Januarblues · augustine · ·


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      augustine



Januarblues

   08.01.2007, 18:45 / 2 x geändert



Sachte sickert ein wenig Helligkeit
durch den Nebel des späten Morgens,
heftet sich an Regenfäden, wird mit zur Erde gezogen.
Von gegenüber scheinen noch gelbe Herbstblumen
durch Nebel und Regen.
Der Tag bleibt Dämmerung.
Erst wenn die Dunkelheit sie freundlich aufgenommen hat,
drinnen die roten Kerzen sanft brennen,
kann sich die Melancholie in ihr Licht flüchten.

 

      ferdi



RE: Januarblues

   08.01.2007, 23:00



Sehr stimmig :)

Zwei Anmerkungen: Es mag eine persönliche Aversion sein, aber ich habe eine gesunde Abneigung gegen das Füllwort "sanft" entwickelt - selbst an den Stellen, wo es passt ;) Aber brennen Kerzen wirklich sanft? Für mich läge "still" o.ä. näher...

Und auch das mag meine eigene Dummheit sein, aber in der letzten Zeile musste ich wirklich ein wenig sortieren, bevor ich das "ihr" auf die Kerzen bezogen hatte - und nicht auf die Melancholie....

 
        arisia
        (Gast)

RE: Januarblues

   09.01.2007, 10:04



hi, augustine,

ich finde deinen Text "Januarblues" wunderschön gelungen.
Die Melancholie des Augenblicks, diese weiche, leicht verwaschene Stimmung ist durch deine
Wortwahl sehr gut getroffen. Besonders beeindruckt hat mich die Zeile:

"heftet sich an Regenfäden und wird mit zur Erde gezogen."

Das ist sinnlich nachvollziehbar, kann ich von meinem Fenster aus auch gerade beobachten. :)

Mit ferdi stimme ich darin überein, daß "sanft" evtl. ersetzt, oder meinen Gefühl nach ganz
weggelassen werden sollte. Du hast mit "roten" schon ein Adjektiv vor "Kerzen"; das Wort "sanft",
meiner Meinung nach jedes Adverb vor "brennen", stört für mich den Fluss in dem der Text läuft.

liebe Grüße
arisia

 

      Jolante



RE: Januarblues

   09.01.2007, 12:51



Hallo augustine,

dein Gedicht hat meine im Moment etwas wunde Seele besänftigt. Ich plädiere deshalb ausdrücklich dafür, das Wörtchen "sanft" nicht durch "still" zu ersetzen oder gar ganz wegzunehmen. Sanft ist kein Füllwort, es beinhaltet für mich Begriffe wie "still, zart, wohltuend, gewaltlos, beruhigend, weich", um nur einige Beispiele zu nennen. Ich finde, bei diesem Gedicht ist jedes Wort am richtigen Platz. Wenn schon etwas wegnehmen, dann würde ich radikal kürzen. Ich habs versucht, aber es gefiel mir nicht besser.

LG Jolante

 

      Gretchen



RE: Januarblues

   09.01.2007, 13:20



Oh-Oh,
so verschiedene Anschauungen! Also von mir auch noch was, augustine.

Mit der letzten Zeile hatt ich ähnliche Probleme wie Ferdi (worauf denn dat 'ihr' beziehen?).
Dann könnt ich mir vielleicht vorstellen: eine Zäsur nach 'Der Tag bleibt Dämmerung', also zwei Pakete. Allerdings isset dann wieder mit dem Bezug der Dämmerung nen Problem, möglicherweise ...
Ja, das Stille, Sanfte, Sachte, wie es so sickert, das iss gut gemacht, oja, gute Sprache - aber mir scheint es fast schon zu geglättet. Iss 'Geschmackssache', dat ewige Problem von gefallen-nicht gefallen.
Der Titel kommt mir beinahe zu 'laut' daher (Blues, das ist ursprünglich 'Blechmusik', schräg, schepperig, schrillig, auch wenn sie leise ist: Musik voller Power), passt für mich nicht ganz, da würd ich vielleicht nur 'Januar' nehmen - ach, ich weiß auch nicht.
Hmm --- mehr fällt mir nicht ein. Ich glaub, ich bin schlichtweg zu wenig melancholisch heute ...

