So nah noch immer · ferdi · ·


Sonett · Forum für Literatur & Germanistik
 

Neue Beiträge   |   Registrierung   |   Lesungen Literatur auf YouTube - Gedichte - Forum für Literatur und Germanistik  |   dradio   |   Archiv   |   l o g i n

 
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Leseliste
~ Forenliste
~ Gäste-Chat
Literatur
~ Impressum

  Online
gregor libkowsky

  Lesungen

  Piep, piep, piep...

  Aktuelle Themen

Dichte Reime

welt

Zwei Gedichte

Enjambements in Heyms Berlin III

G7sus4 (12-string) --> für chantal

Reise durch lit-on

Vatnajökull (prisma)

Achrad (6)

Trahisa (5)

Letzte Nacht

Straße

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

Feierabendland

Mein Buchhändler

Ein Dogma

Distanz

in die nacht

Jahrestage

Der Musik Laden Faden II

Hausarbeit


 

      ferdi



So nah noch immer

   08.01.2007, 10:24 / 1 x geändert



Was hast du, ahnungsloser Freund, getan!
Kaum hab ich neue Mauern aufgerichtet
um meine Seele, die beinah vernichtet,
zerfetzt, zerrissen hat der Leidorkan,

den in mir wachrief jener Liebeswahn,
kaum hab ich neue Dämme aufgeschichtet,
die Kammern meines Herzens abgedichtet
zu zähmen diesen Schmerzensozean,

den meine ungezählten Tränen schufen -
da reicht ein Wort, erneut herbeizurufen
den Sturm, die Wogen, die erst dann erlahmen,

wenn wieder Damm und Mauer, Herz und Seele
zerbrochen sind und ich verliebt mich quäle,
denn du, o Freund! erwähntest ihren Namen.

 
        arisia
        (Gast)

RE: So nah noch immer

   08.01.2007, 11:21



hi, ferdi,

dein Sonett beschreibt sehr eindringlich, wie es einem geht, wenn ein unbedachtes Wort die Mauern einstürzen läßt.
Zwei Kritteleien habe ich, einmal an der Form:
S1
"Kaum hab ich neue Mauern aufgerichtet"
S2
"kaum hab ich neue Dämme aufgeschichtet,"

die Wiederholung von "neue" kommt nicht so gut. Ich würde in S1 bevorzugen:
Kaum habe ich die Mauern aufgerichtet
(oder ähnliches, das würde im Versmaß bleiben und das "neue" an dieser Stelle vermeiden, da die Lesenden an dieser Stelle ja zum erstenmal mit den Mauern konfrontiert werden, da würde mir dann der Bezug zu "alten Mauern" fehlen):
zum anderen habe ich eine Verständnisschwierigkeit.

"den Sturm, die Wogen, die erst dann erlahmen,

wenn wieder Damm und Mauer, Herz und Seele
zerbrochen sind und ich verliebt mich quäle,"

Ich hätte an dieser Stelle erwartet statt des "zerbrochen"
ein "wieder aufgerichtet" erwartet.
Ich verstehe nicht so recht, wieso der Sturm und die Wogen erlahmen, wenn ein erneutes Quälen beginnt.
Ansonsten gefällt mir dein Sonnet sehr gut, auch wenn es von der Form und den Reimen her nicht an deine Sestine heranreicht.
Sind mal so meine Gedanken dazu.

liebe Grüße
arisia

 

      Jolante



RE: So nah noch immer

   08.01.2007, 13:17 / 2 x geändert



Hallo, ferdi,

ich kann diesmal arisias Kritik nicht teilen. Weder stört mich die Wiederholung von "neue" -sie unterstreicht nur, dass es auch früher schon Mauern und Dämme" gab, noch habe ich Verständnisschwierigkeiten mit dem erneuten Zerbrechen von "Damm und Mauer, Herz und Seele". Das lyrische Ich hat Damm und Mauer errichtet, um sich vor den Qualen einer unglücklichen Liebe zu schützen. Durch die Erwähnung des Namens der Geliebten durch den Freund wird ein Gefühlssturm ausgelöst, der den Widerstand bricht und neue Liebesqualen auszulösen droht.
Allein die erste Zeile "Was hast du, unglückselger Freund, getan!" erscheint mir ein wenig pathetisch. Ich hätte vielleicht "ahnungsloser Freund" geschrieben, aber das trifft es womöglich nicht so gut.
Mir gefällt dein Sonett. Es vermittelt mir ein Stimmungsbild, das ich sehr gut nachempfinden kann.

 

      ear



RE: So nah noch immer

   08.01.2007, 15:15 / 1 x geändert



Hallo ferdi, ein gut gelungenes Gedicht. Ich wuerde Jolantes Wunsch nach "ahnungslos" bekraeftigen, denn sonst koentest du eher auesserst zornig und verzweifelt deinen "Freund" verwuenschen.Lieben Gruss, ear.

