zum inhalt.
noch ein feines wort, das mir auffiel: "Ehehaus".
lg, die spätabendzuppa.

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augustine²
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13.09.2007, 17:06 / 4 x geändert
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Dank euch, Jolante, schreibtisch, zuppa, für das, was ihr geschrieben habt zu diesem Gedenkgedicht. Ich bin selbst etwas erschrocken gewesen, als mir klar wurde: schon das dritte nach einer lieben Freundin und Die Sterbende. Dabei schreib ich bestimmt nicht auf jede/n Gestorbenen ein Gedicht. - Ich könnte noch viel erklären, aber es würde eine Erzählung von einer Lebensgeschichte, die eben zeitweilig mit meiner verflochten war. zuppa hat das Wort 'Ehehaus' schön gefunden. Das fiel mir zu. Das andere Wort für eine Behausung, 'Kasten', war da: so hieß ihr Haus, und es hat schon was mit Noahs Kasten zu tun; die beiden auch als Gegensätze.
Und eins doch: "So dacht' ich." So endet der Hyperion. Nur ein Satz kommt dort noch danach: "Nächstens mehr." Nächstens mehr - das ging von einer gewissen Zeit an nicht mehr. 'Sie' war schon einigermaßen in den Fängen der Demenz, als sie aber noch daran dachte, aus einem nachbarlichen Erbe für mich die Hölderliniana zu erbitten. Als ich sie abholte, sah ich darin den Namen eines meiner akademischen Lehrer und war nun doppelt gerührt.
"Du Lebendige", das habe ich gemeint als: du in der Erinnerung vieler Lebendige. Dass man es auch christlich verstehen kann, war mir im Schreiben klar. Vielleicht hätte sie selbst es so verstanden. Vielleicht. Sie hatte da ihre sehr eigenen Vorstellungen.
Liebe Grüße von augustine

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augustine²
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04.10.2007, 00:08 / 1 x geändert
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Nochwas, verzeiht, es ist mehr zum Üben:
Ich möcht aber auch gern sagen: diese alle vom klassentreffen kannten sie auch, denn sie war zeitweise unsere Religionslehrerin; die meisten fanden sie nicht bemerkenswert oder mochten sie ausdrücklich nicht ...
augustine

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