Treppen · augustine · ·


Alltag · Forum für Literatur & Germanistik
 

Neue Beiträge   |   Registrierung   |   Lesungen Literatur auf YouTube - Gedichte - Forum für Literatur und Germanistik  |   dradio   |   Archiv   |   l o g i n

 
~ Startseite
kafkaesk
~ Neue Beiträge
~ Beiträge suchen
Literatur
~ Prosa
~ Gedichte
~ Diskussionen
~ Literaturwissenschaft
Literatur
~ Leseliste
~ Forenliste
~ Gäste-Chat
Literatur
~ Impressum

  Online
Bananenfisch

  Lesungen

  Piep, piep, piep...

  Aktuelle Themen

Solveig

Talvolta le poesie sono

Zwei Gedichte

G7sus4 (12-string) --> für chantal

Vatnajökull (prisma)

Achrad (6)

Trahisa (5)

Letzte Nacht

Straße

Glück ^^ Meine schönsten Aporismen !!!!!!!

Feierabendland

Mein Buchhändler

Ein Dogma

Distanz

in die nacht

Jahrestage

Der Musik Laden Faden II

Hausarbeit

Die grauen Herren, ich sagte "nein"?

Kommt ein Pfarrer


 

      augustine



Treppen

   03.01.2006, 21:12 / 2 x geändert



TREPPEN

Übergänge, nach oben, nach unten,
Aufgänge, Abgesänge.
Feierliche Züge empor,
Propyläen zum Beispiel,
Haltlose Abstürze
Besoffner Idioten.
Bleiben is nich.
Manche Stufen enden
Im Nichts oder
Im Himmel oder
An einer Mauer.
Erzähl dir ihre Geschichten
Selbst.

<p></p>

 

      Gerd



RE: Treppen

   08.01.2006, 10:36



Hallo augustine,

finde interessant, dass Du die TREPPEN nicht unter „Religion“ veröffentlicht hast. Die Kritik an der alltäglichen Annahme vorgefertigter starrer (Tor der Akropolis) Antworten hat mich förmlich angesprungen.
„Besoffner“ statt „Besoffener“ scheint mir die Verachtung für Eiferer zusätzlich zu unterstreichen. Die damit einhergehende Verbindung Rausch-Opium-Religion hat mir gut gefallen.
Der Zweck der Mehrfachnennung von Himmel und Hölle ist mir nicht ganz klar geworden – evtl. Andeutung auf unterschiedliche Religionen mit ähnlichen Antworten?
Bleiben is nich – einzige Gewissheit in provokanter Ansprache kam bei mir an.
Das Nichts als Antireligion, die doch nichts anderes ist (das Nichts sucht immer Alternativen, welche die gleiche Funktion erfüllen), kommt mir fast ein wenig zu kurz, da für mich das Nichts (in seinem scheinbaren Phlegma) der Religion an Gefahrenpotenzial in nichts nachsteht.
Die Mauer hat sich mir nicht recht erschlossen. Schädel einrennen – Feinde der eigenen Religion an der Mauer erschießen? Versöhnlich stimmt mich hier, dass Mauern eingerissen werden können – Öffnung – neuer Weg.
Schluss in direkter Ansprache – Aufforderung eigene Antworten zu suchen. Dass diese jeder für sich alleine finden muss, unterstreicht die Abtrennung des „Selbst“ in der letzten Zeile – ist mir nah.
Interpunktion klar, hätte wohl selbst dazu geneigt am jeweiligen Ende einen zusätzlich Absatz einzufügen. In diesem Zusammenhang würden mich noch weitere Hintergründe des Layouts interessieren: 1. Buchstabe jeder neuen Zeile groß und 13 Zeilen (Aberglaube – Gefahrenpotenzial)?
Bin auf Deine Antwort gespannt.
Gruß Gerd

 

      augustine²



RE: Treppen

   08.01.2006, 17:51



Hallo und danke, Gerd - ich sehe, Du bist gerade auch hier. Ich schreibe noch länger, aber heute Nacht erst. J.

