Christian · augustine · ·


Kurzgeschichten · Forum für Literatur & Germanistik
 

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      augustine



Christian

   23.03.2007, 01:17 / 4 x geändert



CHRISTIAN

An einem Montag fehlte Christian, Schüler meiner ersten eigenen Klasse. Es fehlten auch andere. Er aber hatte noch nie gefehlt. Das wusste ich, weil es mir beim Schreiben der Halbjahreszeugnisse der 6. Klasse aufgefallen war. Aber warum sollte er nicht auch mal fehlen, Christian, der so köstlich manchmal mit der Stimme und der Diktion eines Kollegen antwortete oder fragte und, wenn alle sich vor Lachen kringelten, mit ganz ernster Miene nur die rechte Augenbraue ein wenig hoch zog.
Am Nachmittag des übernächsten Tages rief mich seine Mutter an. Der ein Jahr jüngere Bruder hatte mir eine kurze schriftliche Entschuldigung gebracht, die allgemein von 'Krankenhaus' sprach. Der Elfjährige, der sich nicht mehr gern von seiner Mutter wie ein Kind behandeln ließ, nicht mehr mit ihr schmusen wollte, hatte am Wochenende zuvor sie gebeten, seine Achselhöhlen abzutasten: da fühle sich etwas irgendwie hart an. Die Eltern waren sofort mit ihm ins Krankenhaus gefahren. Man hatte Christian dort behalten und die Diagnose schnell gesichert: Leukämie. Er würde operiert werden müssen und dann eine scharfe Chemotherapie auszuhalten haben. Ich möge es dem Schulleiter sagen. Dessen Redeschwall und Mitleidsbekundungen könne sie nicht ertragen.
Als der Junge die Operation gut überstanden hatte und vor der Chemo sich eine Weile zu Hause erholen durfte, rief sie wieder an. Christian hatte am Beginn der Narkose nicht gezählt, sondern angefangen, ein Gedicht aufzusagen, das wir im Deutschunterricht besprochen hatten und das er – freiwillig! – auswendig gelernt hatte: Das alizarinblaue Zwergenkind. Ich war gerührt, bin es in der Erinnerung heute noch.
Als er auch die erste Folge der Chemo hinter sich hatte, durfte ich ihn zu Hause besuchen. Seine fast schon vollständige Kahlköpfigkeit trug er gelassen, wie es schien. Vielleicht sollte es nur mir so scheinen, seiner Lehrerin, die ihn zu Hause besuchte. Ich brachte ihm das Buch mit, aus dem ich das Gedicht kannte: James Krüss, So viele Tage wie das Jahr hat. Er erkannte es und sagte mit der Stimme des Kollegen Sch.: "Das hätte doch aber nicht notgetan.", zog die rechte Augenbraue hoch, und alle mussten lachen. Dann erzählte er, Carsten habe ihn schon besucht, der andere Junge aus der Schule, der, sonderbare Duplizität, ebenfalls Leukämie hatte. Das könne man überleben, jedenfalls als Kind, habe der gesagt, und die Ärzte sagten es auch.
Als Christian wieder in der Schule war, trug er eine Perücke, genau in der Farbe und mit dem Schnitt seiner verlorenen Haare. Aber er verschob sie dauernd auf seinem Kopf. Wahrscheinlich juckte sie auf der Haut. Zu Hause trug er sie ja vermutlich nicht. Dann ging ich einmal durch die Reihen und sah Hausaufgaben an, blieb lesend oder redend da und dort stehen. Als ich bei Christian stand und las, riss er sich mit einer entschiedenen Bewegung die Perücke vom Kopf, stopfte sie unter seinen Tisch und trug sie nie wieder. Er zog kurz die Augenbraue hoch, und ich nickte ihm zu. Niemand sagte etwas. Als ihm die Haare nachwuchsen, waren es üppige braune Locken, wie er sie zuvor nicht gehabt hatte.


