Keine Süssigkeiten · augustine · ·


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      augustine



Keine Süssigkeiten

   22.02.2007, 21:46 / 6 x geändert



KEINE SÜSSIGKEITEN

Die Nacht blieb warm im Harz auf dem Sonnenberg oberhalb von St. Andreasberg. Schon das war ungewöhnlich. Dort oben liegt das Internationale Haus Sonnenberg, eine Tagungsstätte. Das erste Mal war ich dort 1968, ja, genau in jenem Jahr 1968, eine junge Referendarin, die eine 12. Klasse begleitete.
Das Thema der Tagung muss das Experiment von Sozialismus mit menschlichem Antlitz gewesen sein, das die Tschechoslowakei damals unternahm. Zu Anfang Juli, als wir dort oben auf dem Sonnenberg waren, eigentlich ein bisschen oberhalb von allem, gab es noch etwas Hoffnung auf ein Gelingen, aber nicht mehr viel. Zugleich wurde geflirtet, wie das auf Tagungen oft so ist. Auch der Kollege, den ich begleitete, und ich - wir flirteten verbal hemmungslos, hielten uns aber sonst zurück.

Einer der Referenten war ein Dr. Hruby aus Prag. Ich verrate damit nicht viel; das ist ein im Tschechischen sehr häufiger Name. Er war Philosoph, zwei oder drei Monate zuvor nach Jahren im Gefängnis erst entlassen worden und an die Universität zurückgekehrt. Er hatte das Manifest der 2000 Worte mit unterschrieben (am 27. Juni, ich habe nachgesehen) und war bald danach zu dieser Tagung gekommen. Er glaubte an den Erfolg dieses nun schon im Sommer angekommenen Prager Frühlings. Freunde, die sich ihm wieder gezeigt hatten, glaubten nicht daran und rieten ihm, im Westen zu bleiben. Die Sowjetunion und die sich so nennenden Bruderstaaten würden die tschechische Erhebung mit Panzern überrollen, wie sie es 1953 in Berlin und 1956 in Ungarn und Polen getan hatten.

Dennoch – Erotik schwang über allem. Musste sich Dr. Hruby davon fern halten? Mindestens verbal musste er es so wenig, wie mein Kollege und ich es mussten. Beim Tanzfest zur Mitte der Tagung nahm er mir den Aschenbecher aus der Hand, den ich damals manchmal brauchte, stellte ihn auf sein rechtes Bein, gab mir Feuer und zog mich in ein Gespräch, in dem die ja jeden Tag neue Einschätzung der aktuellen Lage sich abwechselte mit seiner immer wieder neuen Bitte um "Süßigkeiten", die er doch so lange entbehrt habe. Er sprach fließend deutsch, ein etwas altertümliches, das einen eigenen Charme hatte. Wenn ich tanzte, stellte er den Aschenbecher auf meinen Platz und ließ niemanden sonst dort sitzen. Selbst tanzen mochte er nicht. Er habe es verlernt, sagte er. Was aber mit "Süßigkeiten" sei? Er sah mir voll ins Gesicht und sagte: "Bitte, mein liebes Fräulein, bitte." "Nein."
Ich wollte nicht. Er reizte mich nicht, nicht für Pralinés, für Gespräche aber wohl. Dass er nicht nach Prag zurückgehen sollte, ich versuchte es ihm dringlichst nahezulegen; dass er hier bleiben sollte, zumindest um abzuwarten. "Nein." Er habe nicht das Manifest unterschrieben, um für seine Person die nächste Gelegenheit zu benutzen, in Sicherheit zu bleiben, also diese Tagung. Sei denn das ein Verhalten, das er vor sich selbst ethisch rechtfertigen könne? Wir sprachen bis in den dämmernden Morgen, draußen auf dem großen Hof, so lange es dort warm blieb, dann wieder drinnen. Das Tanzfest war lange zu Ende. Wir sprachen nun nicht mehr von Süßigkeiten.
Zum Frühstück am neuen Tag kam er nicht, hielt aber danach seinen zweiten Vortrag. Nachher sah ich ihn nicht mehr.
Eine Mitarbeiterin des Hauses gab mir einen Brief von ihm. Dass wir keine Süßigkeiten getauscht hätten, sei gut gewesen. Er sei nach Prag zurückgefahren. Ich möge manchmal an ihn denken.

In der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 rückten die Truppen des Warschauer Pakts in dem abfallenden 'Bruderland' ein.
Ich war erst 1973 in Prag, dieser Stadt, die ihre Geschichte zur eigentlichen Hauptstadt Europas macht, wie ich meine. Im Hotel saß ein Etagenportier, der deutsch sprach und gerne sprechen wollte. Wir redeten wiederum eine Nacht hindurch. Es war nicht Dr. Hruby, von dem ich nie wieder etwas gehört habe, aber auch ein Professor. In irgendeinem anderen Hotel mochte jener als Etagenportier sitzen.

