Bei Glenn auf einem roten Sofa · zuppanova · ·


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      zuppanova



Bei Glenn auf einem roten Sofa

   10.02.2006, 00:33 / 1 x geändert



Bei Glenn auf einem roten Sofa

Glenn gibt wieder ein Fest, und wir sind natürlich eingeladen. Glenn arbeitet und lebt hier in der Stadt, aber er besitzt auch ein Haus weit draußen, auf dem Land. Für Wochenenden. Für Auszeiten. Dort werden die großen Feste gefeiert. Also los. Wir haben uns in den alten Ford Transit gepackt: schön himmelblau, dieser Wagen, leider inzwischen recht scheckig vom Rost. Aber er fährt. Zuverlässig. Anderthalb Stunden zu Glenn. Wir sind bestens geordnet: hinten die Kinder, geschickt so nebeneinander gesetzt, daß die Großen den Kleinen beim Naseputzen helfen können. Am Steuer: mein Mann. Er weiß den Weg. Ich fahre bei, die Füße auf dem Armaturenbrett. Alles wie immer.
Glenn ist ein Souverän, eine kleine kompakte sehnige Sonne, um die sich der menschliche Wahnsinn in verschiedensten Variationen dreht. Glenn fürchtet nichts und hält allem stand. Ich kenne ihn seit vielen Jahren. Jedesmal, wenn ein neues Kind kommen wollte, hat er mich unverzagt zum Gebären begleitet. Obwohl er nicht Vater dieser Kinder war, ging er mit mir durch den blutigen Trennungsprozess, half mir hecheln und schreien, bot sich zum Festkrallen an, strich mir mit Eiswürfeln über die Lippen, und hinterher, wenn die Arbeit getan war, schenkte er stolz Sekt in Pappbechern aus. Er nennt mich nicht bei meinem Namen, er sagt Porgy zu mir, weil ich ihn - behauptet er jedenfalls - an den jungen Sidney Poitier erinnere, wie der unter Preminger Porgy spielt. Zwar verstehe ich nicht und werde auch nie verstehen, warum ich nur die geringste Ähnlichkeit mit dem jungen Sidney Poitier haben sollte. Aber wenn Glenn mich Porgy nennt: das kann ich gut nehmen.
Wir halten vor seinem Haus. Ich stürme voran, kein Kind holt mich ein. Ich klingele nicht, sondern schlage mit den Fäusten gegen die Tür: drinnen Stimmen, Schritte, die Tür geht auf, da ist er, da sind wir. Hinter ihm steht, viel größer und steifer als er, sein Lebensgefährte. Glenn sagt: Porg, meine Freundin, meine Seele, du bist das Fest. Er zieht mich ins Haus samt meinem Tross. Wir sind also angekommen.

