Eine Woche Sizilien · ear · ·


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      ear



Eine Woche Sizilien

   09.05.2007, 08:12



Das schoene Sizilien…22.bis 29. April 2007
Unsere Reise mit einer Gruppe von 40 Studenten, die alle Italienisch seit mindestens vier Jahren sprechen und sich staendig bemuehen, mehr ueber die Sprache und Menchen zu lernen, war sehr interessant. Ryanair brachte uns, bei wolkenlosem Himmel ueber Paris, den Alpen und Korsika, nach Palermo, welches wir kurz vor Mitternacht erreichten. Die Lichterkette der Kueste Siziliens war unvergesslich schoen. Vom Flughafen fuhren wir im Bus weiter nach Cefalù.
Unser Quartier, ein geteiltes Appartement lag nur wenige Meter vom Sandstrand entfernt ‘sul lungomare’ und wenige Minuten vom historischen Stadtkern entfernt. Unser Fruehstueck auf einer grossen Terrasse war einmalig mit dem Blick aufs Mittelmeer und die Stadt mit seinem riesigen Felsen. Unser Weg in der reinen Luft, mit Blick auf ‘ La Rocca’, Palmen, Tamarisken und Agaven war einfach wohltuend.
Jeden Tag gab es von 9.30 Uhr bis 13.00 Uhr Unterricht durch sizilianische Lehrer, in kleinen Gruppen, gestaffelt nach Wissen. Unsere Lehrerin, Anna, sprach und uebte indirekte und direkte Pronomina und ein wenig ueber Konditional-Formen, wir berichteten ihr ueber unsere Ausfluege, die Tiere, denen wir begegneten wie Geckos, Eidechsen, ungewoehnlichen Baeumen und dem unwiderstehlichem Aroma der Orangen- und Zitronenhaine , die Frucht und Bluete gleichzeitig hatten. Wir lasen Berichte ueber die Hintergruende der kulinarischen Kuenste Siziliens, ein geistreich-ironisches Gespraech zwischen Caesar und Cleopatra am 14. Maerz 44 A.D.
Unser Programm war sehr vielseitig, also nach dem Unterricht gab es keine Moeglichkeit fuer ‘Slow Food’, denn sofort waren wir unterwegs. Die Stadt hat viel Geschichte erlebt, der Einfluss der Araber ist ueberall zu spueren, es stoert hier niemanden, dass die christlichen Kirchen viel arabisches Kunstwerk haben.(Auf einer der Eingangssaeulen der Kathedrale in Palermo steht der erste Vers des Qu’rans!)
Mir gefielen besonders die byzantinischen Mosaiken, Jesus als Weltenherscher , Maria zwischen Erzengeln, Cherubim und Seraphim, den Aposteln und Evangelisten. Die engen Gassen liegen dicht unter der enormen Felswand des ‘Rocca’. Wahrzeichen und Hinweis auf die Reichtuemer der Stadt sind 3 Fische und im Zentrum ein Brot. Erstaunlich ist die antike romanische Waschanlage mit Suesswasser, welche die Araber erweiterten. Einige aus unserer Gruppe erstiegen den Felsen, (etwa 3 Stunden), aber ich kann keinen Blick in die Tiefe vertragen.
Abends genossen wir unter freiem Himmel den Sonnenuntergang bei einem festlichen Essen. Bei einer Weinprobe gab es Rotwein, Marsala und Lemoncello, Oliven, Kaese und Schokolade. Ein Ausflug fuehrte uns mit einem Hydrofoil –Boot zu zwei der Eolischen Inseln Lipari und Vulkano. (Bekannt sind vor allem Stromboli und Salina durch Filme). Der Name stammt vom Gott Aeolus. Ueppig bluehende Wildpflanzen, Blicke in tief blaues oder tuerkisfarbenes Meer, ein Traum fuer jeden Maler und Schriftsteller. Dort auf Lipari liegt das groesste und jetzt unter Naturschutz