Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe ... · Elise · ·


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      Elise



Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe ...

   17.01.2006, 23:12 / 1 x geändert



Vielleicht kleine Puzzlesteinchen zum Thema "Ich", "Identität(en)". Wurde ja immer mal wieder hier im Forum angestoßen:


"Je mehr ich zu fühlen, wie verschiedene Personen zu fühlen vermag, je mehr Persönlichkeit ich besitze, je heftiger, schriller ich sie besitze, je gleichzeitiger ich fühle mit ihnen allen, je einig - verschiedener, ja geteilt - aufmerksamer ich fühle, lebe und bin . . . desto mehr kann ich sein wie Gott, er sei, wer auch immer . . ."


"Ich denke immer, fühle immer; doch mein Denken enthält keine Gedanken, mein Gefühlsleben keine Gefühle. Ich falle oben aus der Falltür durch den ganzen unendlichen Raum, in einem Sturz ohne Richtung, unendlichfach und leer. Meine Seele ist ein schwarzer Mahlstrom, ein weites Taumeln rings um die Leere, Bewegung eines endlosen Ozeans rund um ein Loch im Nichts, und in den Gewässern, die eher ein Kreisen als Gewässer sind, treiben die Bilder all dessen, was ich gesehen und gehört habe auf der Welt - strudeln Häuser, Gesichter, Bücher, Kisten, Spuren von Musik und Silben von Stimmen in einem düsteren, unauslotbaren Wirbel."


"Wie ermüdend, geliebt zu werden, wahrhaft geliebt zu werden! Wie ermüdend, das Objekt emotionaler Belastungen eines anderen zu sein! Sich, wenn man sich frei, immer frei hat sehen wollen, mit einem Mal die Last der Verantwortung aufzubürden, Gefühle zu erwidern und so anständig zu sein, sich nicht zu entziehen, damit nur ja keiner auf den Gedanken kommt, man sei ein Prinz in Sachen Emotion und weise zugleich das Höchste zurück, das eine menschliche Seele zu geben vermag. Wie ermüdend, unsere Existenz ganz und gar abhängig zu sehen von der Gefühlsbeziehung zu einem anderen Menschen! Wie ermüdend, gezwungenermaßen ebenfalls ein bisschen lieben zu müssen, wenn auch ohne die volle Erwiderung!"


Zitate aus:
Fernando Pessoa. Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares.

 

      Funkenflug



Fernando Pessoa - Das Buch der Unruhe ...

   16.08.2011, 14:55



Elise, Pessoa zieht mich immer wieder an. Vielleicht ist der Austausch zu beleben durch dieses Zitat aus:
Jörg Waehner FERNANDO PESSOA. Ein Fragment
IV
Sich zu erinnern bedeutet oft schon Granit. Monumente im Zenit der Einsamkeit als Alibi des Vergessens. Was dieses aufbricht, Pessoas persönliche Direktheit: "... ich, dem so oft die Geduld fehlte, um ein Bad zu nehmen,/ ich, der so häufig lächerlich und absurd war,/ der sich öffentlich in den Teppichen der Etikette verwickelte,/ der grotesk, erbärmlich, anmaßend und unterwürfig war,/ der Demütigungen erlitt und schwieg,/ denn wenn ich nicht schwieg, war ich noch lächerlicher;/ ich, der komisch wirkte auf die Dienstmädchen des Hotels,/ ich, der das Augenblinzeln der Botenjungen spürte,/ (...) ich stellte fest, daß ich in alledem auf der Welt meinesgleichen suche." Die Anmaßung ist ein Schwindel/erregendes Gefühl, nichts anderes mehr. Die Krankheit hatte Pessoa eingeholt. Am Boden die zertretene Zigarette.
"Wer lebt wie ich, der stirbt nicht, der endet, verwelkt..."
(Fernando Pessoa wurde 1888 in Lissabon geboren und starb am 30. November 1935 an einer Leberkolik. Die zitierten Passagen aus: Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares. Aus dem Portugiesischen von Georg Rudolf Lind, Zürich 1985)

 

      lost



Wen zöge er nicht an, immer wieder -

   17.08.2011, 12:07



- dieser Pessoa?

Zwar steht weit hinten am Horizont meines Bewusstseins in winzigen, blässlichen Lettern die Frage, was daran wohl eigentlich "Austausch" sei, wenn man auf ein Zitat mit einem anderen Zitat reagiert. Dennoch, da ich eben eine hübsche Stelle zur Hand habe, beteilige ich mich gerne an diesem "Austausch". Am Ende, vielleicht, wird der Weg wider Erwarten dann doch noch nach Rom geführt haben. Wer weiß.

Tornei-me uma figura de livro, uma vida lida. O que sinto é (sem que eu queira) sentido para se escrever que se sentiu. O que penso está logo em palavras, misturado com imagens que o desfazem, aberto em ritmos que são outra coisa qualquer. De tanto recompor-me destruí-me. De tanto pensar-me, sou já meus pensamentos mas não eu. Sondei-me e deixei cair a sonda; vivo a pensar se sou fundo ou não, sem outra sonda agora senão o olhar que me mostra, claro a negro no espelho do poço alto, meu próprio rosto que me contempla contemplá-lo.
(Fernando Pessoa, Livro do desassossego, "apunte 193", São Paulo 2001, Editora Schwarcz Ltda.)


Ich bin zu einem Buchwesen geworden, zu einem gelesenen Leben. Was ich fühle, wird, ohne daß ich das wollte, gefühlt, damit aufgeschrieben werden kann, daß es gefühlt worden ist. Was ich denke, steht sogleich in Worten da, untermischt mit Bildern, die es zerstören, ausgebreitet in Rhythmen, die etwas anderes sind. Über der Mühsal, mich selber wieder zusammenzusetzen, habe ich mich zerstört. Über so vielem Mich-Überdenken bin ich schon meine Gedanken geworden, aber nicht ich selbst. Ich wollte mich erkunden und ließ die Sonde tief hinabsinken; ich lebe mit dem Gedanken, ob ich tief bin oder nicht, nunmehr ohne eine andere Sonde als den Blick, der mir, hell auf dunklem Grund, im Spiegel des tiefen Brunnens mein eigenes Gesicht zeigt, das mich betrachtet, so wie ich es betrachte.
(Fernando Pessoa, Das Buch der Unruhe, Frankfurt am Main 1988, S. 155)


Wie nur schlucken das bittere Leben, Tag für Tag?
Nicht von ungefähr kam ihm die Leberzirrhose.
Kein Alkohol ist auch keine Lösung.

regards, lost aka Cervus





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