Auf der Kreuzung · arisia · ·


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        arisia
        (Gast)

Auf der Kreuzung

   13.02.2007, 22:20 / 2 x geändert




Auf der Kreuzung


Wie schwer es fällt einen Weg zu verlassen,
Der bekannt uns gut und vertraut.
Auf der Kreuzung vor dir hast du die Wahl,
Und manchmal weißt du wohin.

Manchmal nicht

Du stehst, - die Zeit steht,
Sekunden werden zu Ewigkeiten der Schwere.
Das Woher lockt noch immer mit Struktur,
Das Wohin - diffuser Raum.

Ein Woher - viele Wohins

"Wohin, wohin" schreit es in Dir,
Gewitter der Erregung.
"Wohin, Wohin" schreit es in Dir,
Antagonie.

In der Stille zwischen den Gegensätzen
Geschieht manchmal Verwandlung.
Einen Fuß vor, der andere folgt,
Und das Wohin gewinnt Struktur.

Manchmal nicht

 

      Klaus



RE: Auf der Kreuzung

   14.02.2007, 07:28 / 1 x geändert



Hallo arisia,

ein tiefes Gedicht mit Bildern, denen ich gerne
nach"gehen" werde.

Den vertrauten Weg verlassen zu müssen, der
halb gegeben und halb gewählt wurde, an einer
Kreuzung zu stehen, zu Fuß, alleine, innerlich nackt -
das erzeugt klare Angst. Wohin gehen, überlegen.
Jetzt weiß ich es, dann wieder nicht...Was will ich?

Also lieber noch stehen bleiben. Ich verschwinde in
der Zeit und dennoch lasten meine Vor-stelllungen
schwer auf mir. Sie versperren den Blick - das Ich
ahnt das Nichts. Und will zurück, in die alte vermeind-
liche Sicherheit - da war alles ein-, jetzt wird es viel-
deutig. Der Verstand, die Gefühle wehren sich, sie
wollen und können sich noch nicht er-geben - das
kostet Kraft, sie werden zwischendurch müde und
schweigen. Da und Dann kann es geschehen, wir
gehen: in den leeren Raum, wir lassen uns gehen...
Und sehen...noch nicht ganz klar, aber wir sind auf
der "anderen" Seite der Kreuzung, ohne nach dem
Weg zu fragen...Alles weitere wird sich zeigen, oder
nicht, es liegt nicht in unserem Willen, aber in unserem
vertrauensvollen Geschehen-Lassen.

Das ist der kontemplative Weg der Differenzierung,
der Diffusion, des Vakuums, der Neuerstehung, ein
"Macht"-wechsel des Willens an das Sein. Und dies
in dieser klaren, wunderbaren Gedichts-Struktur.

Ich danke dir dafür!

LG Klaus

 

      ear



RE: Auf der Kreuzung

   14.02.2007, 12:34 / 1 x geändert



Ein Gedicht, welches mich mehrfach zum Lesen zwang. Klaus hat bereits seinen einfuehlsamen Beitrag geschrieben.
Ich moechte nur die ‘Ewigkeit der Schwere’ herausgreifen, weil sie mich so stark an Johann Schops Melodie “O Ewigkeit du Donnerwort” (in Cruegers Version) und die Vertonungen von Bach und Telemann erinnert. Die ‘Stille', welche zur Verwandlung treibt, mit seinen widerstrebenden Polen von Ungleichem koennte ein Wegweiser aus Gleichgueltigkeit und Unentschiedenheit hin zur Tat werden:
’ein Fuss vor, der andere folgt’, sodass ‘das Wohin’ klarer erkennbar wuerde.

 

      Jolante



RE: Auf der Kreuzung

   14.02.2007, 21:03



Hallo, arisia,
es gefällt mir, wie das Gedicht aufgebaut ist, und auch die Aussage hat Anspruch auf Gemeingültigkeit. Klaus und ear haben es -auch für mich- überzeugend nachempfunden. Ich will nicht puristisch erscheinen, dennoch stört mich in diesem Gedicht das Fremdwort Antagonie. Das Wort Widerspruch hätte mir besser gefallen, aber das ist im Grunde marginal. Meine eigentliche Antwort besteht aus dem folgenden Gedicht von Erich Fried:

Letzter guter Rat

Hinter der Hecke sitzen sie
Leben und Tod
Beide rufen mich
beide wollen mir raten

Hinter der Hecke
höre ich ihre Stimmen
Durch die Hecke darf ich nicht durch
darf sie nicht sehen

"Hör auf dein Unglück zu lieben
und liebe dein Glück!
Noch heut! Du hast nicht mehr viel Zeit!"
ruft die eine Stimme

Die andere sagt:
"Behalte lieb was du liebhast
Auch sein Unglück lieben kann Glück sein
und die Liebe wechseln bringt Unglück"

Dann sagen sie beide: "Geh!"
und ich gehe und weiß
eine davon ist mein Tod
und eine mein Leben

--------------

LG Jolante

 

      Werner



RE: Auf der Kreuzung

   14.02.2007, 21:14



Bei uns im Toppenstedter Wald gibt es einen Punkt, an dem sich mehrere Wege kreuzen. Meine Oma nannte diesen Ort gerne "den Stern". Folgte man einem dieser Pfade, so kam man an einen Goldfischteich mit der "Liebesinsel", folgte man einigen anderen, gelangte man auf wirren, aber interessanten Wegen wiederum - an eben diesen Ausgangspunkt, den "Stern"...