Später verliere ich Glenn aus den Augen. So viele Leute sind da, so viele Planeten kreisen um ihn. Viele Gespräche. Ich beherrsche die Themen um mich herum ganz gut: Brokeback Mountain oder doch Walk The Line, donnerstags immer Sitzen mit Thich Nath Hanh, Frieden und Achtsamkeit oder auch Willigis Jäger, der die westliche Mystik mit dem Buddhismus verbindet, verschiedene sehr interessante und ungewöhnliche Reisen und Hobbies. Am Klavier übrigens: Glenns Lebensgefährte. Er spielt Jazz. Jelly Roll Morton. Und: jeder Mensch ist ein Kunstwerk und jeder Mensch ist ein Künstler und obendrein Regisseur seiner eigenen Biografie. Niemand zeigt seine Wunde. Bin ich etwa die einzige, die eine hat?
Nach dem Essen finde ich endlich ein Schlupfloch, mache mich dünn und schleiche davon, die Treppe hinauf. Oben im Arbeitszimmer steht ein altes zerknautschtes Sofa, darüber ist eine scharlachrote Decke gebreitet, damit man die zerschlissenen Polster nicht sieht. Ein Zwei-Sitzer-Sofa. Ich lasse mich nieder, lehne mich an, dehne mich aus.
In diesem Moment flutscht meine innere Unruhe weg: ich werde still und weich. In diesem Moment nehme ich wahr, was ich suche: der Andere, Ferne, der heillos Begehrte soll neben mir sitzen, jetzt, hier, sofort. Er, der nie da ist, den ich nicht haben kann, soll jetzt hier neben mir sitzen, soll sein Gesicht zu mir drehen, nichts sagen, mich anschauen. Ich will seine Hand, seine linke Hand soll meine rechte packen, alles weitere wird man dann sehen.
Wenn ich mich anstrenge, klappt es vielleicht.
Ich drehe den Kopf, reiße die Augen auf und starre da hin, wo gleich das ersehnte Gesicht sein wird, die anderen offenen Augen, in die ich mich stürzen kann, der sehr schöne schweigsame Mund, er ist schon fast da, ich weiß ganz genau wie er aussieht. Meine Hände sind trocken und heiß. Ich atme jetzt lieber nicht mehr, das könnte ihn stören, verjagen. Ich bin konzentriert, bin bereit, ich bin da und:
Hier steckst du also, was machst du denn so allein!
Das ist Lotti. Ohh, Lotti! Dr. med. Karlotta Synagowitz, praktische Ärztin, Human Knowledge, sie hat mich gefunden. Lotti, Karlotta, einssechsundsiebzig groß, weit über hundertsechzig Pfund schwer, in einem eleganten schwarzen Pullover, der mit beängstigend großen grüngolden funkelnden Blumen bestickt ist. Schon sitzt sie neben mir auf dem roten Sofa, genau da, wo Er eben ankommen wollte. Sie beugt sich herüber zu mir, neugierig, hingebungsvoll, absolut nah, sie wird mich notfalls beatmen. Lotti schaut in meine verdunkelten Augen, dann packt sie mein Handgelenk. Professionell. Mädchen, dein Puls ist ganz unten, du bist ja ganz unten, du hast doch wohl nichts genommen! Sie berührt meine Stirn. Ich bin derangiert, halb betäubt, finde mühsam den Rückweg und richte mich auf. Ich sage: Ich hab nix genommen, ich bin so.
Das ist ein guter Witz. Lotti lacht und nimmt ihre Hand weg. Komm mit mir, sagt sie, ich werde gleich singen. Ja, sie ist Ärztin, vor allem, aber doch auch sehr vielseitig geblieben. Sie schöpft aus dem Vollen, nimmt Gesangsunterricht, ein eindringlicher, manchmal etwas belegter Mezzosopran.
Während sie mich behutsam die Treppe hinunter führt, erzählt sie mir schnell noch, wie letzte Woche ein ulzerierendes Mammakarzinom in ihre Praxis kam. So was gibt es hier heute eigentlich gar nicht mehr, sie hat es extra fotografiert, mit Einverständnis natürlich, denn sonst glaubt es ihr keiner, und danach erst saubergekratzt mit ihren Mädels: es hat entsetzlich gestunken, und dann aber sofort in die Klinik. OP undsoweiter. So steigen wir Stufe um Stufe hinab zu den anderen allen, und jetzt ruft Lotti: Ich hab sie, unsere Kleine, wir können. Da wird es ganz still, sie setzt mich auf einen Stuhl, der für mich bereit steht, und geht hinüber zum Klavier, wo Glenns Lebensgefährte schon wartet, um sie zu begleiten.

Später, viel später brechen wir auf, mein Mann und die Kinder und ich.
Glenn verabschiedet uns draußen vor dem Haus, in dieser bitteren Kälte. Er ist nur ein wenig größer als ich, so daß wir uns richtig umarmen können. Ein, zwei Sekunden lang liegen unsere Gesichter nebeneinander, mein Haar fällt über sein Ohr, seine Wange, er klopft mir mit flachen Händen ganz schnell und sanft auf den Rücken, und ich höre ihn flüstern: what happened, youre smelling of pain! Ich sage nichts, wir lassen uns los. Als ich schon im Auto sitze, schreit er noch: gimmeamessage! Dann fahren wir. Es schneit heftig, und wir kommen nur sehr, sehr langsam voran. Die Kinder sind still, schlafen ein.
Mein Mann sagt einiges. Daß wir viel früher hätten aufbrechen sollen. Daß wir erst im Morgengrauen zu Hause sein werden. Daß er sich ärgert, furchtbar ärgert über den Schnee. Dann sagt er noch: War es okay für dich, bist du zufrieden? Und weil ich so erschöpft bin und weil ich es mir dieses Mal lieber leicht machen möchte, sage ich einfach: Ja, ja.


