Himmelfahrtsbeben / Nachricht vom Paradies · Elise · ·


Quickies · Forum für Literatur & Germanistik
 

Neue Beiträge   |   Registrierung   |   Lesungen Literatur auf YouTube - Gedichte - Forum für Literatur und Germanistik  |   dradio   |   Archiv   |   l o g i n

 
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Leseliste
~ Forenliste
~ Gäste-Chat
Literatur
~ Impressum

  Online

  Lesungen

  Piep, piep, piep...

  Aktuelle Themen

Dichte Reime

welt

Zwei Gedichte

Enjambements in Heyms Berlin III

G7sus4 (12-string) --> für chantal

Reise durch lit-on

Vatnajökull (prisma)

Achrad (6)

Trahisa (5)

Letzte Nacht

Straße

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

Feierabendland

Mein Buchhändler

Ein Dogma

Distanz

in die nacht

Jahrestage

Der Musik Laden Faden II

Hausarbeit


 

      Elise



Himmelfahrtsbeben / Nachricht vom Paradies

   18.08.2007, 12:02 / 1 x geändert



Himmelfahrtsbeben

die Nachrichtensprecherin sagt
in Pisco / Peru habe die Erde gebebt
die Stadt sehe aus wie zerbombt
San Clemente (die Kirche) sei eingestürzt
während der Himmelfahrtsmesse:
200 Gläubige wurden begraben 200
Seelen 200 verschüttet 200 heute noch im Paradies
Günstlinge Gottes aus elenden Körpern geschlüpft
flink davon -
davon
(vom Paradies)
spricht die Nachrichtensprecherin
nicht

_____________________________________________

edit 20.09.
ursprünglich ging es so:

Nachricht vom Paradies

die Nachrichtensprecherin sagt
es habe in Pisco / Peru die Erde gebebt
die Stadt sehe aus wie zerbombt
San Clemente die Kirche sei eingestürzt
während der Himmelfahrtsmesse:
200 Gläubige wurden begraben
200 Seelen noch heute im Paradies
Günstlinge Gottes aus den erschlagenen
Körpern geschlüpft flink -
andere kommen so leicht
nicht davon

 

      Erik



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   18.08.2007, 14:56



Grüße.

Ich habe heute Vormittag noch das Glück gehabt, die erste Fassung kurz lesen zu können.
Der Text gefiel mir da ein bisschen besser, gerade wegen der letzten vier Verse.
Ansonsten find ich den Text ganz gut. Wäre schön, wenn du zum Vergleich die alte Fassung (wenn du sie noch hast) einstellen könntest.

Thx.

Erik

 

      augustine



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   18.08.2007, 20:05



Bezüge zum "flug"-text sind da, nicht, Elise? Aber in einer überhaupt nicht heiteren, anklagenden Gegensatz-Beziehung: da war keine Milde ("San Clemente"); da erweist sich die "Himmelfahrtsmesse"(wie eigentlich jetzt?) als ergebnislose Zauberei - und die Rederei vom Paradies als, ja, frommer Betrug.
Und gut erscheint's mir, dass die Nachrichtensprecherin davon nicht spricht.
LG augustine

 

      Schreibtisch



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   18.08.2007, 22:41 / 1 x geändert



Natürlich spricht die Nachrichtensprecherin nicht vom Paradies, denn nur harte Fakten sind Gegenstand von Nachrichten unserer Zeit. Das Paradies aber hat vermutlich mit Fakten, harten, wenig zu tun. Für mich lebt und bebt das Gedicht aber von der Spannung, die zwischen den Fakten und dem Paradies der Günstlinge Gottes aufgebaut wird. Eine herausfordernde Spannung.
Ein Nachrichtentext ist eben keine Traueransprache. Wie würden die Fakten wohl in einer solchen klingen? Hätte das Paradies und der nur schwer auszuhaltende Extremgegensatz zwischen schweren Steinen und luftiger Himmelfahrt dort einen Ort? Nein, ich spreche jetzt lieber nicht von Ostern, kann aber nicht anders als sagen zu müssen, dass ich schnell an jenen schweren Stein denken musste. Der würde vermutlich in einer - christlich geprägten- Trauerrede für die Opfer vorkommen...

ich finde ja, dass Günstlinge Gottes ganz schlimm schmierig klingt...wer möchte schon gerne ein Günstling sein?

