das befleckte säuseln · Latenta · ·


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      Latenta



das befleckte säuseln

   15.02.2007, 18:21



das fäulnissbefangene insekt bohrte sich tief in die roten gedärme
und spuckte gefoltertes mark aus ihren rachen,
der gestank lähmte den atem, von wo aus doch der innerlichkeit genugtuung flüsstert

schläfrig kroch der eiternde wurm durch die saat der notwendigkeit
und klotzte mit grossen augäpfeln dem flammenden inferno zu

 

      Elise



RE: das befleckte säuseln

   15.02.2007, 19:22



Hallo Latenta,

verzeih es mir, bitte, aber soeben las ich die von dir aufgeschriebenen expressiven Worte - und verspürte ein unwiderstehlich drängendes Bedürfnis, mit ihnen zu spielen. Dem ich nun ganz spontan nachgebe!
Hm, ja, ich würde die Worte so ungefähr anordnen:

säuseln (befleckt).

durch die saat der notwendigkeit
eitert ein schläfriger wurm:
tatsachenidiotie!
glotz, kreatur du,
grossaugäpfelig
dem flammeninferno zu!

und siehe, was ist:

tief in die roten gedärme gebohrt
das folterinsekt, fäulnisbefangen
darmmark verspuckend
aus stinkendem rachen, atembelähmend!
nichtsdestotrotz: der innerlichkeit
genugtuung flüstert ...


Das klingt rhythmischer, außerdem hat es eine hübsche typographische Form und das Expressionistische kommt meiner Meinung nach besser zur Geltung. Ich könnte mir diese Version auch als audiofeed vorstellen, mit etwas Dramatik gesprochen ... man könnte zuppanova fragen ...
Das Wort "Tatsachenidiotie" habe ich noch hinzugefügt: jemand schrieb es mir vor einigen Tagen in einem Brief, und ich finde, es fügt sich gut ein und bildet mit der Saat der Notwendigkeit und dem flammenden Inferno eine Art Tryptichon.

Viele Grüße, Elise (spontan beherzt heute und hoffend, sie durfte tun, was sie tat ... ).

 

      Latenta²



RE: das befleckte säuseln

   15.02.2007, 22:20 / 2 x geändert



hallo Elise

vorerst bin überrascht von deinem Impuls und des gedanklichen Aus/Umbruches
danke dir dafür..
laß es nun mehrmals
und
ja, ich mag es
aber es ist halt "deine Form"..und rythmuss..
dein Geist der es bestäubte..
versteh allerdings auch nicnt viel von typographische Form oder z.B. Expressionistische Geltung..hab da halt echt ne Technik aversion bin mehr so`n bauchmensch..
deine version des gedichtes klingt sehr durchdacht und auf wirkung gezielt, ja mag sein warum nicht...
aber ich mag mehr das un-rythmische, lückenhafte im System;)
die gedachte perfektion blinzelt doch eh schon aus jeder Ecke..
mag auch mehr das inhaltliche nicht die Ettikette
ich finde gerade dieses Gedicht hat in seiner vollkommenen Unförmigkeit und holpersteintaktik, etwas entzückendes frisches qicklebendiges...
nun ja
however
soviel
dazu
von
mir
l.

 

      Elise



RE: das befleckte säuseln

   16.02.2007, 00:21



Hallo Latenta,
da bin ich nochmal.
Gut, dass du mir den Zugriff auf deinen Text nicht übel nimmst. Und
"es ist dein Geist, der es bestäubte" - das hast du schön gesagt!
Dabei habe ich gar nicht viel 'durchdacht', denn deine Worte sprachen
so stark zu mir, dass ich sie einfach genommen hab und
schnell geschrieben damit, ohne viel zu konstruieren,
freilich in meiner Form und meinem Rhythmus, das ist klar, denn
aus verschiedenen Bäuchen schlüpfen verschiedenen Kinder -
und ich verstehe es auch, wenn du sagst: "die gedachte Perfektion
blinzelt doch eh schon aus jeder Ecke".
Das ist eine schwierige Sache, da sprichst du sozusagen
'ein gesamtgesellschaftliches Problem' an, und ich will nur kurz dazu
sagen, was meine Taktik ist, mit dem perfekt Genormten umzugehen,
also so ganz pauschal versuche ich das Perfekte mir so sehr
anzueignen, dass ich dann irgendwann damit jonglieren kann.
Dann habe ich es auch überwunden.
Hmm, ich weiß nicht, ob das zu verstehen ist? War mir aber wichtig
zu sagen.
Viele Grüße, Elise.

