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augustine
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15.03.2006, 23:35 / 2 x geändert
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WIE WARN DIE STUNDEN ANDERE …
in Gedanken an Gottfried Benns Gedicht
Wie war'n die Stunden andere, als wir zuvor sie dachten!
Du lagst und schwiegst und sannst dem Abend nach, der Nacht.
Kerzen, um uns gesammelt, brannten sacht.
Wir sahen auf, uns immer wieder zu betrachten.
Mein Vortrag erst, Gedichte und Poetik.
Gelungen? Wenig Fragen. Draußen regnet's leise.
Vielleicht war's allzu viel Hermetik.
Wir sprechen weiter akademisch und sehr weise.
Und reden dann beim Bier, noch immer arg gelehrt,
Doch es beginnt dein Aug' nun anderes zu sagen,
Und du beginnst ein Spiel mit meiner Hand zu wagen.
Die alte Sprache, die gelehrte, scheint uns schon verkehrt.
Über den Tisch mit deiner rechten Hand fasst du die meine
Und siehst mich an und streichelst sie ganz ohne Wort.
Dein Glas nimmst du und trinkst zuerst alleine
Und reichst es dann zu meinem Mund mit dem von dir berührten Ort.
"So komm." "Wohin?" "Zu mir. Zu Brot und Wein
Und einem andern Kuss, Frau Referentin, zu einer andern Quelle."
Durch Wind und Regennieseln finden wir die deine, unsre Stelle
Bei Wärme, Licht von Kerzen, Brot und rotem Wein.
Die Nacht ist sanft dort drinnen. Und wir haben Zeit, wir
Wagen es einander zu begehren, zu berühren, zu erfüllen,
Die Lust uns wieder zu entfachen und zu stillen.
Zuletzt hast du mich eingesalbt mit dir.
Dann hast du uns bedeckt in unsrer süßen Stille.
Fremd kam ich her, gelassen, aber ohne Glück.
Nun lieg' ich bei dir, sinne, und kein Wille
Zwingt uns, dich und mich, zurück.

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Gerd
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Liebe augustine,
Deine atmosphärisch fein gesponnen Zeilen haben ein eigenes Leben und durchaus Bestand und Berechtigung neben Benn. Etwas kürzen würde ich dennoch, evtl. die zwei und die fünf. Vielleicht, weil alle bis auf 2 und 5 eine so hohe Faszination auf mich ausgeübt haben.
Dennoch finden sich in der fünf interessante Bilder. Brot und Wein lese ich als Leib und Seele oder Fleisch und Blut. Weiter Motive von Opfer und Erlösung, die sich für mich in der sechs durch "erfüllen" und "eigesalbt" bestätigen. Wozu wird der andere Kuss, die Frau Referentin und die andere Quelle noch benötigt, wo doch die anderen Zeilen schon so deutlich sind? Auch wenn ich nun einigen zu emotional bin, viel das mich begeistert.
Herzliche Grüße
Gerd

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augustine²
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Ich sehe, hier war noch eine Antwort offen. Das Gedicht sollte zwei gewöhnlich nicht zu vereinbarende Situationen und ihre Auflösung zeigen: die förmliche eines Vortrags (daher Strophe 2 absichtlich spröde), aus der dann die intime einer Liebesbegegnung entsteht. "Opfer und Erlösung" habe ich nicht gemeint und sehe auch nicht, wo beide sein sollten. Liebe Grüße, Gerd. augustine

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Gerd
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Liebe augustine,
die Szenerie hatte für mich auch etwas eucharistiehaftes. Jedoch sah ich im Kontext des Opfers das Hingeben und in der Erlösung die Erfüllung in physischer und metaphysischer Hinsicht.
Liebe Grüße

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