Erik
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Tagelied
(02.12.2005 ; 03:13 Uhr)
Es ist Morgen, noch früh. Gleich wird die Sonne aufgehen und einen neuen Tag einbrennen.
Im ersten Stock, in einem offenen Fenster, sieht man ihn stehen, wie er auf die Straße hinunter schaut und seinen Blick ihr hinterher schickt. Sein Hemd ist geöffnet, seine Brust hat er der kalten Morgenluft entgegen gestellt, sein Körper ist bewegungslos und der Blick ist leer.
Unten, auf der morgendlichen Straße, da läuft sie, man kann ihre Schritte noch bis oben hören. Oben, wo er steht, zwischen den wehenden Gardinen, in der Augenhöhle der grauen Wand.
Seine Hände sind in die Seiten gestemmt, nicht trotzig oder stark, nein. Er muss sie nur irgendwo hin tun, irgendwo hin, völlig egal wo.
Man sieht ihm den Morgen an, die Nacht und alles, was vor ihr war. Er sieht verbraucht aus, erschöpft, kein Vergleich zu seinem Aussehen vor wenigen Minuten, kurz bevor sich die Wohnungstür schloss.
Die kalte Luft von draußen bringt keine Kühlung im Fenster, er steht nur da und schaut weiter auf die Straße hinunter, wo sich ihr Körper langsam mit dem Morgennebel vermischt, hinten bei den Laternen, bei den nächsten Straßen. Sie ist schon so weit gegangen, dass er sie kaum mehr erkennen kann.
Die Straßenbeleuchtung wird abgeschaltet, das Morgenlicht ist jetzt genug, es muss zum Sehen ausreichen. Sie aber, sie sieht er vom Fenster aus nun nicht mehr, einige Sekunden kann er noch ihre Absätze auf dem Teer klackern und knirschen hören, dann ist es still. Sie ist weg.
Er steht noch einige Augenblicke am Fenster, blickt die Straße entlang, über die Fassaden der Gebäude vor ihm. Ihm scheint, dass der Morgen wieder ein Stückchen dunkler geworden ist, die Luft etwas steriler und kälter. Ja, kälter auf jeden Fall.
Daher reißt er sich aus seiner Bewegungslosigkeit und schließt langsam die beiden Fensterflügel, das Scheppern der schlecht gekitteten Scheiben dröhnt durch seinen Kopf und verhallt im kahlen Raum.
Langsam sind seine Bewegungen, abwesend und träge. Er schlurft weg vom Fenster, dreht sich um und starrt in die Dunkelheit seines Schlafzimmers, die nur langsam vom Morgenlicht erschlossen wird. Fast scheint es, als klammere der Raum sich an das Dunkel, als weigere er sich, der Helligkeit Platz zu machen.
Kalt ist das Linoleum unter seinen Füßen, kalt ist die Luft, alles wirkt nun kalt, denn nichts erreicht mehr die Wärme seines Bettes, die Wärme von ihr, die er vor ein paar Minuten noch hatte genießen dürfen.
Vor ihm das breite Bett, zerwühlt und chaotisch. Für einen Moment glaubt er, ihren Körper anhand der Anordnung von Decke und Betttuch rekonstruieren zu können. Kurz hat er den Gedanken, sich genau so auf´s Bett zu legen, genau so die Denke halb über sich zu ziehen, wie sie es immer tut, genau so das Kissen zusammen zu knüllen und unter den Kopf zu legen, wie sie es mag.
Einfach nur liegen und im Bettzeug einen Rest ihrer Wärme finden, einen Beweis dafür, dass sie wirklich eben neben ihm aufgewacht war, dass sie wirklich ist und kein fleischgewordener Ausdruck seines Wahns.
Aber er verwirft diesen Gedanken, nicht direkt freiwillig, aber er rasselt genauso ins Vergessen, wie die meisten anderen auch, denn er weiß, dass es sinnlos ist.
Einige Augenblicke später setzt er sich aufs Bett und legt sein Gesicht in die geöffneten Hände.
Er kennt ihn genau, diesen Morgen, dieses Denken und Fühlen, all das. Es ist immer so, es war immer so, immer das gleiche Gefühl, das ihr Gehen bereitet.
Sie aber kennt es nicht, nicht so wie er. Für sie ist es nur kurzfristige Abwesenheit. Doch während ihre Gedanken schon um ihr beider nächstes Treffen kreisen, blickt er nur auf die Zeit dazwischen. Sie weiß wahrscheinlich jetzt schon, was sie ihm sagen wird, wenn sie ihn wieder sieht. Er hingegen sitzt nun auf dem Bett und grübelt über all das, was er ihr vielleicht noch hätte sagen sollen, was noch wichtig gewesen wäre.
In seinem Kopf sind die Bilder der vergangenen Nacht, die Bilder von ihr, ihre Sätze, der Geruch von ihr, ihrem Haar, ihrem Nacken und Hals, ihrem Rücken, an den er sich zum Schlafen so fest geklammert hat. An seinen Fingerspitzen fühlt er ihre Schultern noch, ihre Brüste, die Rippen unter der Haut, der weichen, so zarten Haut.