 

      Latenta²



RE: das befleckte säuseln

   16.02.2007, 13:18 / 2 x geändert



hallo elise,

da bin ich auch nochmal...
dein Text stellt sich mir auch spannende Fragen
z.B."mit dem perfekt Genormten umzugehen"?
"das Perfekte mir so sehr
anzueignen, dass ich dann irgendwann damit jonglieren kann."
oder sehr spannend was du schriebst

"Dann habe ich es auch überwunden."

das perfekt genormte kommt ja auch nur vom Menschen der dies als perfekte genormtes annahm und ausbaute
meine frage:
welche kriterien sind für dich perfekt genormt?
in wieweit eignest du dir das an?
wieviel steckt von Dir in der perfekten Norm?
oder siehst du dich nur als Jongleur der Norm?
ist man selbst nicht auch schon Norm?
natürlich da hast du recht
"aus verschiedenen Bäuchen schlüpfen verschiedenen Kinder -
das ist nun mal leider so----ups(sprach kurz mit mir selbst)
aber ist der Unterschied die Differenz vom Lehrer und lehrenden?
Wer bestimmt die perfektion?

hmhm.....
spannende Fragen.....

l.

 

      Elise



RE: das befleckte säuseln

   16.02.2007, 17:31



Aja, Latenta, schwierig!

Nun versuche ich noch einmal zu erklären, was ich meinte.

Ich hatte dich so verstanden, dass du gerne einen quicklebendigen, frischen, ungezähmt holpernden, vitalen, unrhythmisch authentischen Text (der aus deinem Bauch kommt) gegen traditionelles, in ein Schema gepresstes, verkopftes, "perfektioniertes" Schreiben setzen möchtest ("die gedachte perfektion blinzelt doch eh schon aus jeder Ecke" - stimmt, für unsere Lebens-Welt hier jedenfalls!) und das finde ich auch einen guten und berechtigten Impuls.
Nur denke ich eben, dass es dabei auf Dauer nicht reicht (oder - präziser: MIR würde es auf Dauer nicht reichen), einfach etwas herauszuschreiben, sondern dass es sinnvoll ist (präziser: für mich), auch das Traditionelle, Perfekte, Genormte sehr gut zu (be)achten, zu kennen und vielleicht sogar zu KÖNNEN, sich (/mir) also auch Gedanken darüber zu machen, WIE man einem Leser einen bestimmten Inhalt rüberbringen kann oder möchte, d.h. sich Gedanken zu machen über die Form und warum man eine bestimmte Form wählt oder bestimmte traditionelle Formen ablehnt --- ohne Form kannst du ja keinen Inhalt transportieren: wenn jemand irgendwelche Wörter chaotisch daherschüttelt, dann ist diese "Unform" ja doch auch wieder Form und:
Sinn bekommt so etwas dann, wenn erklärt und begründet werden kann, warum gerade jetzt so eine "Unform" gewählt wird, und wogegen genau diese gestellt werden soll. Ich meine damit, dass das, was "zufällig" irgendwie chaotisch daherkommt, in der Regel wenig mehr Aussage hat, als dass es eben zufällig und chaotisch ist, irgendwie. Damit ist nicht viel gewonnen, nichts überwunden, nichts "Neues" geschaffen.

Oder, um ein anderes Beispiel zu wählen: ein Jazzpianist, der frei improvisiert, schafft aus dem Augenblick heraus etwas Neues, Spektakuläres, womöglich berührend Vitales, das andere Menschen (in diesem Falle nicht Leser, sondern Hörer) erreicht, ergreift, näherholt, zu interessieren vermag. Er "gibt sich Ausdruck" auf seinem Instrument, teilt sich so auch den anderen mit und wird von ihnen "wahr"-genommen. Das macht er aber nicht, indem er sich einfach nur auf die Pianotasten wirft und wild hämmert und klopft (ja, ihm selbst täte es vielleicht noch gut in dem Moment, aber wer möchte ihm wohl länger zuhören?). Er kann es nur zustande bringen, weil er jahrelang gelernt hat, mit diesem Instrument (und mit seinen Händen) umzugehen, weil er genormte Etüden geübt hat bis zum Erbrechen und an Nuancen gefeilt, weil er durch viele Stunden und Stufen des Sich-immer-mehr-Perfektionierens an seinem Instrument gegangen ist, bis er so gut darin war, dass er endlich frei werden konnte und sich von allem Alten lösen, um sein ganz einmalig Eigenes entstehen zu lassen und zu zeigen.
Genauso ist es in der Malerei, denke ich. Jackson Pollock hat nicht einfach nur immer Farbe auf Leinwand geschleudert, weil ihm das so eine wahnsinnige Erleichterung brachte. Er hat hinterfragt, warum er das tut und sich eingeordnet (oder auch: sich schließlich ausgeklinkt; aber in Bewußtheit) in/aus langen Traditionen der Malerei - er "wußte" vermutlich sehr genau, was er da tut, und was er mit seiner Art zu malen zeigen oder bewirken will.

