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      Jolante



Perspektiven

   09.03.2007, 13:37



Wenn du schlaflos liegst
manche lange Nacht
weil kein guter Geist
deinen Schlaf bewacht

Wenn kein Fremder mehr
dir im Park zulacht
und dein Ehemann
früh das Licht ausmacht

Wenn dein Spiegelbild
dir die Wahrheit sagt
dann sei nicht verzagt

dann sei nicht verzagt

 

      augustine



RE: Perspektiven

   09.03.2007, 14:59



Theodor Fontane

Mein Herze, glaubt's, ist nicht erkaltet

Mein Herze, glaubt's, ist nicht erkaltet,
Es glüht in ihm so heiß wie je,
Und was ihr drin für Winter haltet,
Ist Schein nur, ist gemalter Schnee.

Doch, was in alter Lieb' ich fühle,
Verschließ ich jetzt in tiefstem Sinn,
Und trag's nicht fürder ins Gewühle
Der ewig kalten Menschen hin.

Ich bin wie Wein, der ausgegoren:
Er schäumt nicht länger hin und her,
Doch was nach außen er verloren,
Hat er an innrem Feuer mehr.


Liebe Jolante, dies war zufällig heute die lyrikmal des Tages. Der alte Fontane kannte Deine melancholischen Gefühle auch. Bei jedem freilich ist's anders. Aber glaub' es mal: es glüht schon noch bei Dir drin auch; davon haben wir ja schon bisher genug lesen dürfen.
Kaum mehr als zwei Wochen noch bis zur Sommerzeit! Liebe Grüße von augustine

 

      Jolante²



RE: Perspektiven

   11.03.2007, 12:19



Liebe augustine,

Danke für das schöne Fontane-Gedicht, das ich noch nicht kannte. Was die Melancholie meiner "Perspektiven" betrifft, so ist sie diesmal nicht (nur) meine. Die Intention zu dem Gedicht ergab sich durch Beobachtungen und Gespräche mit Frauen jenseits der "50". Es sind ihre Ängste und Befürchtungen, "unsichtbar" zu werden im Prozess des Älterwerdens. Mit meinem Appell, nicht zu verzagen, wollte ich einer Freundin Mut machen, ......und mir natürlich auch !

Liebe Grüße
Jolante

 

      ear



RE: Perspektiven

   11.03.2007, 13:18



Hallo Jolante, du hast sehr schnell auf Augustines Beitrag geantwortet. Ich moechte trotzdem auf Hugo von Hofmannsthals beruehmte Szene im ‘Rosenkavalier’ (Richard Strauss) hinweisen, in der die Marschallin ueber ihre Jugend und das nahende Alter reflektiert. Eine sie zu alt-machende Frisur und der Blick in den Spiegel bringen untruegliche Zeichen des Alters. Noch hat sie die Liebesbeziehung zum jungen Grafen Octavio Rofrano,aber sie ahnt, dass sie ihn bald verlieren wird.
Der Moment kommt in der letzten Szene, als Octavian sich zwischen der reifen Frau und der jungen Sophie entscheiden muss.
Mit kluger Einsicht verzichtet die Marschallin und laesst Octavian seinen Gefuehlen und seinem Herzen folgen.
Dein Gedicht mit der Wiederholung des ‘Nicht Verzagens’ hat deiner Freundin hoffentlich geholfen.
L. G.ear.

(Die einmalig fruchtbare kuenstlerische Zusammenarbeit von Strauss und v. Hofmannsthal fuehrte zu einer Serie von Opern, deren Libretti als gleichwertige Kunstwerke gelten:Elektra, Rosenkavalier, Ariadne auf Naxos, Frau ohne Schatten, Aegyptische Helena und Arabella.)

 

      Elise



RE: Perspektiven

   12.03.2007, 23:45



Hallo, Jolante,

von mir auch noch eine kleine Anmerkung.
Dein Gedicht wirkt auf mich liedhaft schlicht und sehr durchgestaltet (Metrum v.a.). Die dritte Strophe fällt aus dem Muster - nicht vom Metrum her, aber vom Reimschema und durch die Zäsur zw. 3. und 4. Zeile - und dadurch wird formal die inhaltliche Besonderheit unterstrichen: dritte Strophe enthält das "dann" zum "wenn", die Auflösung.
Allerdings ist es (so die Wirkung auf mich) nur eine vordergründige, scheinbare "Lösung". Die Wiederholung von "dann sei nicht verzagt" wirkt so, als sagte jemand sich verzweifelt einen Zauberspruch auf, mit dem Beruhigung erreicht werden soll, die aber doch nicht eintritt: eine traurige, tiefe Ratlosigkeit scheint auf hinter dem "sei nicht verzagt" - es hilft nicht wirklich, es verklingt kraftlos, und das ist sehr traurig.

