Stegreif1 / postoperative Befindlichkeit · zuppanova · ·


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      zuppanova



Stegreif1 / postoperative Befindlichkeit

   06.04.2007, 10:33 / 9 x geändert



Postoperative Befindlichkeit

... so geht (sc)h(m)erzliches Allerlei:

in die Stadt rein mit S-Bahn U-Bahn + am Hbf wildes Gewühle. da stehe ich in der Meng-schenMasse wie 1 LitfassSäule //schreibtmandieso FrageZeichen// + schau die Gesichter an: gleiten hinein in mein Blick: könnte lange so stehen + in mich hineinsaugen wasimmer vorbeikommt. das ist Dope: Gesichter abtasten und Augen. ohne Sinn dabei oder Zweck oder Ziel nur SEHEN:

sehen: das eine Unveränderliche sehen wiederholt in zahllosen Variationen. die ewig gleiche EinzigArtigkeit. diese unendliche Geschichte, deren bruchstückhafte Spuren so oder so oder so in jedem Antlitz zu lesen sind schwächerstärker. bin gerne in solchen MenschenMengen unterwegs => das ist: Unsichtbarwerden + Selbstgewahrwerden zugleich - bah. egal. so ein Schmarrn, geh weiter, komm, Mamma.
später sehe ich J => F + M sind dabei. wir stehen selbdritt da am ThronBett der IntensivTechnik:
darauf der empfindliche Leib ist gestreckt, wir, wir zusammen: umschlängelt von Kabelund SchlauchGewirren, die in J hinein- oder aus ihm herausgleiten + er macht seine Augen ganz riesig //eristkurzsichtig hatkeineBrilleauf// um mich-ja-mich zu fixieren: aber er schafft es nicht ganz: etwas bleibt unscharf in seinem Blick. er gibt auf + klappt die Augen zu wieder und murmelt: will mitteilen: kann nichts erzählen: alles zu viel. es rauscht: hier ist kakophonisches Piepen von unterschiedlichen (Herz)Frequenzen + Summen und Rauschen von BeatmungsGeräten von SauerStoffStrömen + einsilbige Stimmen ganz klein dazwischengesteckt + medizinische ArbeitsGeräusche. KlinikGeklingel.

bevor wir uns festmachen können an diesem J-Bett: werden wir schon wieder weggewedelt, weil ein RiesenServierWagen mit IntensiveCareInstrumenten + VerbandsUtensilien da hin muss gestellt sein wo wir stehen möchten: fortfortmituns. denn sie woll'n ihm noch einmal den Thorax punktier’n //eins-zwei-drei-eins-zwei-drei// und die Drain-ah!-ge erneuern. da ist noch viel drin in dem BrustKorb was raus muss.
wir warten auf einem Gang. bis sie fertig sein werden.

F setzt sich der Stuhl ist aus Holz + F hat rote verquollene Augen, obwohl sie das alles doch kennt. ich aber streife ungerührt an den KorridorWänden entlang: die sind üppig behangen mit Kunst spektakulär-so-modern und dieser Bezug zur Location! frappant!: ein blauschwarzverschmiertes Blatt trägt den Titel "PsychoGramm". ein rotschwarzgrauweißverschmiertes heißt "Leid, das alte Lied". vier Blätter in schmutzgelb(1) dumpfrot(2) depressivblau(3) und braunmelange(4) bilden den Zyklus "Circadian - der Tag des Chirurgen". das Bild "Milde Taube des Herzens" fehlt. ach-es-fehlt. ach-es-fehlt. man kann es sich vorstellen wenn-man-will. es wäre helldunkelgraukhaki mit SchmutzRosaSchlieren.
ich lerne die Titel der KunstWerke auswendig: um sie bei Gelegenheit nachzuerzählen.
M kommt //während ich kunstbetrachte und F auf dem HolzStuhl sitzt// mit einem Pfleger ins Gespräch. geht mit ihm weg. wie ich eben noch sehe: verschwinden sie weit fort am Ende des Ganges irgendwo rein in eine Kammeroderwas-undwassolldasdenn frage ich mich: bin alarmiert: beachte die Kunst nicht mehr weiter. verfolge den Pfleger und M + finde zu ihnen in einem engen Raum voller SACHEN. zu spät: der Pfleger ist im Begriff, einen infusomat-secura-85 an M-meinen-Sohn zu verschenken nebst passender TropfFlasche Schlauch auch.