Viermal die Zahl 200 - das tut weh-

der Anfang einer Trauerrede könnte vielleicht so lauten:

wer will es wagen
zu sprechen vom himmel
paradies gar wenn unter
schweren steinen zerschlagen
200

zweihundert hörst du

200 menschen seelen körper
leiber zerschunden jetzt
liegen wer will es
wagen?



Flink davon? Na - ich weiß nicht.

Elise, danke für dieses herausfordernde Gedicht.
Liebe Grüße, Schreibtisch

 

      Elise²



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   19.08.2007, 00:27



Hallo Erik, hier die ursprüngliche Version - aus dem Gedächtnis, denn ich schrieb im Anschluss an morgendliche online-Zeitungslektüre direkt hier herein (musste es einfach tun) und bewahrte nichts auf, nachdem ich es dann verändert hatte.
augustine und Schreibtisch (natürlich auch alle anderen, die möchten), seht euch gerne auch die Unterschiede an. Einiges mehr werde ich noch dazu sagen, aber nicht jetzt, es ist mir zu spät. Ach, das noch, augustine: in den Gegenden, wo diesmal die Erde bebte, glaubt man con emoción: es geht um Mariä Himmelfahrt. Datum: der 15. August.
Danke vorerst für die Rückmeldungen.
Elise


die Nachrichtensprecherin sagt
es habe in Pisco / Peru die Erde gebebt
die Stadt sehe aus wie zerbombt
San Clemente, die Kirche, sei eingestürzt
während der Himmelfahrtsmesse:
200 Gläubige wurden begraben
200 Seelen noch heute im Paradies
Günstlinge Gottes aus den erschlagenen
Körpern geschlüpft, flink -
andere kommen so leicht
nicht davon

 

      Jolante



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   19.08.2007, 12:14 / 3 x geändert



Die ursprüngliche (von Erik erwähnte) Fassung, elise, spricht mich sofort an - ganz im Gegensatz zu der obenstehenden. Das mag daran liegen, dass sie mir reduzierter, konzentrierter und pointierter erscheint (starker Schluss). Auch sprachlich finde ich sie gelungener. Die andere Version verursacht mir ein Unbehagen, dass sich aber eher auf Formales als auf Inhaltliches bezieht.

LG Jolante

 

      ear



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   19.08.2007, 15:05



Auch ich empfinde die urspruengliche Fassung als staerker.
Es sollte eine Totenmesse fuer einen Verstorbenen sein, zu der Hunderte von Menschen in die San Clemente gekommen waren. Es wurde ein “Himmelfahrts-Kommando” fuer fast alle, aber nicht fuer den Priester: er konnte sich unter einem Tisch verstecken und ueberlebte. Das Erdbeben erfolgte, als die Messe beendet war und die Gemeinde nach vorne kam, um die Leidtragenden zu unterstuetzen.

Ein Mann, der Stunden hinterher vergeblich in den Truemmern nach seinen Eltern suchte, fand ein Baby, 10 Monate alt unversehrt. Er und seine Frau verloren ihr Heim und alles, was sie besassen. Dieses kleine Wesen, das wie ein ‘Geschenk’ kam, gibt ihnen Hoffnung fuer die Zukunft. Es fehlen nur Kleidung und Milch. Sie wollen auf ihn aufzupassen, bis seine richtigen Eltern gefunden sind.
Ein Lichtblick in diesem Disaster.
Ist es Ironie des Schicksals, dass die Christus-Figur aus San Clemente unversehrt 'geborgen' werden konnte?ear.

