Der Malteser Mönch · augustine · ·


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      augustine



Der Malteser Mönch

   04.03.2007, 19:23 / 5 x geändert



DER MALTESER MÖNCH

War er denn wirklich auf Malta, Paulus, der Apostel für die Heiden, schiffbrüchig auf der Reise nach Rom und auf die Insel gerettet? So erzählt es die Apostelgeschichte im letzten Kapitel. Aber das ist eine fromme Legende.
Sie überlebte die Jahrhunderte bis heute. Zwar sind die eigentliche Attraktion der beiden Inseln Malta und Gozo die Steinsetzungen der Megalithkultur, Anbetungs- und Opferstätten, die Altäre und Weihefiguren darin – wir deuten, wir wissen nichts mit Sicherheit. Aber da gibt es auch, nicht weit von der alten Hauptstadt Mdina und der neuen Stadt Rabat, die so genannten Paulus-Katakomben, christliche Begräbnisstätten drei bis vier Jahrhunderte nach Paulus, auch sie, wie so oft, die alte heilige Tradition eines Ortes aufnehmend.
Und wenn man schon einmal da ist, als mehr oder weniger gut vorbereiteter Tourist, geht man ebenso dort hinein. Man darf sie natürlich nicht allein betreten. Ein Mönch des betreuenden Klosters führt hindurch, beleuchtet, erklärt und reicht bei etwas schwierigen Durchstiegen eine hilfreiche Hand, denn es ist ständig feucht und glitschig dort unten.
Ich war die letzte meines Rundgangs. Mann und Tochter hatten schon, sobald es möglich war, den Ausgang gesucht. Der Mönch gab mir die Hand und hielt sie, bis ich auf der anderen Seite des Durchstiegs, schon auf dem etwas erhellten Weg nach draußen, einen festen Standort gefunden hatte. Ich hielt aber seine Hand weiter fest, bis auch er dort stand, und noch länger. Er war einer von diesen Hässlichen, aus deren Gesichtern der Geist leuchtet. Mit zwei Fingern streichelte ich sanft seinen Arm, und er ließ es nicht nur geschehen, sondern erwiderte die Zärtlichkeit mit einem sich verstärkenden Druck seiner Hand. Wir sahen uns an. Dann legte er seine Linke auf unsere beiden Rechten und danach zwei Finger dieser Hand erst an seine, dann an meine Lippen, löste sachte die Verbindung unserer Hände und ging an den sich langsam zum Ausgang schiebenden anderen Besuchern vorbei ins Licht eines weiten Hofes, wo ein junger Bruder stand und eine Kollekte erbat.
Mit schnellen Schritten überquerte der ältere den Platz, der gepflastert war mit Platten des dunkelglühend leuchtenden Malteser Sandsteins, und verschwand in einer kaum erkennbaren Tür seines Klosters.

AugenblickeBlickwinkel 6

 

      Jolante



RE: AugenblickeBlickwinkel 4

   07.03.2007, 14:53 / 3 x geändert



Hallo, augustine,

es ist wohl die Magie des Ortes, welche die Sinne der Ich-Erzählerin weckt, das schwer Zugängliche, Geheimnisvolle der Paulus-Katakomben auf Malta mit ihren "etwas schwierigen Durchstiegen". In diesem Dunkel "christlicher Begräbnisstätten drei bis vier Jahrhunderte nach Paulus" begegnet die Protagonistin einem jungen Malteser-Mönch, der Touristen durch diesen traditionsreichen Ort führt. Diese Begegnung ist ungewöhnlich und spannungsgeladen. Die Erzählerin als Letzte des Rundgangs greift nicht nur dankbar nach der helfenden Hand des Mönchs, nein, sie hält sie weiter fest, auch noch als beide längst einen festen Standort gefunden haben. Sie streichelt sanft seinen Arm, er erwidert die zärtlichen Berührungen, macht sich dann auf behutsame Weise frei und entschwindet "ins Licht eines weiten Hofes..". - Den Schluss finde ich sehr gelungen. "Mit schnellen Schritten überquerte er den Platz, der gepflastert war mit Platten des dunkelglühend leuchtenden Malteser Sandsteins, und verschwand in einer kaum erkennbaren Tür seines Klosters." Hier flammt sie noch einmal "dunkelglühend" auf, jene Erotik, die sich aus dem Reiz des Verbotenen speist. Aufgefallen ist mir eine gewisse Ähnlichkeit des Mönchs mit dem "bucklicht Männlein" aus AugenblickeBlickwinkel 1: "Er war einer von diesen Hässlichen, aus deren Gesicht der Geist leuchtet". Auch hier übt die Symbiose von äußerer Hässlichkeit und innerer Schönheit eine starke Anziehungskraft auf die Erzählerin aus.
Bei dem ersten, einführenden Absatz würde ich im dritten Satz nach "...eine fromme Legende" einen Punkt machen. Ich empfinde den Nebensatz als unnötig belehrend und wertend. Auch den zweiten Satz im zweiten Absatz würde ich aus dem gleichen Grund kürzen und ihn nach "..Anbetungs- und Opferstätten" abschließen.
Die Geschichte gefällt mir, weil sie durch Kontraste Spannung erzeugt. Verstand und Gefühl werden gleichermaßen angesprochen.

Auf weitere Lesarten bin ich gespannt.

Jolante

 

      augustine²



RE: AugenblickeBlickwinkel 4

   07.03.2007, 15:54 / 1 x geändert



Hallo, Jolante, danke für Deine sorgfältige und einfühlende Lektüre. Ich antworte jetzt spontan sogleich, nachdem ich sie gelesen habe; weiß nicht, wie lange mir hier gleich der Strom ausgeschaltet wird.
Deinen ersten Vorschlag habe ich sofort übernommen. Den zweiten noch (?) nicht; denn diese Erläuterungen sollen auch dafür stehen, dass die ururalten Anbetungsstätten - jedenfalls für mich - das Eindrucksvollste auf diesen beiden Inseln sind.
Ja, und die geistvollen Hässlichen, die faszinieren mich wirklich.
Liebe Grüße von aug.




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