Viele Gretchengrüße.

 

      zuppanova



RE: Januarblues

   09.01.2007, 16:29



liebe augustine und alle!
mal ein zuppa-schneller versuch, zu beschreiben, was ich lese:

zunächst: es verwundert mich, dass der text unter 'Natur' steht, denn das, was an natur darinnen ist, sehe ich lediglich als anlass, aufhänger, vorwand für etwas ganz anderes, worum es doch eigentlich geht: die Melancholie nämlich (oder, im titel: blues ...) ---> eine befindlichkeit also, ein zustand, eine reflektierte innenerfahrung. deshalb: könnte gut auch unter 'Psyche' stehen.

harter kern des textes, rückgrat, essenz, wenn man so will, ist dieser satz (zeile 6):
'Der Tag bleibt Dämmerung."
'harter' kern sage ich ganz bewusst: einmal, weil die formulierung hart ist in dem sinne, dass sie taugt, gut ist, auf den punkt bringt, hält (finde ich) --- ausserdem aber auch, weil diese feststellung eine harte, bittere erkenntnis ist, ein eingeständnis eines nicht eben wünschenswerten zustandes, aber (und das gefällt mir) ohne lamento: "der tag bleibt dämmerung. so ist es. punkt."
alles, was vor der 6.zeile steht, ist hinführung, einleitung, erweiterung zu diesem einen satz, und dafür werden, wohl wahr, naturbilder verwendet: regen, nebel, die gelb scheinenden herbstblumen eines vergangenen jahres (da kommt schon die reflexion, die erinnerung herein; das weist bereits über die blosse naturimpression hinaus).

dass Gretchen an eine zäsur denkt nach der 6.zeile, finde ich sehr einleuchtend, denn die zeilen 7,8,9 haben mit natur überhaupt nichts mehr zu tun (ich würde dennoch keine zäsur setzen, fände ich störend; die zäsur ist ja vom aufbau her da, muss nicht äusserlich markiert werden). zeile 7,8,9 beschreiben den ausweg, die fluchtmöglichkeit, den trost, den ein melancholisches 'Ich' finden kann, wenn 'der tag dämmerung bleibt' --- die melancholie rettet sich in wärme (rotes kerzenlicht), in geborgenheit (drinnen), sie will freundlich aufgenommen werden, einen zufluchtsort finden - was auch immer das bedeuten mag ...

so, schnell wie immer heruntergeschrieben - hab hoffentlich verständlich machen können, was ich sagen wollt. sprachlich: siehe arisia, Jolante, Gretchen: s-a und wortwahl.
ändern würd ich an deiner stelle, augustine, erst mal gar nix. ist doch gut so, wie es ist. passt ---
findet zuppa, mit lg presto-litt ...

 

      windflug



RE: Januarblues

   09.01.2007, 16:41 / 1 x geändert



Hallo augustine,

auch mich spricht dein Januarblues (schöner Titel, finde ich) sehr an. Es entsteht eine wunderbar bluesige Stimmung aus diesem so fein beobachteten Zusammenspiel von Nebel, Regen und gerade noch wahrnehmbarer Helligkeit. Besonders die ersten Zeilen bis "Der Tag bleibt Dämmerung" sind sehr stimmig. Danach würde ich unbedingt auch eine Zäsur setzen, weil es ja auch ein bisschen dauert, bis dann der Abend kommt. Die letzten drei Zeilen gefallen mir von der Idee her ebenfalls, aber irgendwie ändert sich hier der Tonfall und es klingt für mich noch nicht ganz rund. Einen konkreten Vorschlag habe ich aber nicht, was du hier verändern könntest. Trotz dieser Mäkeleien aber ein Gedicht, das ich mir in diesen trüben Tagen gern öfter anschauen mag.

