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augustine
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30.01.2006, 02:28 / 4 x geändert
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AN MEINEN BRUDER
Nur tot hat unsre Mutter dich herausgepresst
Aus ihrem Leib. Zu lange bliebest du in ihr
Im schwerelosen Wasser. Das hat dich geschützt.
Es hat dich auch vergiftet. Denn übertragen warst du.
Mit keinem Schrei bist du der Welt erschienen.
Nicht einen Hauch von Luft hast du geatmet.
Am Tage eines Mords bist du geboren,
Am Tage der – wie nennt man sie? – unschuld'gen Kindlein.
Ein feingebildet Beispiel warest du
Von Menschenmöglichkeit. Doch kalt warst du.
Noch eh' du atmen konntest, sehn und denken
Und schuldig werden, hast du dich verweigert.
Mit amputierten Gliedern irgendwo bist du verscharrt.
Allein ein kleiner Zettel zeugt von dir, ein Blatt nur,
Und auf Einer Seite ist zu lesen von Geburt und Tod.
Da heißt du amtlich, wie von dir zu reden war, der "Knabe Heller".
Aber: Für dich muss doch ein Name ausgedacht gewesen sein.
Ich hab' ihn nie erfahren. Hab' wohl nicht danach gefragt.
Den Toten schwieg man tot und redete von anderem.
Mein Bruder! Hast du wohl schwarzes Haar gehabt?

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Gerd
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Hallo augustine,
wäre der Bruder nicht gestorben, hätte es das Ich gegeben? Und dennoch wüsste man gerne wie dieser Bruder gewesen wäre. War es besser für ihn früh zu sterben - gar nicht erst ins Leben zu kommen? Wäre es besser gewesen, er hätte überlebt - nicht das Ich? Vielen Fragen, die für mich in diesen Zeilen stecken. Übertragene Kinder sind dünnhäutig, das Ich scheint mir ebenfalls dünnhäutig, verletzlich zu sein - verkrüppelt, schuldig, mit Wehmut, nicht selbst unschuldig geblieben, sich verweigern zu können. Ich lese den Bruder auch als die Idee eines verworfenen Lebens. Auch für dieses andere Leben hätte es einen Namen gegeben - ein anderer Lebenspartner - ein anderer Beruf - Kinder, die man mit geliebten Menschen nicht hatte.
Da ich ähnliches in der Familie erlebt habe, ist das hier für mich nicht ganz einfach, vielleicht lese ich aus diesem Grund auch nur mich selbst.
Liebe Grüße
Gerd

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