Nachgefragt · augustine · ·


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      augustine



Nachgefragt

   14.03.2007, 21:42 / 5 x geändert



NACHGEFRAGT

Schön bin ich nicht. Jung bin ich nicht. Vor einer Filmkamera hatte ich noch nie gestanden. Nun musste es sein, für ein Interview. Es gibt ein paar Personen, von denen ich ein bisschen was weiß und für die ich eine Passion habe. Deshalb. Von Hölderlin rede ich, ja, und von Susette, seiner Lebensliebe, und von Johanna Christiana, seiner Mutter, und von Isaac, lange seinem liebsten Freund.
Die Passion für Hölderlin hat auch ein Filmemacher. Auch das Leiden an seinem Leiden kennt er. Er hat so ungefähr 100 Interviewpartner befragt für einen Film, in den dann wenige Gespräche aufgenommen werden sollten. Ich hatte demnach gute Aussichten, mich nicht selbst im Kino ansehen zu müssen.
Mit einer Freundin traf ich mich am Drehort. Sie wartete geduldig mit mir, als das Kamerateam nicht pünktlich war und auch nur einmal von unterwegs anrief. Sie schminkte mich, holte Getränke, assistierte beim Aufbau. Sie tat mir gut.
Die Kamerafrau, in meinem Alter, tat allen gut. Sie blieb ruhig, arrangierte Geräte und Personen, hetzte sich nicht und niemanden. Trotzdem begann das Interview reichlich verspätet und ging bis weit in die Nacht. H., der Filmemacher, mit dem ich mich immerhin zuvor zweimal besprochen hatte, fand zur Konzentration, obwohl noch anderes schief gegangen war. Wir beide fanden zur Kommunikation und in ein Gespräch, dessen technische Aufzeichnung ich zeitweilig vergaß.
Eine Frage, wie er sie am Schluss stellte, war vorauszusehen gewesen und kam auch: die nach dem Grund meiner Passion. Zurechtgelegt hatte ich mir eine freundlich-abschließende Antwort. H. hätte sich, sehr müde, damit begnügt, denke ich.
E. tat es nicht, die Kamerafrau, die ich noch nie gesehen hatte. Sie spürte, dass da etwas nicht gesagt werden sollte, und genau das interessierte sie. Nun fragte sie, zu meinem Erstaunen, und fragte gegen meine anfängliche Abwehr weiter, bedachtsam, nicht zudringlich. Sie merkte, ich merkte, dass sie auf dem richtigen Weg war, mir zu entlocken, was ich nicht hatte sagen wollen. Mir stiegen die Tränen in die Augen. E. sah sie und wusste, sie zeigten ihr an: Ich war dabei, mich ihr anzuvertrauen. Wir schwiegen eine Weile, indes ihre Kamera weiterlief, die andere nicht. Nur durch einen Schwall von Tränen hindurch sah ich sie, aber signalisierte ihr: Du darfst weiter fragen.
Ich beantworte die Frage von H., nun auch ihre: Warum hast du …?
Da stellte sie die Kamera ab, kam zu uns auf das Podium, wo wir saßen, H. und ich, kam auf mich zu, ich stand auf, und sie nahm mich lange in die Arme und wiegte mich sanft.
Schon am selben Abend wusste ich die gesagten Worte als Worte nicht mehr. Das ist auch nicht wirklich wichtig. Wichtig ist: irgendwie habe ich in Worte fassen können, dank ihrer behutsamen Nachfrage, dass diese Passion Hölderlin eine Liebe ist.

