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      Gerd



Lebwohl

   06.01.2006, 21:34



kühl
die Welt
in Dunkelheit
beginnt zu schweigen

einsam mein Herz
den Sternen lauscht

in Melodie von Ewigkeit
der zarte Lichterreigen
als Wind durch meine Seele rauscht

 

      augustine



RE: Lebwohl

   07.01.2006, 01:16 / 1 x geändert



Hallo, Gerd, nun hier. Schön. Also WILLKOMMEN:
Jetzt hatte ich in Deinem kurzen Text so viel herumgemalt, wie es so meine Art ist, wenn ich was verstehen möchte, dass ich es am besten gleich noch schreibe; werkstattmäßig, mehr nicht.

"kühl/die Welt" - "einsam mein Herz" wäre ein Parallelismus, wenn Du nicht eine andere Zeilenabtrennung gewählt hättest; soll also gerade keiner sein; Deutungsversuch: die "Welt" erscheint dem Ich, das nur in "mein", "meine" durchschimmert, also noch unzugänglicher als 'dein' Herz, mit dem Du ja nolens volens eng beisammen bist; oder: es ist einsam, weil die Welt kühl ist (ich lass' ab jetzt die " " weg); sie beginnt zu schweigen; woher weißt 'Du', dass sie nicht immer geschwiegen hat?
"die Welt": doppelt zu beziehen nach vorn und hinten? was würde semantisch "dunkel" von "in Dunkelheit" unterscheiden?
das einsame Herz findet aber doch etwas zu erlauschen, also nicht alles schweigt, die Sterne schweigen nicht (was meinst Du? es gibt so was, astronomisch, glaube ich; meinst Du das, und was ist es?)
die Dunkelheit der Welt vs Melodie der Sterne, ihres zarten Lichterreigens (schön!); schön auch die Synästhesie Licht/Melodie/Wind;
rauschen und Wind sind aber vielleicht zu kräftige Worte für einen zarten Lichterreigen
was unterscheidet Herz und Seele?
was ist Welt, wenn die Sterne offenbar nicht zu ihr gehören?
und wozu brauchst Du das: "Ewigkeit"?

Antworten wirst Du sicherlich - ich freu' mich drauf. Entblättern musst Du Dich nicht.
Sei gegrüßt! a. (oder auch J.; manchmal wär ich's gerne)

 

      Gerd²



RE: Lebwohl

   07.01.2006, 10:47



Hallo augustine,

in dem sich die Welt (Außen/Geschäftigkeit des Alltags) für das Ich leert oder bewusst geleert wird, beginnt sie dunkel, kühl und still zu werden (vergleichbar mit Nacht).
Die stärkste Sinneswahrnehmung ist visuell, darum im Bezug zu den Wahrnehmungen der anderen Sinne Dunkelheit (hier schwingt auch noch etwas Bedrohlichkeit mit) und nicht dunkel.
Durch die äußerliche Leere tritt die persönliche Einsamkeit stärker ins Bewusstsein. Veränderung im Bewusstsein bildet die Basis für neue Wahrnehmung.
Die Sterne sind (überirdisch – nicht Welt) das ewige Licht im Dunkel das Orientierung bietet, jenseits des künstlichen Streulichts (welches die Sterne schwerer erkennen lässt).
Der Unterschied zwischen Herz und Seele ist der Bewusstseinszustand (Seele = höheres Bewusstsein).
Eine zarte Berührung des Ewigen (zarte Lichterreigen) führt zu Erkenntnis (innere Harmonie – Melodie – immer gültig – ewig), entwickelt Dynamik (Kraft - Wind), die bis in den hintersten Winkel des Selbst dringt und dabei an Größe und Energie gewinnt (rauschen).
Oder sieh einfach nach einem langen Arbeitstag im Winter zu später Stunde aus dem Fenster eines verlassenen Bürogebäudes in den Himmel, vielleicht kannst Du es fühlen.

Vielen lieben Dank für Dein Willkommen. Für mich wird immer ein Teil von Dir unauslöschlich J. bleiben.
Herzliche Grüße
Gerd

 

      Marcel Frank



Was ist ein Gedicht ...

   12.01.2006, 13:00



"Herz", "Welt", "Ewigkeit", "Seele", auf 9 Zeilen. Knirsch(t). | Das Gedicht kommt nicht ohne Erläuterung aus (s.o.). Aus der Erläuterung folgt das Gedicht. Wie immer also:

"einsam mein Herz / den Sternen lauscht", da kommt "seraphische Stimmung" auf. Wenn die Welt so "kühl" ist, brauchen wir da nicht was Handfestes (um es entgegenzuhauen, wenn nicht "Flucht") ? Da, wo die Sterne: Physikalisch noch kälter (Das lyrische Ich "wendet" [Blick] sich an sie). Das war nicht gemeint. Also Innerlichkeit ? Als: "Wenn sich die Welt ins freie Leben, und in die Welt wird zurückbegeben" ? Lo mejor. Aber hier ist sie "so kurz angebunden". Anders gesagt: Das Gedicht (hier) benennt (zu "augustinisch" [hist.]) thesenhaft, ja, global "das Problem" ("kühl / die Welt"). Der Mutterknoten "eines" porphyrischen Baumes ? Um es dann aufzuwärmen am Vollgefühl. Da sieht man: Schwärmen ist unverbindlich (allg.).

Vgl. Ernst Moritz Arndt (Abendlied). Gerade gesucht via Freiburger Anthologie. So sieht es aus.

 

      Elise



RE: Was ist ein Gedicht ...

   12.01.2006, 18:06



..... mir schwant, daß einiges von dem, was Marcel schreibt, auch bei Elisens nachtlied stehen könnte ....
liebe Grüße, Elis.

 

      Gerd²



RE: Lebwohl

   13.01.2006, 01:53



Hallo Elise, danke für Deine Antwort, bin so auf Deinen Beitrag noch mal aufmerksam geworden. Dein Erleben und die Form dies auszudrücken war mir hier recht vertraut.
Die Kritik an Deinem Gedicht, mit den Bezügen zu dem meinem haben mir geholfen, die Kritik von Marcel an beiden Gedichten besser zu verstehen.
Darüber hinaus kann ich aber nicht nur Deine "nacht", sondern auch Deine Antwort an Marcel recht gut nachvollziehen. Ich bekenne ebenfalls mich an einem allgemein-menschlichen Gefühl schuldig gemacht zu haben;-)

Hallo Marcel, ja, es ging mir um Gefühl, aber nicht im einfachen Sinne um ein Gefühl schwärmerischer Art. Im japanischen gibt es den Ausdruck Zanshin, was schwer zu übersetzen ist, da dies in unserer westlichen Kultur so nicht existiert. Am ehesten kann man es mit Kampfgeist bezeichnen, der sich umfassender als Lebenseinstellung darstellt. Das beschriebene Erleben führt dazu, den Rücken wieder zu straffen, der Blick wird klarer und das hier und jetzt wir wahr- und angenommen.
Ich habe an anderer Stelle bisher wenig bis kein Feedback erhalten, umso mehr freue ich mich hier über die fundierte und konstruktive Kritik.

Herzliche Grüße
Gerd




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