Tagebuch 11.bis 14. August 2007 · ear · ·


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      ear



Tagebuch 11.bis 14. August 2007

   20.08.2007, 08:38 / 6 x geändert



Unser Hausgast, meine langjaehrige englische Freundin Dr. Linda Bilton blieb bei uns vom 11. bis zum 14. August. Es ist kaum zu glauben, aber Hin-und Rueckreise von und nach Hedon, bei Hull in North Yorkshire mit Eisenbahn und Bus dauerten jeweils sechs Stunden--; und das im 21. Jahrhundert!
Als Linda am Mittwoch Nachmittag schliesslich eingetroffen war und wir uns mit Tee und Keksen gestaerkt hatten, brachte mein Mann John uns zum Hafen in Ipswich. Dort lag die beruehmte ‘Discovery’ , zerbrechlich und klein im Vergleich zu den grossen Schiffen, aber 1606 brachte dieses Boot die Siedler aus Ipswich und Umgebung nach Virginia, Amerika. Sie nannten den Fluss ‘James River’ und ihre Siedlung ‘JamesTown’, dem englischen Koenig James II zu Ehren. Ueberleben konnten nur die Staerksten und selbst sie schafften es nur , weil mehrere Hunderte Ersatz-Siedler, einige Frauen und Nahrungsnachschub aus England folgten.
Linda und ich waren schwer beeindruckt von solchem Mut, solcher Abenteuer-Lust. Wir gingen eineinhalb Stunden vom Ipswicher Hafen zur Innenstadt, vorbei an Haeusern, die jene Siedler von 1606 noch kannten. Ipswich, die aelteste Stadt Englands, ist eine der wenigen Staedte, in denen die urspruegliche Strassen-Aufteilung erhalten blieb. Um den Hafen herum, der jetzt nur noch fuer kleine Schiffe und Segelboote benutzt wird (waehrend die grossen Seeschiffe kurz nach der Orwell-Bruecke abgefertigt werden), gibt es noch einige der alten Merchant Houses, direkt am Kai. Wir folgten den Strassen, an der St.Clemens Kirche vorbei, den Resten der Stadtmauern und einem der letzten noch erhaltenen Steinaltaere in den Ruinen der BlackFriars, den Armenhaeusern des 15. Jahrhunderts, dem Ancient House aus dem 14. Jahrhundert, in welchem
King Charles II Zuflucht nahm bis zum Tower Rampart.
Ein Bus brachte uns von der Stadtmitte zurueck zum Heywood Close.
Der Name der kleinen Sackgasse, in der wir wohnen, bezieht sich auf einen der beiden Heywoods: John Heywood, Dramatist (1497-circa 1580), oder Thomas Heywood (1573-1641)Playwright, actor, poet and pamphleteer.