Nachträge:

Carsten ist bald darauf gestorben.
Christian hat Medizin studiert und ist Onkologe.

AugenblickeBlickwinkel 7

Hier das Gedicht:

Nein, was hab ich gelacht!
Da kommt doch diese Nacht
Ein kleinwinzig Zwergenkind
Aus dem Bücherspind
Hinter Kopischs Gedichten hervor
Und krebselt an meinem Schreibtisch empor.
Trippelt ans Tintenfaß:
"Was ist denn das?"
Stippt den schneckenhorndünnen Finger hinein,
Leckt,- "Ui, fein!"
Macht halslang, guckt dumm
Nochmal in der ganzen Stube rum,
Gottseidank, allein!
Zwergenvater begegnet sich selber im Mondenschein,
Mutti, um was Gescheiteres anzufangen,
Is e bissel spuken gegangen.
Da knöpft es sein Wämschen ab,
Hemd runter, - schwapp!
Spritzt's ins Tintenbad hinein,
Taucht, plantscht, wischt die Augen rein,
Pudelt
Und sprudelt,
Nimmt's Mäulchen voll,
Prustet ein Springbrunn hoch zwei Zoll,
Streckt's Füßchen raus, schnalzt mit den Zeh'n,
Taucht, um mal auf'n Kopf zu stehn, -
Endlich Schluß der Bade-Saison!
Klettert raus, trippelt über meinen Löschkarton,
Schuppert sich, über und über pitsche-patsche-naß,
"Brr, wie kalt war das!"
Ist selig, wie es sie zugesaut,
Und kriegt eine alizarinblaue Gänsehaut.
Nun trocknet sich's auf dem Löschpapier,
Probiert dort und hier,
Was da für'n feines Muster bleibt, -
Als ob einer, der schreiben kann, schreibt!
Ein Fußtapf, - wie 'ne Bohne beinah!
Ein Handklitsch, - alle fünf Finger da!
Nun die Nase aufgetunkt,
Lacht schrecklich: Ein richtiger Punkt,
Ein Punkt!
Wo's aber gesessen hat
Auf dem roten Blatt, -
Wie's da hinguckt,
Da hat's ein Dreierbrötchen gedruckt,
Ein kleinwinziges zweihälftiges Dreierbrot,
Blau auf rot!
Erst lacht's. Dann schämt sich's. Und dann
So schnell es kann
Am Tischbein runter,
Durch den Mondenschein
In Schrank hinein!
Ein Weilchen noch hinter den Büchern her
Hörte ich's piepsen und heulen sehr,
Hat so arg geschnieft und geschluckt,
Weil es das - Dreierbrötchen da hingedruckt!

Börries von Münchhausen

 

      windflug



RE: Christian

   23.03.2007, 14:46



Hallo augustine,

"Ich war gerührt, bin es in der Erinnerung heute noch." - Das merkt man deinem Text an, und er schafft es auch mich zutiefst zu rühren. Da steht ein Elfjähriger vor einer schweren Operation und rezitiert ein Gedicht, um sich in die Narkose zu begeben, sich die Angst wegzuträumen - das ist einfach großartig (und sicher auch der Erfolg eines begeisternden Deutschunterrichts). Auch der Rest der Geschichte ist so mitfühlend geschrieben, dass ich mir diesen mutigen kleinen Kerl gut vorstellen kann. Da du dann noch das Gedicht eingestellt hast, das ich nicht kannte, wird deutlich, wie groß die Leistung des Jungen war, denn das ist sicher nicht leicht auswendig zu lernen.
Wie stark das Bedürfnis nach Lyrik (neben einer großen, oft aber nur anfänglichen Ablehnung) ist, stelle auch ich, Jahre später und bei einer wahrscheinlich ganz anders zusammengesetzten Schülerschaft fest. Dazu eine kleine Begebenheit aus meiner neunten Klasse: Wir besprachen im Englischunterricht gerade irgendein grammatisches Phänomen, als sich plötzlich Elvir meldete: "Können wir in Englich nicht auch mal so was mit Metaphern besprechen?" Augenrollen bei einem Großteil der Schüler war die Antwort. Ich schlug daraufhin vor, dass ich ihm ja eine kleine Zusammenstellung von Gedichten geben könne, die er für sich zu Hause lesen dürfte. Nach der Stunde kam dann nicht nur er zu mir, sondern auch zwei andere, die sich ebenfalls für Gedichte interessierten und die daraufhin eine kleine Sammlung verschiedener Dichter erhielten. Alle erzählten mir dann später, wie sehr sie ihnen gefallen habe und baten um Nachschub. Elvir selbst gab mir dann auch seine eigenen "Werke" zu lesen, sprachlich ziemlich kraus, aber teilweise mit guten Metaphern. Jetzt möchte er sich an einem Schülerlyrikwettbewerb beteiligen.

