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zuppanova
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15.05.2007, 13:07 / 4 x geändert
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serv.s.
der Marcel Frank meinte kürzlich in seinem kommentar bei how to do things with words (link), am liebsten hätte er "den text doch mit der Effilierschere ausgedünnt" --- prompt fällt mir gestern ein stück Adorno in die hände, das perfekt passt zum thema "ausdünnen".
jaja, beim schreiben sollte man in der einen hand den stift, in der anderen die effilierschere halten, sozusagen. andererseits: ich hab auch schon texte gesehen, die waren so effiliert, dass es auch nicht mehr schön war. und drittens: es ist halt schwierig, sich selbst gut zu effilieren, gell.
seufzt die zuppa, selbstkritikwillig (doch nicht jederzeit fähig).
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aus Theodor W. Adorno: Minima Moralia
51
Hinter den Spiegel. - Erste Vorsichtsmaßregel des Schriftstellers: jeden Text, jedes Stück, jeden Absatz daraufhin durchzusehen, ob das zentrale Motiv deutlich genug hervortritt. Wer etwas ausdrücken will, ist davon so bewegt, daß er sich treiben läßt, ohne darauf zu reflektieren. Man ist der Intention zu nah, ein Gedankens, und vergißt zu sagen, was man sagen will.
Keine Verbesserung ist zu klein oder geringfügig, als daß man sie nicht durchführen sollte. Von hundert Änderungen mag jede einzelne läppisch und pedantisch erscheinen; zusammen können sie ein neues Niveau des Textes ausmachen.
Nie darf man kleinlich sein beim Streichen. Länge ist gleichgültig und die Furcht, es stehe nicht genug da, kindisch. Man soll nichts darum schon für daseinswert halten, weil es einmal da ist, niedergeschrieben ward. Variieren mehrere Sätze scheinbar den gleichen Gedanken, so bezeichnen sie oft nur verschiedene Ansätze etwas zu fassen, dessen der Autor noch nicht mächtig ist. Dann soll man die beste Formulierung auswählen und an ihr weiter arbeiten. Es gehört zur schriftstellerischen Technik, selbst auf fruchtbare Gedanken verzichten zu können, wenn die Konstruktion es verlangt. Deren Fülle und Kraft kommen gerade unterdrückte Gedanken zugute. Wie bei Tisch soll man nicht den letzten Bissen essen, die Neige nicht trinken. Sonst macht man der Armut sich verdächtig.
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(wenn sich wer dafür interessiert, kann ich das noch ein wenig weiterführen - sonst nicht.)

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Jolante
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Mich interessiert das Thema "Effilieren" sehr und ich fänds zuppa, wenn du noch mehr dazu einstellen könntest.
Liebe Grüße
Jolante