Am Donnerstag fuhren wir nach East Bergholt, dem Geburtsort des beruehmten englischen Malers John Constable (1776-1837), der groessten Einfluss auf die Impressionisten in Frankreich ausuebte. Ein paar seiner bekanntesten Gemaelde sind: Boat Building, Haywain, White Horse, Cornfield, Barges On the Stour, Dedham Mill, Boat Passing A Lock, Wivenhoe Park and Cottage in A Cornfield.
East Bergholt hat viele alte Haeuser und eine grosse Besonderheit ist eine freistehende Glocken-Anlage =Bell Cage. Die Glocken werden nur von Hand bewegt, ohne Seil ohne Rad.. Sie haengen nach oben, weil es so schwierig ist, sie in diese Stellung zu bringen, da sie keine Gegengewichte haben. Man sieht nur einen blauen Glocken Kopf,- damit der Bell-Ringer die Glocke betaetigen kann. Die fuenf Glocken wiegen je 4400 Kilos.
Dann ging es nach Flatford, in das bilderbuchreife Constable-Country, so, wie der Maler die wunderschoene Landschaft unzaehlige Male festgehalten hat. Flatford und Dedham Vale bilden mit dem Fluss Stour eine grosse Attraktion fuer Touristen..
Wir besichtigten die Constable-Ausstellung und gingen ein Stueck am Stour entlang. Es war heiss, eine malerische Kuhherde lag erschoepft unter den Weiden. Mir war nicht so bewusst, wie alt die Weiden waren und aus wieviel Teilen jeder knorrige Stamm besteht.
Doch uns zog es in frischere Gefilde: naemlich nach Frinton-On –Sea (an der Nordsee gelegen). Fuer mich ist Frinton das ideale Seebad , mit eleganten Geschaeften, einem Charity-Shop, der nur Buecher hat, einer grossen Gruenflaeche hoch oben und weiten Flaechen schoensten Sandstrandes. Wir wanderten am Strand entlang, nur wenige Menschen trauten sich ins Wasser, Sandburgen -bauende Kinder vergnuegten sich , Sonnen-hungrige Eltern und Pensionaere lagen vor den obligaten hoelzernen ‘Huetten’ (alle in verschiedenen Farben und mit persoenlicher Namensgebung), welche mit Herd, Kuehlschrank, Liege und anderen Bequemlichkeiten ausgestattet sind.
Auf der Gruenflaeche , die sich meilenweit ausdehnt, stiegen Drachen in die Luft und Gruppen Jugendlicher vergnuegten sich mit Ballspielen. Wind und Sonne und das Wandern an der Gischt am Meer machten uns muede. Wir fuhren ohne grosse Hast wieder nach Ipswich zurueck.
Tee und Kuchen unterm Sonnenschirm auf der Terrasse waren eine willkommene Erfrischung. Danach gab es Ruhe, sodass wir unsere frisch erstandenen Buecher lesen und unsere vielen, sehr weitreichenden Gespraeche wieder aufnehmen konnten.
Am Freitag nutzten wir den Vormittag fuer eine Fahrt auf die Halbinsel Shotley, am Orwell Fluss entlang. An der Orwell Bruecke hielten wir in kurzem Gedenken des dort erschoepft verendeten Wales. Auf dem Tiedenfluss Orwell wiegten sich die eleganten Segelboote und Wasservoegel suchten die Mudflats nach Wuermern ab. In Shotley Gate sahen wir , nicht weit entfernt, Harwich und Felixstowe Docks mit den riesigen Faehren. Bis 1976 gab es in Shotley Gate die beruehmte HMSGanges MarineKadetten Ausbildung. In dem kleinen Museum sieht man Photos aus den Jahren, als der hohe Mast von unten bis oben an der Spitze von Kadetten bemannt war. Erschreckend zu sehen. Man stelle sich den einsamen Buttonboy vor!!
Auf dem Rueckweg hielten wir in Pin Mill, wo der wuerzige Duft und frische See-Geruch mich an Hamburg erinnerten. Diesmal fuhr uns John quer uebers Land der Halbinsel. Erwarton Hall haengt historisch zusammen mit Ann Boleign, der zweiten Frau King Henry VIII. Sie verbrachte einen Teil ihrer Jugend dort in Erwarton. Ihr Herz soll in der kleinen St. Mary Kirche bestattet sein. In Holbrook, wo die gewaltige ‘Royal Hospital School’ als Privatschule Tausende von Schuelern ausbildet konnten wir herumwandern, weil gerade noch Sommerferien waren. Sonst ist es ein nicht erlaubtes Revier. Man kann nur aufgenommen werden als Schueler, wenn nachgewiesen werden kann, dass ein Vorfahre zur See gefahren ist. Zu ihrem Unterricht gehoeren Schiess-Uebungen und viele Paraden.
Ferner auf dem Heimweg sahen wir ‘Tattingstone Wonder’, ein Wohnhaus, das auf einer Seite wie eine Kirche gebaut ist. (Ein Schulfreund meines Mannes John hat in Texas auf seiner Ranch auch ein solches Gebaeude bauen lassen, in Erinnerung an seine Ipswich/ Suffolk Jugendzeit).
Tochter Lois erwartete uns mit einem wuerzigen Salat, Anti-Pasto, frischem Brot. Sie hatte bereits kleine Portionen fuer den Abend abgefuellt, belegte Brote fertiggestellt fuer das Picnic in Rendlesham Forest, vor der Freilicht-Auffuehrung von Shakespeares ‘Hamlet’. Seit 8 Jahren gibt die sehr bekannte Schauspiel-Truppe der ‘Red Rose Chain’ eine ihrer Theater-Auffuehrungen in dem herrlichen Waldgebiet, welches sich kilometerweit erstreckt. Die Baum -Kulisse bietet einen idealen Hintergrund. Diese Auffuehrungen sind aeusserst beliebt.Ganze Familien mit Kindern, die meisten bringen eigenes Gestuehl mit und Tische, Wein , Saft : eine ausgelassene Stimmung vor der Auffuehrung, und dann, wenn die Daemmerung naht, sieht man Leuchtstaebe und Jeder huellt sich gern in waermende Decken oder Pullover. Die Darsteller sind gut. Ihre Inszenierungen bringen neben der Tragik viel Bewegung hinein. Die jungen Zuschauer kommen auf ihre Kosten. Dieses Jahr wurde sogar ein Doppeldecker-Bus eingesetzt, sodass wir direkt nach Ipswich zurueckgebracht wurden. Es ist wichtig fuer alle aelteren Menschen, die, wie ich, nicht gern im Dunkeln fahren, denn Rendlesham Forest liegt weit draussen.
Am Sonnabend-Morgen machten wir noch einen Spaziergang und dann brachten wir Linda zum Bahnhof. Noch weitere drei Wochen hat Linda in Hedon bei Hull Ferien. Ihr Haus steht ,bis auf Ferienzeiten, leer. Sie unterrichtet an der Universitaet von Bahrain seit nun schon sechs Jahren. Interesant ist, dass sie keine Position in England bekommen koennte, wenn sie es wollte, weil sie nach ihrem Ph.D. nur im Ausland unterrichtete. Sie war in Kuwait, Cyprus, Turkey, Oman und Bahrain.
Linda beschenkte John und mich mit einer kunstvollen, einen Haussegen aussprechenden, Baumscheibe einer Zeder , die sie bei ihrem Besuch im Libanon gekauft hatte.

