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augustine
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13.01.2007, 15:45 / 3 x geändert
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Seit tausend tausend Jahren Saat und Ernten
Und deshalb sie getaktet: Tage, Stunden,
Genau geschlagen. Dauernd, unerfunden,
So war die Zeit seit Anfang, dem entfernten
Beginn von allem …. – aber nein, seit je,
War immer, ohne Anbeginn, geht still
In ihrem Maß und gar nicht, wie man will.
Sie hört nicht auf. Sie IST. Und bleibt: Idee.
Was Maß ist, zerrt uns oft, ist bleiern schwer,
Wie Felsen Atem nehmend, drückend, leer.
Und Freude: wenig. Was wir sind: ihr Spiel.
Die Zeit ist ewig, unser Ausschnitt Leben wie
Ein Nu. Gemessen; dennoch reißt und rast sie.
Halt aus. Es ist so. Glaub' nicht an ein Ziel.

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arisia (Gast)
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15.01.2007, 11:53 / 2 x geändert
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hi, augustine,
nicht so einfach zu lesen, dieses Sonett.
Allgemein dreht es sich um die Zeit und ihre Spielarten, als Zeit an sich, und Zeit von Menschen gestaltet. Ein spannendes Thema.
Die erste Strophe soll von dem Begriff von Zeit handeln, den Menschen sich davon machen, das lese ich aus den Zeilen
“Und deshalb sie getaktet: Tage, Stunden.
Genau geschlagen, dauernd, unerfunden,”
jetzt tun sich für mich aber einige Verständnis-Probleme auf, [bitte, augustine, das ist jetzt kein persönlicher Angriff, sondern Kritik am Text] angefangen mit Z1
“ Seit tausend tausend Jahren Saat und Ernten”
“tausend tausend” Jahre wäre eine Million Jahre, das hast du sicher so nicht gemeint, denn solange gibt es nach heutigem Stand des Wissens noch keine Landwirtschaft.[in Z1 ist von Saat und Ernten die Rede]
das Wort “abertausend” würde deiner Absicht, meiner Meinung, nach eher gerecht, würde sich auch in den Versfuß einfassen.
Z4 von S1 erscheint in diesem von dir gestellten Zusammenhang in der Fortführung der Strophe mir nicht logisch, denn die Zeit wurde ja erst mit Auftauchen des Menschen wahrgenommen und gestaltet, der Text bezieht sich aber in Z4 auf die Zeilen vorher, in denen Mensch schon in die Gestaltung von Zeit eingegriffen hatte.
In der zweiten Strophe wird ausgeführt, daß Zeit schon immer da war, daß sie in ihrem Maß geht, {aber ist das nicht auch schon eine menschliche Interpretation}, letztendlich nur eine “Idee” ist.
Im ersten Terzett erlebt das LI die gemessene Zeit als zerrend und bleiern , vielleicht weil zu wenig Zeit da ist, um das zu tun, was das LI sich wünscht, oder, eine andere Lesart, subjektiv für das LI ist der Ablauf der Zeit quälend langsam, drückend vor Leere, in sich ein Paradoxum, bringt aber gut zum Ausdruck, was das LI sagen will.
Wenig Freude brachte diese quälende Zeit dem LI, es empfindet sich als Spielball der Zeit, wobei der Zeit hier eine aktive Rolle zugewiesen wird.
Im zweiten Terzett wird nochmal zusammengefaßt, daß Zeit einerseits ewig ist, den Ausschnitt, den Mensch lebt, aber als kurzer Augenblick empfunden wird, das LI sie sogar als reißend und rasend empfindet.
Dann endet der Text mit einer Appelation, da sehe ich, mit Verlaub gesagt den erhobenen Zeigefinger. Appelation ist meinem Gefühl nach nur in polemischen Texten angesagt,
Gebrauchsliteratur, politische Texte. Es wäre für mich stimmiger, wenn das LI zum Ausdruck brächte, daß es selbst nicht an ein Ziel glaubt, oder diesen Sachverhalt eher als Frage formulieren würde. Mir ist auch nicht klar, wozu jemand irgendetwas aushalten sollte, wenn doch kein Ziel da ist, und was wiederum hat die Zeit in diesem Zusammenhang überhaupt mit einem Ziel zu tun?
Insgesamt ist mir der Text für ein Sonett ein wenig zu ungeschmeidig.
liebe Grüße
arisia