_______________________________
mehr (klicken):

- Georg-mein-Ritter
- Dinner mit Lotti / 1
- Dinner mit Lotti / 2
- Brief aus dem Morgengrauen

 

      augustine



RE: Bei Glenn auf einem roten Sofa

   11.02.2006, 23:25



Hallo Zuppa,
hast uns ja was wirklich Schönes geschenkt! Eine Vierecksgeschichte zwischen der Erzählerin, Glenn, Karlotta und dem "heillos" Begehrten, dessentwegen das Erzählerich-Ich überhaupt zu dem Fest fährt. Für eine "Auszeit", inder allerlei passieren könnte, aber das Erwartete gerade nicht passiert.
Und der Ehemann - und wirklich Vater der drei bis vier Kinder? glaub ich eigentlich nicht; der Vater ist der schwule Glenn, obwohl Du ja ausdrücklich das Gegenteil anmerkst; wieso sollte er sonst freiwillig zu den blutigen Geburten gehen? Der Ehemann ist ein Nix, eine 0, kann nix als Autofahren und das nicht mal gut (Schluss; auch: die Rostlaube als Familienkutsche)
Glenn, dessen Seele sie ist: sie müsste eigentlich die Kinder nicht mitschleifen, wenn es nicht Glenns wären; sie stürmt zu ihm hin, ballert ans Haus, er zieht sie rein; sie "sind angekommen". Auch Glenn hat einen Partner, der nicht zu ihm passt. Das z.B. ist eine Wunde, Glenns; ihre ist, dass sie Glenn liebt, er aber schwul ist. Dass sie diesen nixigen Kerl hat.
Auf dem Sofa (das sie kennt) erwartet sie nicht Glenn, oder? Du streust Indizien für die Möglichkeit aus, dass der Erwartete ihr nur beschrieben worden ist. Dazu würde auch gehören, dass Glenn, wenn er nicht der Erwartete ist, wohl nicht 'riechen' würde, wie erfüllt von Schmerz sie ist.
Und dann - Carlotta, die sehr praktische Ärztin, die sich so freut über ein ulzerierendes Mamma(!) - Karzinom (die Wunde schlechthin, gerade wenn die Erzählerin von der eigenen Mamma ja mutmaßlich anderen Gebrauch machen wollte), weil das in Mitteleuropa so selten geworden ist (musste sie einen jüdisch klingenden Namen haben?)
Das Thema, denke ich, ist die Wunde, das Un-Heile des Lebens, das wir alle leben: das fast schon kaputte Auto, eine Ehe, in der nichts geschieht; keiner lebt mit dem Menschen, den er/sie liebt; und der "heillos Begehrte" kommt nicht ...
Porgy and Bess, Sidney Poitier - das ist anderen sicher geläufiger.
Ich glaube nicht, Zuppa, dass Du diese Paraphrase brauchtest. Aber ich jedenfalls. Schreib doch mal, ob Du sie ungefähr passend findest.
Ein ganz großartiger Text! Danke und liebe Grüße von augustine