stehende Bimsteingebirge. Seine Ablagerungen erzeugen die unglaubliche Faerbung des Meeres. Auf Vulkano waren es die Schwefeldaempfe, der Krater des staendig aktiven Vulkanes, welche ich vermied. Eher zu ertragen waeren die heissen Fangobaeder im offenen ‘See’. Auf der Fahrt beobachteten wir Delphine, die unbekuemmert ihre kunstvollen Spruenge verrichteten. Nachdem wir bereits auf Lipari grossartige Ausgrabungen bewundert hatten, waren wir gut vorbereitet auf die unglaublichen Ausgrabungen bei Solunto, wo phoenizische und punische Staedte als Ausgrabungen wieder erstanden sind. Der Aufstieg schien leicht zu sein, weniger dagegen der steile Abstieg. Die Panorama-Blicke nach allen Seiten zeigten uns Bagheria . Manches Wort fiel ueber die Mafiosi, die von dort her die Welt regierten und immer noch hoechst aktiv sind. (jetzt mit Devisen, Trink-Wasser und Recycling ).
Wir sahen eine Keramik-Werkstatt, in der eine Kuenstlerin ihr Werk vorfuehrte, wir umwanderten die barocke Villa “Cattòlica” mit dem jetzigen Renato Guttuso-Museum und seinem originellen Sarkophag. Viele seiner beruehmten Gemaelde sind dort zu sehen. Die einfachen Menschen in Sizilien sehen in Guttuso “ihren Maler”, weil er in einem der beruehmtesten Gemaelde den Markt
” La Vucceria” festhielt mit Fischen, Fruechten , Gemuesen und einfachen Menschen.
Erstaunlich war eine weitere Barock-Villa “Palagonia”mit 61 Monster-Figuren, die Goethe mit mehreren Seiten in seiner “Italienischen Reise” voller Missfallen bedachte und als “Palagonische Raserei” abtat. Noch heute weiss man nicht genau, ob Prinz Fernando Francesco Gravina unter geistiger Anormalitaet litt. Seine Feste waren gefuerchtet, man ahnte nie, was er an neuen Streichen plante. Doch er wollte auch staendig auf Vergaenglichkeit und Naehe des Todes hinweisen.
In Castelbuono weilten wir in der unglaublich reich geschmueckte Barock-Kapelle mit Reliqien von Sant’Anna., der Schutzheiligen der Stadt.
Hier in Castelbuono gibt es wenige Gebiete dicht am Etna, wo Eschen wachsen, deren Manna gesammelt und heilend verwendet wird. Vorsichtig, waehrend der Bluetezeit, werden Einschnitte gemacht. Die Fluessigkeit verfestigt sich, teilweise auch in langen Faeden. Dann wird das Manna abgeschnitten und in kleinen Mengen verkauft. Es hilft bei vielen Gebrechen, war bekannt bei Griechen und Roemern.
Auch besuchten wir eine Krypta in der Kirche ‘Matrice Vecchia’ mit Fresken des 16./17. Jahrhunderts.
Der letzte Tag vor der Rueckreise galt dem Agriturismo, einer Farm in Orangenhainen mit Feldern bluehender Wildblumen und Kraeuter, mit folkloristischer Dabietung von Akkordeon, Tambourin , Guitarre, Gesang und Tanz bei einer ueppigen Mahlzeit. Draussen waren dann Wildschweine mit Frischlingen, Tauben aller Arten, Kaninchen, Ziegen, Truthaehne,, Huehner und Strausse. Wir wanderten auf und ab zwischen den duftenden Orangen und genossen die Landschaft.
Abends gab es in Cefalu noch eine Darbietung von “Orlando Furioso” mit grossen Holzmarionetten, einer alten sizilianischen Tradition. Selbst den letzten Tag des Abfluges nutzten wir fuer Palermos Oper, die Kathedrale, Kirchen , Statuen , den Markt und ein zuenftiges Essen.
ear

