| |
|
Jolante
|
Mein Engel ist mir abhanden gekommen,
ich weiß nicht mehr, wann ich ihn verlor.
So gern hat er mich in den Arm genommen,
sein Flügelschlag rauschte an meinem Ohr.
Er hat mich gehoben ins Sternenreich
und mir die ängstlichen Hände gehalten.
Er hat mich gebettet ins Wolkenweich
und mich beschützt vor Traumgewalten.
Wann hab ich den Engel los gelassen ?
Oder war er es, der mich verließ ?
Frei schwebt er über den Wolkenmassen,
doch mir zeigt er nicht mehr sein Paradies.

|  |
Klaus
|
18.01.2007, 06:17 / 1 x geändert
|
|
Liebe Jolante,
danke für dein schön-trauriges Gedicht - es berührt
die Seele unmittelbar. Du bist ein Engel.
LG Klaus

|  |
ear
|
Dein Einstieg in das gelungene Abendlied mit der an Rueckert anklingenden ersten Zeile, ist gut . Du musst es, ohne Pause, niedergeschrieben haben, aus innerer Bedraengnis heraus. Ein so tiefes Nach-Empfinden aus der Kindheit ist eine seltene Gabe. Liebe Gruesse, ear.

|  |
augustine
|
18.01.2007, 14:47 / 1 x geändert
|
|
Liebe Jolante,
sicher: ein Anklang an an Rückerts Lied Ich bin der Welt abhanden gekommen. (Das hat nun wieder für mich eine besondere Bedeutung, in Mahlers Vertonung; aber nicht alles ist hier forumsöffentlich mitzuteilen). Mehr als ein Anklang ist es aber nicht, denn bei Rückert ist eine Person (als ganze) der Welt (als ganzer) "abhanden gekommen", für eine Weile, hier 'nur' der Kinder-Engel einem erwachsen werdenden Mädchen, das sich bisher von ihm beschützt gefunden, aber nun gemerkt hat: er tut gar nicht immer, was man möchte. Es war schön, als er noch 'da' war, und eine Trauer darüber, dass er es nicht mehr ist, ist Dir geblieben.
Die beiden ersten Strophen finde ich ohne jede Einschränkung schön, in diesem Volksliedton, der wirklich einfach da gewesen sein könnte (aber auch das einfach Scheinende ist manchmal sehr geschliffen worden zuvor). In der dritten Strophe hat mich zuerst das allzu Massive der "Wolkenmassen" gestört. Ich sehe aber auch, dass sie einen Gegensatz zum "Wolkenweich" der zweiten Strophe bilden. - Gut finde ich die Frage am Anfang dieser Strophe, wer nun wen losgelassen hat. Ich würde sie so beantworten: Du natürlich den 'Engel'. Du musstest den Kinderengel loslassen, um erwachsen zu werden und eigenverantwortlich. Und deshalb bist Du natürlich auch nicht selbst ein Engel -
findet jedenfalls augustine (die solche Art von 'Spiritualität' nicht recht ernst nehmen kann).

|  |
Littlefoot
|
Liebe Jolante,
ich spüre sehr, dass Du mit diesem Gedicht etwas aus dem Schatzkästlein der Kindheit rausgeholt hast. Diese Sehnsucht nach einem "Schutzengel" hat man sicher in Lebenskrisen, doch Engel können das Leben nicht meistern. Aber die Erinnerung an das Gefühl, als wir noch Engel zu spüren glaubten, hilft bestimmt, schwere Zeiten zu überstehen. Dieser kindliche Glaube kommt in Deinem Gedicht sehr gut zum Ausdruck.
Liebe Grüße
Littlefoot

|  |
arisia (Gast)
|
hi, jolante,
mich berührt der text gerade sehr, da ich im moment erlebe, wie die engel den ältesten enkeln
“abhanden kommen”, ein schwieriger prozess.
der text ist in vierhebige zeilen gegliedert, wobei der versfuß aber nicht rein jambisch ist, was dem
text hier sehr zu gute kommt. beim vierhebigen jambus ist oft die gefahr, das er ins leierige abrutsch,
was hier durch die eingestreuten daktylen vermieden wird.
es schmerzt immer, vertrautes loszulassen, aber es ist nicht notwendigerweise tödlich, läßt uns eher
stärke gewinnen uns wachsen. so hat auch die trauer im leben ihre berechtigung.
sehr interessant finde ich in der letzten zeile, daß der engel nicht mehr “SEIN paradies” zeigt, daß
macht klar, daß dem LI bewußt ist, das es andere paradiese gibt, und daß es sie kennengelernt hat.
insgesamt ein text, der anzeigt, daß das LI das geschehen gut reflektiert hat, und mit dem ergebnis
zu leben gelernt hat.
liebe grüße
arisia

|  |
Jolante²
|
An Klaus, ear, augustine, littlefoot, arisia:
Ich danke euch herzlich für die einfühlsamen Kommentare zu meinem Engel-Gedicht. An Schutzengel habe ich als erwachsene Frau erst wieder gedacht, als es mir vor wenigen Jahren gesundheitlich sehr schlecht ging. Es gab da Momente, in denen ich glaubte, einen Schutzgeist zu haben, aber natürlich waren es Menschen, die im richtigen Augenblick an und auf meiner Seite waren. Insofern hast du recht, Littlefoot, wenn du schreibst: "Die Erinnerung an das Gefühl, als wir noch Engel zu spüren glaubten, hilft bestimmt, schwere Zeiten zu überstehen".
Das Gedicht habe ich nicht in einem Zug heruntergeschrieben. Ich habe mir Zeit dafür genommen, mich in das Kind in mir zurück zu versetzen, und so war auch der einfache "Lied-Ton" beabsichtigt, um die Kinderwelt von der Erwachsenenwelt zu trennen. Die Beschäftigung mit "Schutzengeln" hat mir eine paradoxe Erkenntnis gebracht: Ich glaube nicht an sie, aber ich bin froh, dass es sie gibt !
Liebe Grüße
Jolante

|  |
rollerball
|
Ein sehr berührendes Gedicht! Auch wenn man sich nicht mehr wirklich mit der christlichen Glaubenslehre identifiziert und sein Heil eher in fernöstlichen Philosophien sucht wie ich, hat der Gedanke an Engel etwas Tröstliches. Vor allem ist der Text aber handwerklich bemerkenswert gut gelungen, so gut gereimte und rhythmisch einwandfreie Gedichte findet man heutzutage leider nur noch viel zu selten!

|  |
|
|