"Verzagt": bei diesem Wort dachte ich an die Psalmen. Ich meine mich zu erinnern, dass in einigen Psalmen die Rede sei vom "nicht verzagt sein sollen".

So, das fiel mir noch ein.
Liebe Grüße
von Elüße (auch Meisterin in
melancholisch-verzagten Stimmungsabstürzen).

 

      augustine



RE: Perspektiven

   13.03.2007, 01:06 / 1 x geändert



Hallo, Ihr, jetzt besonders Elise:
Dein Hinweis auf Psalmen ließ mich in die Konkordanz sehen; ja, es gibt fünf (nur fünf) Psalmenstellen mit "verzagt"; und noch eine ganze Reihe anderer; erstaunlich: aus dem NT unter ~25 im ganzen nur zwei. -
Dann klickerte es weiter: -->"Sei dennoch unverzagt..."; ja, da ist es (ich dachte zuerst, es sei ein Krichenlied; kann es auch durchaus mal gewesen sein):


Sei dennoch unverzagt! Gib dennoch unverloren!
Weich keinem Glücke nicht, steh höher als der Neid,
vergnüge dich an dir und acht es für kein Leid,
hat sich gleich wider dich Glück, Ort und Zeit verschworen.

Was dich betrübt und labt, halt alles für erkoren;
nimm dein Verhängnis an. Lass alles unbereut.
Tu, was getan muss sein, und eh man dir's gebeut.
Was du noch hoffen kannst, das wird noch stets geboren.

Was klagt, was lobt man noch? Sein Unglück und sein Glücke
ist ihm ein jeder selbst. Schau alle Sachen an:
dies alles ist in dir. Lass deinen eitlen Wahn,

und eh du fürder gehst, so geh in dich zurücke.
Wer sein selbst Meister ist und sich beherrschen kann,
dem ist die weite Welt und alles untertan.

(Paul Fleming, 1609-1640; ein so schrecklich kurzes Leben, und Krieg, Krieg, Krieg ...)

Liebe Grüße augustine

 

      Jolante²



RE: Perspektiven

   13.03.2007, 21:39 / 1 x geändert



Danke, liebe Elise, für dein einfühlsames Lesen. Mit deinem Kommentar hast du den Nerv des Gedichtes getroffen. Die dritte Zeile ist als Beschwörung gedacht, ihre Wiederholung aber mündet in leise Verzweiflung. Ich wollte mir und anderen Mut machen, doch dazu hat die Kraft nicht gereicht. - An Psalmen habe ich beim Wort "verzagt" nicht gedacht. Mir ist aber jetzt ein altes Kirchenlied in den Sinn gekommen, von dem ich nur noch den Schluss kenne: "........sonst müssen wir verzagen. Erbarm dich unser, oh Jesus". Es spukt einem so vieles im Kopf herum, und wenn alles durcheinander gewirbelt ist, kommt manchmal ein Gedicht dabei heraus. Auch dir, augustine, danke ich für den Paul Fleming, hab ich gerne gelesen.

Gruß Jolante

 

      windflug



RE: Perspektiven

   13.03.2007, 22:56



Hallo Jolante,

eigentlich ist schon alles gesagt worden zu deinem Gedicht, das ich immer wieder gelesen habe und immer wieder so traurig wie ermutigend fand, aber wenn es auch nichts Neues zu sagen gibt, sollst du wissen, dass es mir sehr gefällt. Im Übrigen habe ich auch die Beiträge der Anderen zu dem Gedicht sehr gern gelesen.

Es grüßt dich
windflug

 

      Elise



RE: Perspektiven

   14.03.2007, 12:59



Hallo, Jolante,

das freut mich aber, dass du dich gut gelesen fühlst von mir.
Dir, augustine, noch danke fürs Psalmen nachschlagen (ich habe keine Konkordanz).
Das Fleming-Sonett kannte/kenne ich, hatte es aber nicht greifbar in der Erinnerung.
Mag sein, dass es untergründig meine Assoziationen mit gelenkt hat.

Grüße aus einer besonnten Pause,
Elise.




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