augustine
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Noch ehe die Teichrosenblätter sich aus dem winterklaren Wasser heraufrollen an die Oberfläche, kommen die Frösche. Immer kehren sie zum Laichen dahin zurück, wo sie selbst einst entstanden sind, wenn nicht der Mensch sich herausnimmt, Jungfrösche an einem weit entfernten See oder Teich oder Fluss einzusammeln und in seinen Garten zu tragen. Aber natürlich kommen die Urahnen aller Gartenteich – Frosch - Populationen von irgendwo daher.
Immer sind es zuerst nur zwei oder drei oder vier Frösche, die ihre Köpfchen aus dem noch märzkalten Wasser heben. Der Mensch, der seinen Garten durchstreift und vorfrühlingshafte Veränderungen nach langer Winterstarre der Natur sucht, nimmt sie nur wahr, wenn er genau hinsieht. Aber er sieht so genau hin, wie er es vermag, denn er hat ja den Gang durch seinen Garten angetreten, um Neues zu entdecken.
Am meisten hat immer meine Schwester gesehen. Die Schneeglöckchen hatte sie längst schon entdeckt, als sie nichts als kleine grüne Punkte waren, Krokusse zeigten sich ihr deutlich, vielleicht schon Spitzen von Tulpen und Osterglocken, die sich durch das liegen gebliebene Laub gebohrt hatten. Und wenn der Mensch genau horcht, vernimmt er leises Gequake. Auch das hörte meine Schwester immer zuerst. Es wird lauter, je mehr Frösche auftauchen und ihre weißen Kehlsäcke aufblasen. Dann sieht der beobachtende Mensch viele von ihnen das Tier mit den zwei Rücken bilden und weiß: Sehr bald wird er die ersten Klumpen Laich finden, Ballen von zusammenhängenden Gallertkugeln, einigen Hunderten, mit jeweils genau in der Mitte einem kleinen schwarzen Punkt. Für die Frösche war's das schon. Sie treiben keinerlei Brutpflege und wandern bald wieder ab. Nur die Jährlinge tauchen dann und wann auf, etwa zwei Zentimeter groß. Sie sind noch in der Nähe geblieben.
Die schwarzen Punkte in den Gallertkugeln verändern sich schnell, wachsen, krümmen sich, bilden die Andeutung eines Kopfes aus und einen Schwanz. Nach weniger als drei Wochen beginnt das Gallert sich aufzulösen, und in seiner Mitte sammelt sich ein schwarzes Gewimmel von Kaulquappen. Doch nicht lange, dann rudert jede Quappe allein durchs Wasser.
Auf der Oberfläche des Wassers liegen inzwischen die ersten Teichrosenblätter, von so reinem Grün, wie eine frisch aus der Schale gesprungene Kastanie ein reines Braun zeigt. Noch gibt es keine Läuse und keine verrottenden gelben Stellen an den Blättern, und die Spitzen der ersten Knospen sind zu erkennen und wachsen zur Wasseroberfläche herauf. Da werden sie dann wächsern weiß oder rosa oder rot liegen wie Kunstblumen und ihre Blätter nur entfalten, wenn sie die Sonne aufnehmen können.
Die meisten Kaulquappen erreichen nicht einmal das Stadium, in dem ihnen die Hinterbeine wachsen. Selbst wenn sie nicht von Fischen verschluckt werden oder von fischenden Reihern oder manchmal von durchreisenden fischenden Störchen, überleben sie nicht, und ihre winzigen Leichen sinken auf den Grund des Teiches. Manche stranden auch in kleinen Wassermulden auf den Teichrosenblättern, und der Gartenteichfreund kann sie retten oder es lassen und sich sagen, dass es ihrer Tausende ja ohnehin nach der Ökonomie der Natur nur gibt, weil wenige das Erwachsenenalter der Frösche erreichen werden.
Die sind unter denen zu finden, die es schaffen, das Wasser als alleiniges Lebenselement zu verlassen. Sie haben dann ihren Schwanz abgeworfen und hüpfen auf vier Beinen über den nassen Rasen. Auch in diesem Stadium ist ihr Leben alles andere als sicher. Der Rasenmäher kann sie erfassen oder wiederum der Reiher, der sich beuteträchtige Plätze gut merkt. Welcher Jungfrosch aber seinen ersten Frühling und Sommer und Herbst überlebt und dann noch einen sicheren Platz zum Überwintern findet, der hat gute Chancen, wegzuwandern, nicht allzu weit zuerst, und wiederzukommen und eines Tages als ausgewachsener Frosch auf einem Teichrosenblatt zu sitzen.
So etwa spielt sich das Leben der Gartenteichfrösche offensichtlich ab. So kann es der aufmerksame Mensch beobachten. Aber die Frösche haben noch ein geheimeres Leben, wie die Märchenerzähler immer wussten. Davon habe ich schon als Kind etwas erfahren. Ein wenig kann es ahnen, wer sich einmal mit dem Gesicht aufs Wasser eines Teiches legt. Der sieht nicht nur die Wasserläufer auf der Oberfläche und die Wasserschnecken, die unter ihr hängen, sondern auch die Käfer, die mit froschähnlichen Bewegungen im Wasser schwimmen, er sieht eine ganze Unter – Wasser – Wunder - Welt. Wenn aber ein Kind, das eine besondere Botschaft erhalten hat, den Kopf so lange ins Wasser getaucht hält, bis es glaubt, es nicht mehr aushalten zu können, dann kann es zum Unter – Wasser - Atmer werden und kann mit den Tieren und Pflanzen sprechen. Aber das gelingt nur, wenn es das glaubt, weil ein anderes Kind ihm das gesagt hat.
