Nänie auf ein Loch in der Wand · Gretchen · ·


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      Gretchen



Nänie auf ein Loch in der Wand

   23.02.2007, 08:30 / 1 x geändert



War im Baumarkt gestern, mit Kalle, weil der das Wohnzimmer renovieren will, wegen der Fünften, weil die sagt, das sei jetzt abba mal wieder nötig.

Hab mir dann so Filmchen angeguggt, die da immer laufen, so Heimwerker-Splatter ("Selbst ist der Mann"), wo stämmige Jungs in diesem dunkelblauen Handwerker-Fetisch-Outfit mit ihren mords Bohrhämmern rumfummeln und wehrlose Wände aufreißen ("Kabelkanäle schlagen" nennen sie das, oder "1000 Löcher selbstgebohrt"), und im nächsten Film sieht man dann, wie mann sonn’nen Loch wieder wegmachen kann, falls mann es doch nicht braucht, oder falls mann sich verbohrt haben sollte: dann stopft mann das Loch mit der passenden Masse zu und keiner merkt was ("Molto, das ist Traditionsmarke und Marktführer in einem. Der Spezialist für viele einfache und sichere Problemlösungen in Haus und Wohnung. Bekannt und anerkannt die Qualität seiner Produkte, einzigartig seine Innovationsfreudigkeit. Millionen Heimwerker vertrauen täglich dieser Marke, denn Molto bietet eine Fülle von ausgezeichneten Produkten für das Spachteln, Füllen, Kleben, Grundieren, Tapezieren, Vorbereiten und auch die Holzreparatur").

Irgendwie hat mich das alles sehr traurig gestimmt, deshalb schrieb ich diese Drei-Sterne-Nänie.


Nänie* auf ein Loch in der Wand

Du warst einmal!
Warst Mauerwerk - und wurdest irgendwie: zum Nichts
Durch eines Menschen schlágbohrhámmerúnterstützte Kraft.
Und bist als Nichts nun in der Wand doch auch noch etwas: ein Pará-doxon,
Das unauslotbar meinem schwachen Geiste bleibt.
Wenn ich dich so betrachte, Loch,
Machst du mich schwindeln, du, so tief da in der Wand!
Wo ist dein Boden? Oder führst du, boden~los,

Hin~über mich in eine and’re Dimension?
Willst du verweisen mich auf: Tráns-zen-denz? Auf Sinn und Nicht-Sinn allen Seins,
Auf jenen dunklen Abschied**, den wir einstens werden nehmen müssen?
Oder führst du mich zu jenem Urloch, das uns nackt und bloß
Und voller Schmand*** hinaus/hinein warf in die Existenz?
Sei’s drum! Ich stopf’ dich nun, du unergründlich’ Phänomen,
Du in die Wand gebohrtes Loch, du Nichts des Seins! Ich fülle dich mit Moltofill,
Dann hast du Ruhe, und auch mir wird Ruhe werden

Und: die ganze Wand wird wieder besser ausseh’n
Und die Welt wird: etwas schöner sein.


________________________________________________________________

* wer mal die Nänie von Schiller lesen möchte, zum Vergleich, findet sie hier (link)
** zum Verständnis: das ist eine Anspielung auf den Tod
*** nochmal zum Verständnis: das ist eine Anspielung auf die Käseschmiere bei Neugeborenen

 

      augustine



RE: Nänie auf ein Loch in der Wand

   23.02.2007, 10:21 / 5 x geändert



Hallo, werkendes Gretchen!
Ich find' ja wahrlich nicht, dass Dein so frei-metrisches wie frei-sinniges Sonett nicht alle Erwartungen an ein Original-Gretchen-Produkt erfüllte. Nur hast Du seine Freigabe (vielleicht nämlich nicht seine Entstehung) so lange hingezögert, dass da dann die Luft raus und sozusagen ein Loch war.

Das haste auch selber gemerkt, und uns darum die Nänie auf ein Loch, viel-sinnig betrachtet, gleich in einem Gang serviert - gut so, herzerfrischend, herzzerreißend in eins!

