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augustine
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05.05.2007, 00:00 / 4 x geändert
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Für das Krabbelkind war er ein dunkler Brocken. Für das tapsende Kind ein Hindernis, an dem es sich stieß. Für das sicher stehende und gehende ein Berg, der über den Stuhl davor kühn zu beklettern war. Oben stehend war es größer als die Mutter. Aber das war gefährlich und wurde verboten. Es wurde wieder auf die Erde versetzt.
Das größer gewordene Kind lernte schreiben. Es bemerkte, dass am Schreibtisch aber niemand schrieb. Es fragte die Mutter. Es sei des Vaters Schreibtisch, lautete die Antwort. Der werde wiederkommen und dort schreiben.
Das geschah danach noch drei kinderlange Jahre nicht. Das schreibende Kind beanspruchte den Schreibtisch, Eiche dunkel, abgesetzt mit Kirsche, als den Ort für sein Schreiben, die Schulaufgaben. Das wurde gewährt. Stolz saß es davor. Sogar die Tintenfässer in dem schwarzmarmorierten Klotz wurden ihm gefüllt. Es benutzte auch den Wipplöscher und wusste, wie man den Löschkarton darauf spannte.
Als der Vater zu seinem Kind kam, war es schon acht. Es liebte den unbekannten Vater, er das Kind. Die Graphologie, für die er den Schreibtisch vor Ehe und Krieg gekauft hatte, musste nach seiner Rückkehr zuerst zum Geldverdienen helfen. Tausendstückweise bot er graphologische Gutachten mit Postwurfsendungen an. Gedruckt wurden sie unten im Haus auf richtigen Druckmaschinen.
Sonntags saßen Vater und Tochter, falteten die Bogen, steckten sie in Briefumschläge, klebten Marken darauf. Sie waren sich sehr nahe dabei. Zusammen brachten sie tausend Briefumschläge zur Post. Wochentags teilten sie den Schreibtisch. Nachmittags arbeitete dort die Tochter. Unverschlossene Schubladen hat sie nicht respektiert. Der Vater hätte ja herausnehmen können, was sie nicht lesen sollte, Gehaltsabrechnungen zum Beispiel. Abends schrieb er die Gutachten mit psychologischen Ratschlägen. Das hatte Konjunktur wie Hellsehen.
Des Vaters Tochter blieb kein Kind. Als pubertierendes Mädchen, früh, sagte sie manchmal Dinge, die "Widerworte" genannt wurden. Der Vater schlug sie dafür. Bald sagte sie nichts mehr, zu niemand in der Familie, nichts mehr vom Wichtigen. Damit, mit dem Wichtigen, lebte sie erst in der Schule, dann in der Universität und mit den Veranstaltungen und also den Menschen, die sie dort kennen lernte. Dem Vater genügte sein Schreibtisch. Die Welt stand in verkleinertem Maßstab darauf, als Globus.
Von ihrer Verlobung waren Mutter wie Vater überrascht. Sie zog aus und auch aus der Stadt fort. Am selben Tag setzten der Vater und die Mutter unter das Testament zu ihren Gunsten eine zweite Unterschrift. Aber er wollte die Tochter danach drei Jahre nicht sehen. Ihr war das recht.
An seinem Schreibtisch produzierte der Sonderling nun längst graphologische Gedichte, vier mal vier Zeilen pro Leben, gereimt. Das konnte er gut. Viermal vier Zeilen, auch wenn einer chinesisch schrieb.
Ich besuchte erst die Eltern, dann ihn allein selten. Wir stritten über die viermal vier Zeilen, denn er las seine Gedichte mir vor oder uns, oder wir bemühten uns um small talk, und wir schwiegen immer wieder.
Nach dem Tod seiner Frau hatte er eine Pflegerin, die so etwas wie eine Freundin des Einsamen wurde. Eines Morgens sah sie ihn im Schlafrock über weiß-langem Nachthemd schon an seinem Schreibtisch sitzen, als sie kam: in der linken Hand einen Brief, in der rechten den Öffner. Er war tot.
AugenblickeBlickwinkel 9

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Schreibtisch
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Da ist sie ja nun, Deine Vaterschreibtischgeschichte! Liegt nun ausgedruckt auf meinem Schreibtisch und wartet auf ein bischen Ruhe, gibts hier grad aber leider wenig von...willwollte nur kurzschon sagen, dass ich mich freue, sie hier lesen zu können.
"Anständiges" später also Grüße jetztschon vom Schreibtisch, huschhusch.