der "infusomat" ist sehr schwer. wir stellen ihn unter dem "Tag des Chirurgen" ab => treten erneut an das J-Bett: der ServierWagen nämlich ist fertig mit ihm.
F steht zur Linken von J, ich stehe rechts von ihm, M am FußEnde des Bettes: und ich sehe BilderGemälde mein-inneres-Auge: karfreitagsliturgische Szenen: Maria + Magdalena + der LieblingsJünger Johannes beim gekreuzigten Christus: der Isenheimer Altar. gibt’s alles schon lange was wir hier haben: nichts Neues //so fühllos bin ich vor Anspannung//. J strahlt aber wirklich wie 1 geschmerzter Gekreuzigter: man sieht seine nackte Brust. BlutSpuren allüberall auf den Tüchern: Male und Stiche - Kanülen und Pflaster mit DruckKnopf am Leib + dank der Drainah!ge läuft Blut und Wasser jetzt aus ihm heraus Punkt so mager so hager skelettig ist er + weißlichgelbwächsern und klappt die Augen auf-zu + er schweigt. seine Finger sind dick viel zu dick. wir spüren es deutlich: ihn schmerzt.

okay soweit aber. bevor wir die Klinik verlassen
sagt uns ein ArztMensch: es gehe ihm gut.
das ist ein Wort.
ein anderes Wort
spricht: der Leib.

(04.04.07)

 
        arisia
        (Gast)

RE: StegreifStücke

   07.04.2007, 14:35 / 1 x geändert



hi, zuppa,

ich weiß gar nicht wie ich rangehen kann, an deinen Text, gebe alle Versuche des Vordenkens auf, schreibe, was kommt.
Du hattest ja schon im Vorfeld irgendwo hier im Forum erwähnt, daß dein Mann operiert werden muß. Nun ist es so weit, die OP ist überstanden, mit den Nachwehen gilt es jetzt zu leben.
So viel Gedanken, die frau anfallen, da wird das “Gesichterabtasten” auf dem Weg in die Klinik als Droge benutzt, im Sehen bleiben, um die Gedanken vom Kommenden noch fernzuhalten, es wird noch früh genug sein, wenn frau am Krankenhausbett angekommen ist, am Thronbett, das den Operierten schonungslos präsentiert. Das Kabel- und Schlauchgewirre auch als Metapher für die sich windenden Gedanken zu lesen, denn was soll gedacht werden, Kraft muß dasein, die abgegeben werden will an den Mann, damit aus dem unfokusierten Blick wieder ein Blick des verstehenden Schauens werden kann.
Noch kaum angekommen, schon wieder der Rausschmiß, frau geht wieder ins Schauen, diesmal von Kunst an Krankenauswänden, nicht gerade aufbauend, die geschilderten Farben. Wieder zurück am Bett erscheinen dann Nachbilder von lange vorher gesehenem, assoziative Verbindungen, frau bleibt im Schauen, ein intensiver Input, so intensiv, später muß es einen Output geben, sonst kann frau es nicht mehr fassen, umfassen, und ein Weg des Outputs ist diese Geschichte, so viel, was da herauswill, daß der “normale” Satzbau und die “normale” Anwendung von Buchstaben, Schrift, nicht ausreicht.
Der Text, ein Stakkato von Wörtern und Zeichen, oft auf mehrere Deutungsebenen ausgelegt um auch das Unpackbare hineinzupacken, es zwischen die Buchstaben und Zeichen zu schieben, damit nichts verlorengeht.

viel Kraft wünscht dir
arisia

 

      augustine



RE: StegreifStücke

   07.04.2007, 20:08



o zuppa! hab' zunächst nicht gewagt, den Text als Text zu kommentieren; aber er steht hier in der kleinen Öffentlichkeit dieses Forums; so versuch ich's.

es geht um ein Herz, das operiert werden muss, um wieder gesund zu werden. Der Schmerz umgibt es - unmittelbar postoperativ, " am man of sorrows and acquainted with grief" (Jes 53, 3), Händels Messias kam mir in den Sinn, abgebildet in der Textur. (Verzeiht die literarischen Assoziationen; ich lese noch mehr; ich glaube nicht, dass ich sie hineinlese; sie stellten sich ein, egal, ob das der Autorin bewusst war oder nicht.) Um einen Mann geht es, nicht um einen Jungen. Es geht um "J.", den Vater von F und M (J=> F + M), J. als Mittelpunkt: "später sehe ich J.", und dieses selbe J weist mit dem Pfeil auf die Vaterschaft), M, der Sohn, bewältigt die schwierige Situation, indem er mit einem Pfleger ins Gespräch kommt und ein ausgedientes Infusionsgerät geschenkt bekommt, so eins, wie es die Medikamente in den Schmerzensleib seines Vaters tröpfeln lässt; was wird er tun damit: vielleicht eine Pflanze dosiert bewässern (wir wissen ja, er kennt sich aus mit Technik), etwas Lebendiges, wird 'bewältigen', indem er nach-'spielt', was mit seinem Vater geschieht.