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zuppanova²
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gut, stelle den 2. teil der Minima Moralia / 51 hierher.
übrigens könnte ich mir gut vorstellen, in diesem faden gemeinsam
verschiedenste textauszüge zusammenzutragen rund ums thema
"wie schreiben?" "wie effilieren?" usw.
die titelzeile habe ich entsprechend geändert. wer also was dazutun will:
welcome!
lg, zuppa.
hier nun "Adorno, der zweite":
Wer Clichés vermeiden will, darf sich nicht auf Worte beschränken, will er nicht der vulgären Koketterie verfallen. Die große französische Prosa des neunzehnten Jahrhunderts war dagegen besonders empfindlich. Selten ist das einzelne Wort banal: auch in der Musik trotzt der einzelne Ton dem Verschleiß. Die abscheulichsten Clichés sind vielmehr Wortverbindungen von der Art, wie Karl Kraus sie aufgespießt hat: voll und ganz, auf Gedeih und Verderb, ausgebaut und vertieft. Denn in ihnen plätschert gleichsam der träge Fluß der abgestandenen Sprache, anstatt daß der Schriftsteller durch Präzision des Ausdrucks jene Widerstände setzte, die gefordert sind, wo die Sprache hervortreten soll. Das gilt aber nicht nur für Wortverbindungen, sondern hinauf bis zur Konstruktion ganzer Formen. Wollte etwa ein Dialektiker den Umschlag des sich fortbewegenden Gedankens dadurch markieren, daß er jeweils bei der Zäsur mit einem Aber beginnt, so strafte das literarische Schema die unschematische Absicht der Überlegung Lügen.
Das Dickicht ist kein heiliger Hain. Es ist Pflicht, Schwierigkeiten aufzulösen, die lediglich der Bequemlichkeit der Selbstverständigung entstammen. Zwischen dem Willen, dicht und der Tiefe des Gegenstandes angemessen zu schreiben, der Versuchung zum Aparten und der prätentiösen Schlamperei läßt nicht ohne weiteres sich unterscheiden: mißtrauische Insistenz ist allemal heilsam. Gerade wer der Dummheit des gesunden Menschenverstandes keine Konzession machen will, muß sich hüten, Gedanken, die selber der Banalität zu überführen wären, stilistisch zu drapieren. Die Platitüden Lockes rechtfertigen nicht Hamanns Kryptik.
Hat man gegen eine abgeschlossene Arbeit, gleichgültig welcher Länge, auch nur die geringsten Einwände, so soll man diese ungemein ernst nehmen, außer allem Verhältnis zu der Relevanz, mit der sie sich anmelden. Die affektive Besetzung des Textes und die Eitelkeit tendiert dazu, jedes Bedenken zu verkleinern. Was nur als winziger Zweifel durchgelassen wird, mag die objektive Wertlosigkeit des Ganzen anzeigen.
Die Echternacher Springprozession ist nicht der Gang des Weltgeistes; Einschränkung und Zurücknahme kein Darstellungsmittel der Dialektik. Vielmehr bewegt diese sich durch die Extreme und treibt den Gedanken durch äußerste Konsequenz zum Umschlag, anstatt ihn zu qualifizieren. Die Besonnenheit, die es verbietet, in einem Satz zu weit sich vorzuwagen, ist meist nur Agent der gesellschaftlichen Kontrolle und damit der Verdummung.
Skepsis gegen den mit Vorliebe erhobenen Einwand, ein Text, eine Formulierung sei »zu schön«. Die Ehrfurcht vor der Sache, oder gar vor dem Leiden, rationalisiert leicht nur Rancune gegen den, welchem an der verdinglichten Gestalt der Sprache die Spur dessen unerträglich ist, was den Menschen widerfährt, der Entwürdigung. Der Traum eines Daseins ohne Schande, den die sprachliche Leidenschaft festhält, wenn ihn als Inhalt auszumalen schon verwehrt ist, soll hämisch abgewürgt werden. Der Schriftsteller darf auf die Unterscheidung von schönem und sachlichem Ausdruck sich nicht einlassen. Weder darf er sie dem besorgten Kritiker glauben, noch bei sich selber dulden. Gelingt es ihm, ganz das zu sagen, was er meint, so ist es schön. Schönheit des Ausdrucks um ihrer selbst willen ist keineswegs »zu schön«, sondern ornamental, kunstgewerblich, häßlich. Wer jedoch unter dem Vorwand, selbstvergessen der Sache zu dienen, von der Reinheit des Ausdrucks abläßt, verrät damit immer auch die Sache.
Anständig gearbeitete Texte sind wie Spinnweben: dicht, konzentrisch, transparent, wohlgefügt und befestigt. Sie ziehen alles in sich hinein, was da kreucht und fleucht. Metaphern, die flüchtig sie durcheilen, werden ihnen zur nahrhaften Beute. Materialien kommen ihnen angeflogen. Die Stichhaltigkeit einer Konzeption läßt danach sich beurteilen, ob sie die Zitate herbeizitiert. Wo der Gedanke eine Zelle der Wirklichkeit aufgeschlossen hat, muß er ohne Gewalttat des Subjekts in die nächste Kammer dringen. Er bewährt seine Beziehung zum Objekt, sobald andere Objekte sich unkristallisieren. Im Licht, das er auf seinen bestimmten Gegenstand richtet, beginnen andere zu funkeln.
In seinem Text richtet der Schriftsteller häuslich sich ein. Wie er mit Papieren, Büchern, Bleistiften, Unterlagen, die er von einem Zimmer ins andere schleppt, Unordnung anrichtet, so benimmt er sich in seinen Gedanken. Sie werden ihm zu Möbelstücken, auf denen er sich niederläßt, wohlfühlt, ärgerlich wird. Er streichelt sie zärtlich, nutzt sie ab, bringt sie durcheinander, stellt sie um, verwüstet sie. Wer keine Heimat mehr hat, dem wird wohl gar das Schreiben zum Wohnen. Und dabei produziert er, wie einst die Familie, unvermeidlicherweise auch Abfall und Bodenramsch. Aber er hat keinen Speicher mehr, und es ist überhaupt nicht leicht, vom Abhub sich zu trennen. So schiebt er ihn denn vor sich her und ist in Gefahr, am Ende seine Seiten damit auszufüllen. Die Forderung, sich hart zu machen gegens Mitleid mit sich selber, schließt die technische ein, mit äußerster Wachsamkeit dem Nachlassen der gedanklichen Spannkraft zu begegnen und alles zu eliminieren, was als Kruste der Arbeit sich ansetzt, was leer weiterläuft, was vielleicht in einem früheren Stadium als Geschwätz die warme Atmosphäre bewirkte, in der es wächst, jetzt aber muffig, schal zurückbleibt. Am Ende ist es dem Schriftsteller nicht einmal im Schreiben zu wohnen gestattet.