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rollerball
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Liebe augustine!
Eine sehr berührende Geschichte, troz ihrer scheinbar nüchternen, knappen Distanz - oder vilelleicht gerade deshalb? Sie löst Erinnerungen, Assoziationen bei mir aus, fördert längst Vergessenes an die Oberfläche, den Werktisch meines Vaters, an dem er zuerst Uhren reparierte und später Hefte korrigierte - eine Geschichte, die ich wohl auch eines Tages erzählen sollte ...
Deinen Text werde ich wohl nochmal lesen, wenn ich mehr Zeit habe, muss mir manche Passagen noch genauer anschauen, z.B. diese hab ich nicht ganz verstanden:
" Am selben Tag setzten der Vater und die Mutter unter das Testament zu ihren Gunsten eine zweite Unterschrift."
Das ändert aber nichts an dem starken Gesamteindruck ...
Liebe Grüße von rollerball

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Elise
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Oh, augustine,
das ist ein sehr komprimierter, gefüllter, kunstvoll gewobener, ruhig geschriebener Text.
Auf den ersten Blick sehe ich: der Schreibtisch ist das tragende Element des Textes, das Zentrum, von dem mehrere Fäden ausgehen, nämlich
- die Biografie des Vaters, der in aller Kürze doch sehr anschaulich und "sprechend" dargestellt wird
- die Biografie der Tochter, deren Leben sich fortbewegt von dem der Eltern
- schließlich die Beziehung, die schwierige, aber doch nie zerbrochene Beziehung zwischen Vater und Tochter.
Dass eine zweite Unterschrift unter das Testament gesetzt wird, zu Gunsten der Tochter, interpretiere ich als Hinweis eben auf die Unverbrüchlichkeit dieser Vater-Kind-Beziehung, ungeachtet aller Problematik.
Sehr gelungen, da ruhig, ja lakonisch, finde ich den Schluss: Betroffenheit wird ausgelöst, jedoch ohne Hysterie oder großes Gefühl zu bemühen. Ein einfaches, aber sehr wirkungsvolles Bild.
Was mich außerdem sofort berührte: wie das Kind sich "das Väterliche" (er ist ja lange Zeit abwesend, der Vater) aneignet durch Inbesitznahme seines Schreibtisches. Ja, obwohl ich keine Kinder habe, denke ich: so tun Kinder, wenn sie "bei sich" sind, sein dürfen.
Das las ich so, auf den ersten Blick.
Herzliche Grüße, Elise.

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Jolante
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06.05.2007, 15:02 / 1 x geändert
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Liebe augustine,
da ist dir ein wunderbarer Text gelungen. Ich kann nur alles unterstreichen, was Elise in ihrem Kommentar gesagt hat. Dass das Kind zuerst Bekanntschaft mit des Vaters Schreibtisch gemacht hat, sich diesen Vater-Schreibtisch schon angeeignet hat, bevor es den Vater kennenlernen konnte, hat mich beeindruckt, wie überhaupt der Schreibtisch der Dreh- und Angelpunkt dieser nicht unkomplizierten Tochter-Vater/KInd-Elternbeziehung ist. Eine kurze, anrührende Erzählung mit biografischem Hintergrund, ohne geschwätzige Selbstgefälligkeit und Klischees, auch ohne Freud zu bemühen und ....... - JA, solche Geschichten liest gerne
Jolante

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windflug
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Liebe augustine,
ein Schreibtisch als Sinnbild für den Vater und die Beziehung der Tochter zu ihm, ein sperriges Möbelstück, aber ein höchst bedeutsamer Ort für jemanden, der schreibt, die Heimat des Schreibens sozusagen. Schnörkellos beschreibst du, wie sich die Beziehung entwickelt, und immer wieder kommst du zum Schreibtisch zurück, als Symbol der "sperrigen" Nähe trotz aller Entfernung. Dem Lob der anderen kann ich mich nur anschließen.
Liebe Grüße
windflug

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zuppanova
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grüss euch alle.
neue aspekte kann ich nicht beitragen,
möcht aber doch zum ausdruck bringen:
allem bisher gesagten zu dem text
schließ ich mich an.
lg von zuppa.
(bin noch ganz beschäftigt mit heutigem
eindrucks-voll gefüllten sonntagserleben.)