Nicht alle Frösche wandern nach dem Laichen wieder ab, sondern manchmal bleibt einer zurück. Wer da bleibt, Frosch oder Fröschin, hat sich entschieden, dass er ein Froschkönig werden will oder sie eine Froschkönigin, und das ganze Köpfchen glänzt dann golden. Sehen kann das aber nur das Kind, das darauf vertraut hat, es werde im Wasser atmen können. Diese Fähigkeit kann es sein Leben lang behalten, kann sie aber nur ausüben, wenn es allein ist. Noch als Kind muss es einem anderen Kind das Geheimnis weitersagen und nur einem, und es darf das erst dann tun, wenn es zwölf Jahre alt geworden ist. Wenn es sich daran nicht hält, so verliert es die Gabe, im Wasser zu atmen und die Sprache der Tiere und der Pflanzen zu verstehen und den Froschkönig zu sehen und mehr noch: überhaupt anderes zu sehen als die Oberfläche der Dinge. Doch gibt es in der Nähe fast aller Laichplätze der Frösche Kinder, die ihre Sprache verstehen, und auch Erwachsene. Die Kinder haben es natürlich leichter damit als die Erwachsenen, denn sie können noch an so etwas glauben wie: Du wirst im Wasser atmen können und die Sprachen der Natur verstehen und den Froschkönig sehen. Einfach ist das freilich auch für die Kinder nicht. Beide, Kinder und Erwachsene, dürfen aber nur miteinander darüber sprechen, also mit den anderen, die in das Geheimnis eingeweiht sind, und mit dem einen oder der einen, dem sie es weitersagen. Sie erkennen sich an einem winzigen goldenen Fleck im rechten Auge.
Mir hatte es ein Nachbarsjunge gesagt, ein Raubein, das ich vom Kindergarten her kannte und dem ich deshalb zuerst solche Märchenverheißung überhaupt nicht glauben wollte. Aber über den Fleck in seinem Auge hatte ich mich schon eine Weile gewundert, und auf dieses Zeichen hin wollte ich sie doch prüfen, diese seltsame Verheißung. Zum Glück hieß ja die Vorschrift, dass ich allein sein sollte dabei. Ich stellte mir vor, wie er sonst mich auslachen würde, Marco das Raubein, wenn ich mit Mühe den Atem anhielte und am Ende doch außerhalb des Wassers weiteratmen müsste, und wie er dann überall herumerzählen würde, was für eine dumme Märchenpute ich wäre und wie ich auf sein blödes Gerede hereingefallen sei. Damals war ich elf.
Ich legte mich in der beginnenden Dämmerung eines Abends zu Anfang April an unseren Gartenteich, tauchte vorsichtig den Kopf ins Wasser, hielt die Luft an und hoffte nur, dass niemand mich sah, vor allem nicht die neugierige Nachbarin zur Linken. Doch längst ehe der erwartete Erstickungsanfall sich einstellte, atmete ich ruhig im Wasser, das sich gar nicht mehr kalt anfühlte, konnte die Augen offen halten und sah, dass ein Froschkönig den ganzen Teich mit goldenen Strahlen erhellte, die von seinem Kopf ausgingen, und ich wusste, dass einer mich getroffen hatte und dass ich nun einen kleinen goldenen Fleck im rechten Auge trug.
"Sei willkommen", sagte der Froschkönig, "sei willkommen unter denen, die sehen und die hören können und die Sprachen der Natur verstehen. Wenn du diese Gabe so weitergibst, wie du sie bekommen hast, wirst du sie lebenslang behalten. Das weißt du ja schon. Nun aber frage mich, was du noch wissen möchtest."
"Warum", fragte ich, "gibt es dich überhaupt, einen Froschkönig?"
"Das zu beantworten ist nicht schwer und doch sehr schwer. Was leicht zu erklären ist, das ist dies: Wenn im Frühjahr alle Frösche zusammengekommen sind, die von einem Laichplatz stammen, suchen sie eine oder einen, der auf die Brut aufpasst, einen König. Es stimmt nämlich nicht, dass wir uns nicht um sie kümmern. Wer Froschkönig wird oder Froschkönigin, der bekommt den goldenen Glanz auf dem Kopf, den du jetzt an mir sehen kannst und den nur wenige Menschenkinder sehen dürfen, und damit kann er Tiere blenden, die von außen im Wasser Beute suchen, Reiher zum Beispiel. Bei Fischen allerdings wirkt dies Mittel nicht, weil sie immer im Wasser sind, so wie es auch die Kaulquappen aus demselben Grund nicht schützen kann. Schützen kann es nur die ganz jungen Frösche, die sich anschicken, das Wasser zu verlassen. Ihnen beleuchten wir den Weg hinaus. Doch gibt es nicht in jedem Jahr in jedem Teich einen Froschkönig.

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