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augustine
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11.06.2007, 15:34 / 5 x geändert
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23. September. Diese Geschichte "Das Urteil" habe ich in der Nacht vom 22. bis 23. von zehn Uhr abends bis sechs Uhr früh in einem Zug geschrieben. Die vom Sitzen steif gewordenen Beine konnte ich kaum unter dem Schreibtisch hervorziehn. Die fürchterliche Anstrengung und Freude, wie sich die Geschichte vor mir entwickelte, wie ich in einem Gewässer vorwärtskam. Mehrmals in dieser Nacht trug ich mein Gewicht auf dem Rücken. Wie alles gesagt werden kann, wie für alle, für die fremdesten Einfälle ein großes Feuer bereitet ist, in dem sie vergehn und auferstehn. Wie es vor dem Fenster blau wurde. Ein Wagen fuhr. Zwei Männer über die Brücke gingen. Um zwei Uhr schaute ich zum letzten Male auf die Uhr. Wie das Dienstmädchen zum ersten Male durchs Vorzimmer ging, schrieb ich den letzten Satz nieder. Auslöschen der Lampe und Tageshelle. Die leichten Halsschmerzen. Die in der Mitte der Nacht vergehende Müdigkeit. Das zitternde Eintreten ins Zimmer der Schwestern. Vorlesung. Vorher das Sichstrecken vor dem Dienstmädchen und Sagen: "Ich habe bis jetzt geschrieben." Das Aussehn des unberührten Bettes, als sei es jetzt hereingetragen worden. Die bestätigte Überzeugung, daß ich mich mit meinem Romanschreiben in schändlichen Niederungen des Schreibens befinde. Nur so kann geschrieben werden, nur in einem solchen Zusammenhang, mit solcher vollständigen Öffnung des Leibes und der Seele. Vormittag im Bett. Die immer klaren Augen. Viele während des Schreibens mitgeführte Gefühle, zum Beispiel die Freude, daß ich etwas Schönes für Maxens 'Arkadia' haben werde, Gedanken an Freud natürlich, an einer Stelle an 'Arnold Beer', an einer anderen an Wassermann, an einer an Werfels 'Riesin', natürlich auch an meine 'Die städtische Welt'.
Max: der Freund Max Brod, Arcadia eine Zeitschrift, die er herausgab, Arnold Beer ein Werk von ihm
http://gutenberg.spiegel.de/kafka/erzaehlg/urteil.htm

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Jolante
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Ein Satz sollte keine überflüssigen Wörter, ein Absatz keine überflüssigen Sätze enthalten, wie auch eine Zeichnung keine überflüssigen Striche und eine Maschine keine überflüssigen Teile enthalten sollte. Das heißt nicht, dass der Autor nur kurze Sätze schreiben und auf alle Einzelheiten verzichten muss.....sondern dass jedes Wort bedeutsam sein soll.