Aber nun meine ich das alles gar nicht so bitterernst, wie es vielleicht klingt, es sind nur einige unerhebliche Gedanken von mir, nicht wertend, sondern: als Mit-teilung, An-regung vielleicht, gesprochen von meiner Innenwelt zu deiner anderen hin.

Wir sind alle irgendwo auf einem Menschen-Weg ... und gehen Schritt für Schritt ... mehr weiß ich auch nicht.

Freitagsgrüße von Elise.

 

      Latenta²



RE: das befleckte säuseln

   17.02.2007, 15:00 / 1 x geändert



so liebe elise..
wohl wahres du schreibst
und ist mir dies auch nicht fern..
mag deinen Geist...
spüre in deinem Text starke manifeste u denkmäler...natürlich Mensch...
und wohl auch richtig menschliches regelwerk zu konstruieren..

"Ich meine damit, dass das, was "zufällig" irgendwie chaotisch daherkommt, in der Regel wenig mehr Aussage hat, als dass es eben zufällig und chaotisch ist, irgendwie. Damit ist nicht viel gewonnen, nichts überwunden, nichts "Neues" geschaffen."

..ich mag dieses überwunden und neues schaffen, in deinen Texten..auch dies ist wieder subjektiv, was für den einen überwunden ist für den anderen quicklebendig
und der überwundene wird dem quicklebendigen wohl immer den zeigefinger weisen..
..und diese ewige rastlose dümpeln nach neuen Dingen ist auch schon uralt und wohl das grösste denkmal was der mensch sich geschaffen hat...
--man könnte auch sagen die Illusion die uns erhält....
finds einfach nur spannend das man immer werkelt und bastelt und schaufelt und schippt..etc..
kann dadurch wirklich neues entstehen?
ist das alte nicht schon so konditioniert das es fast wieder wie neu erscheint?
wenn der jazzpianist frei improviesiert und die improvisation irgendwann sich manifestiert (was es mit sicherheit passiert) wie lebendig ist er in sein Form als Mensch dann noch..?
oder ist der mensch einfach nur funktion u wird somit vollkommen überschätzt?
oder funktionalisiert er sich um somit greifbar u berührbar zu werden?
ist die Funktion das Mittel der Sprache?
woher weiss man das ihn niemand zuhören würde wenn er nur "wahllos" musizieren/komponieren würde?
ist der mensch nur lernfähig wenn er sich selbst funktionalisiert?
hmhm..ich weiss es nicht....
finds einfach nur mühselig das selbst "Kunst" schon bei vielen sich manifestiert hat und überall wegweiser stehen wie man dies und jenes zu handhaben hat und sich danach richtet...
spüre wenig menschliches oder eigenes im ausdruck des Menschen...

Beende dies mit den Worten:

komm du ewiges träges gemüt
steh auf
und
schau
dein werkzeug versinkt im ozean des Stumpfsinns
und
du bist der clown am ufer
mit der muschel der hoffnung am ohr

l

 

      Elise



RE: das befleckte säuseln

   17.02.2007, 15:48



Weißt du, Latenta,
ich denke, dass deine/meine Art,
die Weltdinge wahrzunehmen,
nicht gar so verschieden ist wie du unterstellst, nur
haben du/ich anscheinend unterschiedliche Strategien gewählt,
mit dem Wahrgenommenen umzugehen.
(Ich ziehe mir Zwischenböden ein, im Bodenlosen,
wie soll ich sonst leben?)
Ich empfinde dich als sehr (an)klagend.
Du scheinst voller Resignation oder Schmerz zu sein
und scheinst beständig zu hoffen,
dass dir das abgenommen wird.
Wegweiser, Zeigefinger -
das war nicht meine Absicht. Ich versuchte
VON MIR zu erzählen, mehr nicht.
Es kann sehr schwierig sein, einen anderen Menschen zu verstehen,
und was DU als Wegweiser, Zeigefinger, Zurecht-weisung erlebst
oder nicht, das entscheidest nur DU, niemand sonst.

