| |
|
Online
|
gregor libkowsky
mmazzurro
|
|
arisia (Gast)
|
20.03.2007, 11:26 / 1 x geändert
|
|
Der All-Tag
Der All-Tag
Zieht an mir vorbei
Bis die Nacht anbricht
Mein Leben auslöscht
Und mein Sterben beginnt
Ich sterbe
Jede Nacht
Ein bißchen
Mehr
Mit großer Ungeduld
Warte ich
Auf den Tod
Den Erlöser
Lange
Werde ich
Warten
Müssen
Ich lerne
Geduld zu haben
Schmerzen zu ertragen
Hoffnungen zu begraben
Den Tag zu lieben -
Das Leben zu lieben
Wenn der All-Tag
Nicht mehr
An mir vorbeizieht
Und die Nacht Erholung ist

|  |
Jolante
|
21.03.2007, 22:13 / 3 x geändert
|
|
Liebe arisia,
seit langem wieder ein Gedicht von dir, ein trauriges diesmal. - So traurig, dass ich es kaum wage, auf seinen Inhalt einzugehen. Hier offenbart sich ein lyrisches Ich, das in Schwermut gefallen ist. Der All-Tag wird nicht wirklich erlebt, er zieht an ihm vorbei, und in der Nacht beginnt das Sterben, "jede Nacht ein bisschen mehr". Das Ich fühlt sich ausgelöscht, der Tod wird von ihm mit Ungeduld herbeigesehnt als Erlösung von psychischen und/oder physischen Qualen. Den folgenden Absatz "Lange werde ich warten müssen", verstehe ich in diesem Kontext nicht, halte ihn auch mit Blick auf die folgenden Strophen für entbehrlich. Denn das lyrische Ich gibt sich ja nicht wirklich auf, sondern es begibt sich in den Prozess des Geduldübens, der in dem Vorsatz gipfelt, den Tag zu lieben, das Leben zu lieben, wenn der All-Tag wieder gelebt werden kann. Insofern verharrt das lyr.Ich nicht in Hoffnungslosigkeit. Es erwartet eben n i c h t den Tod sondern das Leben. Gerade aus den letzten Zeilen spricht eine beharrliche Kraft.
Gruß Jolante

|  |
ear
|
22.03.2007, 16:21 / 1 x geändert
|
|
Liebe arisua, mit dem Titel “All -Tag” erwartete ich eine Darstellung von gewohnheitsgemaess wiederkehrenden Dingen, die ebenso gut zu mir passen koennten, wie zu dem Lyrischen Ich des Gedichtes. Stattdessen wurde mir mit jeder Zeile unbehaglicher zumute, wegen der Trauer und Verzweiflung des Gedichtes. Tiefe Depression, Trauer und Todesbereitschaft sprachen aus dem Text, weil die erlittenen Schmerzen zu unertraeglich schienen.
Die ersten drei Strophen haben vier kurze Zeilen, kurze Woerter, als wuerde das Atmen langsam weniger und weniger.
Dann kommt eine Wende, wenn auch langsam, denn die Kuerze der vier Zeilen wird noch beibehalten in: “Lange- werde ich- warten- muessen”. Hier kommen Zeit, Gegenwart, vielleich auch Zukunft hinzu.
Der Koerper beginnt sich zu wehren gegen das Verloeschen-Wollen. Das Lyrische Ich lernt es, sich mit einem Weiterleben abzufinden, weiterhin Schmerzen zu ertragen und als gegeben hinzunehmen. Gegenwart und Zukunft versprechen keine Besserung in der Weise. Eine neue Einstellung zum Leben wird notwendig, ohne die Hoffnungen, die in Erfuellung haetten gehen sollen.
Die Zeilen werden laenger.
So wird langsam aus der Nacht, in der auf ‘Erloesung’ gehofft wurde, eine Nacht, die ‘Erholung’ sein koennte. Vorraussetzung bleibt, dass das Lyrische Ich das Leben auch zukuenftig bejaht.
Dein Gedicht fesselte mich, nachdem ich mich laenger damit beschaeftigt hatte. Aus der wiederkehrenden Liebe zum ‘Tag’ , wird die Liebe zum ‘Leben’ geboren, das bedeutet Vertrauen in eine bessere Zukunft.

