| |
|
Marcel Frank
|
En passant (cesura)
In dieser Schaubude fehlt der Zusammenhang, fehlt die protreptische Aussicht auf eine Weisheit zwischen zwei Häuserblöcken. Die Interpunktionen der Notizzettel bekommen sie zu spüren, die penetranten Röckchen-Blicke der Sekretärinnen, sie stehen mittäglich im Geschrei des Undergrounds, neben dem Abbild einer Crime-Scene im Metro-TV. Zwei Minuten meditieren sie über vielfingrige Blutspuren an einer Wohnungstür: The last picture of Kraquel (de pura raza española), die an einer Türschwelle unter ehemännlichen Faustschlägen versinkt. Das ist die Violencia de Género, Du gewahrst sie als Astloch am Bahnsteig: Ein fluchender Mund die hombres der geballten Drohung, sie knallt gegen eine Metro-Tür. Sieh' Dich vor, im Bruchteil einer Sekunde sind sie auf Hundertachtzig. Blickst Du zu lang in ihre Pupillen, bist Du der Zündstoff, der Seneca Arábica, das Otium eines gekreuzten Augenblicks, Du steckst in ihrer beschäftigten Miene: Eine Verstopfung im Ventil ihrer temperamentvollen Energien. Raus aus der Metro, raus aus den Tech-Nischen, raus aus den Defekten, hinein in die Belletristik der Calle del Maestro Victoria. Unterm größten Regenschirm Madrids findest Du die spanische Literatur im Panther-Look der Cátedra-Ausgaben. Das hundertäugige Erasmus-Stipendium wandert über den Tresen. Sie ragen aus Deiner Tasche, die spanischen Zungen, die pikaresken Basstöne. Abseits der gebärfreudigen Isabell läuft das lazarillöse Abgezwacke der Euros gut geschmiert auf Koffein: Neben ihrer dünnbrüstigen Büste fließt der Café Olé aus Habana, weiß und hibiskusrot. Im Wein der gefakten Paellas, im Stadtzentrum der schwarzarbeitenden Mexikaner, liegen sie begraben, die veritablen Erinnerungen, die nichtssagenden Tatsachen. Sie erwischen Dich als alltägliche Belichtung, auf der Straße dröhnt der Abklatsch des costumbrismo matritense. Wenn es dunkelt, schlängeln sich die Männchen vor den Lokalen des Alonso Martínez, ihre anzüglichen Blicke treffen die verqualmten Carlos-Saura-Verschnitte mit der Stimme eines Steinschlags, ihre carmenöse Wichsvorlage zwinkert aus dem Stilleben zweier Walnüsse. Kannst Du haben im kalten Gegröhle der Gassen, im Minnedienst hitzköpfiger Eis-Crusher. Gegen den Abfall steht die porentiefe Reinigung der Nacht, steht das Ankämpfen gegen die Verrottung: Verkleidete Handlanger, Latinos in Schutzwesten, spülen Dich weg, sie feuern auf den Dreck, aus allen Rohren ballert die Wasserlawine neben dem Dieselgeräusch des Tankwagens, er beleuchtet die betonierten Köpfe im Gesang orangefarbiger Sirenen. Die gelben Schläuche schmettern über den Asphalt, sie tauchen die Hauptstraßen achtbeinig ins Wasser. Du springst aus dem Fadenkreuz der Wasserwerfer, als am Rinnstein die verstümmelten Zigaretten in Erdlöchern versinken. Die unterirdische Müllabfuhr rollt den Paseo herunter bis zur Puente de Segovia, im Subway verschwindet ein glühender Punkt, im Winde, hombre, klirren die Fahnen.

|  |
augustine
|
15.06.2007, 17:31 / 1 x geändert
|
|
So en passant antwortend schreiben konnte ich nicht. So en passant geschrieben hast du nicht. Aber: en passant, die Notizen und die Erinnerung befragend, gestaltend. Erst nach dem 2.Mal zweimal lesen habe ich den ersten Satz für mich als Schlüsselsatz erkannt: keine "Schaubude als moralische Anstalt" (Schiller), was ja einen Zusammenhang unterstellen müsste, sondern: du nimmst dem Leser erstmal diese übliche Lese-Erwartung, bist damit selbst zugleich fein raus, denn du musst sie nun ja nicht erfüllen: "keine protreptische Aussicht auf eine Weisheit", nur die Häuserblöcke und die Impressionen zwischen und unter ihnen. Lockende Blicke kürzestberockter Sekretärinnen, meinetwegen, die, folgt man ihren Angeboten nicht, im Notizblock Ausruf- und Fragezeichen produzieren - so stell ich mir das vor. Und dann, tatsächlich, beim dritten Mal 2x lesen, habe ich doch einen Blick bekommen für die "Einzelnheiten" (Kafka): Erlebtes und Beschriebenes von Gewalt in der Metro, dem underground, der auch underground ist, der Gewaltbereitschaft von Leuten, denen du ins Fadenkreuz ihrer Blicke geraten bist wie später in das der Wasserwerfer; dem Versuch, davon weg ins Schöngeistige zu entkommen, eskapistisch für zu viele Euros Belletristisches in die Tasche zu stopfen als innere Gegenwehr (o je, ein Deutungsversuch im nur Beschriebenen, aber so bin ich nun mal, ich will gern verstehen; aber - du doch auch: "weiß und hibiskusrot" - warum zitierst du sonst Benn? Madrid ist nicht anders als Zürich, und die "Wüstennot" - sagt er - überall gleich); die Abzocke, die Prostitution aller Art; und dass der Text "ohne Zusammenhang" sehr wohl einen hat, sagt der 'Kehraus' der Nacht, der doch (naturgemäß; naturgemäß?) die Stadt nie sauber kriegen wird; die Fahnen klirren im Wind (Hölderlin, noch eine literarische Beglaubigung).
Ich verstehe nicht alle Anspielungen, wie auch? Aber ich kann dir nach diesem Lesen und Schreiben zugeben: die Mühe, die du machst, dir und den Lesern, sie lohnt sich; lohnt sich, lohnt sich!
augustine