Die Anmerkungen 2 uns 3 lese ich als hübschen kleinen Spott. Der Hinweis auf die Nänie
von Schiller freut mich, weil ich die mal hier eingestellt habe - nicht wissend, dass sie auch für baumarktinduzierte Gedichte ideengebend taugen könnte.
Herzlich augustine

PS Welche von diesen verdammten Formatangaben bringt denn den direkt anklickbaren Link (hier: auf den Faden)?

 

      Elise



Schlag nach bei Shakespeare!

   25.02.2007, 00:42 / 1 x geändert



Hallo Gretchen,
dein Loch in der Wand ist nicht das erste "textverarbeitete". Schlag nach bei Shakespeare, dann findest du z.B das:

WALL: "In this same interlude it doth befall
That I, one Snout by name, present a wall;
And such a wall, as I would have to think,
That had in it a crannied hole or chink,
Through which the lovers, Pyramus and Thisby,
Did whisper often very secretly.
This loam, this rough-cast, and this stone, doth show
That I am that same wall; the truth is so:
And this the cranny is, right and sinister,
Through which the fearful lovers are to whisper."

Ein paar Zeilen später heißt es:
PYRAMUS: "O, kiss me through the hole of this vile wall."
THISBY: "I kiss the wall's hole, not your lips at all."

(William Shakespeare: A MIDSUMMER NIGHT'S DREAM, Act V)

_______________________________________________

Pyramus und Thisbe sind übrigens ursprünglich ein babylonisches Liebespaar, welches sich aufgrund der Feindschaft ihrer Eltern nicht sehen darf. Die einzige Möglichkeit, mit einander zu kommunizieren, stellt ein Loch in einer Ziegelmauer dar, was natürlich auf Dauer nicht sehr befriedigend ist. Die Liebenden fassen schließlich den kühnen Plan, sich leibhaftig bei einem Maulbeerbaum zu begegnen, jedoch am angegebenen Ort nimmt dann das Schicksal endgültig seinen Lauf und die Liebe(nden) findet/n ihr tragisch kulminierendes Ende.
Shakespeare greift das Motiv mehrfach auf: tragisch in "Romeo und Julia", parodistisch im "Sommernachtstraum" in der Handwerkerszene.

Mit thisbischen Grüßen: Elise.

 

      ear



RE: Schlag nach bei Shakespeare!

   25.02.2007, 10:27



Angeregt durch deinen Beitrag zu Pyramus and Thisby, kam ich auf ‘The Great Wall of China’ gegen die damalige Hunnengefahr, welche heute als Attraktion fuer Touristen gilt.
Von 1961-91 forderte der “Eiserne Vorhang” viele Tote, Verwundete, ganz zu schweigen von menschlicher Trennung .
Jedesmal bedeutet eine ‘Mauer’, Abgrenzung, Tyrannei und Tod.
Trotz aller Versuche der Abkapselung, gelingt es der ‘Great Wall of Israel’ nicht, Selbstmord-Aktionen zu verhindern.
Und ganz vage erinnere ich mich, frueher mal eine Geschichte bei Sartre gelesen zu haben, in der eine Ehefrau die normale Welt ablegt, um mit ihrem ver-rueckten Mnn weiter in Kontakt zu bleiben. Deinen Hinweis auf den Ursprung von Pyramus und Thispe fand ich besonders interessant. Lieben Gruss, ear.

 

      Elise



Kurt Tucholsky: ZUR SOZIOLOGISCHEN PSYCHOL

   27.02.2007, 08:25



Hallo Gretchen!
Nun bekommst du eben die postings nachgeliefert, die du sonst immer haben willst, bevor/damit du ein weiteres Stückchen Text herausrückst.
Dein Thema hast du gut gewählt.
Das Loch hat durchaus philosophisches, ja metaphysisches Potential.
Tucholsky wusste das auch.
Viele Grüße von Elise, die dabei ist, sich aus irgendeinem Loch herauszuarbeiten ... und viel Spaß mit Tucholsky's Löchern!



