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augustine
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24.02.2007, 19:19 / 3 x geändert
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GROSSMUTTERS HÄNDE
In Großmutters Stube wohnte mit ihr,
Groß, weiß und weich, immer zu Diensten bereit,
Die Schneiderpuppe:
Kopflos, doch nicht geköpft,
Ohne Hände, doch mit beweglichen Armen
Und auf Stahlfüßen rollend,
Wenn nicht gebraucht,
Unter der Fransendecke ins Eck.
Oder sie stand, mit Rosenstoffteilen bedeckt,
Wunderbar verwandelt im Raum.
Stecknadeln lagen um sie her,
Mit bunten Köpfchen die einen, die anderen schlicht.
Aber mit unbegreiflicher Kraft
Zog ein kleiner Magnet sie wieder an,
Und Großmutters Hände nahmen sie auf
Und machten dem Rock schmale Falten,
Gleich breit die eine, die andre,
Und das gelang ihnen, ohne zu messen.
Großmutter dann heftete sie geschickt
Mit lockeren Fadenstichen.
Dem Oberteil warf sie die Ärmel an
(eine alte Schneiderrede geht so),
Verband die Teile ringsum im Nu,
Und mit Schneiderkreide markierte sie
Knopflöcher, Abnäher, Biesen.
Schon stand die Puppe bekleidet da,
Bedeckt mit Rosenstreifen
Und sehr bewundert vom Kinde.
Mehr aber noch bestaunte dies
Das bald dann fertige Werk,
Wenn statt der Puppe, nun wieder im Eck,
Eine fremde Dame sich zeigte im neuen Gewand
Und regte, bewegte und drehte und spiegelte sich:
Anproben zum Rosenkleide.
Das Kind war immer zur Stelle.
Und stets erbat die Großmutter sich
Ein Stückchen Stoff für die Kleine.
Sie nähte ihr eine Schleife davon,
Einen großen Propeller fürs Haar.
Damit dann regte, bewegte und drehte und spiegelte sich
Voller Stolz das geschmückte Kind.
Es bemerkte erst spät, weil es anders nie war:
Es waren nicht Großmutters Hände,
Die zuschnitten, steckten, hefteten, nähten.
Es war allein ihre rechte Hand:
Der linken - der fehlten Daumen und Finger.
(Ein Unfall im Haus, ein Arztversagen.)
Aber Großmutters Hand:
Sie schnitt Stoff und schnitt Brot
Und sie schlug ihrem Enkelkind auf
Eigelb mit Zucker.

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lost
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augustine, um Verzeihung!
alas: zu biederlich behaglich ist es mir in Großmutters Stube,
zu stoffgepolstert rosensanft gerundet,
zu weiß und weich kommt mir das Werk daher,
mit allzulangen Zöpfen tümelt es ein wenig.
Behauptung: es regte als Prosa sich lebendiger.
so, versilyriert (um auch einen Neologismus zu wagen),
will es zumindest mir nicht mitreißend gefallen.
zu umständlich erzählt, zu auktorial, zu langatmig.
wo ist der Punkt? wo die Ver-dichtung? worum geht es denn?
um einen Unfall, Arztversagen, den verlorenen Prozess?
um das Gelbe vom Ei mit Zucker?
um „Atmosphäre“?
wie schon oben aber noch einmal:
um Verzeihung, augustine!
written with regards by - lost.

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augustine²
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Es tut mit leid, lost, dass Du dies so ungern gelesen hast.
Ich habe nicht viele glückliche Kindheitserinnerungen. Darum war ich fast ein bisschen glücklich, als sich diese - und in diesem Ton, in dem ich in der Tat sonst nicht schreibe, aber hier passt er - einstellte.
Muss ich sonst noch erklären, was durchaus 'komponiert' ist? Ich will's nicht.
Nur: der Kern, die Verdichtung, das ist doch: "Großmutters Hände" sind nur EINE Hand; in der angedeuteten Ursache, dem Unfall, steht kurz die Erklärung: damit ist Schicksal in dieser scheinbar so biederlichen Situation, gemeistertes Schicksal. Und das Rosenmuster natürlich ist: karikiert. Die erinnerte Situation ist es nicht.
Regards retour. augustine

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Jolante
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25.02.2007, 19:01 / 1 x geändert
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Hallo, augustine,
nein, zu biederlich behaglich empfinde ich die kleine Hommage an deine Großmutter nicht. Vielleicht liegt es daran, dass meine Erinnerungen an meine Oma ähnlichen "Stoff" enthalten und ich den Zauber dieser Schneiderstube mit der Kleiderpuppe sehr gut nachempfinden kann. Es ist auch durchaus legitim, diese sinnlichen Kindheitserinnerungen nostalgisch zu verklären. Aber das tust du ja gar nicht, denn die heile Welt wird jäh zerstört durch den Schluss: Es sind nicht Großmutters Hände, die so viele Wunder vollbringen (auch das des Eigelb-mit Zucker-Aufschlagens), sondern nur eine Hand. Die andere ist zerstört durch Unfall und nicht wieder gutzumachendes ärztliches Versagen. Meine Kritik setzt also nicht am Inhalt an, sondern an der Form. Der Text sollte, so finde ich, in Prosa geschrieben und noch ein wenig gestrafft und verdichtet werden, dann würde er mir sicher noch besser gefallen. Aber ich habe ihn auch in seiner jetzigen Form gerne gelesen.
Gruß Jolante

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lost
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wer wäre ich, den Inhalt anzutasten?
eine Erinnerung anzutasten?
verstehbar, dieser Text, selbst einer wie
ich hat Erinnerungen, die behaglich sind,
verstehbar durchaus die Komposition,
die Komponenten des Textes.
nein, du musst natürlich nichts erklären.
nur eben die Form: es IST doch Prosa,
genau besehen. und die vielen Details,
womit beschrieben wird diese Behaglichkeit, auch
Sorglichkeit, Fürsorglichkeit der Großmutter,
drohen zu verhüllen, was das Schicksal ist.
dann aber: ich denke, es gibt Texte, die sind wichtiger
für die, die sie gemacht hat als für den, der sie liest.
dieser Text ist dein Spiel, augustine.
es lag mir fern, dich zu kränken.
lost.