die Familie, Mutter, eine Tochter, der Sohn, am Hauptbahnhof in den Menschen, die sich da knäudeln wie später die Schläuche am Krankenbett. Die Gesichter "gleiten hinein" (passiv) in den Blick der Mutter, aber sie 'saugt sie auf' dann auch, 'tastet sie ab' (aktiv): "SEHEN". Nicht ohne "Sinn oder Zweck oder Ziel", wie ich meine; mindestens sediert das ein bisschen (wie auch der Körper des Schmerzensmannes postoperativ sediert ist), dopt, ja, aber das Ich in der "Meng-schenMasse" / "Menschenmenge" geht sich nicht verloren, steht da drin "wie 1 Litfasssäule" (ja, schreibt man so, zuppa; Du hackst was in die Tasten und schreibst fehlerlos!!): "Unsichtbarwerden + Selbstgewahrwerden zugleich"; wie sollte "Meng-schenMasse" dann nicht an die Mannsche Mengstraße in Lübeck erinnern, das Großelternhaus, (über dem steht steht: dominus providebit - der Herr wird Vorsorge treffen; weiß nicht, ob die Anspielung soweit geht; aber "Meng"(straße), d.i.: Thomas Mann, der Einzelne, der Repräsentant

das Zeichen "+" soll sicher auch als Kreuz gelesen werden; es geht durch den Text

dann sieht die Berichterstatterin J <--> J versucht sie zu fixieren; er kann noch kaum sehen, nicht sprechen ...; gleich aber fasst die Klinikroutine zu, eine neue Punktion ist nötig, eine neue Drainage; die Familie wird "weggewedelt" wie der Kafka'sche Kübelreiter

die Kinder, während der Prozedur wartend im Gang mit Mutter, reagieren unterschiedlich: F, "obwohl sie das alles doch kennt" als Medizinerin, hat noch nicht die Arzt-Routine, die sie sich wird zulegen müssen; sie weint, sie wagt zu weinen, sie ist so erwachsen, dass sie wagen kann zu weinen; schließlich - hier geht es um ihren Vater / M sucht und findet (oder nur: findet) das, was seine Seele ertragen kann /
die Mutter 'kunstbetrachtet', was die Chirurgen für den Gang vor einer Intensivstation für richtig befunden haben zu kaufen - und erinnert sich an den Isenheimer Altar, also sicherlich: die im Schmerz sich krümmenden Finger des gekreuzigten Jesus: die Finger des Operierten sind ('nur') noch nicht wieder gut durchblutet, und die vier Personen bilden im/am Krankenbett selbst die Kreuzesszene ab, der Drain erzeugt die Erinnerung an die Passionsschilderung bei Johannes (19, 34)

Wie kann das sein, dass eine so schreiben kann in aktueller Not und etwas schreibt, was auch als TEXT großartig ist?
augustine

 

      Schreibtisch



RE: StegreifStücke

   08.04.2007, 22:08



Achachach: Die Form: dicht, schnell, beschleunigend, kompakt, Gleichungen, die nicht einfach zu lösen sind, Situationsbeschreibungen wie formelhafte Aufstellungshinweise (für das Bühnenstück, das Leben heißt), Stakkato, Blitzlichter, ich darf in keinem Bild verweilen, lassen mich fangen von Sätzen, die ich immer wieder lesen muss, um sie verstehen zu können. Es wird mir nicht leicht gemacht und da kongruiert die Form mit dem Inhalt.
Die letzten drei Sätze lese ich wie ein Gedicht. Anklang an Abendmahlsliturgie(Wort/Leib)

Liebe zuppanova, ich habe versucht zu beschreiben, wie der Text auf mich wirkt und wie er es macht…er hat mich wirklich umgehauen…habe lange gebraucht, bis ich ihn an einem Stück lesen konnte…er ist sehr intensiv (-Stationgenausoissesjaundsogutbeschrieben)
irgendwie trau ich mich nicht zu sagen, dass er mir soo gut gefällt, das mutet so pietätslos an…egal…Du weißt schon wie ich’s meine (?) Danke für diesen bewegenden Karfreitagstext
sagt Der Schreibtisch