AugenblickeBlickwinkel 4

 

      ear



RE: AugenblickeBlickwinkel 2

   25.02.2007, 09:39 / 2 x geändert



Der Sonnenberg mit einem Seminar ueber Kommunismus und Demokratie ist auch fuer mich eine grosse Erinnerung. Vortraege hielt unter anderem Prof. Dr. Ralf Dahrendorf, der staendig bereit war, auf Fragen im Bezug auf Gesellschaft und Klassen zu antworten.
Wie in deinem Bericht, gab es gute Gespraeche bei geselligem Zusammensein unter Refenten und Referendaren. Es war eine Zeit sorglosen Diskutierens.
Drei Jahrzehnte spaeter habe ich in einem Charity Shop , auf Reisen in Lincolnshire, ein deutschsprachiges Buch von Dahrendorf gefunden mit dem Titel “Gesellschaft und Demokratie in Deutschland”, 1967 erschienen.
Darendorf war von 1984 -86 als Direktor an der Londom School of Economics taetig. Die Zahl seiner Veroefflichungen ist sehr hoch. Seit 1986 hat er neben seiner Deutschen die British Citizenship und wurde zum Life Peer Baron Dahrendorf ernannt. Meine Erinnerungen an den Sonnenberg sind etwas verblasst, aber unvergessen wegen Dahrendorfs Persoenlichkeit und Ausstrahlung.Lieben Gruss, ear

 

      Gretchen



RE: AugenblickeBlickwinkel 2

   25.02.2007, 17:51



Heia, augustine!

Mal so als erster Ansatz: dein Text kommt mir vor wie sonn’ne Balkenwaage.

Also, rechte Waagschale iss Öffentliches/Politisches, linke Waagschale iss
Privates/Flirtisches, beide Schalen hängen an einem Waagbalken,
nämlich an den "Süssigkeiten", die zwischen den verschiedenen Figuren
ausgetauscht werden oder auch nicht. Soweit nicht schlecht aufgebaut.

Das, was mich irritiert wie schon bei deinem anderen Blickwinkel-Text, iss
eben genau dieses 'Unwägbare' des Textes, so was ungreifbar in der
Schwebe Bleibendes und doch (scheinbar? anscheinend?) Bedeutsames:
irgendwas will der Text sagen, aber ich versteh einfach nicht, was.
Ist da eine politische Stellungnahme verborgen, die ich nicht kapier,
weil ich von dieser Zeit keine Ahnung hab und überhaupt nicht sonderlich
'politisch' bin? Oder zielt der Text mehr auf dat 'Zwischenmenschliche',
auf die Beziehungskisten, oder soll mal so ein bestimmtes Lebensgefühl
hinskizziert werden, so das feeling eines speziellen Biografieabschnitts?

Von allem ist etwas drin, aber dann doch nicht genug: irgendwie führt das
dazu, dass ich lese, auch etwas zu 'verstehen' glaube, und zugleich unzufrieden
bin nach dem Lesen, so, als wär das wirklich Wichtige doch nicht bei mir
angekommen. Jaaa, kompliziert, irgendwie.

Mit bissken ratlos karierten Grüßen verbleib ich winkend:
Gretchen.

 

      augustine²



RE: AugenblickeBlickwinkel 2

   25.02.2007, 19:27



Ja, Gretchen, "Balkenwaage": vielleicht ist das gar nicht schlecht. Sie soll ja möglichst in der Balance bleiben.
Und in der einen Wagschale liegen die heißen 68er-Diskussionen, hier aber die, von der kaum noch die Rede ist: der Versuch eben in der CSSR, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz zu schaffen. Konnte das gut gehen, gelingen? (Nein, ear, "sorgloses" Diskutieren war es nicht; in Hamburg nicht, jedenfalls nicht an meiner Schule, nicht mit meinen Schülern, nicht mit meinen Kollegen; auf dem Sonnenberg nicht, vor allem deshalb nicht, weil, wie Du Ralf Dahrendorf dort erlebt hast, wir einen erlebt haben, der mitten aus den Ereignissen kam, Dr. Hruby; der Vorname fällt mir auch jetzt nicht ein.) Also: Konnte das gut gehen? Wir wollten es mit heißem Herzen. (Und, um das zu verraten: am 21. August, als es nicht gut gegangen war, saß ich in der U-Bahn und heulte - wirklich um die Sache und nur am Rand auch um Dr. Hruby).
Die andere Wagschale: da drin waren die heißen Flirts, TROTZDEM, TROTZ ALLES DESSEN, was an Schrecklichem zu ahnen war.

