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rollerball
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18.07.2007, 18:51 / 1 x geändert
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Mein einjähriger Aufenthalt in einem Rehabilitationszentrum war für mich alles andere als ein Honigschlecken, auch in kulinarischer Hinsicht: Was die Qualität der Mahlzeiten betraf, konnte von gesunder Ernährung, wie man sie in einer Heilanstalt doch erwarten können sollte, leider keineswegs die Rede sein. Man hatte nämlich nur die Wahl zwischen zwei Mittagsmenüs, die zumeist aus Fleisch bestanden. Als ich mich nach vegetarischen Speisen erkundigte, verwies man mich an die Diätassistentin. Ich sah, dass sie wohl mindestens dreißig Kilo Übergewicht haben musste, und mir kamen gleich starke Zweifel an ihrer fachlichen Kompetenz und Eignung für diesen Posten. Dieses Vorurteil wurde zu meinem Bedauern dadurch bestätigt, dass sie mir lediglich anbot, anstelle der Fleischgerichte die totgekochten und ölgetränkten Beilagen und die ewig gleichen Portionen grünen Salats zu verdoppeln. Als ich es wagte, das Wort „Vollwert-Kost“ zu erwähnen, schaute sie mich nur an, als hätte ich ihr einen unsittlichen Antrag gemacht, doch nichts konnte mir ferner liegen ...
Ich musste mich wohl oder übel damit abfinden, dass meine Genesung in Hinsicht auf eine maßgeschneiderte Diät keine Förderung zu erwarten hatte, wenn ich mich nicht privat wenigstens hin und wieder zusätzlich mit gesunden Nahrungsmitteln versorgen ließ. Das würde zwar etwas kostspielig und kompliziert werden, aber ich hatte ja zum Glück Freunde, die sich auch zumeist sehr gesundheitsbewußt ernährten.
Nach mittlerweile fünf Aufenthalten in Krankenhäusern in 3 Bundesländern darf ich wohl behaupten, ohne mich der Übertreibung oder gar der Verleumdung schuldig zu machen, dass die meisten Krankenhausköche den Titel Küchenchef kaum verdienen und ihren schlechten Geschmack leider nur auf dem Gebiet der Resteverwertung durch Kreativität kompensieren. Selbst in mittelmäßigen Restaurants, ja wahrscheinlich sogar in den schäbigsten Vorstadtbeiseln und Provinzgasthöfen würden sie vermutlich auch die anspruchslosesten Gäste innerhalb kürzester Zeit vertreiben, wenn sie nicht rechtzeitig hinausgeworfen würden.
Leute dieses Schlages, die ihnen hilflos ausgelieferte Patienten mit minimalem Arbeitsaufwand und den billigsten sogenannten „Lebensmitteln“ im wahrsten Sinne des Wortes „abspeisen“, sollten lieber einen Würstelstand führen oder ihre kulinarischen Ambitionen in Fast-Food-Ketten ausleben. Man könnte beinahe vermuten, es handle sich bei diesen Individuen um eine bundesweit agierende gastronomische Mafia, die sich in Komplizenschaft mit den Krankenkassen das organisierte Erbrechen zum Ziel gesetzt habe, um den Patienten einen allzu langen Aufenthalt in den Krankenhäusern nur ja nicht allzu schmackhaft zu machen. Es ist selbstverständlich, dass man sich in Krankenhäusern keinen besonderen Gaumenkitzel durch aufwendige und kostspielige Delikatessen aus der haute cuisine erwarten darf, doch ein zwar schlichtes, aber ordentlich zubereitetes und vor allen Dingen gesundes Essen, wie ich meine.
Wenn ich mich wiederholt über völlig versalzene Suppen und Saucen beschwerte, rechtfertigte man sich mit der Behauptung, die meisten Patienten wünschten es eben so. Daraufhin fragte ich, ob es keine Salzstreuer gäbe, mit denen sich jeder nach Belieben selbst vergiften könne. Wenn jemand den ganzen Inhalt in seine Suppe streuen wolle, hätte ich nichts dagegen. Da ich jedoch das überschüssige Salz nicht mehr entfernen könne, verbäte ich mir diese gerade in einem Krankenhaus unverständliche und fragwürdige Zwangsbeglückung.
Auch sonst wiesen die Menüpläne der meisten Krankenhäuser zum großen Teil schwere und fette Fleischgerichte in riesigen Portionen auf, die - gewissermaßen im vorauseilenden Gehorsam - den ungesunden Essgewohnheiten der Österreicher, speziell der älteren Generationen, entsprachen, die sich ohne Rücksicht auf Verluste buchstäblich zu Tode essen. Die Statistiken von Übergewicht, Herzinfarkten, Schlaganfällen, Magen- und Darmkrebs sind eindrucksvolle Beweise für diesen schleichenden Selbstmord mit Messer und Gabel.