windflug

 

      Jolante



RE: Christian

   23.03.2007, 21:09 / 2 x geändert



Du erzählst eine sehr anrührende Geschichte, augustine, und du erzählst sie wunderschön, ganz unprätentiös und völlig frei von Sentimentalität. Dabei ist es gar nicht leicht, den rechten Ton zu treffen bei einem Thema, das so emotionsgeladen ist: Ein Junge, elf Jahre erst, hat Leukämie, wird operiert, bekommt Chemo, also das ganze Programm ! - Aber er liebt Gedichte und hat das Glück, eine Deutschlehrerin zu haben, die ihn nicht nur in dieser Neigung bestärkt, sondern ihn auch besucht, sich um ihn kümmert. Sie verstehen sich, Lehrerin und Schüler, das spürt man gleich. Es gefällt mir, wie du den Jungen schilderst: "Christian, der so köstlich manchmal mit der Stimme und der Diktion eines Kollegen antwortete oder fragte und, wenn alle sich vor Lachen kringelten, mit ganz ernster Miene nur die rechte Augenbraue ein wenig hoch zog." - Köstlich auch, wie er bei ihrem Besuch am Krankenbett auf das mitgebrachte Buch mit der Stimme des Kollegen Sch. reagierte: "Das hätte doch aber nicht notgetan".
Es gibt noch mehr Stellen in der Geschichte, die etwas über die Tapferkeit des Jungen aussagen, beispielsweise das Herunterreißen der Perücke und der Blick des Einverständnisses zwischen Lehrerin und Schüler, und wie er kurz die Augenbraue hochzog. Wie das erzählt wird, erinnert es mich ein wenig an Thomas Mann.
Die Geschichte geht gut aus, Christian überlebt, gottseidank, wird später sogar Onkologe, so steht es in den "Nachträgen". Aber da ist noch der andere Schüler, Carsten, der auch an Leukämie litt und Christian bei seinem Krankenbesuch Mut gemacht hatte. Er ist gestorben. So ist die Realität: Leben und Tod sind nicht voneinander zu trennen. Wenn ein junger Mensch betroffen ist, gilt um so mehr: "O Tod, wie bitter bist du".

Jolante

 

      Gerd



RE: Christian

   24.03.2007, 04:00



Liebe augustine,

die Geschichte lese ich mehrfach metamorphotisch. Die Entwicklung – Wandlung von Christian vollzieht sich mehrfach und schlussendlich positiv. Das rezitierte Gedicht beinhaltet ebenfalls eine Metamorphose des Männleins in sich. In der beschriebenen Situation hat das Rezitieren für mich fast etwas Rituelles – spirituelle Kraftschöpfung. Duplizität findet sich nicht nur im Leiden, sondern auch im Namen: Christian – Carsten, evtl. ein alternativer Lebensentwurf – ein Alter Ego? So meine ersten Gedanken.

Herzliche Grüße
Gerd




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