AugenblickeBlickwinkel 8

 

      ear



RE: AugenblickeBlickwinkel 5

   15.03.2007, 08:16



Liebe augustine, dein Beitrag “Nachgefragt” hat durch das Nicht-Gesagte und Angedeutete eine Sonderstellung. Es gelingt dir, eine Atmosphaere von Spannung zu schaffen, welche durch ein unerwartetes Ende noch verstaerkt wird.
Er enthaelt einen Grossteil deines Lebens, denn du studiertest, veroeffentlichtest zu den von dir genannten Personen. Du hast jahrelang mit ihnen gelebt, musstest Primaer -und Sekundaer- Literatur lesen und immer wieder vor allem die Briefe heranziehen. Du musstest dich in ihre Gedanken hineinversetzen, ihre Lebensweisen nachvollziehen und zu ergruenden suchen, warum das geschah, was geschehen musste.
Die schwankende Freundschaft Friedrch Hoelderlins zu Isaac v. Sinclair, welche mit dem Ausbruch der Krankheit und den langen Jahren im Turm versandete. Der dominierende Einfluss der Mutter,--- das Friedrich vorenthaltene Erbe---- und die tiefe Liebe Friedrichs zur Frau seines Geldgebers Gontard :
sie waren der Kernpunkt auch deines Lebens. Du musstest in Worte fassen, was in diesen Menschen vorsichging und sie wurden ein Teil deines Lebens.
Dein Wissen fuehrte zu einem gefilmten Interview, welches durch die behutsame Fragestellung der Kamerafrau dir Aussagen entlockte, die du eigenlich nicht preisgeben wolltest. Und weil ihre Kamera weiterfilmte, wurden deine innersten Gefuehle enthuellt und festgehalten. Ihr verstehendes Mitgefuehl und die Geste der Umarmung auf der Buehne geben der Szene eine ganz persoenliche Note.
Deiner Liebe zu Friedrich und Susette Gontard hast du ein Denkmal gesetzt.
Lieben Gruss, ear.

 

      Jolante



RE: Nachgefragt

   17.03.2007, 21:36 / 2 x geändert



"Schön bin ich nicht. Jung bin ich nicht", diese lapidare Feststellung steht am Anfang der kleinen Geschichte. Zum Glück sind andere, gewichtigere Attribute ausschlaggebend dafür, dass die Ich-Erzählerin für ein Interview gefilmt wird: Sie hat nämlich eine Passion für Hölderlin und drei ihm nahestehende Menschen, und über diese Personen (seine Mutter, seine Lebensliebe, seinen Freund) weiß sie in aller Bescheidenheit "ein bisschen was". Dass dies ein bisschen mehr sein muss, liegt auf der Hand, sonst wäre sie von dem Filmemacher, der ihre Passion teilt, für dieses Interview nicht auserwählt worden.
Nun gibt es neben dem Filmemacher, im Folgenden H. genannt, noch eine Kamerafrau, die sich als Seele des Teams erweist. Das Interview nimmt seinen Verlauf, Ermüdungserscheinungen bleiben nicht aus, und am Schluss steht die Frage nach dem Grund für ihre Passion, eine Frage, die die Protagonistin vorausgesehen und für die sie sich eine "freundlich-abschließende Antwort" zurechtgelegt hat. Die Kamerafrau spürt intuitiv, dass es da noch etwas gibt, dass nicht gesagt werden soll (oder will?) und sie fragt nach, bedachtsam, einfühlsam, bis sich die Protagonistin ihr in einer Gefühlsaufwallung offenbart. Die Frage lautete: Warum hast du.... ? - Für mich als Leserin ist das verzwickt. Ich habe das Gefühl, im falschen Film zu sein. Irgend etwas habe ich nicht richtig verstanden, aber was ? Ich grübele über den Schluss-Satz nach: "Wichtig ist: irgendwie habe ich in Worte fassen können, dank ihrer behutsamen Nachfrage, dass diese Passion Hölderlin eine Liebe ist." - Eine Liebe zu Hölderlin, entstanden durch die akribische Beschäftigung mit ihm und seinem Umfeld ? Oder die Liebe zu einer Person, welche die Protagonistin zu Hölderlin hingeführt hat ? Ich vermute Letzteres, stochere aber doch nur im Nebel. - Diese Geschichte ist sehr gehaltvoll, finde ich, auch wenn mich die sprachliche Gestaltung angesichts einer gewissen Sprödigkeit nicht ganz überzeugt. - Bisher kannte ich von Hölderlin nur sein berühmtes Gedicht "Hälfte des Lebens". Deine Erzählung, liebe augustine, hat mir Lust gemacht auf mehr !

