Du mein Nachtmahl · Gretchen · ·


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      Gretchen



Du mein Nachtmahl

   25.08.2007, 06:57 / 1 x geändert



nachtmahl

trommeln hetzen den abend zur nacht
herzgeschrei liegt in der luft
schrillzüngiger rauch
der die vögel betäubt
Du hast Deinen mantel vergessen
er hängt überm stuhl
schwarzer erinnerungsschatten
dämmerungsduft macht mich
nicht satt
essen möchte ich
Dich ein mal






____________________________

siehe auch -> in die nacht

 

      augustine



RE: Du mein Nachtmahl

   26.08.2007, 02:57 / 1 x geändert



Ach wie schön sind die zwei Zeilen vom überm Stuhl vergessenen Mantel: so anschaulich und lebensprall.
Bevor da ein er oder eine sie eine sie oder einen er zur Nacht gevögelt und vernascht hat oder es nur wollte - Trommeln hetzten die Zeit, damit der Abend schneller käme, denn die Herzen schrieen schon nacheinander, die von der Piste kamen und ihrem Lärm und ihrer Verräucherung (trommeln, schrilles Geschrei, rauch), hing noch kein Mantel überm Stuhl. In der Morgendämmerung ist nur er noch da und ein wenig von seinem/ihrem Duft, dem Duft des/der Fortgegangenen. Der macht nicht satt. Wie sollte er auch, so subtil geht's nicht zu. Da hat wen wer zum Fressen gern, aber ist hungrig geblieben.
Nicht klar wird, ob "trommeln" / "herzgeschrei" / "rauch" Aufzählung sind oder diese unbekannt gewordene grammatische Erscheinung Apposition.
Sind die Vögel Nachtigallen oder Lerchen?
Gefressen wird nur ein mal. Denn danach ist des Gefressene weg. Hat ein Jemand oder eine Jemandin noch schnell genug gemerkt und ist von dannen.
Und bitte, liebs Gretchen: verrätsle doch auch den Mantel, dringend! Wir raten doch alle so gerne literarische Rätsel!!
Ick jrüße Dir. augustine

 

      Erik



RE: Du mein Nachtmahl

   26.08.2007, 18:13



Hm.

Ein ungewollter Abschied. Ob vorher Vernaschen? Keine Ahnung. Auf jeden Fall muss es ein angenehmer Mensch gewesen sein.
Trommelt das Herz oder die Musik? Betäubender Rauch an die Vögel. War wohl doch ein guter Mensch, den man vermisst.
Wen man frisst, der kann nicht mehr gehen. Wenn es nicht um Sex gehen soll, dann kann wohl nur Kannibalismus zwei Menschen derart ineinander bringen. Verschwimmen von Körpergrenzen als absolute Gemeinschaft?

Interessante Verse...

Gruß

Erik (Menschenfresser)

 

      Jolante



RE: Du mein Nachtmahl

   27.08.2007, 12:00 / 1 x geändert



Oh,
da ist wer zu früh gegangen und hat ein lyr.Ich zurück gelassen, das von einer Sehnsucht geplagt wird, die über rein sexuelles Erleben hinaus nach vollkommener Vereinigung mit dem DU strebt. Ich würde es Liebeshunger nennen. Möglich wäre auch, dass das Ich das Du sich "einverleiben" und nach Sättigung (Übersättigung?) wieder loswerden will, um endlich von diesem unstillbaren Hunger befreit zu werden. Hierzu fällt mir ein "pisten-passendes" Faust-Zitat ein: "So tauml`ich von Begierde zu Genuss, und im Genuss verschmacht`ich nach Begierde." - "Herzgeschrei liegt in der Luft": eine wahrlich herzzerreißende Metapher ! - Einmal ein ganz anderes Gedicht von dir, Greta-Luna, bitte mehr von der Sorte !