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augustine²
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17.01.2007, 16:10 / 1 x geändert
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Liebe arisia, zwar fürchte ich, Du wirst das Folgende wiederum unwirsch aufnehmen wie schon Einiges - dennoch möchte ich den Kommentar kommentieren. -
In der ersten Strophe habe ich mit Satzzeichen eine Aussage, wie ich glaube, klarer gemacht. Danke für diesen Hinweis.
Dann:
"tausend tausend" heißt natürlich nicht 1000x1000 im etwas größeren Einmaltausend, sondern (wie Du es doch aus Mythologien eigentlich kennst, denke ich): 'seit unzählbar langer Zeit'; Landwirtschaft gibt's vermutlich doch viel länger, als die Wissenschaft bisher annahm - siehe die neuen Ausgrabungen im, ja, Zweistromland, tatsächlich ZWISCHEN den Flüssen Euphrat und Tigris; davon werden wir ja künftig immer mehr hören; was ich darüber las, war EINER der, sagen wir: Quellflüsse für das Sonett
ja, die Frage, ob es Zeit gibt unabhängig von sie taktenden Menschen oder sonstiger solchen Taktens bedürftiger Wesen in anderen Planetensystemen / ob sie geschaffen wurde oder nicht / eine (menschliche) Idee ist oder nicht: das versucht die zweite Strophe zu benennen // ich hänge eher der Vorstellung an, dass es sie immer gab; das kann man sich ebenwowenig 'vorstellen' wie eine Schöpfung, vor der es 'nichts' gab (aber doch den Schöpfer!); das Seiende verändert sich in der Zeit, das zeigt ja allein schon die Erdgeschichte
dass die Zeit Sprünge macht, hat, soweit ich lese, noch niemand behauptet, vielmehr funktionieren Saat und Ernten ja, von Katastrophen abgesehen, mit der Unterstellung einer gleichlaufenden Zeit "seit tausend tausend Jahren"
dennoch ERLEBEN wir Menschen sie anders ('bleinern' und 'reißend' sind Hölderlin-Zitate; 'bleiern' hat sogar bei Margaretha von Trotta einen Filmtitel abgegeben)
"unser Ausschnitt Leben" - erlebst Du das denn nicht auch so - gerade noch Schülerin, nun schon Großmutter?
"gemessen" wird, ja, in der letzten Strophe gegen 'reißend' und 'rasend' gestellt - der objektive Ablauf gegen das Empfundene des Ablaufs ("das Gefühlte", wie es neuerdings heißt, gar nicht schlecht; solch ein Wort fehlte)
ob ich nun in einem Sonett einen Appell unterbringen darf oder nicht - würdest Du mir da bitte die Freiheit lassen, die Du so oft und gern für Dich in Anspruch nimmst?
schließlich: das "Ziel" selbst : verzeih oder nicht, aber das hast Du nun gar nicht verstanden; denn ein Ziel - in diesem Kontext - weist auf eine eschatologische Geschichtsvorstellung hin; in den drei wahrheitsbehauptenden Religionen gibt es die Vorstellung eines Weltenendes und damit Endes der Geschichte so wie es einen Anfang gegeben haben soll (als Vorstellung großartig: durch gesprochenes Wort); einen Anfang setzen vermutlich alle religiösen Vorstellungen, nicht alle auch ein Ende (die germanische hat die "Götterdämmerung", danach aber eine neue Welt; die Griechen dachten zwar einen Anfang, aber dann nur den Zyklus der Jahreszeiten) usw.; der Appell, nicht an ein Ziel (ein Jüngstes Gericht z.B.) zu glauben, meint: halt aus, dass sich HIER abspielt, was unser Leben ist (mit dem Tod als seinem Preis), flüchte dich nicht in Vorstellungen, die historisch nachweisbar ENTSTANDEN sind; die jenseitige ausgleichende Gerechtigkeit ist eine Chimäre; auszuhalten ist also: DASS es kein "Ziel" gibt (im erklärten Verständnis)
Noch ein anderer Ursprung dieses Gedichts war übrigens vor einigen Jahren eine Beobachtung im Museum für Vor- und Frühgeschichte im Neandertal bei Düsseldorf: vor uns ging eine Gruppe fundamentalistisch christlicher Amerikaner; die legten auf jeden Schaukasten, dem natürlich die Evolutionslehre zugrunde gelegt war, Gegen-Gedanken: Zettel mit Bibelzitaten; ein paar davon habe ich mir erlaubt mitzunehmen
Mit Grüßen augustine

