Ein Textvorschlag für gem. Interpr.versuche · augustine · ·


Gedichtinterpretationen · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      augustine



Ein Textvorschlag für gem. Interpr.versuche

   19.03.2006, 03:21 / 1 x geändert



Solang du Selbstgeworfnes fängst, ist alles
Geschicklichkeit und läßlicher Gewinn -;
erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles,
den eine ewige Mit-Spielerin
dir zuwarf, deiner Mitte, in genau
gekonntem Schwung, in einem jener Bögen
aus Gottes großem Brücken-Bau:
erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, -
nicht deines, einer Welt. Und wenn du gar
zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest,
nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest
und schon geworfen hättest..... (wie das Jahr
die Vögel wirft, die Wandervogelschwärme,
die eine ältre einer jungen Wärme
hinüberschleudert über Meere -) erst
in diesem Wagnis spielst du gültig mit.
Erleichterst dir den Wurf nicht mehr; erschwerst
dir ihn nicht mehr. Aus deinen Händen tritt
das Meteor und rast in seine Räume...

Aus: Rainer Maria Rilke, Die Gedichte 1922 bis 1926 (Muzot, 31. Januar 1922)

 

      augustine²



RE: Ein Textvorschlag für gem. Interpretationsversuche

   21.05.2006, 03:09 / 1 x geändert



...

 

      Gerd



RE: Ein Textvorschlag für gem. Interpretationsversuche

   21.05.2006, 08:15



Hallo augustine,
first service: Die Überschrift hat mich förmlich in den Text begleitet. Der Selbstinterpretation gleichen mir die ersten beiden Zeilen. Das Erkennen eines rein fremden Gedankens sind mir die Zeilen drei bis acht. Die Interpretation eines fremden Textes, ohne dabei das eigene „Genie“ in den Fordergrund zu stellen in den Zeilen neun bis elf. Schließlich ist nur die zur Natur gewordene fließende Kraft von Wahrhaftigkeit und damit gültig. Im Loslassen des eigenen selbst liegt das Wagnis, im freien Wurf der Gewinn. So für mich gelesen hat die Aussage viel zenhaftiges, was mir sehr sympathisch ist. Vielleicht bin ich aber auch schon bei mir selbst in den ersten beiden Zeilen hängen geblieben.
Liebe Grüße
Gerd

 
        arisia
        (Gast)

RE: Ein Textvorschlag für gem. Interpretationsversuche

   02.06.2006, 12:18



Was fällt mir dazu ein?

Erst wenn ich mit mir im Gleichgewicht bin und absichtslos
nicht Handelnde, sondern das Handeln Geschehenlassende,
dann gelingt der Weltenwurf, ist alles "an Welt Beteiligtsein"
frei von Eigennutz im Dienste von Welt, und bereitet mir
auch keine Magenschmerzen, da weder Erfolg noch Dankbarkeit
erwartet werden, ja, auch die Erwartungshaltung selbst nicht
mehr vorhanden ist.

Grüße

arisia

 