Jo

 

      Schreibtisch



RE: Du mein Nachtmahl

   29.08.2007, 16:44 / 1 x geändert



Sie wacht auf, Morgendämmerung,
er ist weg. Nur ein Schatten ist geblieben,
ein dunkler Schatten. Sie sieht ihn von ihrem Bett aus.
Satt ist sie nicht,
es gab in dieser Nacht nichts, was sie hätte satt machen können,
befrieden oder befriedigen können.
Essen möchte ich dich ein mal, denkt sie;
vielleicht wäre sie dann satt und zufrieden.
So lese ich es.

Mich macht es traurig.
Wieso blieb der Mantel zurück?
Und wie geht es weiter mit dem Mantel?
Kommt er mit ins Bett zum Kuscheln?
Oder in den Altkleidersack, weil ein Wiedersehen nicht vorgesehen?

Grüße, Schreibtisch

 

      Gretchen²



RE: Du mein Nachtmahl

   11.09.2007, 00:31



Hei,
erst mal danke für eure vielen Ideen zu dem Dingen. Mir iss peinlich, da viel drüber zu reden, hatte zwei Bilder im Kopf, ein Bild von einem Haus auf einem hohen Berg im Abendlicht, sehr weit und frei alles, rauchige Dämmerung, so paar Vögel am Himmel, und - dass mir gezz aber keiner fragt wieso - Trommelschlagen zwischen den Bergen, und dann innen in dem Haus ein einziger Raum mit Tisch, Bett, Stuhl, ganz einfach alles, und auf dem Tisch Brot, und über dem Stuhl der Mantel.
Aus den zwei Bildern raus hat sich das Dingens dann von allein geschrieben und war da, in paar Minuten.

augustine, dich wollt ich noch wegen Apposition fragen, hab gegoogelt danach, versteh abba nicht so ganz, wie du es meinst: herzgeschrei und rauch als Apposition zu den trommeln? Bin da verwirrt. Wenn du mal Zeit hast, ne Erläuterung würd mich freuen.
Erik, dat iss lustig: hatte nämlich noch überlegt, ob ich statt trommeln sogar pulstrommeln schreiben soll, dachte abba, in herzgeschrei iss schon genug Puls drin, dat reicht dann.
Manno, Jolante, das Faustzitat passt, nämlich, ich seh so inhaltlich auch die nicht zu habende Intensität im Leben ausgedrückt, das ewige Verdünntsein, Verwässerung, die Welt gibt nichts her, was die Begierde wirklich stillen könnte. Und dass du das herzgeschrei nochmal erwähnst, freut mich auch: war ich ganz stolz drauf.
Und gezz wegen dem Mantel, Schreibtisch, bloß nicht traurig sein: der kommt nicht in die Altkleidersammlung, abba mit ins Bett auch nicht (wär ja auch bloß wieder sonn’ Ersatz), der bleibt schön hängen da übern Stuhl, weil: morgen iss auch noch ein Tag, da kann der Typ ja wieder kommen und den Mantel holen, wenn er merkt, dass er den vergessen hatte (war vielleicht sogar Absicht von dem, dass er nen Grund hat, zum Wiederkommen).
Also danke allen.

Sollte kein Aufruf zu kannibalistischen Liebespraktiken sein. Iss abba sowieso klar, oder?


. . . . . . . . . . . Bis denne, Grüße von Greta Luna

. . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . ->-> zur Lyrikpommesbudenschabe

 

      augustine



RE: Du mein Nachtmahl

   11.09.2007, 12:12 / 3 x geändert



O Greta Luna! (übrigens ist heute Neumond)
Ja, die netten kleinen, fingerfertig, geistesblitzend verfertigten Dingerchen erfreuen der Leser Herz und Sinne!

trommeln hetzen den abend zur nacht
herzgeschrei liegt in der luft
schrillzüngiger rauch

