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lost
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25.06.2007, 00:42 / 3 x geändert
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Sonntag, 24.06.2007, 12:04 - Captain Grand
der Schädel, verdammt. der verdichtete Bleiklumpen da oben und das Gärknäuel im Magen. gestern zu viel gesoffen mit Emanuel. Captain Grand.
mich auf Entspannung mit Rosa gefreut, endlich mal wieder, und kurz vor elf Klingelsturm. Rosa wirft die Arme nach oben, den Kopf nach hinten, reißt ihr Mäulchen auf, lautlos, rollt die Augen weg und verschwindet in ihrem Zimmer: so klingelt nur einer, unangemeldet, Samstagabend um die Zeit: Kant ante portas. hager und hölzern wie immer, eine Stunde hat er gebraucht vom westlichen Rand der Stadt bis zu uns aufs Land, "wollte dich überraschen, Herre" flüstert er, schaut sich um. "Rosa schon waagrecht?" - dann erst schnellt er mir zur Begrüßung die Rumflasche gegen mein Brustbein, der elende Linkshänder. ich schlurfe voran in die Küche: schwarzen Tee kochen. er nervt, seine Anwesenheit nervt, er weiß das, weiß aber auch, dass alles ein Jota weniger unerträglich ist, wenn er Captain Grand Übersee Rum (3,98 für 0,75l) mitbringt. wir trinken den Captain mit etwas Schwarztee verdünnt.
- was treibt dich, Emanuel? - und schon läuft ihm das Maul über von Sylvia, die ihn absolut wunderbar treibt. sie ist jung, sie ist lebhaft, experimentierfreudig, warm, strotzend, ja, strotzend vor allem, aber nun mit zwei Freundinnen für drei Wochen nach Kuba, achach, ihm fehlen ihre Rundungen vorn oben und hinten unten, diese ganze Inspiration, und er macht plastische plastizierende Handbewegungen und verliert sich symbolisch in griffigen Pfundportionen von festem Fleisch, das leider nicht greifbar ist ... genau da ist mein Filmriss, um Mitternacht muss es gewesen sein. er verträgt viel und ich so wenig, obwohl unsere Mütter beste Freundinnen waren, und wir sind aufgewachsen wie Brüder, die unzähligen gemeinsam verbrachten Stunden der frühen Kindheit, und wir haben beide überlebt, er und ich, das bindet, das bindet ... oh verdammt, verdammt.
später höre ich ihn wieder, an Bruchstücke kann ich mich doch erinnern, jetzt um die Mittagszeit, gepeinigt von der hellen, meinen Schädel, meinen Magen verachtenden Sonne:
- was kann man überhaupt wissen, Herre, kannst mir das sagen, sag?
- weiß nicht, Emauel ... sei doch still ...
- Herre, du hast kein Feuer mehr, sag mir, was soll man tun in der Welt, was tun?
- hättest heiraten sollen, Emanuel ... heirate sie doch, die Sylvia, statt sie nur dauernd zu vögeln ...
- zu spät, Herre, bin zu alt, um zu heiraten, jöguschli, jögusch, was kann ich denn noch hoffen?
- ? - ? - ? ---
- Herre, was bist nur für ein Mensch, ach, was sind wir nur für zwei Menschn, du und ich, Herre, was ist der Mensch überhaupt denn, hörst du mich, Herre, was soll man da sagen, was ist der Mensch, sag?
dann weiß ich noch, dass Rosa mich nach oben geschleift hat.
Emanuels Auto steht nicht mehr vor dem Haus: als ich vorhin im Bad war, hab ich gekotzt und dann vorsichtig aus dem Fenster geschaut. die Rostmühle ist weg. weiß der Teufel, wie er das gemacht hat, er muss mindestens ebenso dicht gewesen sein wie ich ... seine blöden Fragen kleben mir unterm Schädel, wühlen mir im Magen. dass er aber auch seine Fresse nicht halten kann. muss man denn dauernd reden beim Saufen? wenn er das nächste Mal kommt mit seiner Rumflasche, wird er mich wieder fragen, er gibt keine Ruhe, er textet so lange weiter, bis er die richtige Antwort hat. Nervensäge. Heimsuchung. Kant. verdammt.
nur gut, dass heute nicht Montag ist.
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Heimsuchung - Vaters Planeten (Link)
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Jolante
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27.06.2007, 14:01 / 1 x geändert
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"Was kann ich wissen? Was darf ich hoffen?",
das sind zwei von mehreren drängenden Fragen, die den Ich-Erzähler "heimsuchen", als er mal wieder dem Alkohol in die Falle gegangen ist. Emanuel Kant, dieser alte, aufdringliche Freund und ungebetene Gast, der dem Erzähler seit frühester Kindheit vertraut ist, steht hier wohl für Immanuel Kant, dessen Werk "Kritik der reinen Vernunft" bis heute nichts von seiner fundamentalen Bedeutung eingebüßt hat. Geschickt spielt der Tagebuchschreiber mit dem Leser Katz und Maus. Wer ist wer, was ist wirklich passiert in der Nacht, was halluziniert im Suff?
Der Protagonist wird nicht nur von philosophischen Fragen heimgesucht, sondern zuvor auch von Erinnerungen an "weibliche" Genüsse, aber auch da drängen sich Fragen auf und die frustrierte Feststellung, dass er zu alt und es folglich zu spät sei für eine feste Bindung. Nun, es brächte nichts, die Aufzeichnung nacherzählen zu wollen, und so bleibt mir nur die Feststellung, dass mich diese hintergründige, melancholische Erzählung noch immer beschäftigt und der lost`sche Schreibstil mir sehr zusagt.
Wie schon früher angemerkt, fallen mir Erstkommentare nicht ganz leicht. Um so gespannter bin ich auf weitere Lesarten.
LG Jolante