      augustine²



RE: Ein Textvorschlag für gem. Interpretat

   21.08.2006, 01:26 / 1 x geändert



1f: (und Überschrift): "Selbstgeworfnes" ist wohl das, was ein Mensch in die "Welt" hinein gibt, wie er sich ihr gegenüber von sich aus verhält, und wenn der Mensch ein Dichter ist: was er veröffentlicht, wie das aufgefasst wird, wie er mit diesen Reaktionen umgeht; der "Gewinn" ist nur "läßlich" (sicher eine Formulierung, die den katholischen Begriff von der 'lässlichen Sünde' ins Gegenteil wendet, also insofern auch mit ihm spielt), nicht so bedeutend
4: die "ewige Mitspielerin" ist das Schicksal, denke ich; das kennt das Ich genau (es wirft in seine Mitte); das Bild vom Brücken-Bau ist in sich klar, glaube ich
7: 'Gott' ist bei Rilke immer nur eine Metapher, kein persönlicher Gott, an den er nach der Kinderzeit nicht mehr glaubte; an so etwas wie Fügung, Vorherbestimmung aber wohl auch nicht (das ist jetzt so eine Aussage, die ich fahrlässig finde, aber ich kenne Rilke noch wenig und kann das jetzt auch nicht zu ergründen versuchen)
8ff: auffangen können, was einem widerfährt, schicksalhaft, was man nicht beeinflussen kann – das erst wäre "Vermögen" (Können); es fällt auf, das "Vermögen" und zuvor "Gewinn" Ausdrücke aus dem Bereich Ökonomie sind, die R. hier gewissermaßen auf ihre wirkliche Bedeutung zurückführt; in welchem Sinn "Welt" gemeint ist, weiß ich jetzt noch nicht recht; wohl der von "Mitspielerin"/"Gott"/Schicksal
9ff: nun das dritte: das in die eigene Mitte Geworfene nicht nur fangen, sondern auch zurückwerfen, es bewusst akzeptieren oder, besser noch, es so akzeptiert haben, dass man sogar unbewusst richtig, dem Schicksal gegenüber angemessen reagiert (darin steckt sicher Psychoanalyse, er kannte durch Lou Andreas-Salomé auch Freud; der Kommentar zitiert zu dieser Stelle aus einem Brief an Nanny Wunderly-Volkart: "Denn reines Schwachsein dem Übergroßen gegenüber, das das Leben ist, ist ja Kraft"; Quelle lass' ich weg)
12ff: der Vergleich mit den Zugvögeln ist natürlich aus einem Bereich, den der Mensch nicht beeinflussen kann: Zeit, Instinkt der Zugvögel, die es eben auch unbewusst richtig machen
15ff: das erst ist "gültiges" Spiel (Assoziation zum Glücksspiel, das man auch nicht beherrschen kann), 'richtiges' Leben, sagt R., aus unbewusst gewordener Übereinstimmung mit dem, was einem zufällt und widerfährt; dann ist der Wurf weder leicht noch schwer, denn solche Begriffe haben in der Übereinstimmung ihren Sinn verloren
18f: dann – was für ein Gedanke!!! – bist du fähig, selbst ein Stück Natur (!!) aus dir zu entlassen, ein Stück Universum gar, den "Meteor", und ihm nicht, wie es sonst mit allem Werfen geschieht, die Wurfbahn vorzuschreiben, sondern sie ihm zu überlassen …

Ich hatte kein Lust, zu erläutern, warum ich scheinpoetische Aussagen für solche halte. aug.
Statt dessen dies. augustine

 

      ear



RE: Ein Textvorschlag für gem. Interpretat

   22.08.2006, 11:00



Hi, augustine, habe ich es richtig vestanden,?
dass das Leben des Menshen, das ja zeitlich begrenzt ist, genutzt werden muss und anders verlaeuft als das eines Tieres?
Dass ein ausgewaehlter Mensch, wie vermutlich ein Dichter tiefer eindringen kann in Problematik als ein normaler Mensch,
dass er aber auch die Aufgabe hat, den Menschen seine Gaben weiterzureichen.
Dann spielt die Liebe eine wichtige Rolle (Zuwerfen des Balls), die Spieler muessen sich nach Regeln und Geschicklichkeit den Ball zuwerfen und koennen sich helfen beim Fangen. Sollte der Ball verpasst sein, kann er wiedergeholt werden und ein verbessertes Lernen der Regeln , Erfahrung in seinem Tun, koennte dem Dichter Freude geben.
Doch ein Dichter will sich auch distanzieren, los- sein von Zwaengen. Vielleicht sucht er seine verlorene Kindheit, das Unbekuemmertsein als etwas nun Erstrebenswertes. . L.G.ear

 

      augustine²



Ein Textvorschlag für gem. Interpretat

   22.07.2010, 20:06 / 1 x geändert



Das hier ist mehr als 4 Jahre her.

Für mich hat es unbefriedigend geendet: denn 'richtig' gibt's ja nicht.
Hast du Interesse, willimox? (was niemanden ausschließt, natürlich)

Gruß augustine

 

      SimonLore



Ein Textvorschlag für gem. Interpretat

   22.07.2010, 22:06 / 1 x geändert



Versuche mich auch mal daran...

"Selbstgeworfnes" sind für mich eigene Gedanken, das ist der innere Monolog.

