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Klaus
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11.05.2007, 08:01 / 3 x geändert
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Der Zahn
"Barbara ist mein Name, ich bin die Assistentin von Herrn Dr. Zupf
und dies ist auch Barbara, sie ist in der Ausbildung."
Das geht ja gut los...gleich zwei Barbaras.
War die Heilige Barbara nicht eine Märtyrerin und gilt sie nicht als
Nothelferin für Sterbende? Ja, warum auch nicht, mein Zahn wird
sterben. Und Dr. Zupf, nomen est omen, passt ja auch zahn-genau
zu der aktuellen Herausforderung. Vertrauensverströmend betritt
er seinen Raum: "Ja, dann lassen Sie uns doch mal schauen".
Ja, wenn nicht jetzt wann dann und wie schauen wir gemeinsam?
"Ja, gerne", ermuntere ich ihn, ahnend, dass dies für die nächste
Zeit meine letzten klaren Worte gewesen sein könnten. Und so war es
dann auch.
Die narkotisierenden Spritzen werden sicher gesetzt. Barbara, die
junge, schaut mit ihren großen gau-blauen Augen neugierig-forsch
zu, sie ist bestimmt sehr lernfreudig. Was hat sie für eine junge
Haut, diese Nähe ist ungewohnt, danke für diese schöne Ablenkung...
Langsam wirken die Spritzen, ich schließe die Augen.
Dr. Zupf ist ein Mann mit Zukunft, er nutzt die Zeit, mein Gebiß hin-
sichtlich potentiel erforderlicher Maßnahmen zu prüfen und wirkt
zufrieden, seine Arbeit ist gesichert, beide Barbaras können bleiben.
Das freut mich für sie, heute Nacht werde ich gut schlafen, als Gut-
Mensch sozusagen.
Jetzt geht es los. Mit der Zange in der Hand und ernstem Gesicht beugt
er sich über mich, Barbara, die erfahrene, assistiert ihm, ich fühle
mich in guten Händen. Der Zahn muß raus, koste es , was es wolle
bzw. was Dr. Zupf dann von mir fordern wird. Jetzt ist aber zuerst
er gefordert! Sanft zieht und ruckelt er hin und her, langsam ensteht
in mir das Bild eines größer werdenden Loches. Im Kopf. Seitlich
oben links. Ein Hohlraum entsteht, der Zahn will nicht weichen, er
klebt am Leben, er ist noch mit ihm verbunden, ihn interessiert nicht
die schöpferische Indifferenz, er fühlt und ist polar und will es bleiben!
Und er stirbt, wird ausgerissen aus seinem nährenden Schoß, liegt
jetzt gelöst auf dem Tisch. Und ich auf dem Stuhl. Das verbindet im
Getrennten. "Sollen wir ihn wegwerfen oder wollen Sie ihn mitnehmen"
fragte mich später Barbara, die ältere. "Bitte behalten Sie ihn"
"Wegwerfen!" ruft sie zu Barbara, der Hübschen, Wegwerfen...
"Wie, Sie wollen kein Provisorium, wollen Sie etwa so herumlaufen?"
Alle drei schauen entsetzt.
Halten wir ein Loch, eine Lücke, das Offene, die Leere noch nicht
einmal übergangsweise aus?
"Danke, es wird sich zeigen".

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ear
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Hallo Klaus, der Kampf ums Ueberleben eines Zahnes und gleichsam Sterbehilfe durch zwei aufmerksame Barbaras, sowie kleine Stiche gegen den allzeit bereiten Zahnarzt , das Lyrische Ich auch auf Jahre hinaus zu behandeln, bringen mir den Text nahe und machen ihn sehr aktuell. Dein Text beschreibt , wahrscheinlich durch die Narkose fast neutral. Nichts wird erwaehnt ueber eventuelle Aengste des Lyrischen Ichs, es scheint ein festgelegter Termin gewesen zu sein, der eingehalten wurde.
Unerwartet fuer die zwei Barbaras bleibt der Schluss, dass dem nun aktiveren Lyrischen Ich eine Luecke eher zusagen kann, als eine zahntechnische Uebergangshilfe.
Hoffentlich werden keine zu haeufigen Gaenge notwendig, ear.

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zuppanova
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serv.s Klaus,
das ist, beim wundertätigen backenzahn der seligen Dentalia von Wurzach, eine durchgearbeitete, abgerundete notiz. könnt ich mir gleichermaßen auch bei ‚Humor’ oder ‚Philosophie’ vorstellen: heiter erzähltes zahnarzterlebnis („die doppelte Barbara“) mit bohrung in wurzelbereiche („was ist ein zahn wert heutzutage?“) - der schluss tut dann eine neue dimension auf, stellt eine ernste frage - aber unaufdringlich, beiläufig.
würde, wenn ich das anmerken darf, ev. noch kleine sprachliche änderungen vornehmen, so wie eine endpolitur (z.b. präzisieren: „meine“ letzten klaren Worte;// „vertrauensausfließend“ ändern zu: entweder „vertraueneinflößend“ oder „vertrauen verströmend, verbreitend etc“;// „Zukunft“ - „zukünftig“: eines austauschen wg. Wiederholung).
viele lg, die zuppa.

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Jolante
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11.05.2007, 13:12 / 1 x geändert
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Ein sehr gelungener Text, lieber Klaus, die ironische Betrachtung eines Zahnverlustes, der professionell durch den Zahnarzt und begleitet von zwei gar nicht barbarischen Assistentinnen namens Barbara vonstatten ging. Mich hat die Geschichte geradezu schmerzlich berührt, weil ich vor wenigen Wochen eine langwierige Zahnbehandlung hinter mich gebracht habe.
Ich wünschte, ich könnte diese "Eingriffe" auch so humor- und geistvoll reflektieren wie du. Nun ja, den "Mut zur Lücke" habe ich schon, aber zur Zahnlücke ? - Nee, nie und nimmer !
Liebe Grüße
Jolante!

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arisia (Gast)
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hi, Klaus,
die Leere, die Lücke, das halten die wenigsten Menschen gut aus. Immer soll der Tag gefüllt sein, Aktionismus um jeden Preis, das macht viele der Arbeitslosen auch so depressiv, herausgerissen aus den Routinen, wissen sie mit ihrer freien Zeit nichts anzufangen, halten es aber auch nicht aus, die Leere einmal da sein zu lassen.
Die wird dann in der Regel mit Fernsehen, Bier oder Tabletten gefüllt.
Gut, wie du durch deinen Schlußsatz, den Text auf eine allgemeingültige Ebene zu heben vermagst.
liebe Grüße
arisia

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Klaus²
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12.05.2007, 08:36 / 1 x geändert
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Liebe ear, zuppa, Jolante und arisia,
danke für eure aufmunternden Beiträge, die Anregungen
von zuppa wurden gerne aufgenommen, "polieren" - mei,
wer liest das nicht gerne!
Ja, der Termin war geplant, mit der Lücke werde ich bewußt
und ohne innere Probleme bis zur Setzung des Implantates
in ca. 6 - 7 Wochen leben. Für die nächsten ca. 6 Monate
"Wartezeit" werde ich dann ein einmaliges Provisorium ein-
setzen lassen, um die Kiefersymetrie nicht zu gefährden.
Eine meditative Grundhaltung hilft mir sehr...ganz da zu sein
und dennoch nicht an den Dingen haftend, das kennt ihr ja...
Schmerzfreie Grüße von
Klaus

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