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arisia (Gast)
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19.01.2007, 13:55 / 1 x geändert
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hi, augustine,
warum um alles in der welt sollte ich unwirsch sein, fragezeichen
es ist ein diskussion um das thema zeit, und um die gestaltung dieses themas.
tausend tausend jahre ist mir in der mythologie als begriff nicht bekannt, tausende von jahren, oder abertausend jahre schon. ich assoziere tausend tausen jahre nun mal mit einer million jahren.
natürlich ist zeit, wie wir als menschen sie empfinden immer subjektiv.
wir haben uns zeit als einen fluß vorgestellt, auf dem man stromaufwärtzs und stromabwärtzs rudern und zum ausgangspunkt zurückkehren kann. dann fanden wir heraus, dass sie mehr wie ein see ist, auf dem man sich auch von einer seite zur anderen bewegen kann. dann erwies sie sich mehr wie eine kugel aus wasser, die auch bewegungen nach oben und unten zuläßt. derzeit stellen wir uns die zeit als etwas vor, in dem viele räume zusammengerollt sind.
wegen all dieser überlegungen, hätte ich mir das thema in einem modernern kleid gewünscht, evtl. eher frei rhythmen, anstelle eines sonetts.
das einen der anblick von zettel hinterlegenden amerikanischen fundamentalisten allerdings angregen kann etwas zum thema zu schreiben, kann ich gut nachvollziehen, sie [die fundamentalisten] sind salopp gesagt eine seuche.
was mir allerdings nicht ganz einsichtig ist, daß du als agnostikerin so apodiktisch schreibst.
agnostiker stellen sich für mich dar, als menschen, die es zufrieden sind bestimmte dinge zu wissen, und andere dinge nicht zu wissen, so definiere ich mich jedenfalls als agnostikern. die verneinung aller eschatolgischen ziele rechne ich eher den nihililsten zu, wobei der nihilismus für mich nur die kehrseite der medaille der wahrheitsbehauptenden religionen ist. von daher sehe ich im agnostiker eher jemanden, der nicht weiß, ob es ein sog. “jüngstes gericht” gibt [folglich braucht er auch nicht zu glauben und zu missionieren], und zufrieden damit ist, die frage offen zu lassen.
liebe grüße
arisia

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Jolante
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Liebe augustine,
es ist gut, dass du in deinem Kommentar zu Bollos gelungenem Gedicht einen Link zu deinem eigenen Sonett "Zeit" gesetzt hast, denn es hat es nicht verdient, nur mit arisias Kommentar versehen in den Schluchten des Forums unterzugehen. Keine Ahnung, warum mir dieses ebenso ansprechende wie anspruchsvolle Gedicht seinerzeit entgangen ist. Nichts von dem, was arisia dazu geschrieben hat, kann ich nachvollziehen. Deine eigenen Gedanken dazu haben mich durch den Tag begleitet, für den ich mir heute so viel Zeit nahm, wie ich brauchte.
Liebe Grüße
Jolante

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