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augustine
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29.05.2007, 16:32 / 1 x geändert
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Eine kaiserliche Botschaft
Der Kaiser - so heißt es - hat dir, dem Einzelnen, dem jämmerlichen Untertanen, dem winzig vor der kaiserlichen Sonne in die fernste Ferne geflüchteten Schatten, gerade dir hat der Kaiser von seinem Sterbebett aus eine Botschaft gesendet. Den Boten hat er beim Bett niederknien lassen und ihm die Botschaft ins Ohr geflüstert; so sehr war ihm an ihr gelegen, daß er sich sie noch ins Ohr wiedersagen ließ. Durch Kopfnicken hat er die Richtigkeit des Gesagten bestätigt. Und vor der ganzen Zuschauerschaft seines Todes - alle hindernden Wände werden niedergebrochen und auf den weit und hoch sich schwingenden Freitreppen stehen im Ring die Großen des Reichs - vor allen diesen hat er den Boten abgefertigt. Der Bote hat sich gleich auf den Weg gemacht; ein kräftiger, ein unermüdlicher Mann; einmal diesen, einmal den andern Arm vorstreckend schafft er sich Bahn durch die Menge; findet er Widerstand, zeigt er auf die Brust, wo das Zeichen der Sonne ist; er kommt auch leicht vorwärts, wie kein anderer. Aber die Menge ist so groß; ihre Wohnstätten nehmen kein Ende. Öffnete sich freies Feld, wie würde er fliegen und bald wohl hörtest du das herrliche Schlagen seiner Fäuste an deiner Tür. Aber statt dessen, wie nutzlos müht er sich ab; immer noch zwängt er sich durch die Gemächer des innersten Palastes; niemals wird er sie überwinden; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Treppen hinab müßte er sich kämpfen; und gelänge ihm dies, nichts wäre gewonnen; die Höfe wären zu durchmessen; und nach den Höfen der zweite umschließende Palast; und wieder Treppen und Höfe; und wieder ein Palast; und so weiter durch Jahrtausende; und stürzte er endlich aus dem äußersten Tor - aber niemals, niemals kam es geschehen -, liegt erst die Residenzstadt vor ihm, die Mitte der Welt, hochgeschüttet voll ihres Bodensatzes. Niemand dringt hier durch und gar mit der Botschaft eines Toten. - Du aber sitzt an deinem Fenster und erträumst sie dir, wenn der Abend kommt.

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Elise
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Hallo augustine,
eben lese ich diese Parabel (wieder, nach langer Zeit) und bin eigenartig berührt.
Die Antipoden am Anfang (der sterbende Kaiser) und am Ende (ein die Botschaft ertäumendes 'Du') des Textes, dazwischen der Bote, der so kräftig und tüchtig ist und dennoch die Botschaft nie wird überbringen können: Zeit und Raum stehen unüberwindlich zwischen Sender und Empfänger (Irrealis). Meine Berührung ist nun darin begründet, dass ich mir (das schlägt jeder Kafka-Interpretation ins Gesicht, ich weiß, Vater-Sohn-Thematik u.ä.) das wartende Du als ein weibliches vorstelle.
Gerne wüßte ich, was dich, augustine, veranlasste, diesen Text einzustellen.
Mitternächtliche Grüße, Elis.

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augustine²
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31.05.2007, 22:53 / 2 x geändert
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Ja, elis, die Parabel fiel mir ein, weil es hier doch gerade um Worte geht. Sie fiel mir ein, zu. Ich habe bisher keine Interpretation gelesen, schreib auch jetzt nicht viel.
Nur: sie hängen doch zusammen, der Kaiser - die Sonne - und der jämmerliche Untertan, der ihm ja sehr nahe gewesen sein muss, sonst könnte er nicht sein Schatten sein und müsste nicht in die fernste Ferne flüchten; so weit gehen , dass Orte und Zeiten sich verschlingen und der Raum in Jahrtausenden gemessen wird. - Eine Botschaft muss nicht aus Worten bestehen, sie könnte auch gemalt, gezeichnet oder ein Gegenstand sein. Aber diese ist eine aus Worten, wird ins Ohr geflüstert und zurückgeflüstert und durch Nicken (nicht mehr durch ein Wort!) bestätigt. Warum ist es die Botschaft eines Kaisers, warum die eines sterbenden Kaisers? Vielleicht, weil der SCHRIFTSTELLER Kafka sagen will: keine Botschaft kommt an, sogar dieselben Worte, von verschiedenen Menschen gesprochen, können gar nicht dasselbe meinen, weil sie aus unterschiedlichem Er-Leben von Menschen kommen. Sogar wer als Kaiser die Sonne zu sein behauptet, hat keine Deutungshoheit über die Worte. Muss er deshalb ein Sterbender sein? - Und warum soll der Einzelne am Fenster, dem sie gelten, n i c h t weiblich sein? Es gibt ja auch das Thema Kafka und die Frauen. Wer hat seine Botschaften verstanden? Milena wohl, am Schluss Dora (?), Felice zuvor nicht, die er mit Botschaften schier erschlagen hat. - Ich bin nicht drauf gekommen, auf das weibliche Du, aber, ja, es leuchtet mir ein. - Und dieser Satz, so einfach, so traurig: er ist so schön.
augustine, die Dich grüßt und sich Deinem Gedicht annähert.
Kennst Du/kennt Ihr die Gesprächszettel für Dora? K. konnte als Sterbender nicht mehr sprechen (1924); aber diese Geschichte hat er selbst veröffentlicht (1917). Auf dem Sterbebett, wissend, einverstanden, hat er die Korrekturen der Josephine-Geschichte gelesen ...

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Elise
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Das ist gut, was du schreibst, augustine.
Ja, sie hängen zusammen, Kaiser und Untertan, deshalb sprach ich von Antipoden. Und als ich fragte, warum gerade diese Parabel, da dachte ich mir eine Antwort etwa so, wie du sie nun gegeben hast.
Eben dachte ich nach über die Frage: „Warum ist es die Botschaft eines Kaisers, warum die eines sterbenden Kaisers?“
Dazu fällt mir ein: Kaiser (oft auch König) und Sonne, das sind Synonyme für das „Ich“, und zwar (hier, vielleicht) für einen EGO-Aspekt des Ichs, für das feurige, leuchtende, nach außen strahlende, sich nur in sich selbst, um sich selbst drehende, nichts heranlassende oder aufnehmende Ich: es muss sterben (die Wände müßen eingerissen werden), es muss sich zeigen in seiner äußersten Schwäche und Todesnot - dann erst kann es innewerden, dass da überhaupt ein Du existiert, irgendwo, weit draußen ... ist es zu verstehen, was ich meine? Dann erst können Botschaften immerhin auf den Weg gebracht werden - ob je und wie ein Wort von einem Menschen zum anderen ankommt, darüber hast du ja schon etwas gesagt, und ich denke auch: man wirft Wortbotschaften, wie Bälle - wer sie wie auffängt, das bleibt ungewiss. Dennoch geht es mir auch wiederum so: manche Bälle, die mir zugeworfen werden, fange ich ganz leicht, andere nie, so sehr ich mich auch bemühe. Es gibt Unterschiede im Sich-Verstehen. Ach, vielleicht habe ich Unsinn geschrieben.
Was du fragst, kenne ich nicht (nur den Namen Milena) - ich weiß so wenig, nichts eigentlich, gar nichts, und so fühle ich mich auch, wenn ich die Parabel lese: ein NICHTS im Schatten.
Elise.

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