Der Ball, der in gekonntem Schwung, in einem perfekten Bogen zugeworfen wird, das ist ein Wort, das trifft, in der eigenen Mitte ankommt und so die Brücke baut. Spannend ist hier, wer wohl die ewige Mitspielerin ist. Ist es eine Geliebte, ist es Fortuna? Tippe auf letztere.

Solch Wort zu fangen - mit dem "Herzen" zu erfassen - ist dann auch nicht eigenes Vermögen, sondern das der Welt, des Schicksals, das allzu selten solche Gelegenheiten bietet.

Und diesen Ball zurückzuspielen, genau so treffend, ist wiederum etwas, was absichtlos nicht etwa aus dem eigenen Willen geboren wird. Etwas Unnennbares spielt hier mit.

"wenn ihr's nicht fühlt, ihr werdet's nicht erjagen, wenn es nicht aus der Seele dringt..."

 

      augustine²



Textvorschlag für gem. Interpr.

   23.07.2010, 14:20 / 1 x geändert



SimonL, wenn's dich WIRKLICH interessiert: knie dich rein, Wort für Wort für Wort. Ich will ja zwar nicht die sein, die nun sagt: richtig (oder falsch), aber das Niveau (und nicht: Niffoh) des Zugriffs wünschte ich mir anspruchsvoller.
Um einfache Menge an Textproduktion (dazu neigst du) geht's nicht!

augustine

 

      gregor libkowsky



Textvorschlag für gem. Interpr.

   23.07.2010, 16:58



Der Terminus "gemeinsame Interpretation" ist eine so wunderbare Lebendfalle, dass die Kränkungsschreie der Opfer weit über das Forum hinaus gellen.

Danke Augustine, dass du hier dem Wort "gemeinsam" eine neue Bedeutung zu geben vermagst, denn am Ende bist du diejenige, die allein Gnade walten lässt, die richtet über Gut und Böse, die unterscheidet zwischen Trivialität und Anspruch, die eingrenzt, begrenzt, ausgrenzt. Man erinnere sich an die Kolmar-Streitigkeiten.

Viel Spaß also noch beim gemeinsamen Tun.
Ohnehin ohne mich - so viel kann ich gar nicht kotzen.

Libkowsky, Nase voll von arroganter Bildungshuberei.

 

      augustine²



Textvorschlag für gem. Interpr.

   23.07.2010, 19:56 / 1 x geändert



Auch wenn du nun nochmal kotzen musst, Libkowsky:
ich hab doch geschrieben, dass es ein 'richtig' nicht geben kann. Ich kenne das Gedicht nun schon eine Weile, finde aber keineswegs, dass ich es wirklich verstehe. Wirkliche Bemühung darum wollte ich gern mit jemand teilen.
"Arrogante Bildungshuberei", wenn's ein Rilke-Gedicht ist in einem, ich sag's zum x-ten Mal, in einem Forum für Literatur & Germanistik? Eher wohl, weil ich das Wort Niveau gebraucht habe. Signalisiert nicht der Forumstitel dergleichen?

augustine

Übrigens hats das ja durchaus gegeben, z.B. hier.

 

      SimonLore



Textvorschlag für gem. Interpr.

   24.07.2010, 01:41 / 5 x geändert



Liebe augustine,
es ist wohl offensichtlich, dass du in diesem Faden mehr Text produziert hast als ich. Wenn ich tatsächlich einen eher naiven Zugang zur Deutung des Gedichtes gesucht habe, so ist dies ein Aspekt unserer gemeinsamen Interpretation.

Inhaltlich hast Du Dich leider mit meinem Deutungsansatz nicht auseinander gesetzt und es ist mir auch nicht klar, was daran konkret zu bemängeln wäre. Ich zumindest habe doch den Einduck, hier eher wenige als zu viele Worte gemacht zu haben.

Wenn es allerdings etwas ausführlicher sein soll: gerne.

"Solang du Selbstgeworfnes fängst" ist nicht, wie augustine meinte, etwas, das irgendein Dichter in die Welt hineinwirft. Sonst würde er es ja nicht selbst fangen - das scheint mir offensichtlich.

"erst wenn du plötzlich Fänger wirst des Balles, / den eine ewige Mit-Spielerin / dir zuwarf," - wollen wir bei augustines literarischer Interpretaton bleiben, kann hier auch die Rede sein von Inspiration, von dem, was einem eben zufliegt. Diese Stelle scheint aber nicht rein rezeptiv gemeint zu sein, da ja im Späteren der Ball zurückgespielt wird. Darum halte ich meinen aufs Kommunikative bezogenen Deutungsansatz für treffender.