 

      augustine



RE: So nah noch immer

   08.01.2007, 16:13



Grüß Dich, ferdi -
Dein Sonett finde ich großartig gelungen - noch eins nach dem von windflug! -; wieder ist zu lesen, wie der Reimzwang produktiv macht: Worte wie "Leidorkan" und "Schmerzensozean" wären Dir nicht und wohl niemandem sonst eingefallen! Und in der anspruchsvollen Form eines Sonetts wirken sie auch nicht gestelzt. Auch "unglückselger" nicht, ich finde das Wort nicht zu pathetisch; Jolantes Vorschlag "ahnungsloser Freund" trotzdem gut, weil der Freund dem Freund ja nicht vervielfältigten Kummer zufügen wollte (wäre bei "unglückselger" immerhin nicht ausgeschlossen) und weil so noch eine Spannung zwischen scheinbar (!) harmlosem Anlass (der Erwähnung des Namens) und fürchterlicher Folge geschaffen ist. Gut auch: die Anrede/die Klage/der Vorwurf/die Frage (ich weiß nicht recht) des ersten Verses findet ihre Auflösung ersten im letzten.
Die Wiederholung von 'neu' in den beiden Quartetten hat einen guten gestalterischen Sinn: neue Mauern waren aufgerichtet gegen das anbrausende Element Sturm, neue Dämme gegen das anbrausende Element Wasser (schön, den Gedanken sammelnd, auch, dass sie im 1. Terzett nochmals genannt werden) - beides geschah also nicht zum erstenmal, und deshalb teilt die Wiederholung dem Leser auch die Schwere der Liebesqual mit. Mauern und Dämme schienen zu halten. Aber ein Wort (wie im Märchen: die Erwähnung des Namens) lässt sie wieder einstürzen ("erneut"), weil die Elemente (dadurch) neue Kraft haben. Die werden sie erst dann verlieren, wenn Dämme und Mauern gebrochen sind, denn dann können Wasser und Sturm doch wieder Herz und Seele erreichen. Dann können sie erlahmen, weil sie ja gesiegt haben.
Und dann? Wieder Mauern, Dämme?
Heilt die Zeit alle Wunden? Jedenfalls: viele. Grüße von augustine und Dank.

 

      ferdi²



RE: So nah noch immer

   08.01.2007, 22:52



Hallo,

ich danke für eure freundlichen und ausführllichen Kommentare!

@ arisia: Ich hatte etwas Angst, dass der von Z2 bis Z14 durchlaufende Satz ohne ein paar Haltepunkte im "Kaum..., kaum..., da..., denn..." zu schwer zu lesen sein könnte, darum habe ich die beiden "neuen" dringelassen. Sonst könnte man sicher überlegen, eins rauszunehmen!

Deine inhaltlichen Bedenken haben deine Mit-Kommentaroren ja schon behandelt; ist danach alles klar?!

@ jolante, ear, augustine: "ahnungsloser" gefällt mir gut, das wird sofort übernommen. Danke :)

@ augustine: Ich würde Windflugs Sonett höher einschätzen, weil es mir einen persönlichen Bezug zu haben scheint, der meier "Fingerübung" etwas abgeht. Aber im Zuge der "Sestinenforschung" habe ich wieder angefangen, Petrarkas "Canzoniere" zu lesen - gut möglich also, dass es in dieser Hinsicht demnächst eher noch schlimmer wird, bevor es besser werden kann ;)

 
        arisia
        (Gast)

RE: So nah noch immer

   09.01.2007, 09:28



hi, ferdi,

ja, die Verständnisschwierigkeit ist beseitigt. :)
Ich knabbere aber immer noch an "neue" rum. An beiden "neue" im Grunde genommen. Da die Form des Sonetts für mich etwas Abgeschlossenes darstellt, eine Geschichte in einem Guß, ist für mich "neue" ein Stolperstein, weil er auf "vorherige" verweist. Dafür gibt es aber keinen Anhaltspunkt im Sonett selbst. Manchmal finde ich es schwierig meine Gedanken zu so diffizilen Überlegungen zu Papier zu bringen, statt es im Gespräch klären zu können.
Ich finde die Wiederholung auch gut als gestalterisches Element, würde dann aber dazu neigen "neue" ganz wegzulassen. Ich habe mir den Text mehrmals laut vorgesprochen, und da dieses Sonett doch sehr gut mit sinntragenden Worten gefüllt ist, tendiere ich doch stark zu dieser Fassung:

"Kaum habe ich die Mauern aufgerichtet"

"kaum habe ich die Dämme aufgeschichtet,"

es erscheint mir so ursprünglicher, direkter, bringt auch eine gewisse Atemlosigkeit beim Sprechen in den Text, wohingegen beim Sprechen mit "neue" eher ein SingSang entsteht.

liebe Grüße
arisia




Views heute: 5.641 | Views gestern: 4.482 | Views gesamt: 5.487.682