Oder, anders ausgedrückt:
wenn du Texte in ein Lyrikforum im Netz stellst,
musst du damit rechnen, dass womöglich
andere anders darauf reagieren
als du es dir gewünscht hast.
Und musst das aushalten. Ja. Thats it. Mehr nicht.
Auch für mich damit beendet.
Elise.

 

      Latenta²



RE: das befleckte säuseln

   17.02.2007, 16:04



hui elise..
wollt dich weder persönlich angreifen oder (an)klagen
noch such ich einen seelenklempner
oder bevorzuge den Erimiten in mir..
oder sitz mit dem dolche im nacken vorm Kreuze
dacht wir sprechen gemeinsam über themen unabhängig von unserem persönchen...
die sachen einfach mal aus der Luft betrachten..
stellte nur fragen..ohne hoffnung auf antwort..

l

 

      Elise



RE: das befleckte säuseln

   17.02.2007, 18:48



Ja, gut zu wissen,
und schön, dass du das nun so klar
formuliert hast. Nichts von dem, was
Latenta bisher hier schrieb, hätte ich
SO ("dacht wir sprechen gemeinsam über themen unabhängig von unserem persönchen... die sachen einfach mal aus der Luft betrachten") interpretiert.
Bauchmenschen (und du bist ja
bekennender Bauchmensch, oder?) dachte ich bisher immer,
betrachten alles - hmm ... - nun, eben aus dem Bauch heraus, also ... äh ...
aus der Perspektive rund um den eigenen Nabel -
- wenn ich dir das einfach mal eben spiegeln darf ...
so als Rückmeldung,
wie du von mir (wahrscheinlich von einigen
anderen auch) rezipiert wirst.
Elise.

 

      Latenta²



RE: das befleckte säuseln

   17.02.2007, 18:56 / 3 x geändert



ach elise...
könnten noch ewig schwofen..
aber dies würd wohl den für hier angemessenen Rahmen sprengen..
bekennender bauchmensch----niedlich
wer bekennt sich schon zu irgendwas..
dies liegt nicht in unserer macht

"aus der Perspektive rund um den eigenen Nabel -
- wenn ich dir das einfach mal eben spiegeln darf ...
so als Rückmeldung,
wie du von mir (wahrscheinlich von einigen
anderen auch) rezipiert wirst"

nun ja i moag mein nabel
und zum glück oder leider gibts genug menschen die alzu gern alzu weit über dem nabel agieren

l

 

      Elise



RE: das befleckte säuseln

   17.02.2007, 19:11



Tja, vielleicht solltest du mal erwägen, dass man
mitunter den Nabel und das, was "allzu"(?) weit
drüber liegt, in Verbindung bringen kann.
Wenn's funkt, zwischen oben und unten, dann
wird es richtig spannend - das ist Bei-Sich-Sein,
das prickelt. Mir wäre es auf Dauer zu langweilig,
immer nur entweder oben oder unten zu sein.
Die Zukunft der Menschheit liegt, wenn überhaupt(!)
im intrapersonalen Switch -

aber nun sollten wir wirklich aufhören,
da geb ich dir vollkommen recht.
Immerhin wurden die Barrieren nun sichtbarer
(für dich hoffentlich auch),
das ist schon viel.
Mipormimismo bin gar nicht so unzufrieden
mit diesem Gespräch ...
Elise.

 

      Latenta²



RE: das befleckte säuseln

   17.02.2007, 19:34



"Überall auf der Welt prüft der Bauer den Fremdling, der zum ersten Mal
seine Stube betritt mit dem „Test der Stille“. Nicht an seinen einführenden
Worten misst er seinen menschlichen Wert. Laute Gebärde und jedes
spitz auf ihn zukommende Wesen sind ihm verdächtig. Zur Seite
gewendet horcht er in das Schweigen hinein, das von der Atmosphäre
ausgeht, die den Fremden um gibt. Es ist die sprechende Aura der
Substanz, die einen Menschen umhüllt, die er befragt, die stillen
Schwingungen, die von einem Menschen ausgehen, jenseits seines Tuns
und seines Sagens."

Karlfried Graf Dürckheim,
Japan und die Kultur der Stille,

so abschliesend ;)

habe die ehre......

l

 

      Elise



RE: das befleckte säuseln

   17.02.2007, 19:57



Das ist gut. Sehr gut!
Ein Problem nur:
... wie tun im virtuellen Nebel des Netzes ...
das muss man erst mal übertragen auf die
www-world ... nicht wahr?
(Dürckheim war ja noch 'a real world man' ... )

abschliessend, nun wirklich
ebenfalls mit Ehre -
Elise.




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