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      Lucy



neues jahr

   15.01.2007, 08:56



das vierte nicht das siebte
alles nicht nur eins
massen im zu engen raum
lassen Zeit unendlich werden

goldenes land
verraten und verbrannt

sicher ist das kalte herz
besitz gleicht einer illusion
geld der balsam eitler mieter
held der tristen zweisamkeit

goldenes land

durchatmen im freien fall
wann erreiche ich die grenze
ist die droge nun mein herr
war ich irgendwann mal mehr

goldenes

verlogenes stück scheinheiliger bastard
fickst dich verloren durch die welt
die spritze im anschlag ein kurzes beben
oh herr welch dank für dieses leben

 

      augustine



RE: neues jahr

   16.01.2007, 12:59



Hallo, lucy,
mir scheint, Du hast etwas von den behutsamen Hinweisen von zuppa zu Deinem ersten Gedicht aufgenommen. Dies hier hat eine deutlichere Gestaltung, vergleichen damit: die abgesetzten Zeilen über das "goldene Land", über das immer weniger gesagt werden kann, weil es kaum noch mit der Erinnerung erfasst werden kann; das goldene Land der Deiner Vergangenheit, in dem es (so lese ich heute) noch keine Freier und keine Drogen gab. 'Golden', das ist ja ein altes mythisches Bild für das Vergangene des Anfangs (das Goldene Zeitalter; ähnlich "tausend" heißt: unzählbar viel). Vielleicht kennst du in der Hebräischen Bibel: die Vorstellung vom Paradies. Das hat's nie gegeben. Es ist nur ein Ausdruck für rückwärts gewandte Wünsche nach Vollkommenheit und Sorgenlosigkeit. In einem persönlichen Leben mag die Kindheit so erscheinen, und mit mehr Recht (vielleicht; nicht jede Kindheit war schön; man denkt sie sich vielleicht schön, weil doch irgendwas schön gewesen sein soll).
Ein Text, der eine sehr andere Art von Neujahrswunsch darstellt, als wir sie hier getauscht haben. Vielmehr gar keinen Wunsch: einen Fluch, einen Fluch im Gewand des 'Danks'. Du merkst: ich lese von hinten, denn von daher hat sich mir der Text erschlossen.
Wir sprechen vom lyrischen Ich. Mir scheint eher, hier spricht ein Autor-Ich. (Aber dazu könntest Du in einer Rückmeldung etwas sagen, wenn Du magst.) Das Ich hat einen Dealer/Zuhälter, der es mit der Spritze im Anschlag gefügig und drogenabhängig hält ("ein kurzes Leben"). Diese Strophe finde ich stark - zumindest mit Sprache wehrst 'Du' Dich.
Nun vom Anfang her:
1) Da Du keine Zeichen benutzt, kann man lesen "das vierte | nicht das siebte [jahr, neue Jahr]" oder: "das vierte nicht | das siebte [schon]"; jedenfalls länger als nur ein Jahr ist das 'Ich' im Griff der Drogen, bewegt es sich in Discos mit anderen derartig in Massen, es ist immer dasselbe, dass darüber das Zeitgefühl verloren ging; wenn dieser Gedanke so richtig verstanden ist: vielleicht kannst Du für "unendlich werden" noch einen anderen Ausdruck suchen
2) "sicher" ist nur die Empfindung, dass das "Herz" "kalt" geworden ist - meinst 'Du'; das stimmt aber nicht; denn es kann zwar offenbar zur Zeit keine Liebe empfinden, aber noch Wut und Hass (4.Strophe); sieh das als ein Stück Leben an, kein angenehmes, aber eins, in dem noch Kraft sich regt, die also das 'Ich' besitzt (sonst könnte es auch keine Gedichte schreiben!); aus dieser Strophe lese ich: Hure; sie besitzt nichts, weil alles der Zuhälter kassiert (mit vorgehaltener Spritze), und der "mieter"/Freier erkauft sich mit Geld eine "triste Zweisamkeit" (im Niederländischen, weiß ich zufällig, heißt 'Hure': 'Mietmädchen')
3) noch ist die Droge 'dein' Herr, das sagt das Gedicht klar; irgendwann warst 'Du' "mal mehr", wie auch immer das ausgesehen hat, gelebt werden konnte; den "freien Fall" lese ich als den Versuch, auszusteigen, und der mag sich so anfühlen

