augustine
|
Es gibt also deshalb nicht jedes Jahr in jedem Teich einen Froschkönig oder eine Froschkönigin, weil sie dabei sterben können, wenn sie einen Menschen ein Geheimnis der Natur zu lehren versuchen? Und weil sie auch wissen, dass sie zwar bei dem Spiel überleben können, aber dann die Sterbensangst behalten, ohne weiter die Stimmen der Natur zu hören?"
"Ja, deshalb nicht. Manche, die einmal Könige gewesen sind, aber sich keinem Menschen verständlich machen konnten, hüpfen weite Wege, um das Königsgeheimnis der Frösche weiterzusagen. Aber natürlich kann es vorkommen, dass es Laichplätze gibt, die über viele Jahre hin keinen König oder keine Königin haben, einfach deshalb, weil die Frösche dort gar nicht erfahren, was das ist, oder aber, weil sie es erfahren und gerade deshalb nicht Froschkönig werden wollen. Und dann erfährt auch kein Kind das Geheimnis der Sprachen der Natur und kein Erwachsener, und es erfährt also auch niemand, dass er vor dem Tod keine Angst haben muss."
Das verstand ich damals nicht ganz. Aber ich fragte: "Wem willst du das Geheimnis weitersagen, Froschkönig?"
"Ich habe daran gedacht, es deiner großen Schwester zu sagen. Ich sehe sie oft im Garten."
"Ja, und sie hat im vorigen Jahr oft über das Sterben nachgedacht, denn da war sie lange krank. Aber sie ist wieder ganz gesund. Sie liebt die Natur sehr. Jetzt im Vorfrühling geht sie jeden Nachmittag durch den Garten, um zu sehen, was sich verändert hat. Sie sieht am genauesten hin. Aber das weißt du ja sicher. Die Schneeglöckchen seien natürlich schon längst verblüht, sagte sie gestern beim Abendessen, auch die Märzenbecher, aber die Primeln, die dann so herrlich blau - lila blühen, Pompon-Primeln nennt sie sie, die streckten jetzt ihre ersten Blätter heraus, und die Krokusse, die blühen schon fast, und die Osterglocken und die Pfingstrosen und die Tränenden Herzen haben grüne Triebe."
"Du weißt ja alle diese Namen!"
"Ja, aber erst jetzt, erst in diesem Jahr. Uns hat das sonst eigentlich nicht besonders interessiert, meinen Vater und mich gar nicht, wie die einzelnen Pflanzen im Garten heißen, und meine Mutter kann zwar alle Pflanzen unterscheiden und hat sie auch gepflanzt, aber sie vergisst manche Namen auch wieder. Und wir haben meistens nicht einmal richtig zugehört, wenn meine Schwester von ihnen erzählt hat, als würde sie sie gut kennen und noch anders als nur mit den Namen aus dem Gartenkatalog; Erst jetzt eben hören wir ihr wirklich zu, nachdem sie so krank war. Und die Tiere im Garten kennt sie auch und weiß zum Beispiel, wo ein Igel überwintert und dass man ihn da in Ruhe lassen muss."
"Deine Schwester kennt das Märchen vom Froschkönig, nicht wahr?"
"Ja, sie hat es mir früher selber vorgelesen. Auch eine Verfremdung davon oder wie das heißt. So was machten sie damals gerade in der Schule. Diese 'Verfremdung', die mochte ich gar nicht. Aber das alles weißt du doch, Froschkönig."
"Natürlich. Doch ich möchte mit dir darüber sprechen. Ich möchte einfach sprechen, verstehst du? Es ist ja ganz selten, dass ich das so tun kann wie jetzt mit dir. Was glaubst du also? Wird deine Schwester es verstehen, dass ich ihr etwas mitteilen will? Und du, wirst du es denn aushalten, wenn deine Schwester vielleicht mich zum Menschen macht und mit mir weggeht? Denn was in der Zukunft sein wird, das wissen wir ja beide nicht."
"Wie ich das aushalte, das weiß ich noch nicht, denn ich habe meine Schwester sehr lieb. Aber du hast doch gesagt, Froschkönig, dass ich mit ihr in Verbindung bleiben kann, denn wir werden ja einander in unseren Gedanken verstehen. Ich wünsche ihr, dass sie keine Angst mehr zu haben braucht vor dem Sterben wie manchmal in ihrer langen Krankheit. Das ist wichtiger als alles andere.