Zur soziologischen Psychologie der Löcher

Ein Loch ist da, wo etwas nicht ist.

Das Loch ist ein ewiger Kompagnon des Nicht-Lochs: Loch allein kommt nicht vor, so leid es mir tut. Wäre überall etwas, dann gäbe es kein Loch, aber auch keine Philosophie und erst recht keine Religion, als welche aus dem Loch kommt. Die Maus könnte nicht leben ohne es, der Mensch auch nicht: es ist beider letzte Rettung, wenn sie von der Materie bedrängt werden. Loch ist immer gut.

Wenn der Mensch ›Loch‹ hört, bekommt er Assoziationen: manche denken an Zündloch, manche an Knopfloch und manche an Goebbels.

Das Loch ist der Grundpfeiler dieser Gesellschaftsordnung, und so ist sie auch. Die Arbeiter wohnen in einem finstern, stecken immer eins zurück, und wenn sie aufmucken, zeigt man ihnen, wo der Zimmermann es gelassen hat, sie werden hineingesteckt, und zum Schluß überblicken sie die Reihe dieser Löcher und pfeifen auf dem letzten. In der Ackerstraße ist Geburt Fluch; warum sind diese Kinder auch grade aus diesem gekommen? Ein paar Löcher weiter, und das Assessorexamen wäre ihnen sicher gewesen.

Das Merkwürdigste an einem Loch ist der Rand. Er gehört noch zum Etwas, sieht aber beständig in das Nichts, eine Grenzwache der Materie. Das Nichts hat keine Grenzwache: während den Molekülen am Rande eines Lochs schwindlig wird, weil sie in das Loch sehen, wird den Molekülen des Lochs ... festlig? Dafür gibt es kein Wort. Denn unsre Sprache ist von den Etwas-Leuten gemacht; die Loch-Leute sprechen ihre eigne.

Das Loch ist statisch; Löcher auf Reisen gibt es nicht. Fast nicht.

Löcher, die sich vermählen, werden ein Eines, einer der sonderbarsten Vorgänge unter denen, die sich nicht denken lassen. Trenne die Scheidewand zwischen zwei Löchern: gehört dann der rechte Rand zum linken Loch? oder der linke zum rechten? oder jeder zu sich? oder beide zu beiden? Meine Sorgen möcht ich haben.

Wenn ein Loch zugestopft wird: wo bleibt es dann? Drückt es sich seitwärts in die Materie? oder läuft es zu einem andern Loch, um ihm sein Leid zu klagen – wo bleibt das zugestopfte Loch? Niemand weiß das: unser Wissen hat hier eines.

Wo ein Ding ist, kann kein andres sein. Wo schon ein Loch ist: kann da noch ein andres sein?

Und warum gibt es keine halben Löcher –?

Manche Gegenstände werden durch ein einziges Löchlein entwertet; weil an einer Stelle von ihnen etwas nicht ist, gilt nun das ganze übrige nichts mehr. Beispiele: ein Fahrschein, eine Jungfrau und ein Luftballon.

Das Ding an sich muß noch gesucht werden; das Loch ist schon an sich. Wer mit einem Bein im Loch stäke und mit dem andern bei uns: der allein wäre wahrhaft weise. Doch soll dies noch keinem gelungen sein. Größenwahnsinnige behaupten, das Loch sei etwas Negatives. Das ist nicht richtig: der Mensch ist ein Nicht-Loch, und das Loch ist das Primäre. Lochen Sie nicht; das Loch ist die einzige Vorahnung des Paradieses, die es hienieden gibt. Wenn Sie tot sind, werden Sie erst merken, was leben ist. Verzeihen Sie diesen Abschnitt; ich hatte nur zwischen dem vorigen Stück und dem nächsten ein Loch ausfüllen wollen.

(Kurt Tucholsky. Glossen und Essays, 1931)

 

      Klaus



RE: Nänie auf ein Loch in der Wand

   27.02.2007, 15:17 / 1 x geändert



Hallo Gretchen,

dein Werk ist ein Genuß, beeindruckend!