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Phaidros
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Hallo Augustine & Co.
Nach dem dritten Lesen fühle ich einen ersten Bezug zu deinem Text. Es erschließt sich eine mir ferne Atmosphäre…
Dennoch scheint sie mir oberflächlich, leicht austauschbar und auch sonst arm, an dem, wovon „wir“ profitieren könnten. Auch geht es Zwar diesmal nicht um Christentum/Judentum, dennoch handelt es wieder von Leid. Mir scheint es mindestens zumeist um Bewältigungsliteratur zu handeln und dies auf psychologisch wenig fundierter Art und Weise.
Natürlich ist das nicht schlimm und nur meine Meinung, wärest nicht du die, die mit den gröbsten Hämmern auf, von dir so Empfundenes, ‚kloppt’! Und als ich dann, von zu dir so Eingefordertes, las: „Muss ich sonst noch erklären, was durchaus 'komponiert' ist? Ich will's nicht.“ Fand ich’s nur noch peinlich! A pro pro:
@Lost
Es ist doch immer wieder faszinierend, wie unterschiedlich das „mächtige Wort“ zu vernehmen ist. Bei Anderen fielst du nicht unbedingt mehrfach zu Knie, bevor du uns an deiner Weisheit teilhaben ließest!?
Ich schreibe das in diesem echten Ärger, weil in diesem Forum auch mal eine ganz andere Vielfalt blühte, da passierte was! Diese entstehende Lebendigkeit und Kreativität ist offensichtlich erfolgreich, im Mief alter Besitzstände, erstickt.
Schade drum…P!

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lost
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@Phaidros
was wirfst du mir vor?
schrieb einen Kommentar zu diesem Text (möchte betonen: kein "Honig ums Mäulchen schmieren" war es), augustine antwortete darauf mit einigen Erklärungen aus ihrer Sicht. nun denke ich, dass augustine mich verstanden habe, und denke wiederum auch, dass ich sie verstanden habe. immer wenn es mir so vorkommt, dass man sich annähernd verstanden hat, insistiere ich nicht weiter, wozu auch? dann stehen eben zwei verschiedene Sichtweisen nebeneinander im Raum. Platz genug ist ja da. entsinne mich partout nicht, einen Kniefall gemacht zu haben. und wem meine Weisheit nicht schmeckt, der muss sie auch nicht essen: ich lege sie gern auf den Tisch, aber stopfe sie keinem gewaltsam ins Maul.
regards, lost.

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augustine²
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28.02.2007, 00:05 / 1 x geändert
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Hallo, lost,
ja, es ist mein Spiel, dies Gedicht (und ich bleibe dabei, es ist eins); es ist mehr noch als ein Spiel - ich merke, dass es jedenfalls mich anrührt, als so etwas wie "Nachgetragene Liebe" (Peter Härtling). Wenn ich dürfte, würde ich Dir das Foto zeigen, das ich an ihrem 100. Geburtstag von ihr gemacht habe - sie in einem zum 90. noch selbstgenähten Kleid, das sie von da an zu jedem Geburtstag trug, in der Hand, in der Hand, das Sektglas, mit dem sie allen dankte für gute Wünsche. (Was wünscht man zu einem 100.???)
Ja, Du hast recht: wir sind uns nicht einig, aber wir können einander die verschiedenen Meinungen verschieden sein lassen.
In diesem Sinn Grüße von augustine

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lost
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das Wort "Spiel" schrieb ich hin, wollte es nicht im Sinne von
"Spielerei" verstanden wissen, sondern mit der Formulierung
"es ist dein Spiel" etwa zum Ausdruck bringen:
"ich trete einen Schritt zurück".
lost.

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windflug
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Hallo augustine,
nachdem dein Großmuttergedicht einer der Anstöße für mich war das meine zu schreiben, will ich nun endlich versuchen darauf zu antworten. Versuchen, denn ich kann nicht genau begründen, warum mir die Form dafür passend erscheint.
Ja, der Erzählton wirkt etwas antiquiert, etwas umständlich, etwas langatmig, aber er transportiert für mich auch etwas, das durch einen Prosatext nicht so vermittelt werden könnte. Der Text braucht lang, um bis zu seiner überraschenden Wendung zu kommen, so wie das Kind lange Zeit braucht, um die Großmutter in ihrer Verletztheit zu sehen. Erst durch die vielen Details, die die Geschicklichkeit der Hände/Hand demonstrieren, wird ja das "Geschick" der Verletzung und die Art des Umgangs damit erfahrbar. Und wie dann am Schluss die Großmutter als "ganzer Mensch" in der Rückschau gesehen wird, ganz liebevoll, das rührt mich an.
Liebe Grüße
windflug

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augustine²
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12.04.2008, 17:52 / 2 x geändert
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Über ein Jahr schon her, dass ich dies Gedicht schrieb, als Kindergedicht gedacht, und bedauerte, euch nicht das Foto vom 100. Geburtstag zeigen zu können, das damals vor mir lag.
Aber inzwischen, dank zuppas Anweisung, kann ich es ja, und hier ist es:
das Foto.
Liebe Grüße augustine

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