|  |
arisia (Gast)
|
29.03.2007, 12:54 / 2 x geändert
|
|
hi, jolante und ear,
danke, daß ihr euch getraut habt, an diesen Text heranzugehen.
Auch dem fröhlichsten Menschen ist das Leben ab und an einmal zu viel des Bösen,
und wenn schon viel Erfahrung mit dem Leben da ist, positive wie negative, dann
kommt schon mal so eine Anwandlung, ob es denn jetzt nicht genug sein könnte.
Die Zeilen
“ Lange
Werde ich
Warten
Müssen”
rühren daher Jolante, daß dem LI schon klar war, daß die Zeit zu gehen noch nicht
gekommen ist, daß auch keine objektive Veranlassung dazu besteht, daß der Tod
bald kommen werde, eine kleiner, selbstironischer Einschub, da das LI sich doch
so gut kennt, daß es weiß, das seine Liebe und auch sein Wille zum Leben die
Oberhand gegenüber resignierenden Anwandlungen behalten werden.
@ear
ich weiß nicht, ear, ob ein Vertrauen in eine “bessere” Zukunft geboren wurde,
aber immerhin in eine Zukunft, wie immer sie sich auch darstellen mag.
Und ja, der Titel sollte verführen, genau dazu, wohin er dich zuerst geführt
hat, aber er ist auch doppelbödig gemeint, in so fern, daß die Tage mir so
endlos wie das Universum, das All erschienen, deswegen der Bindestrich.
liebe Grüße
und nochmals Danke
arisia

|  |
Jolante
|
Hallo arisia,
Du bezeichnest die Zeile "Lange werde ich warten müssen" als selbstironischen Einschub. Ich verstehe, was du meinst, aber ich komme doch nicht ganz damit klar. Wir wissen nicht, wann der Tod kommt. Egal, wie wir uns fühlen, ob gut oder schlecht, ob bereit zum Sterben oder nicht bereit, der Tod kommt, wann er will. Es sei denn, man beendet freiwillig sein Leben, und dazu ist das lyr.Ich (noch) nicht bereit. Insofern halte ich die o.a. Zeile immer noch für verzichtbar. Vielleicht stehe ich aber, wie das leider manchmal vorkommt, auf der Leitung. :)
Liebe Grüße
Jolante

|  |
arisia (Gast)
|
hi, Jolante,
ich rätsele, wie ich es sagen soll, daß mir gerade diese Zeilen wichtig sind.
Sicher, der Tod kommt wann er will, man kann über einen Strohhalm stolpern und sich das Genick brechen.
Was ich meinte mit den den Zeilen ist, es gibt trotz der persönlichen Dramatik des Krankheitsgeschehens keinen objektiven medizinischen Grund für ein baldiges Ende, und dem LI ist bewußt, daß es nicht bereit ist, wie etliche andere in dieser Situation, selbst ein Ende zu setzten.
Die Zeilen sind auch ein Seufzer der Ergebung darin, daß das Leben eben noch nicht auf natürliche Art und Weise vorbei ist, daß das Leben so, wie es sich darbietet nochmal angenommen und angepackt werden muß, und nicht nur ein Seufzer, auch die Furcht davor, daß es evtl. noch lange dauern wird, und Wege gefunden werden müssen sinnvoll damit umzugehen, Furcht und Widerwillen vor der Anstrengung, dem Leben immer wieder etwas Positives abzugewinnen zu müssen, wenn es denn weitergehen soll, zu wissen um den ewigen Kreislauf, um das immer Wiederkehren der Schmerzen.
Vielleicht sind dir die Zeilen jetzt etwas verständlicher.
liebe Grüße
arisia

|  |
Jolante
|
Liebe arisia,
wenn dir die besagten Zeilen so wichtig sind, dann haben sie auf jeden Fall ihre Berechtigung, und wer bin ich, diese in Frage zu stellen. Für mich bleibt der Widerspruch des einerseits ungeduldigen Wartens auf den Erlöser Tod, andererseits die Einsicht "Lange werde ich warten müssen" bestehen. Deine Erklärungen verstehe ich sehr gut, kann sie aus dem Text aber nicht herauslesen. Das liegt wahrscheinlich an meinem Unvermögen. Daher würden mich andere Lesarten interessieren.
Gruß Jolante

|  |
|
|