 

      ear



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   19.08.2007, 22:13



Nachtrag: ich habe lange suchen muessen, vielleicht klappt dieser Link fuer die letzten Informationen und Photoserien:
http://newsbreak.com.au
FairfaxDigital
NewsBreak Monday August 20
Earthquake Peru, San Clemente
ear

 

      Elise²



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   20.08.2007, 00:27



Nur kurz zur Erläuterung - mir ging es so:

all diese Erdbeben-Nachrichten sprangen mich an, und mir war, als könnte ich nicht aushalten

- dass ich in einem so ruhigen, geordneten Leben sitze, übersatt, und sehe so viele, die ebenso leben, ohne je eine Frage zu stellen, während andere geschüttelt werden und beraubt. Wie ertragen? Habe ich das verdient? Haben "die anderen" das verdient?
- dass jegliches Geschehen ausgeschlachtet wird von den Medien, hingebreitet jedes Elend in Wort und Bild, und ich werde zur Voyeurin der Not, ob ich will oder nicht.
Die Formulierungen, die ich las in den Zeitungsmeldungen, habe ich gekaut und gekaut, und wollte sie wiedergeben, mit (unsichtbaren) Anführungszeichen oder Ausrufungszeichen versehen, verwandelt, ver-dichtet vielleicht.
Das war der Impuls. Eine Hilflosigkeit. Auch vielleicht ein (misslungener) Versuch in Sarkasmus.
Und es sprang mich an wie größerer Hohn, dass während der Messe eine Kirche einstürzt, die den Namen San Clemente führt ...

---

augustine, wahrscheinlich, ohne mir dessen bewußt zu sein, war ich beeinflußt von anderen Texten hier, von den Themen, über die gesprochen wurde/wird in jüngster Zeit.

ear, deinen link verfolgte ich weiter und entdeckte die Details, von denen du berichtest, schließlich hier. Danke für deine Mühe.

Danke allen fürs Lesen und Schreiben.
Elis.

 

      Jolante



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   20.08.2007, 12:57 / 1 x geändert



Gestern überflog ich bei Spiegel-online eine Meldung, die ich heute -sensibilisiert durch deinen letzten Kommentar, elise, nochmal genauer lesen wollte, aber sie hatte den Tag nicht überlebt, war weg, und nun versuche ich sie zu memorieren.

In einem U.S.-Bundesstaat war ein Priester mit dem Auto unterwegs, als sich plötzlich vor ihm die Erde auftat und er mit seinem Fahrzeug metertief abstürzte, über ihm Steine und Geröll. Er flehte Gott an, ihn noch nicht zu sich zu nehmen und es gelang ihm, sich aus dem Auto zu befreien und unverletzt an die Erdoberfläche zu gelangen. Angeblich hat er Gottes Stimme vernommen, die ihm suggerierte: "Du stehst im Parkverbot". Ein Wunder? - Wohl kaum, aber ein Beispiel für "wundersame" Kräfte, die ein starker Glaube (an was auch immer) freisetzen kann. Wie wir es auch nennen mögen: Schicksal, Zufall, Glück - Alle trifft früher oder später der Tod, eine Binsenweisheit. Wie wir sehen, hängen selbst Pfarrer, die ja die Unsterblichkeit der Seele propagieren und sich eigentlich auf ihre "Himmelfahrt" freuen sollten, hartnäckig an ihrem Leben, weil alles, was danach kommt oder nicht kommt, .......???

Jolante

 

      zuppanova



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   22.08.2007, 10:32



servus Elis.

auch mir scheint die von Erik nachgefragte ursprüngliche version die stimmigere zu sein. vier mal 200 ist zu viel. zwei mal 200 passt besser. das ist zudem präzis die stelle, wo die perspektive wechselt (auch markiert durch den wechsel vom konjunktiv des 'zitats' zum indikativ der 'eigenen meinung' ): die 200 begrabenen gläubigen sind noch fakten, aus dem blickwinkel der nachrichtensprecherin hergezählt, die 200 paradisierten seelen jedoch bezeichnen die interpretation der fakten aus dem blickwinkel des sprecher-ichs, wie alles folgende auch.

was du zum medien-hype schreibst: geht mir ein, ja, empfind ich genauso. ausweglos gleich gültig alles: erdbebenopfer, Quiz Night Live, kinderarmut, Supernannies, mafiamorde, Kommissar Rex, geiseldramen, Pannenshow, gletscherschmelze, Kochprofis, wirbelstürme ... »un message n’a plus de réalité que tout le reste« ... aber nichts weiter jetzt hierzu.

wär ich auf die idee gekommen, etwas zu dem thema zu machen, hätt ich mir aber ein anderes erdbebendetail ausgesucht: ein gefängnis ist eingestürzt (Chincha), 600 häftlinge geflohen, auf- und davon-gekommen also auch sie, und kaum welche wieder eingefangen in der elenden wirrnis. das nenn ich ebenfalls "höheren hohn".

lg, die zuppa.