 

      windflug



RE: StegreifStücke

   08.04.2007, 23:48



Liebe zuppanova,

dein Text ist so dicht und intensiv, so voller Karfreitagsschmerz, so erGreifend - er geht mir nahe, immer wieder.
Aus dem Stegreif müssen alle handeln in dieser Situation, die aus der alltäglichen Rollenroutine herausreißt und die neue und doch altbekannte Rollenzuweisungen erzwingt. Ein Passionsspiel muss nachgespielt werden, aber man ist nicht Schauspielerin, man wird selbst Maria/Magdalena, der Schmerzensmann ist nicht ein abstrakter Christus, an dessen Leid man sich jährlich wieder erinnert, es ist der eigene Mann, der dort liegt, blutbefleckt, mit wächserner Haut, an Schläuche gebunden.
Wie umgehen mit dieser erzwungenen Rolle in dem Stegreifstück? Der Sohn bleibt, was er immer ist, neugierig auf Menschen und Dinge zugehend, den Pfleger in ein Gespräch verwickelnd und so hinreißend, dass es ein Geschenk gibt. Die Tochter fällt aus der Rolle der Medizinerin, jegliche professionelle Distanz ist dahin, da ist nur noch Mit-Leiden. Und die Mutter und Ehefrau? Sie wird zum Auge, klarsichtig, sieht jeden Menschen in seiner Einzigartigkeit und Menschlichkeit, sieht Dinge und Menschen und in den Dingen und Menschen mehr als die bloße Realität, sieht den Isenheimer Altar, sieht den Schmerzensmann, sieht und ist scheinbar fühllos, weil die Gefühle einfach zu intensiv sind - vielleicht auch, weil sie neben dieser neuen Rolle in dem ihnen allen auferlegten Passionsspiel auch noch die alte Rolle weiterspielen muss, die der Mutter, die alles zusammenhalten muss, alles tragen und dies jetzt allein.
Liebe zuppa, ich wünsche dir ganz viel Kraft und denke an euch alle.

Liebe Grüße
windflug

 

      Jolante



RE: StegreifStücke

   09.04.2007, 11:37 / 3 x geändert



Zunächst war ich so voll von Eindrücken, dass ich zu dem Text nichts schreiben konnte. Nun lese ich den Kommentar von windflug, und ich stimme ihm aus ganzem Herzen zu. Ich finde, besser kann man sich zu Zuppas ergreifenden Notizen nicht äußern. In diesem Kommentar ist alles zusammengefasst, alles noch einmal verdichtet, was diese "Passion" über zuppas persönliche Betroffenheit all-gemein-gültig macht.

Liebe Grüße
Jolante

 

      lost



RE: StegreifStücke

   11.04.2007, 01:35



der Text erinnert mich an Vielerlei:
vage an Döblins Montagetechnik in 'Berlin. Alexanderplatz'
(aber es ist sehr lange her, dass ich dies las.
und ich mochte es nicht. zu lang-atmig ...).
weiterhin fallen mir Begriffe ein wie 'gesteigerter Realismus',
'Expressionismus', ja, womöglich eine Art von erneuertem Naturalismus,
auch Elemente des 'inneren Monologs' sind vorhanden,
auch Elemente des 'stream of consciousness'
(behaupte ich. es ist diskutabel. alles.).
der Text nimmt den Leser mit, scheint mir,
saugt ihn in sich ein, quasi, und das
kann allemal so schlecht nicht sein.
Stil (ein weiterer Begriff, der mir einfällt).
StilFindungsVersuch. gut. es wirkt authentisch.

best regards. Lost.

 

      zuppanova²



RE: StegreifStücke / postoperative Befindlichk

   10.05.2007, 11:13 / 1 x geändert



serv.s, ihr lieben!

möchte euch sehr danken für euer lesen, eure beschäftigung mit diesem sperrigen und zeichendurchsetzten text - und bin froh, dass ihr den text auch als text nehmen konntet, obwohl der persönliche hintergrund ja durchscheint.
für mich, so als feedback, ist es einfach gut zu wissen, dass so etwas lesbar ist und auch von "aussenstehenden" verstanden wird. so zu schreiben: das tut mir gut, da nähere ich mich meiner eigen-stimme.
augustine, zu der Meng-schenMasse: an Thomas Mann dachte ich nicht dabei, es ging viel schlichter darum, die worte "Menge" "Menschen" "Masse" zu verknüpfen - deine assoziation ehrt mich zwar, erweist aber auch: textinterpretation ist abhängig davon, was jemand als gedanken oder wissen mit sich herumträgt, und welche bezüge und querverbindungen ein leser herstellt. so entstehen durch verschiedene leser/innen auch unterschiedlich texthorizonte, abgelöst vom autor. das finde ich persönlich einen interessanten prozess. - - -
möcht euch noch zeigen, was aus dem infusomat geworden ist:
hier - ein link
ansonsten ist alles weitergegangen, "bei uns" - richtung: grüner bereich.

lg an alle, die eilige zuppa vom herd.




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