Wollen wir weiter, müssen es einfach wagen, arisia, gerade wenn wir den Weg nicht kennen, wir haben keine andere Wahl. Doch wir werden sehen - und lernen.

Deine Zeilen beschreiben sehr ausdrucksstark, in welch innere Zerreißproben man an solchen "Kreuzungen" geraten kann. Und da ist ein Ratschlag wie der meine natürlich recht einfach dahergesagt...

LG
Werner

 
        arisia
        (Gast)

RE: Auf der Kreuzung

   22.03.2007, 18:28



hi, ihr lieben,

ich danke euch, für eure einfühlsamen Kommentare zu diesem Text.

ja, Klaus,
immer wieder mal stehen wir an Wendepunkten, und für kürzere oder länger Zeit scheint das Leben ins Stocken zu geraten, und manchmal hilft es nur einfach drauflos zu marschieren, bei den ersten Schritten einfach nur bei den Schritten zu bleiben und die Dinge geschehen zu lassen.

@ear
ja, nach dem Donnerwort, oder dem Gewitter der widerstreitenden Gefühle und Gedanken kommt die Stille, wenn wir Gewitter und Donnerwort lange genug aushalten, und wenn wir Glück haben, kann aus dieser Stille heraus die Tat geboren werden.

@Jolante
das Gedicht von Fried trifft auch sehr gut, was ich meine, letztendlich ist es egal welchen Weg wir gehen, hauptsache wir gehen, das Ziel ist letztendlich immer das gleiche, der Weg ist das entscheidende.
Noch eine Erklärung zur “Antagonie”.
Widerspruch würde nicht treffen, was ich meine.
Antagonie ist ein Kunstwort, ein Neologismus den ich gebildet habe aus den Worten Agonie - Schmerz, und Antagonismus - dem Widerspruch, und zwar von der körperliche Seite her gesehen. Bei der parkinsonschen Erkrankung arbeiten die Agonisten und die Antagonisten nicht mehr geschmeidig zusammen, es kommt nerval zu einem Zusammenstoß der Befehle strecken - beugen, sodaß der Muskel in vibrierender Lähmung erstarrt, dadurch kommt es zu dem bekannten Tremor, anders gesagt, eine unendliche Kraft trifft auf unendliches Beharrungsvermögen. Auch das Aufeinanderprallen widersprüchlicher und gleichzeitig ankommender Gedanken kann im ganzen Körper zu einem alles durchdringenden schmerzhaften Vibrieren führen, deshalb wäre “Widerspruch” alleine nicht ausreichend.

@werner
ja, werner, wir lernen letztendlich auf allen Wegen, sogar auf denen, von denen wir glauben, daß wir sie mehrmals gehen. Ein buddhistisches Sprichwort sagt ja, “du kannst nicht zweimal in den gleichen Fluß steigen” oder so ähnlich, wichig ist, daß wir gehen, und nicht in diesem schmerzhaften Stillstand verharren, zumindest nicht zu lange.
Ein schöner Ort, so ein Stern, dann lernt man als Kind schon unbewußt etwas über die Wege der Welt.

nochmals Danke an euch
arisia

 

      Gerd



RE: Auf der Kreuzung

   24.03.2007, 02:58



Hallo arisia,

einige Assoziationen, die Dein Gedicht in mir ausgelöst haben:
Auf einer Kreuzung kann man sich nicht nicht entscheiden. Stehen bleiben - keinen Weg wählen - ist bereits Entscheidung. Scheinbare Sicherheit ist es, im Bekannten zu verharren, da nur bekannt, was bereits vergangen ist. Viel ist es zu wissen woher, die wenigsten wissen, wo sie gerade sind. Zu wissen wohin, ein wunderschöner Traum, der das Gehen erleichtert. Im Gehen selbst liegt Befriedigung der eignen Dynamik. Wohin uns eine Entscheidung führt, sehen wir immer nur im kleinen Ausschnitt der Vergangenheit.

Liebe Grüße
Gerd

 
        arisia
        (Gast)

RE: Auf der Kreuzung

   05.04.2007, 10:47



hi, Gerd,

danke dir, daß du deine Gedanken zu diesem Text mitgeteilt hast.
Ja, jeder Schritt den wir tun, ist letztendlich ein Schritt ins Dunkel, in unbekannten Raum. Die Vergangenheit liegt wie eine Landkarte vor uns, aber schon der nächste Schritt, und sei es nur der von der Küche ins Wohnzimmer oder umgekehrt ist schon unbekanntes Terrain. Wohl ist die Topologie bekannt, aber die Zeitebene ist eine andere, alles kann geschehen, auch wenn wir uns einbilden - und das ist auch gut so -, uns in Bekanntem zu bewegen. Normalerweise nehmen wir solche Schritte nicht als Schritte ins Unbekannte waR, da wir sonst ständig reizüberflutet wären, aber es gibt Krankheitsbilder, bei denen Menschen diese Filterung nicht haben, für die immer alles neu ist. Das mus schrecklich sein. Mir reicht es schon, wenn ich ab und an mit Bewußtsein vor solchen Situationen stehe.

liebe Grüße
arisia




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