 

      lost



RE: Tagebuch 11.bis 14. August 2007

   21.08.2007, 02:33



ear, in diesen Notizen stecken viele Fäden, du könntest aus dem Text über die wenigen Tage mit deiner Freundin ein Büchlein entwickeln. in jedem Satz fast befinden sich Wegkreuzungen, Abzweigungen, Pfade zu Orten, Ereignissen, Menschen, über die einzeln erzählt werden könnte. sehr viel Geschichte, Geschichten, angedeutet, just glimpses.
zu müde, noch mehr zu sagen.
lost.

 

      augustine



RE: Tagebuch 11.bis 14. August 2007

   24.08.2007, 00:35 / 5 x geändert



Ich habe eine ganz andere vorstellung von dem, was ein tagebuch ist (schrieb ja auch mal ein sonett
dazu:
DIE KLAGEBÜCHER
Nicht beschreibungen von äußerem, von ereignissen, sondern klärung dessen, wie das erlebte im innern verarbeitet wird, also: wie ich es verarbeite. genau dadurch verbietet es sich, meine art des tagebuchschreibens jemals hier vorzuzeigen oder meine art, erlebtes - oder auch erfundenes - in geschichten zu verarbeiten.
ein beitrag von augustine mit grüßen an ear, die ihn nicht übel nehmen möchte, und in der hoffnung, dass damit vielleicht eine diskussion angestoßen ist.

 

      ear²



RE: Tagebuch 11.bis 14. August 2007

   24.08.2007, 13:09



Nichts liegt mir ferner, als etwas ‘uebelzunehmen’. Wenn durch deine Erklaerung und Kritik, augustine, dem Forum deine Art des Tagebuch-Schreiben vorenthalten bleibt, so ist es bedauerlich, aber deine eigene Entscheidung.
Diskussion ist immer erwuenscht im Forum.
Fuer mich hat ein Tagebuch die Spontaneitaet des Erlebten, das nicht bis ins Letzte Ausgefuehrte, das Angedeutete, so wie lost es schrieb. Ich bin beim Reisen, ob viele Meilen entfernt, oder nur Stunden von Ipswich entfernt, wie ein klitzekleiner Forscher, weil ich Vieles hier noch nicht kenne.
Ein Reisender, welcher etwas ‘neu’ erlebt (auch wenn es von Hunderten anderer Menschen bereits gesehen wurde), geniest den Augenblick , in dem er etwas erlebt, weil dies geteilt wird mit Freunden, Mann/Frau und Kindern. Fuer wenige Stunden ist man dann ein anderes ‘Ich’ und geniesst es sehr.

Mein Leben in Gross-Britannien ist beschraenkt auf das Insel-Dasein, anders als in Europa, wo Land sich an Land reiht und man ohne Schwierigkeiten innerhalb von Stunden eine Vielzahl an Sprachen durcheilen kann.
Ich reise nicht oft, versuche deshalb, von dem, was mich umgibt, zu lernen. Und meine Freude daran mag ich gern teilen, weil es Anderen, eventuell aus Sprachgruenden , nicht moeglich ist, das Gleiche zu sehen und zu erleben.
Heute bedeutet Reisen nicht laenger das Ertragen von Entbehrungen.
Das Schlimmste, koennten Streiks sein, oder Verspaetungen, Warten bei Check-Ins, oder nur einfach Mittagsruhe in Geschaeften, wenn sich Jeder erholen moechte.
Auch eine Package-Tour mit vorgeplantem Tourismus, kann Freude bringen. Vielleicht sind Mitreisende dann keine Sprachwissenschaftler, aber gute Unterhaltung findet sich ueberall. ear




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