Und bestimmt wird sie wissen, dass sie dich werfen soll. Was sie aber tun wird, das kann ich dir nicht sagen. Nur dass sie dich streicheln wird, denn eklig findet sie dich nicht. Ganz zart wird sie dich mit einem Finger streicheln, denn du bist ja klein, und sie wird dir nicht weh tun wollen. Und wenn sie dann vernünftig ist, wird sie dir vielleicht sagen - ja, denn sie wird sprechen zu dir, obwohl sie ja noch nicht weiß, dass du sie verstehen kannst -: 'Du siehst aus wie der Frosch im Märchen. Und du willst, dass ich mit dir umgehe wie die Prinzessin im Märchen. Aber was soll ich denn mit einem Märchenprinzen anfangen oder mit einer Märchenprinzessin? Ich sehne mich sehr nach einem Freund, das ist wahr. Vielleicht weißt du das sogar. Aber einen Märchenprinzen will ich nicht, ich sag's dir noch mal. Lass es gut sein, du Froschkönig oder du Froschkönigin, und hüpfe weiter deine Froschwege.' Und dann wird sie dich behutsam auf den Rasen setzen oder auf ein Teichrosenblatt und wird wohl warten, bis du mit einem Froschsprung ins Wasser tauchst.
Wenn es sie aber ganz erreicht, was du von ihr willst, dann wird sie nicht vernünftig sein, dann wird sie zu dir sagen: 'Ich sehe den goldenen Glanz auf deinem Kopf. Ich werde dich werfen, Frosch, mit aller Kraft, und mein Herz mit über die Hürde. Hier an den Stamm dieser geliebten hohen Buche werde ich dich werfen. Und dann wird sich zeigen, ob du danach tot am Boden liegst, oder wer mir gegenüber steht.' Sie wird das Märchen ganz wörtlich nehmen, wenn sie es überhaupt ernst nimmt."
"So wie du mir von ihr erzählst, Kind, so würde ich gern mit deiner Schwester zusammen Mensch sein. Aber ich habe jetzt doch Angst. Ich bin nicht so gelassen, wie ich sein sollte und wie ich es die Menschen lehren möchte. Wenn mich deine Schwester nämlich nicht verwandelt, wenn sie also vernünftig ist, werde ich ja wieder ein gewöhnlicher Frosch sein, das habe ich dir schon gesagt, ein Frosch, der die Stimmen der Natur nicht mehr hört und ihren Trost nicht, der nicht mehr zu Menschenkindern sprechen darf, der die Liebe nicht kennen lernen wird, der aber das Wissen vom Sterben nicht wieder vergessen kann. Wenn es so ausgeht mit deiner Schwester, darf ich dann in deiner Nähe bleiben? Wirst du manchmal deine Hand in den Teich halten? Dann werde ich zu dir kommen und mich in deine warme Hand schmiegen, und das wird mein Trost sein. - Und vergiss nicht, in einem Jahr einem anderen Kind von den Froschkönigen zu erzählen. Denn das ist wichtiger als alles, wichtiger auch als meine kleine Angst. Willst du das tun, beides?"
Das habe ich versprochen, damals am Teich, und ich habe es gehalten.
Der Frosch sprang ins Wasser, und ich stand auf und ging ins Haus. Es war dämmerig geworden während dieses Gesprächs, und ich war sehr froh, dass niemand mich bisher gerufen hatte. Ich war aber vor allem sehr traurig, denn meine Schwester würde ja vielleicht bald nicht mehr da sein. Doch ich wusste auch, dass ich es richtig gemacht hatte, als ich dem Froschkönig von ihr erzählte, der durch sie vielleicht ein Mensch werden würde. Sagen durfte ich ihr trotzdem nichts, so war es abgemacht.
Am folgenden Nachmittag, als ich vom Flötenunterricht kam, war meine Schwester nicht da. Mittags hatten wir noch zusammen gegessen. In meinem Zimmer lag ein Zettel:
"Ich habe nicht gewusst, dass die alten Kindermärchen doch wahr sind. Ich musste fortgehen. Du, meine geliebte kleine Schwester, du weißt, was geschehen ist. Du wirst mich verstehen, und wir werden uns wiedersehen, und du wirst die Eltern trösten, ohne unser Geheimnis zu verraten. Das wird sehr schwer sein für dich, ein Kind, aber du wirst es können, darauf vertraue ich. Und nach einer Zeit werde ich wiederkommen, werden wir beide wiederkommen. Inzwischen, das weißt du, kannst du mich erreichen, wenn du ganz fest an mich denkst. Tröste also die Eltern, so gut es möglich ist. Und geh' heute Abend zum Teich und halte eine Hand hinein."
Das tat ich. Kein Frosch kam, um sich hineinzuschmiegen. Da weinte ich und war zugleich getröstet und glaubte es, dass meine Schwester dem Märchen geglaubt hatte.
Und an meinem zwölften Geburtstag erzählte ich das Geheimnis einem Jungen, den ich sehr bewunderte. Er lachte mich aus. Aber am nächsten Tag lächelte er mir zu, und ich sah den goldenen Fleck in seinem rechten Auge.
1995

|  |