Ich reflektiere männlich: es gibt in unserem Freundes-
kreis Bohrer- und Dampfstrahlliebhaber, ich liebe mehr
die Kraft der Reinigung (den Dampf?), andere die Kraft
der Zerstörung (das Kitten?)...
Einige Männer (?) können damit gar nichts anfangen,
andere brauchen es für ihr Mannes-Gefühl (?)...

Interessant...

LG Klaus

 

      Gretchen²



RE: Nänie auf ein Loch in der Wand

   28.02.2007, 15:57



Hei, liebe Leute!
Danke für eure postings.
Die Schiller'sche Nänie hatt ich natürlich gelesen, augustine, und Klaus,
bin froh, dass du den Baumarkt Spott - als Mann - nicht übel nimmst.
"Die Kraft der Reinigung": das ist ein interessanter Ausdruck von dir.
Reinigung ist aber auch ein bisschen Zerstörung, find ich:
da hab ich z.B. sonn'ne Lampe hängen, da wo ich koche,
und auf dem metallenen Kegelschirm von der ist eine dicke Staubkruste drauf,
echt krass, sieht man jetzt aber normalerweise nicht so.
Wenn ich die Staubkruste abkratzen würd, so beim Putzen,
dann würde ich die ganzen atmosphärischen Ablagerungen mit wegmachen,
alle die Niederschläge aus dem Raum, die sich da viele Wochen lang
drauf angesammelt haben. Das wär ne Reinigung, boah!
Aber auch ein bisschen Zerstörung.
Die ganze Patina - weg!
So, gezz muss ich auff Arbeit.
Bis denne! Gretchen.

 

      Jolante



RE: Nänie auf ein Loch in der Wand

   04.03.2007, 13:43



Hallo, Gretchen,

soeben habe ich entdeckt, dass ich dir noch gar keine Rückmeldung auf deine "Nänie" gegeben habe. Nun, ich bin beeindruckt, wie unverkrampft und wortverliebt Du über das Phänomen "Loch" philosophierst, wieviel Denkwürdiges du in diesem kleinen Text verpackt hast. Mögen andere schon Vieles und Gewichtigeres zu diesem Thema ausgesagt haben, ich mag es gretchen-like originell.
Gut fand ich auch, dass du uns die Verse diesmal nicht häppchenweise serviert hast.

Sonntagsgrüße in die Runde
Jolante

 

      zuppanova



Wo kommen die Löcher im Käse her -?

   06.03.2007, 16:21



servus, und: die benjaminisch-technische reproduzierbarkeit von kunstwerken mag zwar einerseits zieiihiemmlich stillos sein, andererseits ist sie aber auch sehr praktisch. und versetzt mich in die lage, hier und heute ohne grossen aufwand dem beklagten loch in der wand einige weitere löcher hinzuzufügen.
viel spass beim lesen und lg, zuppa.

Kurt Tucholsky
Wo kommen die Löcher im Käse her -?