 

      augustine²



RE: Treppen

   09.01.2006, 00:34 / 1 x geändert



Hallo, Gerd, zunächst Dank für Deine Selbsterklärung zu Lebwohl.
Ganz offensichtlich hast Du Dein Gedicht intensiver durchdacht als ich das meine, zu dem Du nun schreibst. (Und beide Kommentare - meiner als der, der mir hier hoffentlich noch gelingen wird; habe eben mehr als 6 Stunden nahezu ohne Pause telefoniert - sind auch Beispiele dafür, wie ein Text in Sinn, Geist und Seele des Lesers nochmals entsteht; fand ich sehr eindrucksvoll.)
Das Einfachere zuerst: Initialen am Zeilen-/Versanfang schreibe ich eigentlich 'immer' - soll zunächst einmal meine Aufmerksamkeit sammeln. / 13 Zeilen: war mir nicht klar; aber das ist von ungefähr gelungen. Denn wie ich zu einem Gedicht mal kommentiert habe: 11 Zeilen seien Anzeichen des 'Mangels', so sind es 13 auch, denn auch 13 verfehlt die 'vollkommene' Zahl 12. - Der letzte Satz, auch die Abtrennung von "Selbst" ist "Teckern", necken, nun wieder freundlich; so eine Art Antwort an die hier, die immer gerne kurze Gedichte wollen und an meinen oft langen rumgemeckert haben. (Dass so was hier 'geht', gefällt mir sehr.)
Eigentlich war das 'Gedicht' noch gar nicht fertig. Es tauchte immer wieder weg und auf. Deshalb habe ich, ehe es mit anderen Papieren zerrissen würde, es einmal 'gesendet'. Der Anfang kam aus Gedanken zu Fotos für meine Lyrik-Foto-Kalender. Ich fand Fotos von Treppen, die an Mauern enden. Sicher waren da Türen oder Tore zugemauert worden. Diesen Aufstieg hat irgendwann niemand mehr gewollt. Und was sind Treppen? Eben keine Orte, wo jemand bleiben kann. Immer Übergänge. Die nach oben sind oft feierlich, für in der Tat meistens religiöse Rituale gedacht. Dafür stehen die Propyläen. Dafür könnte auch der Mosesberg stehen oder der Treppenweg zum Kynthos auf Delos; oder ... Das 'Heilige' ist immer oben, das Unheilige 'unten', egal, ob man das nun Hölle oder Hades nennen will. "Besoffne Idioten": gegen Deine Deutung habe ich nichts. Wer sich zu sicher glaubt, stürzt ab, mindestens kann er/sie abstürzen. (Da steckt eine wirkliche Begebenheit drin, die ich nochmal zurück verfolgt habe nach möglichen Ursachen. 'Besoffen' ist nicht wörtlich, aber besaufen kann man sich auch an maßlosen Glaubens-Ansprüchen.)
Stufen enden im Nichts: totale Sinnlosigkeit, weil sie ja verbinden sollen. Ruinenbilder. Nichts und Himmel ist vielleicht dasselbe. Die Mauer müsste nicht abgerissen, sondern nur wieder durchlässig gemacht werden. Steckt auch die Berliner Mauer drin. Da stieg man westlicherseits auf Holzgerüste und glotzte rüber. Deshalb die Flapsigkeit - hommage auch an meine Stadt.

Und seit Langem das in mir rumorende Hölderlinische:

[...]
"Der Fels ist zu Waide gut,
Das Trokne zu Trank.
Das Nasse aber zu Speise.
Will einer wohnen,
So sei es an Treppen,
Und wo ein Häuslein hinabhängt
Am Wasser halte dich auf.
Und was du hast, ist
Athem zu hohlen."
[...]

Auf Treppen kann man gewiss nicht wohnen. Aber was heißt:
"an Treppen"?