Liebe Grüße
windflug

PS: Mein Kommentar hat sich mit zuppas viel tiefgreifenderem überschnitten - ich lass ihn trotzdem mal so, wie er ist.

 

      Jolante



RE: Januarblues

   09.01.2007, 20:37



Hallo, augustine,

nun mache ich etwas, was man eigentlich garnicht darf. Ich vergreife mich an deinem Gedicht und stelle eine neue Version ein: meine Version. Es ist nur ein Spiel, sei mir bitte nicht böse. Ich will nur zeigen, dass es reizvoll ist, sich mit deinem Gedicht zu beschäftigen. - Deines gefällt mir trotzdem viel besser.

Januarblues

Sachte sickert Helligkeit
durch den späten Morgennebel
Heftet sich an Regenfäden
die mit ihm zur Erde ziehen

Gelbe Blumen späten Herbstes
scheinen durch den Nebelregen
Leise will sich Hoffnung regen
Doch der Tag bleibt Dämmerung

:) Jo

 

      Elise



RE: Januarblues

   10.01.2007, 23:13



Hallo an alle!
Zum Text ganz direkt wurde bereits einiges gesagt.

Ich möchte zur Melancholie, da sie ja nun wohl auch 'in der Luft liegt', noch etwas einbringen.
In der Zeit kurz vor und um 1800 spielte die Melancholie in der zeitgenössischen philosophisch-gesellschaftlichen Diskussion eine große Rolle. Mir fällt (neben dem Wallenstein und auch dem Faust) Goethe’s Werther ein, der Melancholiker par excellance. In Goethes Roman werden die Gefährdungen durch Melancholie aufgezeigt, andererseits aber auch die durch sie erlebbare Inspiration und Steigerung des Lebensgefühls, will sagen: die Melancholie ist "süßer Schmerz"!
Werther gefällt sich in der Rolle des sozialen Außenseiters, des sich selbst isolierenden Empfindsamen, welcher the joy of grief in vollen Zügen genießt. Wie er endet, dürfte bekannt sein.
Also, bevor ich mich nun weiter über die Weimarer Klassik verbreite: die Melancholie ist (auf jene Epoche gemünzt zumindest) ein doppelbödiger Zustand. Kultig war das damals, eine Mode, melancholisch zu sein: elegisch, weltflüchtig, jenseitsbezogen. Das sehnsüchtig Schwärmerische, die lustvoll ins Dämmrig-Dunkle ziehende, süße Trauer kann allerdings unversehens ins Pathogene kippen.
Auf diese Zweischneidigkeit der Melancholie, auf das Oszillieren zwischen Euphorie und Verzweiflung, wollte ich nur kurz hinweisen.

Viele Grüße, Elise (auch nicht immer ohne - Melancholie ... ).

 

      Klaus



RE: Januarblues

   12.01.2007, 08:31



Hallo Elise,

deine konzentrierte Betrachtung des Begriffes ist
hervorragend, vielen Dank dafür. Und es regt an,
nach-zulesen, es nach-wirken zu lassen...

LG KLaus

 

      Elise



RE: Januarblues

   13.01.2007, 07:17



Dankeschön, Klaus, für diese Rückmeldung!

Morgengrüße, Elise.

 

      augustine²



RE: Januarblues

   02.05.2008, 23:35



Sieh mal, Jolante, es ist schon weit über ein Jahr her, dass du diese Volksliedfassung meines kleinen melancholischen Stückchens hier eingestellt hast. Ich hab' sie erst vor kurzem wieder entdeckt und auch, dass ich damals nichts dazu geschrieben habe. Könnte durchaus sein, dass es mir nicht gefallen hat, dass jemand, du also hier, mit meinem Textmaterial was anderes hergestellt hast.
Jetzt hat mir dein Text gefallen; diesen Volksliedton hast du in den Fingern und ja oft mit Zuspitzungen, die es in sich haben. Hier erscheint mir der Ausdruck der Melancholie bei dir gewissermaßen leichter. Und die roten Kerzen sind weggefallen. Die waren das, wovon Trost zu erwarten war.
Liebe Grüße von augustine




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