"erst dann ist Fangen-Können ein Vermögen, - / nicht deines, einer Welt." Hier sehe ich die Andeutung der Kommunikation als einer vom Individuum losgelösten Art des Austausches, als Selbstzweck existierend, wie's die Konstruktivisten um Watzlawick ja so schön darstellten.

"Und wenn du gar / zurückzuwerfen Kraft und Mut besäßest, / nein, wunderbarer: Mut und Kraft vergäßest / und schon geworfen hättest....." deutet die Unwillkürlichkeit der Antwort an. Du magst das wieder für niveaulos halten, liebe augustine, aber mir fällt da spontan das Schwert ein, das Bastian Baltasar Bux von Graograman geschenkt bekommen hat, und dass er nur einsetzen darf, wenn es ihm von selbst in die Hand springt...

Die "Wandervogelschwärme" folgen den natürlichen Gesetzen der Notwendigkeit. Ebenso stellt sich Rilke also die ideale Antwort auf den zugespielten Ball vor. Nicht von Mut und Kraft abhängig, sondern selbst gleichsam Manifestation eines Naturgesetzes.

Selbiges zeigt sich abermals im Bild des Meteors, der ja auch - allein von den Kräften der Gravitation geleitet, seine Bahn findet - eben nach den Gesetzen der Notwendigkeit, oder sehr plump: Weil es so richtig ist.

Diese näheren Ausführungen schrieb ich nicht, weil ich meinte, irgendwelchen Niwo-Ansprüchen genügen zu müssen, sondern weil offensichtlich eine ausführlichere Erläuterung meines Interpretationsansatzes angebracht war.

 

      lost



Nicht, dass dieser Rilke mich

   24.07.2010, 12:02



nicht reizte -


Es ist nicht so, dass dieser - ich möchte behaupten: womöglich auch metapoetische und/oder sprachphilosophische Fragestellungen umkreisende; womöglich auch vom Geheimnis des Dichtens und Schreibens flüsternde (nicht: raunende!) - Rilke, dessen Mit-Spielerin die geliebte Sprache SELBST sein mag - btw.: dies ist eine der Auffälligkeiten am Text, die Schreibweise der "Mit-Spielerin" (Hofmannsthal samt "Sprachkrise" fällt mir dazu ein; auch Wittgenstein samt "Sprachspiel"); die andere Auffälligkeit sind die schwarz wie Schrift-Zeichen (so immerhin das mir entstandene Bild) an den hellen Himmel über den Meeren geworfenen Wandervogelschwärme (warum nur dieses eine konkrete Detail, dieser so deutlich markierte Einschub? und was soll das denn sein, diese "ältere Wärme"? und was sollen die "Meere" sein? was die "Wandervogelschwärme"?) - die Sprache in der Rolle der Mit-Spielerin, ja; - dass also dieser implizit den poeta vates (-> "Fangen können") gegen den poeta faber (-> "Selbstgeworfnes") beziehungsweise das "ingenium" gegen die "ars" (und ars wäre hier zu verstehen im Sinne von "technä") haltende, hier von der Ästhetik der Sprache (= von der Dichtkunst) sprechende Rilke; - dass nun also (zum dritten Mal!) dieser Rilketext, der MIR vor allem mitteilt, es entstehe aus der zügellosen "Facilität" die Kunst nur durch ein WUNDER, nicht aber und keinesfalls entstehe Kunst mittels jener ästhetisierenden Einbildungskraft, welche Nicht-Erlebtes und Nicht-Erfahrenes in eine äußerliche Hülle presst oder in eine frömmelnde Formelsprache; - dass dieser Rilketext (um es nun endlich auszusprechen!) mich NICHT reizte, kann ich wahrlich NICHT behaupten!

Jedoch! Im Gedenken an die in der Schlacht bei Kolmar unschuldig Gefällten will auch ich mich hier und für dieses Mal zur Enthaltsamkeit aufrufen. Die Pietät gebietet es!


Still an Ihrer Seite, Kommandant; umflort: lost




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