Ja, es hätte unter 'Religion' gepasst. Aber nicht notwendigerweise. Und dann fand ich 'Alltag' gut, weil wir doch alle jeden Tag Treppen benutzen.
Gute Nacht! Guten Morgen. Gruß von augustine (die der "Johanna" selber ein wenig nachtrauert und sie vielleicht manchmal weiter schreiben lassen wird)

 

      zuppanova



RE: Treppen

   10.01.2006, 00:25 / 1 x geändert



ja spannend, wo die treppen hinführen ...
beim ersten lesen hatte ich keine religiös gefärbten assoziationen, sondern hab´s als eine art momentaufnahme (vielleicht mit leisem warnen unterlegt?) verstanden von dem, was hier im forum so hin- und hergeht. also: auf den treppen im oberstübchen kann man sich hübsch versteigen - aufwärts strebt man feierlich, den mund voll - und steht plötzlich vor der wand statt auf der zinne mit überblick, oder stürzt ab, weil die obersten stufen bröckeln, oder weil man wortberauscht den boden verliert.
angelpunkt (7. zeile): "bleiben is nicht", nix gwiss wissmer nicht, überhaupt ist das hier ja alles virtuell, trägt da überhaupt was?
und zum schluss eine fortwendung: erzähl´s dir doch selbst, ich hab keinen bock mehr. wer ist "selbst"?
danke für eure ideen, danke fürs Hölderlin-zitat: besser doch, man wohnt an einer treppe als in der öden flachen steppe. no risk no fun.
liebe grüsse von zuppanova.

 

      Gerd



RE: Treppen

   10.01.2006, 01:48



Gerade kamen mir Eschers Treppen in den Sinn, ’ne Runde drauf zu drehen hat keinen Schrecken.

Die Treppen bei Hölderlin lese ich als Stufen hin zum freien Leben. Man soll sich die Möglichkeit geben weiter gehen zu können - Option zur Entwicklung.

Nächtliche Grüße
Gerd

 

      Marcel Frank



RE: Treppen

   11.01.2006, 21:40



Der Text hält sich im Vergleich zu "Der Nachfolger II" mit Bewertungen zurück. Die "Anklage" beschränkt sich auf "Idioten" (wer ist der, der Idiot sagen kann ? Der [Be]Wertende ...). | In den Beiträgen, allerhand Spekulation. Wie sollte ich ergänzen, was nicht bereits genannt ? Was wurde genannt ? (a) Das Haltlosmachen von Religiösem [Treppen als Zugangsort] (b) Hochmut kommt vor dem Fall (Zusammenfassung v. zuppanova). - "Manche Stufen" (Gedichtmitte) minimiert das Einzugsfeld der Aussage, sie ist nicht total. Dieser Bescheidenheitsgestus des Sprechers verändert sich: "Erzähl dir ihre Geschichten / Selbst". Da sind konkret Angegriffene ("besoffne[r] Idioten" | also "Betroffene"). Wer sind denn die ? Religiöse Eiferer und andere (z.B. "virtuelle"). Das Es-Sich-Selbst-Erzählen also eine "negative Antwort" des Nicht-Betroffenen, ein "Do-It-Yourself" (gemessen an der Erwartung von Treppenaufgängen). Das offenbar der Reiz dieses Gedichts: In Abrede stellen*. So ist das Heute.

"Im Nichts", "im Himmel", "Propyläen". Was macht das Gedicht hier ? Es substituiert alternative Begriffe: Nirvana, Nihilismus, Östliches, Christentum, Autounfall nach göttlichster Silvesterfeier. Das Gedicht als "m.a.W.". Es bedarf hier, wenn nicht einer trennscharfen Einsicht in die Niederlagen des Abendlandes, al menos der Zustimmung, dass gegen die, die ohnehin abgeschrieben (inkl. aller Don Quijotes) mit bzw. zu Lasten "Propyläen" polemisiert werden kann (alternativ "Schadenfreude", vgl. (b) bzw. Beitrag v. zuppanova - Hölderlin verbrachte Jahrzehnte in einer bröckelnden Zinne). *Der Reiz geht vom latent A-Sozialen (+) aus. Auf einer Skala von "lyrischem Ausdruck einer Beurteilung" bis "Artistik" läge es linksseitig. Beides zusammen ist ungewöhnlich.




Views heute: 2.947 | Views gestern: 3.674 | Views gesamt: 5.475.642