Wenn abends wirklich einmal Gesellschaft ist, bekommen die Kinder vorher zu essen. Kinder brauchen nicht alles zu hören, was Erwachsene sprechen, und es schickt sich auch nicht, und billiger ist es auch. Es gibt belegte Brote; Mama nascht ein bißchen mit, Papa ist noch nicht da.
»Mama, Sonja hat gesagt, sie kann schon rauchen - sie kann doch noch gar nicht rauchen!« - »Du sollst bei Tisch nicht reden.« - »Mama, guck mal die Löcher in dem Käse!« - Zwei Kinderstimmen, gleichzeitig: »Tobby ist aber dumm! Im Käse sind doch immer Löcher!« Eine weinerliche Jungenstimme: »Na ja - aber warum? Mama! Wo kommen die Löcher im Käse her?« - »Du sollst bei Tisch nicht reden!« -
»Ich möcht aber doch wissen, wo die Löcher im Käse herkommen!« - Pause. Mama: »Die Löcher . . . also ein Käse hat immer Löcher, da haben die Mädchen ganz recht! . . . ein Käse hat eben immer Löcher.« -
»Mama! Aber dieser Käse hat doch keine Löcher! Warum hat der keine Löcher? Warum hat der Löcher?« - »Jetzt schweig und iß. Ich hab dir schon hundertmal gesagt, du sollst bei Tisch nicht reden!
Iß!« - »Bwww -! Ich möcht aber wissen, wo die Löcher im Käse . . . aua, schubs doch nicht immer . . . !« Geschrei. Eintritt Papa.
»Was ist denn hier los? Gun Ahmt!« - »Ach, der Junge ist wieder ungezogen!« - »Ich bin gah nich ungezogen! Ich will nur wissen, wo die Löcher im Käse herkommen. Der Käse da hat Löcher, und der hat keine -!« Papa: »Na, deswegen brauchst du doch nicht so zu brüllen! Mama wird dir das erklären!« - Mama: »Jetzt gib du dem Jungen noch recht! Bei Tisch hat er zu essen und nicht zu reden!« - Papa: »Wenn ein Kind was fragt, kann man ihm das schließlich erklären! Finde ich.« - Mama: »Toujours en présence des enfants! Wenn ich es für richtig finde, ihm das zu erklären, werde ich ihm das schon erklären. Nu iß!« - »Papa, wo doch aber die Löcher im Käse herkommen, möcht ich doch aber wissen!« -
Papa: »Also, die Löcher im Käse, das ist bei der Fabrikation; Käse macht man aus Butter und aus Milch, da wird er gegoren, und da wird er feucht; in der Schweiz machen sie das sehr schön - wenn du groß darfst du auch mal mit in die Schweiz, da sind so hohe Berge, da liegt ewiger Schnee darauf - das ist schön, was?« - »Ja. Aber Papa, wo kommen denn die Löcher im Käse her?« - »Ich habs dir doch eben erklärt: die kommen, wenn man ihn herstellt, wenn man ihn macht.« - »Ja, aber . . . wie kommen denn die da rein, die Löcher?« - »Junge, jetzt löcher mich nicht mit deinen Löchern und geh zu Bett! Marsch! Es ist spät!« - »Nein! Papa! Noch nicht! Erklär mir doch erst, wie die Löcher im Käse . . . « Bumm. Katzenkopf. Ungeheuerliches Gebrüll. Klingel.
Onkel Adolf. »Guten Abend! Guten Abend, Margot - 'n Ahmt - na, wie gehts? Was machen die Kinder? Tobby, was schreist du denn so?« - »Ich will wissen . . . « - »Sei still . . . !« - »Er will wissen . . . « - »Also jetzt bring den Jungen ins Bett und laß mich mit den Dummheiten in Ruhe! Komm, Adolf, wir gehen solange ins Herrenzimmer; hier wird gedeckt!« - Onkel Adolf: »Gute Nacht! Gute Nacht! Alter Schreihals! Nu hör doch bloß mal . . . ! Was hat er denn?« - »Margot wird mit ihm nicht fertig - er will wissen, wo die Löcher im Käse herkommen, und sie hats ihm nicht erklärt.« - »Hast dus ihm denn erklärt?« - »Natürlich hab ichs ihm erklärt.« - »Danke,ich rauch jetzt nicht - sage mal, weißt du denn, wo die Löcher herkommen?« - »Na, das ist aber eine komische Frage! Natürlich weiß ich, wo die Löcher im Käse herkommen! Die entstehen bei der Fabrikation durch die Feuchtigkeit . . . das ist doch ganz einfach!« - »Na, mein Lieber . . . da hast du dem Jungen aber ein schönes Zeugs erklärt! Das ist doch überhaupt keine Erklärung!« - »Na, nimm mirs nicht übel - du bist aber komisch! Kannst du mir denn erklären, wo die Löcher im Käse herkommen?« - »Gott sei Dank kann ich das.« - »Also bitte.«
»Also, die Löcher im Käse entstehen durch das sogenannte Kaseïn, was in dem Käse drin ist.« - »Das ist doch Quatsch.« - »Das ist kein Quatsch.« - »Das ist wohl Quatsch; denn mit dem Kaseïn hat das überhaupt nichts zu . . . gun Ahmt, Martha, gun Ahmt, Oskar . . . bitte, nehmt Platz. Wie gehts? . . . überhaupt nichts zu tun!«
»Was streitet ihr euch denn da rum?« - Papa: »Nu bitt ich dich um alles in der Welt; Oskar! du hast doch studiert und bist Rechtsanwalt: haben die Löcher im Käse irgend etwas mit Kaseïn zu tun?« -
Oskar: »Nein. Die Käse im Löcher . . . ich wollte sagen: die Löcher im Käse rühren daher . . . also die kommen daher, daß sich der Käse durch die Wärme bei der Gärung zu schnell ausdehnt!« Hohngelächter der plötzlich verbündeten reisigen Helden Papa und Onkel Adolf. »Haha! Hahaha! Na, das ist eine ulkige Erklärung! Der Käse dehnt sich aus! Hast du das gehört? Haha . . . !«