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lost
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19.08.2007, 01:27 / 1 x geändert
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Schopenhauer und die Sprache (kürzestgefasst)
Schopenhauer verwendet eine Sprache, die nach seinem Ideal so sein soll "wie ein Schweizer Bergsee" - klar und dennoch tief. will sagen: hochstehende Inhalte sollen auf verständliche Art und Weise dargelegt werden. Hegeln, seinem intimsten Feind ("... der Unsinnsschmierer und Kopfverderber Hegel ..."), wirft er (Sch.) beispielsweise vor, dunkle und unklare Worte zu verwenden, die er auf bizarre Art zusammenfüge, ohne sich um Verständlichkeit zu kümmern, also ohne Rücksicht auf den Leser.
"Und doch ist nichts leichter, als so zu schreiben, dass kein Mensch es versteht; wie hingegen nichts schwerer, als bedeutende Gedanken so auszudrücken, dass jeder sie verstehen muss" -
schreibt er beispielsweise. bekannt dürfte auch seine Bemerkung sein:
"Der Stil ist die Physiognomie des Geistes" oder, anders formuliert:
"Ist doch der Stil der bloße Schattenriss des Gedankens: Undeutlich oder schlecht schreiben heißt dumpf oder konfus denken."
weil Denken und Schreibstil für ihn so eng zusammenhängen, fordert er klare Worte, die ein klares Denken einerseits beweisen, andererseits ermöglichen.
man sieht:
plain vanilla, as a matter of fact.
isn’t it?

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Elise
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Hofmannsthal / Poesie und Leben
Bei "Häuser, aus einem Park im Winter" wurde das Thema Stil (Stil = ominöses "schwarzes Loch"; epigonaler Stil; intuitive Kopie eines Autors; authentischer Ausdruck usw.) angesprochen.
Hofmannsthal fiel mir dazu ein (achja achja die Sprachkrise der Moderne), Poesie und Leben (Link), und ich erlaube mir, daraus zu zitieren, nur so, allusionierend gleichsam, ganz und gar anspruchs-los:
Der eigene Ton ist alles; wer den nicht hält, begibt sich der inneren Freiheit, die erst das Werk möglich machen kann. Der Muthigste und der Stärkste ist der, der seine Worte am freiesten zu stellen vermag; denn es ist nichts so schwer, als sie aus ihren festen, falschen Verbindungen zu reißen. Eine neue und kühne Verbindung von Worten ist das wundervollste Geschenk für die Seelen und nichts Geringeres als ein Standbild des Knaben Antinous oder eine große gewölbte Pforte.
Mit Grüßen, Elise.

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Gretchen
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11.01.2012, 07:55 / 1 x geändert
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et auf die Frage: "Welcher innere Zustand bringt ein Gedicht hervor?" so:
>> Ich kann nicht ohne eine gewisse Erregung anfangen, ohne ein Versprechen, dass irgendetwas geschieht. Hin und wieder beginne ich ein Gedicht zu früh, manchmal halte ich eine Idee, ein Bild oder die initiierende Energie zu lang zurück und verpasse den richtigen Moment des Anfangs. Für einen alten Lyriker wie mich ist es am besten, auf Teufel komm raus loszulegen, sich einfach mit Begeisterung oder Vertrauen kopfüber in die Sache hineinzustürzen - Risiken einzugehen, immer wieder bereit zu sein, Änderungen vorzunehmen, ein wenig herumzuspielen. Einen Großteil der Zeit ist man natürlich sehr ernst und mürrisch gegen sich selbst. <<
Seamus Heaney im Gespräch mit Thomas David - > http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/im...y-11577956.html
. . . . . . . . . Gretchen grüßt
. . . . . . . . . . . . .  -> Herz + Schmerz mit Blut reimt gut (klick!)

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