Sprachlich finde ich die drei Zwischentexte und die letzte Strophe am besten; aber auch in den anderen, an denen Du noch arbeiten müsstest, könntest, steckt jedenfalls eindeutig der Versuch, eine Situation verdichtet mitzuteilen, in der die Zeit "unendlich" geworden zu sein scheint

Lucy - wenn es Dein Leben ist, das Du hier darstellst - wirst Du auch wissen, woher Hilfe zu holen ist. Von hier nur allenfalls in der Form eines "Begleitfadens".
Aber schön wäre es, wenn Du Rückmeldung geben würdest - und auch ein neues Gedicht einstellen.
Sei gegrüßt von augustine

 

      Lucy²



RE: neues jahr

   18.01.2007, 20:35



Nein, ich bin das nicht, DAS bin ich nicht. Man mag es mir übel nehmen, die Worte so gewählt zu haben, dass dieses Bild erscheint, doch letzten Endes ist es nur eine Darstellung von Gefühlen, welche bekanntlich sehr subjektiv sind. Was bei einer Person ein müdes Wimpernzucken hervorruft, ist für die nächste der Weltuntergang. Ich bin keine „Hure“, ich fühle mich bloß so. Zur Erklärung:

Es ist das vierte Jahr, nicht das angeblich verflixte siebte
Es betrifft mein ganzes Leben, nicht nur einen Teil
Für manche ist es wenig, ein eigentlich kleiner Raum, für mich sind es Massen,
welche mein momentanes Gefühl unendlich erscheinen lassen.

Sicherer wäre ich ohne all diese Gefühle, mit einem kalten Herz.
Wahren Besitz gibt es nicht, nicht von Liebe, Freundschaft, Arbeitsplatz.
Geld wirkt als giftiger Balsam, welcher Eitelkeiten befriedigen kann, schicke Wohnungen finanzieren und dennoch ist er ein falscher Held. Wir erhalten lediglich eine triste, vorgetäuschte Wärme.

Ja, ich bin dabei zu fallen, alles zu verlieren.
Wann hört das wieder auf?
Starke Schmerzmittel betäuben die Sinne
Ich war mal mehr, ich nutze eben genannte nur allzu gerne

Ich fühle mich verlogen, da ich etwas mitspiele, was nicht meins ist, es ist eine scheinheilige Darstellung.
Ja, ich gebe meinen Körper her, doch ohne Gefühl, er ist eine Hülle. Es gibt kein Geld, nur ein dankbares Lächeln, eine schlecht schmeckende Liebesbekundung, die Übelkeit in mir hervorruft.
Mir ist bewusst, dass mein Konsum unangebrachter Medikamente grenzwertig ist, wenn gleich in MEINER Hand.

Ich lebe tatsächlich gerne, doch im Moment, in diesem viertem Jahr nach einem großen Neuanfang, kommt es mir verdammt ironisch vor.

Das goldene Land ist so, wie Du sagtest.

Keine Angst augustine, ich erwarte keine Hilfe, dann würde ich wohl ein anderes Forum aufsuchen. Es ist lediglich recht interessant, zu sehen, wie andere mich verstehen, wenn ich versuche, Gefühle darzustellen. Insofern könnte es höchstens als eine Form der Kommunikationshilfe betrachtet werden, die mir die Unterschiede zwischen Sender und Empfänger nur allzu verdeutlicht. Und selbst dazu ist hier schließlich niemand verpflichtet, der Leser ist frei von Verantwortung. Danke trotzdem für den nett gemeinten Hinweis.




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