| |
|
augustine
|
25.02.2007, 20:31 / 3 x geändert
|
|
POTSDAMER PLATZ 1990
Die Karnickel waren zuerst weg. Dann geschah lange nichts Neues auf dem ehemaligen Potsdamer Platz. Nur die Mauerspechte schlugen mit Hammer und Meißel Teile des sozialistischen Schutzwalls heraus und verkauften sie oder verliehen die Werkzeuge zum do it yourself. Auch der Kiosk, dem für seinen Umsatz aber die Mauer fehlte, blieb noch eine Weile. Ebenso der unscheinbare Hügel in Niemandsland des einstigen Innersten der Stadt, unter ihm die Reichstagsruinenreste Germanias, sofern sie nicht in sowjetischen Siegesdenkmälern verbaut waren.
Auf der Treppe hinunter zu einem noch zugemauerten Bahnhof Abfall von 1961.
Einer Amerikanerin aus Texas sollte ich das erklären. Ich tat mein Bestes. Es war wenig genug. An allzu viel Geschichte war sie nicht interessiert.
"Thank you, dear, it is so lovely, all that. Now you are really free, aren't you? You remember airlift? It is freedom which the US bring to all people. God bless America. In Him we Trust."
AugenblickeBlickwinkel 5

|  |
Jolante
|
Hallo, augustine,
diese Kurz- bzw. Kürzestgeschichte ist "AugenblickeBlickwinkel" pur. Schon der Einstieg "Die Karnickel waren zuerst weg. Dann geschah lange nichts Neues auf dem ehemaligen Potsdamer Platz" schärft die Wahrnehmung der Leser für diese Skizzierung einer Beobachtung rund um die Wiedervereinigung, hier fokussiert auf Berlin im Jahr 1990. Die wenigen, fast lapidaren Zeilen vermögen es, starke Bilder hervorzurufen und zu motivieren, den Ereignissen dieser aufregenden Zeit nachzuspüren. Nachdenkenswert finde ich die Aussage: "Auf der Treppe hinunter zu einem noch zugemauerten Bahnhof Abfall von 1961". - Am Schluss dann die ironische Brechung durch das Auftreten der Amerikanerin und ihre "denkwürdigen" Bemerkungen. "It is freedom which the US bring to all people. God bless America.....", da schauerts mich ! Ich finde diese Geschichte sehr authentisch und pointiert.
Es grüßt Jolante

|  |
zuppanova
|
grüss euch, im spätabendlichen vorbeiflug gesprochen:
gefällt mir von den bisherigen drei Augenblicken am besten, ob der kürze und pointiertheit - wie von Jolante schon ausgeführt.
die details, die beschrieben werden, finde ich gut gewählt:
was mobil ist, verschwindet, mehr (Karnickel) oder weniger (Kiosk) schnell. das immobile, der untergrund (2x erwähnt, Reichstagsruinenreste, Treppe in den Bahnhof hinunter mit Abfall,!) bleibt = symbolisches verweisen auf "diese unsere geschichte", auf das was war, worauf der beschriebene augenblick sich gründet (so lese ich es zumindest)
und dann, brutaler kontrast, auftritt der "geschichtslosen" amerikanischen touristin, das ist der fingerzeig ins heutige.
kurz und gut. viel drin.
lg, zuppa.

|  |
augustine²
|
04.03.2007, 19:36 / 1 x geändert
|
|
Jolante, zuppa, ihr sorgfältigen Lesrinnen: da ist in Euren Kommentaren alles erkannt, was in der kurzen Geschichte drin ist, und noch mehr, als mir bewusst war, vor allem diese ja zutreffende Unterscheidung von Mobilem und Immobilem, zuppa; auch die Alliteration Karnickel/Kiosk war nicht beabsichtigt. Danke! augustine

|  |
augustine²
|
12.04.2008, 18:04 / 1 x geändert
|
|
Hab' mir ein bisschen Fotospielerei verdient ...
Es liecht jar keen Abfall uff de Treppe (Treppe!), aber
so sah's aus, etwas später dann.
a.

|  |
|
|