Unlösbar · Jolante · ·


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      Jolante



Unlösbar

   30.01.2007, 22:01 / 1 x geändert



unter der nachtschwärze
trage ich meine last
verknotetes bündel
werfe es in den nebel
schwereloser träume
aus wolkigem schaum

wie überstehen
wenn die geister furchtsam
den tag verdämmern
den knoten unlösbar
in meiner brust versenken

woher den glauben nehmen
und die hoffnung
wohin die liebe tragen
wenn der himmel schweigt

 

      augustine



RE: Unlösbar

   31.01.2007, 01:20



Liebe Jolante - etwas Neues von Dir, Trauriges, aber Überwundenes - so weit überwunden, wenigstens, dass 'Du' schreiben konntest. Oder konntest 'Du' es auch, zum Dich-Halten, in der akuten Situation?
Ich lese von hinten und vorn zugleich: Glaube, Liebe, Hoffnung, die paulinische Dreiheit, schien nicht zu tragen in dieser Situation, in der das Ich mit einer - sprechen wir das Wort doch aus, wenn auch nicht ruhig - Krebsdiagnose konfrontiert wurde. Mich wundert dabei, dass Du die Hoffnung von woandersher "nehmen" wolltest wie auch den Glauben - aber der Himmel schwieg so steinern, dass Du Liebe von ihm nicht (mehr) erwartetest. Aber das Ich schreibt: die Liebe sei in ihm (nicht: IHM). ----Das verstehe ich nicht. Es ist wohl dieses erste Stadium nach einer schwer und eben zunächst gar nicht zu bewältigenden Diagnose: nein, doch nicht ich.
Gewollte Doppeldeutigkeiten sind mir aufgefallen: "unlösbar"/"last"/"verknotet"/auch "bündel"/ auch: die Geister SIND furchtsam, die Seele ist es, zugleich: die Geister "verdämmern" (transitiv) den Tag als furchtsamen - also wirklich wohl: die allererste Angst nach einer Diagnose (wovon rede ich; ich habe es nicht erlebt bisher); was für GeistER, also: warum hier ein Plural?
"nachtschwärze"=Melancholie, eher wohl=Angst; "schwerelos" gegen "last" [das fehlende i bei 'wie' wirst Du noch merken]- soll am liebsten versenkt bleiben da, wo er ist oder aber in einem Bündel mit allerlei anderem ins Diffuse geworfen werden und nicht mehr da sein
auffallend: die abnehmende Zahl der Verse - bis zum schweigenden Himmel ...
Ich bewundere ´Deinen Mut, dies Thema öffentlich zur Sprache zu bringen, und Deine Gestaltungskraft.
Liebe Grüße und: danke! augustine

 

      Klaus



RE: Unlösbar

   01.02.2007, 14:18 / 1 x geändert



Hallo Jolante,

dein Gedicht hat mich sehr berührt, es ist so tief,
dass ich immer wieder überlegt habe, wie darf
ich es sagen?

"Wohin die Liebe tragen"

Schweigender Himmel -
Er spricht durch deine Liebe
die du in dir trägst...

LG und Danke
Klaus

 

      Jolante²



RE: Unlösbar

   12.02.2007, 13:02



Seid gegrüßt, augustine und Klaus,

und ganz lieben Dank für eure Kommentare, welche die einzigen geblieben sind. Warum ? Da gibt es die Möglichkeit mangelnden Interesses, Nichtgefallens, aber vielleicht auch die Scheu vor dem von augustine unerschrocken benannten Thema Krebs. Ja, was soll ich sagen ? Diese Krankheit wird immer noch stark tabuisiert, das ist so und man braucht nicht weiter darüber zu reden.
Als ich dieses Gedicht schrieb -es war genau vor einem Jahr- lagen sechs Jahre zwischen dem Beginn der Krankheit und einer neuerlichen Untersuchung, nach der ich fast vier Wochen auf das Ergebnis warten musste, - eine lange Zeit. Zum Glück hat sich der zweite Verdacht nicht bestätigt. Und jetzt habe ich das Gedicht wieder hervorgekramt, weil ich mich seit längerer Zeit vor einer erneuten Untersuchung drücke. Die Spannung, die Unsicherheit, das Warten....., alles ist wieder da ! Das Gedicht entstand seinerzeit aus dieser Spannung. Die von dir, augustine, angesprochenen Geister (Plural) sind Angstvorstellungen, Unruhe, Zerrissenheit, Verwirrung, Befürchtungen. Sie wurden mit Pillen gedämpft ("wenn die geister furchtsam den Tag verdämmern"). Die Schlusszeile "Wohin die Liebe tragen, wenn der Himmel schweigt" bedeutet in der Tat, dass die Liebe zwar in mir ist, der "Himmel" (das Heile, Schöne, Gute) sie aber gar nicht will, d.h., er antwortet nicht, weil es ihn vermutlich gar nicht gibt, jedenfalls nicht in dem Sinne, wie mir das bei meiner religiösen Erziehung einmal vermittelt worden ist.
Dein Haiku oder Senryu (ich kann das immer noch nicht genau auseinander halten) hat mich erfreut, lieber Klaus !

Gruß Jolante




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