 

      ear



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   22.08.2007, 12:15 / 1 x geändert



Nur eine kleine Ergaenzung zu Deiner letzten Meldung, liebe zuppa.
In Pisco gab es auch ein Gefaengnis im Erdbeben-Gebiet. Das Gleiche ereignete sich dort: Das Beben war ja nicht nur bei der Kathedrale, Hunderte von Haeusern wurden zu Schutt und Asche.
Die zum Teil sehr gefaehrlichen Insassen des Gefaengnisses entkamen ebenso wie die leichteren Faelle. Bisher konnten sie nicht gefasst werden. Das ist der 'hoehere Hohn', von dem du sprachst. Danke, dass du mich durch deinen Beitrag daran erinnertest, ear.

 

      Elise²



RE: Nachrichten (vom Paradies)

   20.09.2007, 08:21



Ja. Um das hier abzuschließen: die ursprüngliche Version finde ich selbst auch die weniger schwache - danke nochmals dir, Erik, dass du sie durch dein Nachfragen "festgehalten" hast - und stelle sie gleich noch ganz oben mit hin.
Danke für alle Beiträge.

Elis.

 

      Marcel Frank



RE: Himmelfahrtsbeben / Nachricht vom Para

   21.09.2007, 00:00



Nach den ersten beiden Versen assoziierte ich Von einem Fernsprechteilnehmer. Leider ging ich fehl und sah mich bis Zeile 5 resp. 6 einer (letztlich unreflektierten) lyrischen Light-Version von Das Leiden anderer betrachten (Verschiebung > Krieg:Katastrophe): Nicht als Lyrik-Replika eines Essay-Analyse-Versuchs, sondern als Exempel für Bagatellisierungen (falls es einen Autor gibt, darf er nun nicht sagen: "so war das doch gar nicht gemeint").

Sprechen" (link 1) und "Medien & Messaging" (link 2) - hier ohnedies sehr "ungar" aufgegriffen & schon 1 Thema zuviel -, potentielle Energieträger also, werden nach dem Doppelpunkt ratzfatz abgelöst durch ein bisschen Esspapier:

200 Gläubige wurden begraben 200 / Seelen 200 verschüttet 200 heute noch im Paradies / Günstlinge Gottes aus elenden Körpern geschlüpft / flink davon -
davon / (vom Paradies) / spricht die Nachrichtensprecherin / nicht [wahlweise] 200 Gläubige wurden begraben / 200 Seelen noch heute im Paradies / Günstlinge Gottes aus den erschlagenen / Körpern geschlüpft flink - / andere kommen so leicht / nicht davon


A oder B, das ist "echt" Jacke wie Hose (lieber Hose). Mir fällt, außer Gefasel, kein Begriff ein, der "alles da nach dem Doppelpunkt" besser wegtütet. Btw, ob Pisco oder Buxtehude: Dafür gilt dasgleiche. Da fehlt es an "Zeichnung".

Ich glaube, es gibt, u.a. (das müsste man genauer erörtern), zwei Kardinalfehler beim Schreiben von Gedichten:
- dass man (der Sprecher) signalisiert, dass man schlauer ist ...
- dass man (der Sprecher) signalisiert, dass man ein Gewissen hat ...

Nicht zuletzt trifft Kardinalfehler 1 auch auf das Kommentieren von Gedichten zu ...