Grüße in den späten Abend
Jolante

 

      lost



RE: Nachgefragt

   31.03.2007, 11:35



diese Dichotomie: Öffentlichkeit/öffentlicher Raum (Züge, U-Bahn, Reisegruppe) versus persönliche Begegnung (Erotik, Mitgefühl, Interesse) ist bekannt aus anderen deiner letzhin eingestellten Texte und wird hier,
augustine,
maximal gesteigert insofern, als es wohl keinen öffentlicheren und anonymeren Raum gibt als "das Fernsehen":
hier also, in maximaler Entblößtheit, hat etwas Intimes, Persönliches stattzufinden.
so sehe ich den Text angelegt, und das ist gut gedacht und gut gemacht.
allerdings.
allerdings fehlt mir die Schlüssigkeit, die Stimmigkeit dieses Persönlichen, das da gezeigt wird.
hier vermag ich nicht zu folgen.
warum, warum denn nur, bringt die Passion, die Liebe zum Hoelderlinschen, unsere Protagonistin in solch dramatisch gerührte Stimmung, dass es aller nur erdenklichen Einfühlsamkeit der Mitmensch(inn)en bedarf, um die in Tränen sich auflösende Passionierte zu halten? (Jolante merkte ähnliches an. wenn ich richtig gelesen habe.)
diese Tränen - ich verstehe sie nicht: wozu? weshalb?
genau hier ist, meiner Meining nach, der innere Schwachpunkt des Textes zu finden: das Intime im Anonymen ist da, aber es vermag sich nicht zu begründen - und vermag somit den Leser (also mich, little lost) nicht zu erreichen, nicht zu berühren. der Text also verfehlt den Leser.
machte ich mich verständlich? hope I did -

best regards, lost.

 

      augustine²



RE: Nachgefragt

   31.03.2007, 20:31



Ja, es sind ja noch Antworten offen. Da ich ear per pn geschrieben habe: an Jolante und lost. Grüß Euch drei, und Dank für die Beschäftigung mit diesem Text.
Am einfachsten vielleicht so geantwortet (denn allzu Privates sollte hier ja nun nicht verhandelt werden oder nur, wenn der Autor es sagt):
Jolante, der Film heißt Passion Hölderlin, und das ist sowohl die Passion, die Hölderlin erlitt, vor allem aber: die Leidenschaft von Menschen mit ganz unterschiedlichen Zugängen zu Hölderlin, zu diesem Dichter. Meinen Weg dahin habe ich allein gefunden. Es geht hier also nicht um eine Liebe zu einer Person, die mich sozusagen an die Hand genommen hätte. (Lieben im Umkreis Hölderlins gibts aber wahrlich auch.)

lost (a little bit mockingmooded hier auch, wie mir scheint): wenn der Text little lost nicht berührt, verfehlt er nur diesen Leser. Was Dich stört, sind Tränen. 1) Hast Du noch nie Tränen der Erinnerung bei Interviews in Dokumentarfilmen gesehen? 2) Tränen können ja aus allerlei Gefühlen kommen, und ich kenne die Tränen gut, die anzeigen, dass man sich von jemand, ganz unerwartet, in einer Tiefe erkannt und verstanden fühlt, wie das ungewöhnlich ist. Dann mit einem Blick klarzumachen, dass trotzdem weiter gefilmt werden durfte (wissend natürlich auch, dass notfalls ja hätte rausgeschnitten werden können) - das ist Anspannung, Rührung, Freude, die doch auf der anderen Seite auch waren; warum sonst die Umarmung?

augustine, die noch ein paar solcher Ideen hat und hatte (Rote Laterne, Wie warn die Stunden andere; das Allerseelen-Gedenk-Sonett).