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Schreibtisch
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21.05.2007, 18:19 / 3 x geändert
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Nun augustine,
Bambi ist in den Wald entlaufen, Reservate sind gebaut,
Zäune aufgerichtet, was gesagt werden musste, ist gesagt,
da kann es also weitergehen?
Schaun wir mal, was möglich ist.
Auf jeden Fall steht diese Antwort noch aus.
Wenn Du magst:
Mir geht das hier zu schnell.
Der Lauf der Geschichte macht mich ganz wuschig: Worum geht es?
Mir wird eine Vielzahl von Szenen angeboten, aber ich habe keine Zeit, ein Bild,
das gerade entstehen will, wirken zu lassen, kaum habe ich scharf gestellt,
zeigt sich das nächste Bild. Ich komme mir vor wie in einer Diashow,
die einzelnen Bilder gleiten ineinander über,
immer wieder taucht ein Schreibtisch auf, ein Mädchen, eine Jugendliche, junge Frau, Erwachsene, Stationen aus einem Leben, aus einer Familiengeschichte blitzen auf.
Ein Mann, ein Vater, der Vater, Vater, Sonderling…Mutter nur am Rande, Eltern?
Dann wechselt die Erzählperspektive, eine Icherzählerin taucht auf. Ich sehne mich nach Abschnitten, Einteilungen,…
Was bleibt: Hunger und der Vorgeschmack und die Vorfreude auf die Schreibtischgeschichte, die Du, augustine, eigentlich erzählen willst.
Mein Eindruck ist, sie schlummert noch in und unter den vielen angedeuteten Bildern. Einen Vorgeschmack, der Lust auf mehr macht, habe ich bekommen in Form einer umfangreichen Speisekarte gehobener Gastronomie.
Darf ich jetzt wählen?
Dann wähle ich:
- als Einleitung ein paar Worte, die spüren lassen, wo bei Deiner SchreibtischgeschichteDein herzliches Interesse liegt,
Worte, die spüren lassen, warum Du diese Geschichte erzählen willst oder musst
- Soloauftritt Schreibtisch. Nur ein Schreibtisch und das Zimmer. Und ich will – weil ich ja jetzt wählen darf- , dass Du ihn so beschreibst, dass ich das Holz unter meinen Händen fühlen kann, dass ich sehe, in welcher Himmelsrichtung er steht und ich will riechen können, ob in diesem Zimmer gelüftet werden muss…dass Du das kannst, lässt Du mich spüren, es braucht für mich noch ein bisschen mehr Raum und Luft zum Leben, noch ist es ein Gefühl, das heraufbeschworen wird, aber es verschwindet ganz schnell wieder...soll das so?
- Schreibtisch und kletterndes Mädchen...Mutter?
- Vater und Tochter beim gemeinsamen Arbeiten am Schreibtisch
- der letzte Blick auf Schreibtisch und Vater
das würde mir reichen. Danach wäre ich vermutlich…satt und glücklich.
Verwünschungen und Glückwünsche bitte nicht per pn, dankeschön,
sagt der Schreibtisch und grüßt.

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augustine²
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29.05.2007, 17:38 / 1 x geändert
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Ich danke Euch allen, die Ihr zu dieser Geschichte etwas geschrieben habt.
Nun ist es eine KURZGESCHICHTE, Schreibtisch, und die eigentliche Arbeit war es, einen Symbolgegenstand aus der Lebensgeschichte zum Mittelpunkt einer Kurzgeschichte zu machen. Das mag gelungen sein oder nicht. Eine 'klassische' Erzählung wollte ich hier nicht schreiben.
Die Leerstelle 'Mutter' kann (und sollte) 'gelesen' werden.
Die Vater-Tochter-Geschichte, wie sie sich in meiner Erinnerung und mit meinen Vermutungen biographisch zugetragen haben könnte, ist geschrieben; wie überhaupt meine Familiengeschichte in miteinander vernetzten einzelnen Geschichten; auch so eine Art Dichtung und Wahrheit; anders geht es wohl nicht.
Liebe Grüße! augustine
PS Wenn Bambi zurück im Wald ist, könnte Sabine doch nun die Erläuterungen zu einigen ihrer Texte schreiben, die sie uns nach Brauch hier noch 'schuldig' ist, nicht?

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Schreibtisch
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29.05.2007, 19:27 / 1 x geändert
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augustine könnte Sabine hier ruhig persönlich ansprechen, wenn sie sie auf Bräuche hinweisen möchte. Sabine weiß nämlich nicht, dass sie 'Erläuterungen schuldig' ist. Die ausstehenden Antworten allerdings fallen Sabine schwer, hat sie doch grad den Eindruck, jedes Wort wäre willkommen um missverstanden zu werden. Da scheut sich Sabine auch ohne Bambi...vielleicht immerhin dies veständlich? Das ist aber auch schwer hier, entweder man schreibt zu viel oder zu wenig, zu spät oder zu früh,...wer soll sich da zurecht finden...gar nicht so einfach...
findet der Schreibtisch und grüßt.

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