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StahlKocher
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"Das organisierte Erbrechen" - sehr gut! ansonsten würde ich mir etwas mehr wut wünschen, ein paar beißende spitzen. kennst du von hornby "how to be good"? anfangs ist der ehemann doch als kolumnist für eine zeitung tätig. er firmiert dort als "angriest man of holloway" vielleicht so in der richtung? andererseits - vielleicht wäre die suppe dann auch versalzen....
grüßle - stahl

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rollerball²
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Hallo Stahl!
Wut ist nicht so meine Sache, die überlasse ich anderen, die ihre Emotionen nicht unter Kontrolle haben; meine Texte machen aber manche Leute ziemlich wütend, wenn ich mit Spott arbeite - Lächerlichkeit schmerzt oft viel mehr als harte, wütende Schläge ...
Hornby kenne und mag ich, dieses Buch muss ich mir aber noch besorgen, danke für den Tipp!
so long, rollerball

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Phaidros
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Hallo Rollerball,
ich kann's mir leider nicht verkneifen auf deinen Text zu reagieren:
"Wut ist nicht so meine Sache, die überlasse ich anderen, die ihre Emotionen nicht unter Kontrolle haben;..."
So erhabend und über den Dingen schwebend? Da kennen wir dich aber anders...
"...meine Texte machen aber manche Leute ziemlich
wütend, wenn ich mit Spott arbeite - Lächerlichkeit schmerzt oft viel mehr als harte, wütende Schläge ..."
Kein Wunder! Spott ist die agressivste Art Wut auszudrücken und dazu extrem Feige, denn man diskreditiert den "Feind" und wertet eine Reaktion automatisch und im Vorhinein ab. Du bist der Souveräne und Erhabene!!!
Wer eigentlich der Feind ist liest man wahrscheinlich zwischen den Zeilen und bestätigt wahrscheinlich meine Vermutung...leider!
Sprachlich auf einem sehr hohen Niveau ist es dennoch sehr einfache Bewältigungsliteratur und verrät damit viel über dich, hat aber sonst, für mich als Leser, kein Wert!
Ich finde es weder verdichtet, noch abstrahiert noch sonst was...blos versucht betroffen zu machen...
Hmmmm...?

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rollerball²
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Na, da scheine ich ja wieder mal jemanden wütend gemacht zu haben, die feindselige Reaktion von Phaidros sieht jedenfalls danach aus.
Ihn als Feind zu betrachten, würde ihm und seinen Äußerungen jedoch mehr Bedeutung beimessen als sie verdienen.
Seine Texte verraten auch mir mehr über ihn, als ich wissen möchte; er hat offenbar viel zu bewältigen, doch das ist glücklicherweise nicht mein Problem, ich fühle mich weder getroffen noch betroffen …

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augustine
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Doch, roller, ich find schon richtig, was der Stahlkocher schreibt.
Und dass Krankenhauskost zum Kotzen ist - das sollte wütend machen.
Aber ein guter Text wird aus solcher Darstellung nur, wenn du NICHT aufzählst, was dir widerfahren ist, sondern beispielsweise das widerlichste Vorkommnis als un-satte Satire schreibst. Denn dann, wenn dergleichen aufgeschrieben wird, darfst du auch freier damit umgehen, z.B. zusammenziehen, was sich nicht zusammen ereignet hat (Ort und Zeit), Personen übereinanderschieben und, ja, den Text auf "beißende Spitzen" hin anlegen.
So wirkt er blutleer und wie wenn jemand nach all dem Erlittenen an seine Krankenkasse geschrieben und sich dabei um der weiteren Ausgaben willen stilistisch einigermaßen zurückgehalten, einen Bericht geschrieben hätte.
Ich würd's nochmal ganz neu schreiben. Bitte nimm diesen Rat nicht übel der augustine

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Jolante
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20.07.2007, 17:55 / 1 x geändert
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Ich möchte doch zu bedenken geben, dass Rollerballs Text als Essay ausgewiesen ist und eben nicht als Satire oder Kurzgeschichte. Er beleuchtet das Problem Krankenhauskost und äußert durchaus ironisch seine Haltung zu diesem Thema. Warum sollte er Wut äußern, wenn er diese bereits unter Kontrolle gebracht hat und nun aus einer gewissen Distanz heraus lieber mit leisem Spott reagiert, den er als das ihm gemäßere Ausdrucksmittel empfindet. Der Text ist gut geschrieben, wenn auch eher unter journalistischen als unter literarischen Aspekten, jedenfalls erscheint er mir authentisch. Wer schon so oft Krankenhauskost "genießen" durfte wie ich, kann diesem Text seine Zustimmung nicht versagen. Vielleicht, Rollerball, kann dir dein Essay ja als Stoffsammlung für eine gut gewürzte aber nicht versalzene Krankenhaus(kotz)geschichte dienen.
Liebe Grüße
Jolante

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