 

      Schreibtisch



Kardinalfehler

   21.09.2007, 10:22 / 1 x geändert



gibt es eigentlich auch ein positives Gegenstück zu Kardinalfehler?
Würde ich jetzt gerne auch ein 1. und 2. ...hier lesen.

und: ob das Gelesene in die genannten Kategorien passt,
liegt im Auge der Lesenden, 1., und 2. kann das Zeigen an sich von vorhandenem Gewissen,
dass das hier der Fall ist, ist auch schon fast eine Interpretation,
geht jedenfalls über das Deskriptive hinaus, noch kein Fehler sein, finde ich, geschweige denn Kardinal oder Papst, höchstens die Art und Weise des Zeigens und wie das wahrgenommen wird, liegt...
oder? fragt der Schreibtisch, der vorgestern Geburtstag hatte und sich hiermit offiziell die Benennung positiver Gegenstücke zu Kardinalfehlern wünscht.(Name und Inhalt in Bezug auf Gedichte, dankeschön)

 

      zuppanova



kardinal: das mass

   21.09.2007, 14:52 / 1 x geändert



- jamei, den kardinalfehlern tät ich persönlich direkt die kardinal-tugenden entgegen-, gegenüber oder auch sogar zur seite stellen, also (según Plato):

  • Weisheit
  • Gerechtigkeit
  • Tapferkeit
  • Mäßigung (Maß halten)
(wegen geburtstag gleich vier statt zwei, numero 4 vor allem auf gedichte bezogen, 1, 2 und 3 bei bedarf auch, i.a. aber mehr auf die restvita)

- ausserdem, glaub ich, ist der kardinalste fehler, den es beim schreiben von gedichten gibt, sowieso der:
  • dass man überhaupt meint, welche schreiben zu müssen (könnte evtl. auch für kommentare gelten ...)

- ich überlege, Schreibtisch, ob es günstig ist, "das-im-auge-der-lesenden-liegen" als argument heranzuziehen: was, wenn die lesenden einen balken im auge haben, oder ein brett vorm kopf, oder wenn sie blind sind, metaphysisch geschmacksblind vom vielen TV-schauen, oder verblödet vom zu vielen lesen, von zu viel gefasel um und um? und was ist mit jenem gewissen etwas, das eben nicht im auge der lesenden liegt, sondern ... woanders ... ("gelenkigkeit" - das eine gedicht ist mehr, ein anderes weniger g. ...) (man streifte dieses thema bereits einmal) (natürlich bin nicht ich es, deren meinung hier gefragt ist, das weiss ich schon und will auch gar nicht "schlauer" sein ...)?

- vielleicht sagt die Elise noch was

- aus alltagsgrüften grüssend: zuppa

 

      Schreibtisch



Das Gewisseetwas

   21.09.2007, 15:14 / 1 x geändert



Danke zuppa, für dieses feine Geschenk. Mir gefällt natürlich vor allem das rosa Papier...
Kardinaltugend, hm, klingt passend, aber das Gegenstück zu Tugend mit oder ohne rot wäre für mich das Laster. Und LASTER tönt mir ganz anders als Fehler...und ruckizucki sind wir wieder beim Maß, das lag nahe, ja. Irgendwie aber auch unbefriedigend, wenn einermir ab einem gewissen Punkt immer wieder dasselbe einfällt, als wäre es die Lösung aller (Gedicht-)Probleme. Es muss doch noch was andres geben? Sobald es darum geht etwas schärfer zu fassen, was sich denn hinter und in den Worten verbirgt und sich der Bezeichnung standhaft widersetzt, wird es schnell sehr subjektiv, oder? Das meinte ich mit Betrachterauge und ich bin sicher, wenn wir anfangen, die Dicke der Balken in unseren Augen zu vergleichen, dann haben wir verloren. Ach...ja, das ...gewisse etwas..., leider ist es aber nicht möglich das Gewisseetwas als Kardinaltugend festzuschreiben für Gedichte, oder?
Kann man eben nicht machen. Also eben doch Gnade oder Kairos oder Zugefallen? Werd ich etwa grade schon wieder geschwätzig?
fragt der Schreibtisch.