Was also dieser Text sagen will: Es gibt nicht nur (hier) schön einfach ein Erleben, eine eindeutige, einfache Situation. Die allgemeine Flirt-Situation war innerhalb der politisch mitfiebernden; oder aus dem anderen Blickwinkel: die Welt des Kalten Krieges schien erstmals zusammenbrechen zu wollen, aber wir flirteten. - Und das alles in einer Person verdichtet: der Referent, eben noch im Gefängnis gewesen, jetzt Unterzeichner dieses Manifests der 2000 Worte, war - und nun passt das Bild von der Waage wohl nicht mehr - in der Situation: eine Frau zu begehren und zu riskieren, bei ihr bleiben zu wollen, zugleich aber zu wissen, dass er zurückgehen musste, wenn er sich nicht selbst verraten wollte.
Vielleicht auch so: einen Abend, eine Nacht lang (die wir redend verbrachten) war's in der Schwebe, zu welcher Seite die Waage sich neigen würde. Am nächsten Tag nach seinem Vortrag, dem zweiten, dann nicht mehr. (Ich hatte es leicht, ich war nicht verliebt; ich habe schon Situationen hinterher gepriesen, in denen ich mich NICHT verliebt hatte; man hat da aber die Wahl nicht.)
Ein bisschen weniger ratlos? Winkend ihrerseits auch: augustine

 

      Jolante



RE: AugenblickeBlickwinkel 2

   25.02.2007, 19:53



Liebe augustine,

du warst so schnell mit deiner Stellungnahme zu Gretchens Kommentar, dass ich gar nicht dazu kam, unbeeinflusst auch ein paar Worte zu deinem Text zu sagen. Verstanden habe ich ihn schon so, wie du ihn verstanden haben willst, wobei für mich der Schwerpunkt auf dem Lebensgefühl dieser 68er-Bewegung liegt, also -wie Gretchen sagt- einen Biografieabschnitt darstellt, der spannend und erregend war, weil so vieles in Bewegung geriet: Politik, Gesellschaft, Moral und vor allem das eigene Gefühlsleben als junger Mensch, das in diesem Alter stürmischen Wandlungen unterworfen ist. - Was mir auffällt: es ist eine Erzählung, keine Kurzgeschichte in dem von mir verstandenen Sinn. Ich könnte mir vorstellen, dass der Text durch eine Straffung an Dichte gewönne.

Gruß Jolante

 

      Gretchen



RE: AugenblickeBlickwinkel 2

   26.02.2007, 16:40



Hei und hallo augustine!

Dankeschön für deine Erklärungen (auch in dem anderen Faden noch),
jaaa, habbet schon verstanden gezz wie es gemeint ist, war inhaltlich
so ungefähr auch schon klar gewesen, von meiner politschen Unbildung
mal abgesehen, mir bleibt da abba so ein Rest, wo der Text mich als
Leserin nicht richtig mitnimmt, hacke auch, ich kann nicht erklären, wodran
das wohl liegt, mir fehlen die Begrifflichkeiten, vielleicht könnte es da dran liegen,
dass der Dr. Hruby in seinem Konflikt mir zu leblos bleibt, oder der Kontakt zur
Referendarin, das Begehren, die Anziehung bleibt zu leblos, also kurz und gut:
erklären kann ichs nicht richtig, aber mir fehlt trotzdem und alles dessen so was
an Vitalität in dem Text. Das Durchdachte iss da, keine Frage, vielleicht zu sehr
durchdacht, oder vielmehr: die Konstruktion zu stark spürbar.
Aber ich weiß es nicht wirklich, iss recht diffus und vielleicht sollte ich deshalb
auch besser geschwiegen haben.

Viele Grußkaros auf jeden Fall mal
vom Gretchen.

 

