Vom Froschkönig. Märchen. Teil 2 · augustine · ·


Märchen, Mythen · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      augustine



Vom Froschkönig. Märchen. Teil 2

   09.08.2007, 00:22



Denn nachdem alle jungen Frösche abgewandert sind, auch wenn sie ja zunächst noch in der Nähe bleiben, müssen wir unser Leben aufs Spiel setzen. Und das ist das, was schwer zu erklären ist. Diese Bedingung erfahren wir aber von einem Froschkönig, der von einem anderen Teich kommt. Jeder Frosch kann sich also entscheiden, ob er Froschkönig werden will oder nicht.
Im Allgemeinen wissen die Tiere und Pflanzen ja nicht, dass sie sterben müssen. Es gibt aber unter allen Tierarten immer einige einzelne, die wissen davon. Bei den Fröschen erhalten diese Gabe die, die sich entschließen, König oder Königin zu werden, und im gleichen Augenblick bekommen zu diesem Wissen den goldenen Glanz. Und manchen von uns gelingt es, einigen Menschen zu sagen, dass das Sterben, von dem sie wissen und das sie bisher gefürchtet haben, zum Leben gehört und dass sie es nicht fürchten müssen. Diese Menschen dürfen dann zwar niemandem sagen, woher sie das Wissen haben, aber sie erlangen eine Gelassenheit, die sie weitergeben an andere Menschen. Und so versuchen wir ihnen zu helfen, wir, die Froschkönige, die schwerste Last zu tragen, die das Bewusstsein ihnen auferlegt. Wir müssen dazu einen erwachsenen Menschen auf uns aufmerksam machen - nicht das Kind, das unsere Sprache verstehen kann, denn es weiß ja schon alles -, und dieser Mensch bestimmt dann über unser Leben, und wir, wenn er es zulässt, über seins."
"Das verstehe ich nicht. Wie soll denn das gehen?
Der Froschkönig kam jetzt aus dem Teich heraus, ehe er weitersprach, und setzte sich auf einen flachen Stein. Ich trocknete mein Gesicht ein wenig mit den Händen und legte mich ihm gegenüber bäuchlings ins Gras.
"Nun", fuhr er fort, "du kanntest das Märchen vom Froschkönig. Sonst wärest du gar nicht zu mir an den Teich gekommen, nachdem der wilde Junge dir etwas so Sonderbares erzählt hat: dass es uns geben sollte. Jemand hat dir das Märchen schon früher erzählt, als du noch kleiner warst. Viele Erwachsene kennen es, aber sie glauben es nicht. Ich aber möchte, dass einige wenige, Menschen oder Menschinnen, es glauben, und dass ich ihnen etwas von dem einfachen Vertrauen geben kann, das die Wesen der Natur darin haben, es sei mit ihrem Leben schon richtig.
Ich hüpfe also einem Menschen zum Beispiel auf die Hand oder auf den Fuß, wenn er barfuß ist; oder sogar, wenn er im Gras liegt und wenn ich ganz kess bin, auf den Bauch oder in den Nacken. Wahrscheinlich erschrickt er sich, weil ich kalt und nass bin, und schüttelt mich ab. Ich muss also wiederkommen und ihm klar machen, dass es kein Zufall war, dass ich auf ihn gehüpft bin; dass ich ihm etwas mitteilen will. Ich klopfe ihn dann mit einem Fuß so lange, bis er das hoffentlich merkt, auch wenn er mich inzwischen noch ein paar Mal weggeschleudert hat. Dabei sterbe ich wahrscheinlich noch nicht, aber der Mensch geht vielleicht in sein Haus, weil er sich ekelt, und ich muss an einem anderen Tag mit ihm dasselbe noch einmal versuchen. Ich muss eben möglichst erreichen, dass der Mensch es merkt, den ich mir ausgesucht habe, dass ich etwas von ihm will, denn ich darf es an jedem Teich nur bei einem versuchen. Und außerdem muss ihm ja das Märchen vom Froschkönig einfallen. Nur wenn ihm das eingefallen ist, kann er überhaupt daran denken, ob er nun etwa aus einer Froschkönigin eine Prinzessin oder aus einem Froschkönig einen Prinzen machen soll. Ich werde es merken, wenn ihm das Märchen eingefallen ist. In diesem Augenblick erscheint der goldene Fleck in seinem Auge. Und dann wird er auch daran denken, dass das Märchen sagt, der Froschkönig sei früher einmal selbst ein Mensch gewesen. Das stimmt aber nicht. Doch kann er ein Mensch werden.
Wenn mein Mensch erst lange darüber nachdenkt, was er denn aber mit einem neuen Menschen machen soll, der auf solche Weise entsteht, dann ist das Spiel aus für mich. Er wird ganz vernünftig sein, wird mich auf die Erde setzen oder auch irgendwohin werfen, und danach bin ich wieder ein Frosch wie alle anderen Frösche. Oder doch beinahe, und das wird dann ein schweres Froschleben sein. Denn ich werde die Stimmen der Natur nicht mehr hören, aber das Wissen von der Sterblichkeit behalten. Davor habe ich etwas Angst.
Wenn mein Mensch aber eine kindliche Seele bewahrt hat und sie manchmal in sich aufrufen kann, wenn er einfach dem Märchen vertraut, so wie er es kennt, und mich mit aller Kraft gegen einen großen Stein oder gegen einen Baumstamm wirft, ja, dann - werde ich trotzdem noch nicht unbedingt ein Mensch, sondern nur, wenn er es will. Ich weiß es, ob er es will. Wenn nicht, mache ich ihm keine weitere Mühe und sterbe bei dem Aufprall auf den Stein oder an dem Baum. Das ist dann auch gut. Ich habe dir ja gesagt: Ich setze mein Leben aufs Spiel. Aber der Mensch, der dem Märchen geglaubt hat, wird in jedem Fall wie du, ob ich nun ein Mensch geworden bin oder nicht, von da an die Sprachen der Natur verstehen. Er wird dabei, wie du es kennst, nicht alle ihre Sprachen gleichzeitig und durcheinander hören, denn das wäre ja gar nicht auszuhalten, sondern er wird immer nur die eine Stimme hören, auf die er sich mit ganzer Kraft konzentriert, und er wird dieser Stimme auch antworten können. Und wie du wird er diese Fähigkeit sein Leben lang behalten. Und eine solche Stimme, eine innere, meine ich, kann auch die eines Menschen sein, aber nur die eines Menschen, der das Geheimnis kennt."

 

      augustine²



RE: Vom Froschkönig. Märchen. Teil 2

   14.08.2007, 14:33



Märchen, Mary P., sind ja keineswegs nur für Kinder da. Nicht mal die lange Zeit mündlich weitererzählten Volksmärchen sind das. Die Märchen, die ein Autor sich ausdenkt, man nennt sie zur Unterscheidung auch 'Kunstmärchen', sind es eher nicht. Eher benutzt dieser Autor Elemente des Volksmärchens, um ein Märchen für Erwachsene zu schreiben. Wenn auch Kinder etwas davon verstehen, umso schöner.
Ich schreibe im Anschluss an diesen mittleren Teil, der ja nur (als solcher, als mittlerer) entstanden ist wegen der 10.000 - Zeichen-Begrenzung. Denn ich sehe mit Grinsen: der letzte wird gelesen; der ist nämlich schon kommentiert; auch der erste wird gelesen, weil er eben der erste ist, aber weniger als der Schluss.
Aber wenn es 3-Zeilen-Texte gibt und 1-Zeilen-'kommentare', darf es doch zum Ausgleich auch mal was Längeres geben, oder?
augustine, solches bedenkend




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