 

      zuppanova



der kairos, fehler und laster

   22.09.2007, 15:16 / 1 x geändert



das problem mit dem kairos ist halt seine unkalkulierbarkeit:
da steht unerlöst eine frage im raum und du wartest ein lebtag lang, dass er (der kairos) die tür aufreisst und ins zimmer stürmt und alles regelt, und wartest und wartest, und der kommt nicht und kommt nicht, der unzuverlässige ziegenhufige hundling (wie bei der braut, die auf den bräutigam ... oder in der geschichte vom münchner im himmel, der dann im wirtshaus versumpft, und die bayerische staatsregierung wartet noch heute auf ...) -
und einandermalwieder liegt dir die lösungsantwort schon auf der zunge, direkt geschenkt, noch bevor die frage ganz ausgespr- ...
... meint in solidarischer ratlosigkeit, ebenfalls auf den erleuchtungs-zu-falll wartend: die zuppa.

PS: wäre geschwätzigkeit mehr ein fehler oder ein laster (ich frag aus eigener betroffenheit)? oder geht fehlerhaft lästerlich eins ins andere über? ist überhaupt ein laster (k)ein fehler und ein fehler auch nie (k)ein laster? oder manchmal so und so, und manchmal nur so?
(kaum passt man nicht auf, vermehren die fragen sich und führen uns sonstwohin -)

PPS: "Ach...ja, das ...gewisse etwas..., leider ist es aber nicht möglich das Gewisseetwas als Kardinaltugend festzuschreiben für Gedichte, oder?"
zunächst einmal ein gewisses etwas zu postulieren, ohne weiter was in der hand, das ist immerhin doch sehr tapfer und insofern, finde ich, fast eine kardinaltugend.
(vllt. ließen sich ein paar parameter für das gewisseetwas gewinnen, indem man als "gut gelenkig" allgemein anerkannte gedichte untersuchte?)

 

      Schreibtisch



tapfer sein! nüchtern bleiben!

   22.09.2007, 18:51 / 1 x geändert



1. also, ja, Geschwätzigkeit ist ein Laster, kein Fehler. Das Laster unterscheidet sich vom gemeinen Fehler durch seine Nähe zur Lust und zum Rausch. Sprich, im geschwätzigen Schub gebe ich mich lustvoll dem Fluß meiner eigenen Gedanken wie im Rausch hin, lasse mich tragen von dieser Welle ohne zu fragen, wohin sie mich führen wird. Ein Fehler ist die üble Nachrede, Verleumndung, Tratscherei (die Kleinstadt, du weißt schon)ect. und gehört somit in eine andere Kategorie. Die Grenzen, wie immer, werden unterschiedlich gesetzt.
2. Folglich ist für mich das Gegenstück zum Laster die Nüchternheit, durchbuchstabiert auf alle Ebenen.
Davon hätte ich gerne mehr, durchbuchstabiert auf alle Ebenen. Und wenn ich jetzt nicht ganz tüchtig aufpasse, könnte ich mich an meiner Sehnsucht nach Nüchternheit berauschen. Der letzte Satz war jetzt fast schon wieder geschwätzig.
3. Mein Kairos käme niemalsnie gestürmt, sondern auf leisen jetzt hätte ich beinahe Socken geschrieben und er bringt nicht die Antwort, sondern das Einverstandensein, die friedliche Koexistenz mit den Fragen. Weil das als Dauerzustand eine zynische Hölle wäre, kommt er immer nur achsokurz...meine ich jetzt ganz ungeschwätzig...und dann sind wir wieder alleine...dies tapfer auszuhalten, nüchtern zu bleiben und mit dem ganzen Kram des Lebens einfach weiter machen,
Fragen stellen, Gedichte schreiben oder es besser bleiben lassen, Kommentare schreiben oder sich verkneifen, Antworten versuchen, verkatert nach einem Rausch aufwachen und bereit sein die Verantwortung zu übernehmen, mehr ist hienieden nicht zu tun. Und das reicht auch völlig. Mir jedenfalls. Und ja, das Gewisseetwas...daran tapfer festzuhalten, das hast du wirklich sehr schön gesagt, sich nicht beirren lassen auch wenn mans nicht definieren kann, das ist schön, kann man auch sehr schön durchbuchstabieren.

Das Wort zum Sonntag sprach
Sabine Schreibtisch, Nordseeküste Gernenüchtern.