 

      zuppanova²



RE: Bei Glenn auf einem roten Sofa

   13.02.2006, 00:15



servus augustine, dankschön für dein aufmerksames lesen meiner zirkusfigurenmenagerie samt ihren menagen a deux, a trois.... jetzt sitz ich eh schon an der maschine, da kann ich gleich mehr sagen, bin heut sowieso recht redselig, weil froh, dass mir das dach von meim blockhaus noch nicht auf den kopf gefallen ist (ja, tonnen und tonnen von schnee hier im outback süd! katastrophengebiet hier! schauts mal die nachrichten an!). also:
erst mal lanze brechen für den Ehemann: der ist schon auch zäh, immerhin hält er sie aus die ganze zeit und jeden lieben langen tag und bestimmt hat er sie auf seine art sogar gern (soweit sie ihn halt lässt), und die familienkutsche, so rostig sie ist, fährt doch zuverlässig, wahrscheinlich ihm zu verdanken. er kanns halt nicht so richtig mit ihr, das ist das problem. wär interessant, die geschichte mal aus seiner sicht zu hören (aber er red ja net...).
Glenn: ich stell mir vor, dass der, um sie körperlich attraktiv zu finden, sie sich in einem anderen körper (womöglich gefiele ihm Sidney Poitier) vorphantasieren muss (für sie jetzt wieder nicht so total toll), und Porgy+Bess ist ja auch so eine geschichte, wo keiner das kriegt was er eigentlich braucht/möchte.
Dr. Synagowitz: hat einen jüdisch klingenden namen, weil sie (wenn ichs mal so sagen darf) eine davon gekommene ist, sie hat ihre eigene kindheit überlebt (es gibt schlimme kindheiten...). ihre wunden versteckt sie unter fettpfunden und hinter der karriere. ihre geschichte ist eine, die ich noch nicht erzählen kann, weil nämlich die Lotti sich mir noch nicht ganz anvertraut hat. ich bin ja so eine park & ride - schreiberin und hab meine figuren nicht richtig im griff: manche implodieren ganz leise und verschwinden einfach, ohne sich mir geoutet zu haben, andere fangen ein beunruhigendes eigenleben an (diese Porgy...), also da ist noch eine menge arbeit drin.
der heillos Begehrte: ja, den kennt sie nicht leibhaftig. ich stell mir vor, sie hat irgendwo sein bild gesehen, auf dem dachboden ein medaillon gefunden, oder sie sieht ihn immer, wenn sie in der U-Bahn umsteigt (wär jetzt zeitgemässer als das medaillon), morgens um zweinachsieben, aber er fährt in die andere richtung und sie haben sich nur mal aus der ferne zugelächelt..... so irgendwie. solls ja geben.
das unheile und die wunden interessieren mich immer. kommen täglich aus allen richtungen auf mich zu, manchmal so glatt und auf den ersten blick nicht zu erkennen, aber wenn ich genauer schau.... na, jetzt, wo ich alles nochmal so durchles, bin ich doch froh, dass ich mir die geschichte bloss ausgedacht hab.
jedenfalls: dank dir und servus. die zuppa.

 

      augustine



RE: Bei Glenn auf einem roten Sofa

   14.09.2007, 00:54



Guckt ihr auch manchmal nach den Anfängen? Hin und wieder tu ich das und freu ich manchem, was schon da ist: diesem hier zum Beispiel. Irgendwann, hat zuppa versprochen, wahrheitet/erfindet/lügt sie weiter.
Darauf freut sich zumindest schon mal
augustine

 

      zuppanova²



RE: Bei Glenn auf einem roten Sofa

   18.10.2007, 00:10



natürlich hab ich mich wiederum gefreut, dass du, augustine, diese alte Porgy-geschichte noch einmal hervor geholt hast, und hab mich auch erinnert: ohmei, die fortsetzung von Dinner mit Lotti steht ja immer noch aus! vorhin wusst ich nun auf einmal ganz genau, wie es weitergehen soll, hab auch schon den größeren teil der fortsetzung geschrieben und mach jetzt noch wildwütig weiter, damit ich es fertig bringe, bevor was dazwischenkommt - für mich ist das gut und befriedigend. - für die lesenden: hmhm, schaumeramal ...
lg, zuppa.

PS
grad vor ein paar tagen hab ich den faden da für mich wieder aufgerollt, aus gründen, hab was gesucht, und es ward mir so etwas nostalgisch zumute beim lesen ...




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