|  |
zuppanova
|
16.06.2007, 08:12 / 3 x geändert
|
|
1. serv.s
2. abstract:
einfach ist der text nicht.
3. romanfragment, titel "Desde Madrid", Cap. XIII, und : en passant, aber auch: cesura =>
vorabinformationen, die ein leser auf einem notizzettel im hinterkopf festhält und die ihn lenken: ob er sich nun dessen bewusst ist oder nicht.
4. der erste satz ist genial schonungslos und genial universal. er öffnet für den leser das tableau, auf welchem alles folgende sich abspielt, er ist prämisse, rahmen, bühne, vorweggenommene quintessenz. es geht um eine stadt, desde Madrid, ja: und zugleich geht es noch um viel mehr.
5. wie kommt man der wirklichkeit einer stadt bei? eine möglichkeit könnte sein: indem man sie an der fotze zieht (grob ausgedrückt, verzeihens die herrschaften), indem man also (weniger grob gesagt) des mittags in ihren underground (línea circular, die 12 in Madrid?) schaut oder langt oder steigt, dahin, wo sich das ab-gefallene sammelt, der alltagsmenschendreck, der menschenalltagsdreck, die dreckalltagsmenschen, die ab-bilder von sex and crime, projektionen von gier und gewalt: eine zone blind generalisierter gleich-gültigkeit. vielfingrige blutspuren an wohnungstüren, faustschläge: rituale, die nichts be-deuten und nichts be-wirken.
also: "Raus aus der Metro, raus aus den Tech-Nischen, raus aus den Defekten, hinein in die Belletristik ... " - der impuls, einen fluchtpunkt zu gewinnen, läuft jedoch ins leere, die einstmals vielleicht protreptischen weisheiten der literatur oder "des geistes" sind überlebt, ebenfalls ab-gefallen.
no way.
(= der eine häuserblock ?)
6. was aber doch bleibt (an wirklichkeit? in wirklichkeit? als "er-fahrung"!), ist "das Ankämpfen gegen die Verrottung" ("Gegen den Abfall steht die porentiefe Reinigung der Nacht"): dies jedoch ebenfalls nur ein leeres ritual, ausgeführt von verkleideten handlangern mit betonierten köpfen, eine aussichtslose kreisbewegung (vom mittag in die nacht in den morgen zum mittag ...), welche der text aufnimmt oder auch "ist", denn am ende sieht der leser, des nachts, im subway den glimmpunkt eines zuges verschwinden, während (zwar trostlos, hombre, doch ohne gefühligkeit zu provozieren: und das ist gut so!) im winde die fahnen gewesener verwesender kulturepochen klirren.
der text (oder "die literatur") hat sich selbst eingeholt. línea circular.
(= der andere häuserblock ?)
7. es gibt kein ich (mehr). im Du (denkt mipormimismo) treffen sich autor und leser, macht der autor den leser betroffen. das ist hinterrücks tricky. ein plus.
8. meine literarische bildung gleicht einem fleckerlteppich, der mählich vergrauend im alltagsstaub liegt. ohne augustines hinweise (danke) möcht eine wie ich wohl keine einzige anspielung erkennen. dennoch spricht dieser text zu mir (mit postdonquijchottischer stimme ...). dass ein text aber "gebildeten" und "ungebildeten" menschen etwas zu sagen weiss, spricht wiederum für den text (mein ich halt).
9. eine these (nur als spekulative randbemerkung): die stadt ist (auch) das Du in dem text. sie er-lebt, sie ist mit einer psyche ausgestattet. auf diesen punkt gehe ich aber nicht ein. um zu erklären, müsste ich zu viele worte machen.
10. summary:
einfach, hombre, ist dieser text nicht. aber er ist einfach gut.
11. lg, zuppa.
12. ( ... jamei, so gut sie halt konnte.)