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rollerball
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Wer oder was ist dieser Mensch, der uns da sein Tagebuch öffnet? Wir können es nicht wissen, die anachronistischen Spuren führen uns immer wieder in die Irre oder an der Nase herum, des Lesers armes Hirn wird benebelt, als hätte er auch zuviel Capt. Grand konsumiert, doch es ist ein vergnüglich-sinnliches Koma-Lesen, dem man sich gern hingibt. Was können wir erhoffen? Mehr von der Sorte!

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ear
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27.06.2007, 19:07 / 1 x geändert
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Lost in words, lost, aber deine Erzaehlung laesst mich nicht los.
Ich ueberlege, ob der Eindringling eine Mischung aus Immanuel Kant und Emanuel Swedenborg sein koennte. Denn Kant war es , der das Werk “Traeume des Geistersehers “ schrieb, um Swedenborg zu kritisieren. Er tat Swedenborgs hellseherische Voraussagen als Intuition ab. Swedenborgs Werke waren in lateinischer Sprache geschrieben, eines davon befasst sich mit “Amor Coniugalis”. Eventuell ist auch das ebenso herrische, wie dominierende Auftreten des Protagonisten in Loriots “Papa ante portas” gemeint. Dort wie eine Krankheit , hier in der ‘Heimsuchung’ ebenfalls : das Trinken wiederholt sich, keine freudenbringende Verkuendung, sondern Heimsuchung im Negativen Sinne. Schliesslich kommt mir noch Emanuel mit George Orwells 1984 in den Sinn. Nur Vermutungen….,ear.

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lost²
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Geständnis
es belebt mich,
diese Kommentare zu lesen.
dies ein erster Dank.
regards, lost.

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zuppanova
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jaservus,
als ich auch einmal jung und hübsch war, wollte ich unbedingt bardame werden. meine eltern waren unumstimmbar dagegen, und ersatzweise bin ich dann halt etwas anderes geworden. jetzt aber, beim lesen dieses tagebuchtextes, hats mich gereut, dass ich nicht gegen den elternwillen doch bardame geworden bin, weil:
dann hätt ich sofort, als männliches pendant zu Bloody Mary und Frozen Margarita, den Captain Kant erfunden.
Ingredients: 1 Barlöffel dunkler Rum, 1,5 cl Rotwein, 3 cl Gin, 1 cl Orangensaft, 3 cl frisch gebrühter, heißer Java Blend (12 g Teeblätter auf 1 l kochendes, weiches Wasser, 3 Minuten ziehen lassen)
Garnitur: Zuckerrand
Glas: Teetasse, groß
Arbeitsweise: Shaker (also: geschüttelt, nicht gerührt!)
Bemerkung: Shortdrink
Gelegenheit: After-Dinner bis zum Morgengrauen
Jahreszeit: ganzjährig
Geschmack: herb nach Wahrheit und Me(e|h)r
ja, da könnt er dann kommen, der Emanuel, und mich heimsuchen mit seiner Kant-erei.
googelnderweise hab ich nämlich dem Kant nachgespürt und die 4 kantischen fragen entdeckt sowie auch, dass im geburtsregister ursprünglich "Emanuel" eingetragen war, dass er seiner lebtag ledig blieb --> lässt sich also dein tagebucheintrag, lost, lesen als melange von dichtung und wahrheit, als "blick in einen vllt, aber nicht unbedingt besoffenen kopf". etwas an dem text (vermutl. die an romantische spiegelungsmotivik gemahnende doppelgängerhaftigkeit von Herre und Kant) erinnert mich an E.T.A. Hoffmann. es bleibt unklar, wo die wirklichkeit aufhört und die suffprojektion anfängt.
so schlecht gemacht nicht, meint im gegenteil:
zuppa.

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lost²
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es sei mir erlaubt, noch einmal zu danken - nach langer Zeit - für die Zuschriften zu dieser meiner Heimsuchung. erklären kann ich, muss ich weiter nicht, da die Leser/innen sattsam erklärten (sich den Text).
btw., ich denke über einen Rezepte-Faden nach, eine lyrische Koch-Show. zuppanovas Drink samt verpasster Bardamen-Karriere, Gretchens Liebe-geht-durch-den-Magen-Kartoffelbrei befördern derlei Überlegungen. leider bin ich kochkünstlerisch minder begabt.
best regards, lost.

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