PS
Das geschmeidiggelenkige Gedicht will nichts und ist sich selbst genug

 

      zuppanova



Wort zum Sonntag und wochenanfangsAmen

   24.09.2007, 08:47



ad 1. - ja, suchtpotential beim laster => 1mögliches unterscheidungskriterium -

ad 2. - in puncto Nüchternheit bin ich mir noch nicht ganz schlüssig; ich (für mich) würde sie wahrscheinlich mit so etwas wie Demut (wer will, darf etzo lachen) kombinieren wollen, oder sowieso gleich die demut nehmen - aber das hier weiterzudröseln, führte hinaus ins off -

ad 3. - bei mir ist es so, dass der kairos in vielerlei gestalten/kostümen und mit wechselnder dramaturgischer geste auftritt, je nachdem halt - manchmal hat er ein mordstrumm falschen bart um oder frauenkleider an und ich erkenn ihn gar nicht gleich und merk erst später, dass ER es war, der da mal wieder ... denn es ist, wie du auch sagst, so, dass er immer nur kurz - kürzest -

ad PS -"Das geschmeidiggelenkige Gedicht will nichts und ist sich selbst genug" - ein ankerwurf fürs erste, dieser satz. ist aber, denk ich, so nicht absolut zu setzen und nicht immer gültig (es ließen sich vermtl. gedichte zitieren, die durchaus "etwas wollen" [das "etwas wollen" bedürfte genauerer klärung, s.u.] und dennoch sehr gg sind; bin aber zu faul, jetzt welche zu finden).
das "frei sein vom Geschwür der Intentionalität" fällt mir noch ein dazu, und ausserdem, dass mit der unternehmung, die beiden weiter oben genannten kardinalfehler in einen positiven merkmalssatz umzuformulieren, der bogen nun wieder glücklich zurückgeführt ist zum quelltext bzw. zum ausgangspunkt der diskussion.

kleines katholisches wochenanfangsAmen
aufs nordseeische Wort zum Sonntag,
gemurmelt mit lg von der herdheiligen zuppa.

 

      Elise²



RE: Himmelfahrtsbeben / Nachricht vom Para

   01.10.2007, 00:44



@Marcel Frank

Du hast recht, wenn du sagst, es fehle an Zeichnung (dazu stelle ich etwas in diesen Faden) - und ja, es ist letzlich unreflektiert, ungar und "bagatell" (ich sprach selbst von einer schwachen und weniger schwachen Version). Allerdings ist es ein Quickie (dafür nehme ich mir ca 3-5 Minuten; deine Parameter mögen andere sein), und darf sich insofern auch als light-Version zeigen. Will ich ein Kapitel aus dem Kamasutra zelebrieren ("Lyrik-Replika eines Essay-Analyse-Versuchs"), gönne ich mir etwas mehr Zeit, sagen wir mal: eine Nacht.

Dass du zwei potentielle Energieträger ausmachen konntest, spricht einerseits zwar für dich ("er kann lesen"), andererseits aber auch für den Text ("da ist was"). Alles das nach dem Doppelpunkt, das esspapierene Gefasel
200 Gläubige wurden begraben 200 / Seelen 200 verschüttet 200 heute noch im Paradies / Günstlinge Gottes aus elenden Körpern geschlüpft / flink davon -
davon / (vom Paradies) / spricht die Nachrichtensprecherin / nicht [wahlweise] 200 Gläubige wurden begraben / 200 Seelen noch heute im Paradies / Günstlinge Gottes aus den erschlagenen / Körpern geschlüpft flink - / andere kommen so leicht / nicht davon

wäre ironisch zu lesen, als Kontrapunkt zum Vorhergehenden. Du hast es anders verstanden, das grämt mich etwas, mag jedoch sein, deine Aufmerksamkeit war (Brief)taub(enflügelschlag)-verrauscht, zudem bin ich eben keine Meisterin im Gebrauch der Ironie als Stilmittel (da gibt es andere aquí). Wie auch immer: schreibst du mir öfter einen Kommentar, lerne ich vielleicht allmählich, bessere Texte zu machen.

MfG verbleibe ich ohne Gegentugend kardinalfehlerbehaftet dennoch wunschlos:
Elise.




Views heute: 5.460 | Views gestern: 4.482 | Views gesamt: 5.487.501