|  |
Jolante
|
16.06.2007, 19:28 / 2 x geändert
|
|
Hallo, marcel,
dank augustine und zuppa kann ich mir die Peinlichkeit ersparen, deinen Text auf Augenhöhe kommentieren zu wollen. Sie haben beide interessante Kommentare zu einem noch interessanteren Text geschrieben. Auch wenn man nicht über den background verfügt, der es ermöglicht, alle Anspielungen und Zusammenhänge zu verstehen, so bleibt doch der starke Eindruck, den diese Bilder hinterlassen. Für mich eine fremde, unheimliche Welt, von der ich natürlich weiß, dass es sie gibt, aber in die ich mich nicht hineintraue (niemals nie).- Ja, dieser Text verfehlt seine Wirkung nicht, man muss kein Germanist oder Literaturwissenschaftler sein, um von ihm mitgenommen zu werden. - Dennoch: als literarisch Zweifünftelgebildete habe ich mich gefreut, die klirrenden Fahnen aus der "Hälfte des Lebens" erkannt zu haben.
In die Runde
grüßt Jolante

|  |
Marcel Frank²
|
"Alltagsgegenwärtigkeit" (dazu gehört 1 Subjekt) und assoziierte, (nicht immer) literarische Zitate. OK. Das alles liegt offensichtlich begründbar zwischen "Bedrohtsein und Eskapismus" (pfiffige comments), vielleicht ist das der Wald. Ja, man kann sich den Text mit diesen beiden Begriffen im Hinterkopf reinziehen ...
8-9 x OK, 1 x: "den glühenden punkt eines zuges", dies sei, im Nachtgeschehen, nicht ein Zug, sondern - banaler - "der Sprecher selbst" (oder: "der andere"), der an einer Kippe zieht (die vorne glimmt, man sieht das zur Nacht) und die Treppen zur Metro hinabsteigt, aus der Ferne durch sich selbst sichtbar gemacht (tangoinkölnhaft) und ebd. verschwindet, mit dem Kapitel.
Punkt 7, zuppa, ist natürlich eine gut gesehene, trickyige Feigheit, aber sie nimmt dem Text eben das Schmalzige (das, was sich Elvis noch in die Haare schmierte).

|  |
zuppanova
|
... schmalz? ... oder doch lieber: schmand!
mir fällt ums verrecken nur immer schmand ein, denk ich an Elvis in der nacht:
Schmand regiert die Welt. Ohne Schmand kein Preis. Der Schmand heilt alle Wunden. Oh Herr, lass diesen Schmand an mir vorübergehen. Am Schmande hängt, zum Schmande drängt doch alles. Schmand allein macht nicht glücklich.
wenn der schmand allein nicht mehr glücklich macht, muss er sich mit dem schmarrn paaren, schmand & schmarrn: das ist dann eine homophile verbindung, aus der besonders sa(uberha)ftige texte hervorgehen (wer sich trendgesetted geben möchte, schreibt: shmand ‚n’ shmarrn).
so. genug der vorreden und abschweifungen.
was ich eigentlich sagen wollte: gut, mf, dass du dich traust, so dermassen trickyig feige zu sein. (Punkt 7)
das mit der verwechslung (zug/sprecher) ist mir hochpeinlich. schamüberzogen (also: ich schamüberzogen) sehe ich nun den sprecher verschwinden. dass da etwas verschwindet (wie das/mit dem kapitel) hab ich ja immerhin bemerkt - nur halt einen tunnelblick gehabt, im wahrsten sinne des wortes ...

|  |
Marcel Frank²
|
zuppa, das stimmt: schmalz gehört aufs brot (ua), schmand in die haare ! man ist sich oft unsicher, was es wirklich ist. gab es nicht noch einen dritten begriff ? - der glühende punkt: sprecher/zug, das ist doch am ende egal, entweder ist es einzweibeiner treppabwärts oder schon in der metro ein zuglicht, sich eintunnelnd: nix pein da.

|  |
zuppanova
|
... schmodder? ... schmonzes? ... schmotz? ...
(sie rätselt dem dritten begriff nach -)
("nix pein da": tienes rázon. besser keine selbstverpeinlichungen.)

|  |
lost
|
“Es gibt zwei Grundarten der Reduktion in der Literatur. Entweder man lässt allen direkten Ausdruck von Gedanken, Empfindungen und Gefühlen weg und konzentriert sich auf die Beschreibung von Handlungen und Sachverhalten. Oder die Reduktion verkehrt umgekehrt: Sie lässt die Welt weg und konzentriert sich von vornherein und ganz und gar auf das Eigentliche: die Metaphysik der Gefühle. Dort lauert die Gefahr der Einfalt, hier die des Geschwurbels.“
(Hubert Winkels in DIE ZEIT / Nr.21 vom 19.05.2005)
dieser Text fährt eher auf Gleis1
(vorwiegend Beschreibung von Handlungen und Sachverhalten),
allerdings ohne dass die Gefahr der Einfalt
ihm auflauern könnte - eindringlich die Stimme des Autors;
eigen, scharf und ungeschönt die Wahrnehmungen,
von denen sie erzählt. mein Eindruck auch:
jedes Wort sorgfältig gestellt ins neuartig gelenkige Gefüge.
der Text versteht es, den Leser zu nehmen.
best regards, lost.

|  |
|
|