(Fortsetzung s. unten)

 

      zuppanova



Wo kommen die Löcher im Käse her -? (2)

   06.03.2007, 16:25



Eintritt Onkel Siegismund, Tante Jenny, Dr. Guggenheimer und Direktor Flackeland. Großes »Guten Abend! Guten Abend! - . . . gehts? . . . unterhalten uns gerade . . . sogar riesig komisch . . . ausgerechnet Löcher im Käse! . . . es wird gleich gegessen . . . also bitte, dann erkläre du -!« Onkel Siegismund: »Also - die Löcher im Käse kommen daher, daß sich der Käse bei der Gärung vor Kälte zusammenzieht!« Anschwellendes Rhabarber, Rumor, dann großer Ausbruch mit voll besetztem Orchester: »Haha! Vor Kälte! Hast du schon mal kalten Käse gegessen? Gut, daß Sie keinen Käse machen, Herr Apolant! Vor Kälte! Hähä!« - Onkel Siegismund beleidigt ab in die Ecke.
Dr. Guggenheimer: »Bevor man diese Frage entscheiden kann, müssen Sie mir erst mal sagen, um welchen Käse es sich überhaupt handelt. Das kommt nämlich auf den Käse an!« Mama: »Um Emmentaler! Wir haben ihn gestern gekauft . . . Martha, ich kauf jetzt immer bei Danzel, mit Mischewski bin ich nicht mehr so zufrieden, er hat uns neulich Rosinen nach oben geschickt, die waren ganz . . . « Dr. Guggenheimer: »Also, wenn es Emmentaler war, dann ist die Sache ganz einfach. Emmentaler hat Löcher, weil er ein Hartkäse ist. Alle Hartkäse haben Löcher.«
Direktor Flackeland: »Meine Herren, da muß wohl wieder mal ein Mann des praktischen Lebens . . . « (Niemand widerspricht.) »Also, die Löcher im Käse sind Zerfallsprodukte beim Gärungsprozeß. Ja. Der . . . der Käse zerfällt, eben . . . weil der Käse . . . « Alle Daumen sind nach unten gerichtet, das Volk steht auf, der Sturm bricht los. »Pö! Das weiß ich auch! Mit chemischen Formeln ist die Sache nicht gemacht!« Eine hohe Stimme: »Habt ihr denn kein Lexikon -?«
Sturm auf die Bibliothek. Heyse, Schiller, Goethe, Bölsche, Thomas Mann, ein altes Poesiealbum - wo ist denn . . . richtig!
GROBKALK BIS KERBTIERE Kanzel, Kapital, Kapitalertragssteuer, Karbatsche, Kartätsche, Karwoche, Käse -! »Laß mich mal! Geh mal weg! Pardon! Also: ›Die blasige Beschaffenheit mancher Käsesorten rührt her von einer Kohlensäureentwicklung aus dem Zucker der eingeschlossenen Molke.‹« Alle, unisono:
»Hast es. Was hab ich gesagt?« . . . »›eingeschlossenen Molke und ist . . . ‹ wo geht denn das weiter?
Margot, hast du hier eine Seite aus dem Lexikon rausgeschnitten? Na, das ist doch unerhört - wer war hier am Bücherschrank? Sind die Kinder . . . ? Warum schließt du denn den Bücherschrank nicht ab?« - »Warum schließt du den Bücherschrank nicht ab ist gut - hundertmal hab ich dir gesagt, schließ du ihn ab »Nu laßt doch mal: also wie war das? Ihre Erklärung war falsch. Meine Erklärung war richtig.« - »Sie haben gesagt, der Käse kühlt sich ab!« - »Sie haben gesagt, der Käse kühlt sich ab - ich hab gesagt, daß sich der Käse erhitzt!« - »Na also, dann haben Sie doch nichts von der kohlensauren Zuckermolke gesagt, wie da drinsteht!« - »Was du gesagt hast, war überhaupt Blödsinn!« - »Was verstehst du von Käse?