 

      lost



RE: Nachgefragt

   01.04.2007, 01:10 / 1 x geändert



es wird viel geweint heutzutage vor den Fernsehkameras.
wegen der Einschaltquoten.
ob nun dokumentarisch geweint wird,
oder hollybollywoodsch oder soapettisch - der Unterschied ist marginal.
Tränen sind wohlfeiler Stoff, waren es wahrscheinlich schon immer.
man verkauft mit ihnen dies oder jenes. welche echt sind -
wer mag das wissen? oft wissen nicht einmal die, welche weinen,
ob ihre Tränen echt sind oder nicht.

Fazit: du musst mir, augustine, erklären, was dein Text transportieren soll,
weil er es: nicht zu transportieren vermag. er ist
rührselig oder womöglich gar rührend, aber
berührt nicht. du schiebst (im Text) das Hoelderlinische Passioniertsein
vor die Passion, die deine, um die es eigentlich zu gehen hätte.
das stört mich. am Text. es macht ihn so lau.
lost.

[wenn die Passion echt ist, zeigt sie sich offen, ohne Netz und doppelten Boden
zu (ge)brauchen. ohne die Option, daß "noch etwas herausgeschnitten werden könnte".
wenn es so sein soll, kriecht sie mit dem Kreuz auf der Schulter
durch die gaffende, uneinfühlsame Menge,
erniedrigt, bespuckt, dornengekrönt,
aber ungebrochen in ihrem Auftrag
aus sich selbst.
das ist Passion: sich zeigen.
auferstehen aus dem Funken eigener innerer Wahrheit.
nun, insofern passt dein Text in die Osterzeit.]

 

      augustine²



RE: Nachgefragt

   01.04.2007, 18:28 / 1 x geändert



Ich muss Dir gar nix erklären, lost. Dann findst Du eben meinen Text blöd und ich Deinen zweiten Kommentar. Auf den ersten habe ich geantwortet. Hier lohnt es sich nicht, wenn da jemand Vorurteile pflegen möchte. Um Fernsehen handelte es sich nicht. a

 

      lost



RE: Nachgefragt

   01.04.2007, 19:31



dass du nicht umgehen kannst mit Kritik,
wenn sie - nun ja - kritisch ist,
das ist bekannt, augustine.

daher mein Vorschlag:
lasse doch deine Texte in Kunstharz gießen.
so wären sie sicher vor Kritik
und vor Staub obendrein,
und du könntest sie zudem auch noch
als Briefbeschwerer an liebe und brave Menschen verschenken.
die unkritische Dankbarkeit aller Beschenkten wäre dir sicher,
mehr sicher,
als wenn du deine Texte in einem jedwedem Unwürdigen
zugänglichen Internetforum zur Schau stellst.

lost,
with a contemplative smile on his face.

 

      Schreibtisch



RE: Nachgefragt

   01.04.2007, 20:42



He lost, das war jetzt aber ziemlich off topic, oder? Briefbeschwerer und so??
kontemplativ ist glaube ich etwas anderes...eher so, dass man auch mit den Schwächen von anderen nachsichtig umgehen kann, mit Nachsicht scheint es aber auf beiden Seiten grad nicht so gut bestellt zu sein,
findet das switchtopicschreibtischmädchen
(lächelnd: erinnert mich auch an ein in die Jahre gekommenes Paar, das sich darüber freut sich immer gegenseitig noch die Knöpfe drücken zu können, die den anderen garantiert auf die Palme bringen...vielleicht macht es ja auch Spaß...?)

 

      Schreibtisch



RE: Nachgefragt

   01.04.2007, 20:49



Ich glaube, es trägt zum besseren Verständnis bei, wenn solche Sätze als Ich- Botschaft formuliert werden.:

Fazit: du musst mir, augustine, erklären, was dein Text transportieren soll,
weil er es: nicht zu transportieren vermag. er ist
rührselig oder womöglich gar rührend, aber
berührt nicht.

es klingt nämlich schon ganz anders, wenn es heißt:
Dein Text berührt mich nicht, ich finde ihn rührselig oder womöglich rührend...
...das ist nicht so vermeintlich allgemeingültig
findet immernoch das Schreibtischmädchen




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