Wenn trommeln, geschrei und rauch eine Aufzählung wären, so wären es drei, natürlich. Wenn aber rauch das herzgeschrei näher erklären sollte (und in diesem surrealen Zusammenhang ist das vorstellbar: herzgeschrei und schrillzüngiger rauch enthalten beide etwas Akustisches), dann wäre das herzgeschrei zugleich der schrillzüngige rauch, also wären es nur zwei...
Sollte jemand bis hierher gelesen haben, dann sage ich noch: die Erklärung ist sowohl richtig wie auch vermutlch unverständlich. Denn: das Sprachgefühl für Appositionen ist einfach verlorengegangen (wie das Dativ-e - 'dem Manne' etwa; niemand vermisst es). Nicht mal die meisten Schriftsteller oder Journalisten haben es noch, das spezielle Sprachgefühl für die Apposition, und also ist sie wohl überflüssig geworden, hat sich als stummer Rauch sachte verflüchtigt. Wer sie nie gekannt hat, die Apposition, hat sowieso keinen Grund zum Vermissen. Und wer sie mal gekannt hat, z. B. durch Latein lernen, der weiß auch: Sprache verändert sich immer, und die Veränderungen sind immer Vereinfachungen.
Was wäre also mit der exakten Erklärung gewonnen: die Apposition ist eine sowohl als subjektivische wie auch als adjektivische mögliche nachgestellte genauere Bestimmung zu einem Substantiv, die in Numerus-, Kasus- und Genuskongruenz zu ihm steht --??
Also lass sein, Mondengretchen, rät augustine

 

      Gretchen²



RE: Du mein Nachtmahl

   13.09.2007, 06:43



Heiala, augustine, genau -

genau so dacht ich mir das in mein Kopf, dass der schrillzüngige rauch erklärt,
was das herzgeschrei sein soll. Gretchens Dank für was du zur Apposition
sagst, habb’ es kapiert, du bringst das besser rüber als der Wiki. Bisschen Sorgen
macht mir gezz nur, dass mein Sprachgefühl offenbar völlich veraltet iss ... :)

Die vögel - dat sind Nachtigallen, Lerchen, was du willst. Oder auch die Gedanken
im Kopf, die flattern und picken und wegfliegen und Unruhe machen: die werden
betäubt vom herzgeschrei-rauch.

Was anderes wollt ich noch sagen bzw. fragen: wie meinst du das, mit Mantel verrätseln?
Das habb’ ich nicht richtig verstanden. Aus dem Mantel was anderes machen?


. . . . . . . Fröhliche Morgengrüße von Krötchen

. . . . . . . . . . . . . . . . . . -> zum Sehnsuchtslied

 

      augustine



RE: Du mein Nachtmahl

   13.09.2007, 12:34 / 1 x geändert



"Mantel verrätseln", Gretchen, war auch ein bisschen gespottet. Man rätselt doch hier so gern, je rätsler, desto guter. In deinem flinken Einfall, den du ja genetisch geschrieben hasst*, hängt der Mantel so einsam und klar erkennbar überm Stuhl, dass er doch da frieren muss, weil niemand sich rätselauflösend um ihn kümmert...
Und Nachtigall und Lerche - na, haben schon eine literarische Bedeutung. Googel mal bei Romeo und Julia ...
Fröhliche Mittagsgrüße ausgustine

*hast; das war sinnentstellender RS-Fehler!

 

      Gretchen²



RE: Du mein Nachtmahl

   30.09.2007, 13:49



Heia, augustine,

gezz hör ich deine Nachtigallen trappsen, und die lieben Lerchen auch:
beim Stichwort Romeo und Julia war-et klar.

Überhaupt: rätseln - ja, lang kein Rätsel mehr gehabt hier, woll.
Seit paar Wochen steht abba in meiner Dachwohnung ein Lyrikautomat rum
und nimmt überall Platz weg, den hatt ich spontan mal erfunden und gebastelt, für hier,
dann gedacht, dass der im Forum auch nur Platz wegnimmt und nix bringt.
Aber vielleicht sollt’ch’n doch mal herstellen? Iss nen sehr einfaches Modell
und bestimmt nicht der Mercedes unter den Lyrikautomaten ...
mehr sonn’ne Art Gretamobil ... mal kucken ...


. . . . . . . Vollen Sonntagsgruß allerseits, Gretchen

. . . . . . . . . . . . . . . . . . -> und nochmal zu dem Loch in der Welt ... äähm - in der Wand!




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