Du kannst ja nicht mal Bolles Ziegenkäse von einem alten Holländer unterscheiden!« - »Ich hab vielleicht mehr alten Holländer in meinem Leben gegessen wie du!« - »Spuck nicht, wenn du mit mir sprichst!« Nun reden alle mit einemmal.
Man hört:
- »Betrag dich gefälligst anständig, wenn du bei mir zu Gast bist . . . !« - »saurige Beschaffenheit der Muckerzolke . . . « - »mir überhaupt keine Vorschriften zu machen!« . . . »Bei Schweizer Käse - ja! Bei Emmentaler Käse - nein! . . . « - »Du bist hier nicht bei dir zu Hause! hier sind anständige Leute . . . « - »Wo denn -?« - »Das nimmst du zurück! Das nimmst du sofort zurück! Ich lasse nicht in meinem Hause meine Gäste beleidigen - ich lasse in meinem Hause meine Gäste nicht beleidigen! Du gehst mir sofort aus dem Haus!« - »Ich bin froh, wenn ich raus bin - deinen Fraß brauche ich nicht!« - »Du betrittst mir nicht mehr meine Schwelle!« - »Meine Herren, aber das ist doch . . . !« - »Sie halten überhaupt den Mund - Sie gehören nicht zur Familie! . . . « - »Na, das hab ich noch nicht gefrühstückt!« - »Ich als Kaufmann . . . !« - »Nu hören Sie doch mal zu: Wir hatten im Kriege einen Käse - « - »Das war keine Versöhnung! Es ist mir ganz egal, und wenn du platzt: Ihr habt uns betrogen, und wenn ich mal sterbe, betrittst du nicht mein Haus!« - »Erbschleicher!«
- »Hast du das -!« - »Und ich sag es ganz laut, damit es alle hören: Erbschleicher! So! Und nu geh hin und verklag mich!« - »Lümmel! Ein ganz fauler Lümmel, kein Wunder bei dem Vater!« - »Und deine? Wer ist denn deine? Wo hast du denn deine Frau her?« - »Raus! Lümmel!« - »Wo ist mein Hut? In so einem Hause muß man ja auf seine Sachen aufpassen!« - »Das wird noch ein juristisches Nachspiel haben! Lümmel! . . . « - »Sie mir auch -!«
In der Türöffnung erscheint Emma, aus Gumbinnen, und spricht: »Jnädje Frau, es is anjerichtet -!«

4 Privatbeleidigungsklagen. 2 umgestoßene Testamente. 1 aufgelöster Soziusvertrag. 3 gekündigte Hypotheken. 3 Klagen um bewegliche Vermögensobjekte: ein gemeinsames Theaterabonnement, einen Schaukelstuhl, ein elektrisch heizbares Bidet. 1 Räumungsklage des Wirts.

Auf dem Schauplatz bleiben zurück ein trauriger Emmentaler und ein kleiner Junge, der die dicken Arme zum Himmel hebt und, den Kosmos anklagend, weithinhallend ruft:
»Mama! Wo kommen die Löcher im Käse her -?«

Peter Panter. Vossische Zeitung, 29.08.1928
(Peter Panter = Pseudonym von Tucholsky)




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