Er sitzt da auf der Matratze, mit offenem Hemd und dem in den Händen vergrabenen Gesicht. Er hält sich fest, hält seinen Kopf fest oder vielleicht drückt er auch nur sein Gesicht gegen den Schädel, aus Furcht, es konnte herunter fallen, weil nun gar nichts mehr hält.
Zwischen seinen Fingern glänzen die Augen, das Morgenlicht bedrängt sie, welches nun immer unaufhaltsamer in das Zimmer kriecht, während er nur sitzt und denkt und sich erinnert an das, was er letzte Nacht hatte, einen Menschen für sich, der nur wegen ihm in der Wohnung und in seinem Leben war.
Er denkt an ihre Stimme, an die geführten Gespräche, an die überflüssigen Kommentare, an die guten Kommentare, an das Essen mit ihr und die freundlichen Worte, an all das, was nun nicht mehr ist. Seine Gedanken hängen an all dem, was sich wie eine Erscheinung im Frühnebel aufgelöst hatte, was erst nur noch Geräusch gewesen und dann einzig als Erinnerung zurück geblieben war.
Und so, wie er da sitzt, sieht er den Morgen vor dem Fenster aufsteigen. Der Morgen, der mit seinem Licht zum Aufbruch drängte, der sie beide geweckt, ermahnt und getrennt hatte. Dieser verfluchte Morgen, der unabänderbar und gnadenlos aufgestiegen war, wie jeden Tag, nur, um Menschen voneinander weg zu jagen.
Er schnauft, fährt sich durch die strähnigen Haare und legt sich auf das Bett, er achtet nicht mehr auf die Anordnung der Kissen und Decken. Er legt sich nur auf die Seite und zieht die Knie an den Körper, seine Augen starren in die Ecke unter dem Fenster, gleich neben der Heizung, wo sich der Staub so setzt.
Und kalt streicht es ihm durch den Nacken, doch zur Decke greift er nicht, weil er weiß, dass diese Kälte, die nun kommt, nicht durch Kleidung oder Bettzeug zu beseitigen ist.
Die Kälte, die nun ansteht, kommt von innen heraus. Es ist die Kälte einer uralten Angst, einer tiefen Furcht, die ihn ausschabt. Er denkt an sie, an die großen Dinge und an die Kleinigkeiten, die während der letzten Nacht so waren. Er denkt an den Tag, aber nicht aus seiner Sicht, sondern nur aus ihrer.
Wie wird ihr Tag verlaufen? Wird sie an ihn denken, wird sie ihn vermissen? Wird sie in sich dieselben Schnitte fühlen, die er fühlt, jetzt, wie er so auf der Matratze liegt? Wird sie das nächste Treffen genauso herbeisehnen wie er, wirklich ganz genau so? Oder vielleicht doch ein bisschen weniger, nur ein kleines, winziges bisschen weniger, als er es tut? Wie fühlt sie überhaupt, was für einen Wert hat er, was für einen Wert haben die anderen, mit denen sie sich täglich umgibt? Ist er wirklich so wichtig für sie, wie sie sagte, als sie die Nacht zusammen im Bett lagen? Kommt sie wirklich so selbstverständlich wieder, wie ihre Worte versprachen?
Er liegt lange so da, atmet kaum, sein Brustkorb bewegt sich fast nicht.
Antworten kriegt er nicht auf seine Fragen, die kann ihm niemand geben, nicht einmal sie selbst könnte das. Was sollte sie denn auch sagen, was sollte überhaupt diese ganzen Fragen und Zweifel auslöschen? Sie bestimmt nicht, sie weiß ja kaum, was in ihm ist, sie weiß ja nicht, was mit ihm passiert, wenn sie das Haus in aller Früh verlässt, um ihren eigenen Tag zu leben. Und sie soll es auch nicht wissen, denn es würde nur belasten und ihr Sorgen bereiten. Sie würde nur denken, nicht zu genügen, weil sie ihm diese Sicherheit nicht geben kann. Sie würde nur auf sich sehen und ihre Schönheit vergessen, ihr Wesen und die darin steckende Kraft blockieren, die so wichtig ist für ihn, für den, der sich jetzt auf dem zerwühlten Laken krümmt.
Sie würde es nicht verstehen können, sie würde vor der Kälte erschrecken, die in ihm frisst, wenn sie geht. Sie würde darin nicht das sehen, das erkennen, was ihm schon lange klar ist.
Denn er liegt da und starrt durch seine Maske in den Raum, weil er schon lange weiß, dass er dem Ganzen nicht entkommen kann. Er liegt da und denkt an das, was diese Kälte hervorruft und verbreitet.
Denn das, was dann jedesmal kommt, wenn sie die Haustür schließt, das ist etwas Großes und Altes. Er fühlt es in seinen tauben Fingern und spürt es in den eisigen Dornen, die durch seinen Verstand jagen.
Das, was in seinem Alleinsein steckt, ist älter als Menschen. Es ist so alt wie alles, das lebt. Und wie es sein wird, wenn es auch ihn trifft, das spürt er dann, wenn sie geht. Denn es beginnt ihn schon zu überwältigen, wenn das Geräusch ihrer Schritte noch im Nebel verhallt...
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