 

      Klaus



RE: Eine Woche Sizilien

   10.05.2007, 12:06 / 1 x geändert



Liebe ear,

wieder einmal ist es dir gelungen, mich "mitzunehmen".
Die Verknüpfung von Gewußtem mit Erlebtem, die genaue
Wahrnehmung und exakte Benennung fasziniert mich bei
dir immer wieder neu.

Die Woche in Sizilien ...war es wirklich nur eine Woche?

So wünsche ich dir noch viele Reisen!

LG Klaus

 

      Jolante



RE: Eine Woche Sizilien

   10.05.2007, 17:28



Liebe ear,

auch mich hast du auf deine Reisen mitgenommen und nach kurzer Überlegung habe ich mich für Sizilien entschieden. So wie du deinen Aufenthalt dort beschreibst, diese Mischung von Natur- und Kultureindrücken (allein die Weinprobe hat mir den Mund wässrig gemacht), muss es große Freude machen, Land und Leute kennen zu lernen, - und natürlich die Sprache, die du dort weiter verbessern konntest. Ich finds immer wieder spannend, deine "sinnlichen" und zugleich lehrreichen Reiseberichte zu lesen.

Liebe Grüße
Jolante

 

      ear²



RE: Eine Woche Sizilien

   11.05.2007, 16:38 / 1 x geändert



Es freut mich, dass meine Reise euer Echo gefunden hat, Dank an euch Klaus und Jolante.
Mir war es wichtig zu hoeren, wie man in Sizilien leben kann, in unmittelbarer Nachbarschaft zur Cosa Nostra. Vielschichtig war und ist die Mafia , denn sie basiert auf der Verbindung mehrerer Familien. Es gibt wenig Dokumente ueber die Entstehung . Das Wort selbst aber stammt schon von 1865. Es geht noch heute darum, die Menschen bewusst arm zu halten. Wenige starke Personen halten die anderen in Schacht. Sizilien kann nicht mit dem Baskenland oder Nordirland verglichen werden. Heute wird offen ueber die Mafiosi geredet, alles wird durch ‘Freunde’ und deren ‘Freunde’ erreicht.
1992 wurde nach etlichen Skandalen Andreottis Herrschaft abgeloest, er kam aus zwei Prozessen schadenlos heraus.
Cosa Nostra ist weltweit aktiv, es geht um Devisenhandel mit Mafiosi in Berlin, um Drogenhandel, um Bottled Water, um das Recycling, wodurch sie quasi zum ‘Helfer’ wird.
Mir scheint es wichtig zu sein, dass Sizilien das ‘Gesetz des Schweigens’ hat (omerta`), welches bedeutet, dass niemand zur Zusammenarbeit mit Polizei oder Regierung angehalten wird. Auch ist der Einfluss des Katholizismus und seiner vielen Priester stark. Auf dem Weg nach Palermo, mitten auf der Autobahn ist das Mahnmal fuer Falconi, “one of the precious cadavers”. Berlusconi war im Gespraech mit Cosa Nostra , als er Forza Italia schuf. Bei einer Buergermeisterwahl in Cefalu` las ich den Wahlspruch des Forza Italia Kandidatens “Fuer die Jugend und den Stolz darauf, ein Cefaluese zu sein”. Da sagt Einiges. Mir half fuer das Verstaendnis der Cosa Nostra das Buch von Peter Robb: ”Midnight in Sicily”, welches auch in Deutschland erschienen ist, dessen genauen Titel ich aber nicht kenne..

 

      StahlKocher



RE: Eine Woche Sizilien

   11.05.2007, 17:30



hallo ear,

auch von mir heißen dank für einige minuten im sessel sitzen und doch weit weg sein ;-)

hab´ bezüglich des buches mal nachgesehen:

Peter Robb
Sizilianische Schatten
Kunst, Geschichte, Essen, Reisen und die Mafia

DuMont Verlag, Köln 2000
ISBN 3770147596,
Gebunden, 367 Seiten, 25,46 EUR


grüßle - sascha

 

      ear²



RE: Eine Woche Sizilien

   11.05.2007, 18:05



Sascha, das war Schnelldienst im nettesten Sinne, hab herzlichen Dank dafuer, ear.




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