      augustine²



RE: AugenblickeBlickwinkel 2

   26.02.2007, 17:34



Nein, Gretchen, DU solltest nie lieber geschwiegen haben. -
Du hast auch, glaube ich, richtig gesehen, dass die beiden Flirtgeschichten sehr, sagen wir mal, zurückgenommen erzählt sind. Die am Anfang, weil da Anleiter und Referendarin ja in einem Abhängigkeitsverhältnis standen (samt Hinweis, aber mehr nicht, dass das in absehbarer Zeit aufhören würde wegen Berufswechsels seinerseits ... und dann ... ), die mit Dr. Hruby, weil er (bedenke immer: einer, der zuvor unschuldig jahrelang im Gefängnis gesessen hatte) selbst unentschieden war, sehnsüchtig, aber im Konflikt mit seinem eigenen ethischen Anspruch. Wenn eine Flirtgeschichte und mehr noch heute zu erzählen wäre, dann die vom letzten Abend. Aber das werde ich nicht tun, nicht hier. Die steht im wirklichen Tagebuch.
Es ging mir hier wirklich um die Frage von Balance: dies Flirten allüberall um einen rum und man selber mitten drin - und die politische Lage der CSSR, die sich zuspitzte.
Weißt Du, mir hat mal jemand gesagt, der mäßig älter war als ich: "Das verstehst du nicht." Ich sage das nicht zu Dir. Für Dich ist 1968 Geschichte, für mich (ziemlich am Rand) miterlebt. Wir haben alle nur einen kleinen Ausschnitt Leben, nur von Deinem ist noch mehr da. Es sollte einen interessieren, was vor einem war, 1968 nun mal sowieso. Im nächsten Jahr wird viel darüber geschrieben, gefilmt etc. werden. Lies es, sieh Dir Filme an.
Und entschuldige, wenn das jetzt sehr/allzu belehrsam sich liest. Niemand kann seine Gegenwart verstehen, ohne sich um die Vergangenheit zu kümmern. (Es sei denn, er gibt sich selbst die Erlaubnis, es nicht zu tun.) Ein Leben in (vermeintlich) reiner Gegenwärtigkeit als erfülltes ist eine Chimäre.

Sag doch Du, wenn's Dir nicht zuviel ist, ein Wort zur 3. Augenblicksgeschichte. Ist die nicht kurz genug?
Und doch meine ich: randvoll mit Geschichte - bis in die Gegenwart.
LG augustine

 

      augustine²



RE: AugenblickeBlickwinkel 2

   27.02.2007, 21:30



Nochmal ich; heute am Nachmittag habe ich nur die Änderung selbst geschafft, die sich auch in der Überschrift ausdrückt: Veränderung vor allem durch Herausnahme der Nebenflirts.
Danke an ear, Gretchen und Jolante für kritisches Lesen. Seid gegrüßt von augustine

 

      Vladimir



RE: AugenblickeBlickwinkel 2

   29.02.2008, 13:35



Worauf man so stößt, wenn man nach "Köln" sucht...
Für mich ist das alles ja wahrscheinlich noch viel mehr Vergangenheit, als für Gretchen. Vergegenwärtigungen gibt es trotzdem reichlich - am eindrücklichsten hierzu was mich betrifft Johnsons Jahrestage, an die ich sofort denken muss, les ich nur CSSR - da ist dieser merkwürdige Schwebezustand aus Hoffnung und Zweifel ja auch sehr schön ausgedrückt. Tatsächlich hat 68 trotz allem mittlerweile abgedroschenen, zum Klischee erstarrten, kommerzialisierten für mich und einige aus meiner "Generation" soweit ich das mitbekomme den Zauber und die entsprechende Sehnsucht einer verlorenen, besseren Zeit. Mein Geschichtslehrer hat mal ein Dossier geschrieben zu den späten Sechzigern an unsrer Schule und in Köln - da wurde demonstriert (und zwar richtig, mit blokierten Gleisen und umgeworfenem Wagon) weil die KVB die Preise erhöht hat! Und Schüler haben eine Schule besetzt gehalten um zu diskutieren! Ich kann gar nicht sagen, wie unvorstellbar das heutzutage ist, wo man selbst schief angeschaut und auf z.T. feindliches Unverständnis trifft, nur weil man gegen Kopfnoten Widerspruch einlegt! Da lesen sich solche Berichte aus den späten Sechzigern wie Paradiesgeschichten - entgegen der Abneigung gegen Klischees, dem Wissen, dass es so einseitig niemals gewesen sein kann, und dem Vorsatz solches Meckern auf der einen und Verklären auf der andern Seite lieber sein zu lassen.
Interessiert das jemanden?
Jedenfalls um zu zeigen, aus welcher Sicht ich deinen Text lese, augustine.
Und dann gefällt er mir wegen dieser Zurückgenommenheit, des Schwebens, vielleicht gerade was Gretchen vermisst. Der Konflikt des Dr. Hruby - hier bleiben oder nicht - bleibt in der Form des Gestreiften, miterlebten, aber nicht erlebten. Und das ganze wirkt wie aus einer großen Distanz geschrieben, in der man schon weniger sagen kann, als man vielleicht ausdrücken will in der Hoffnung, die Wegweiser reichten schon aus, es gelte alles auf das wesentliche (und das ist nicht das allgemeine, abstrakte!) zu reduzieren. Seltsamerweise bleibt bis zum Ende der Berg präsent und hebt das ganze Geschehen in einer imaginären Landschaft.

Liebe Grüße,

Vladimir




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