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windflug
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02.01.2007, 16:57 / 4 x geändert
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So weit ich blicke, nur Geröll und Steine.
Unwirtlich ist es hier und kalt und grau
und gottverlassen, seelenlos. Ich schau
im Traum in einen Abgrund, und ich weine.
Ich weine um das Kind, das einst hier träumte,
das voller Leben war und Phantasie,
das gegen Drachen kämpfte mit Magie,
das lachte, weinte, wütete, sich bäumte.
Wo ist das Leben unter dem Geröll?
Ich grabe mit den Händen in den Steinen.
Ich schürfe tiefer, unter den Gebeinen
der toten Jahre, unter Eulgewöll
von angehäufter Leere nach dem Kind,
das hier noch sein muss. Was, wenn ich es find?

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ferdi
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Tja, da kann man eigentlich nicht meckern. Schöner Inhalt, schöner Aufbau, klug vorbereitetes Ende, das den Leser mit etwas zum Nachdenken entlässt... Schön :)
Nur "unwirtlich" (Z2) solltest du wohl groß schreiben ;)

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Jolante
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Liebe windflug,
ferdi hat recht: dir ist ein Sonett gelungen, das durch seine wohlgeformte Gestalt gefällt und durch seine Aussagekraft überzeugt. Das lyr.Ich benutzt im Traum das Bild einer Grabungsstätte, um einen tiefen Blick in den Abgrund seiner Seele zu tun. Die eigene Kindheit liegt dort verschüttet unter "Geröll und Steinen". Das lyr.Ich erinnert sich an das Kind von einst, das voller Leben und Phantasie war, das "gegen Drachen kämpfte mit Magie, das lachte, weinte, wütete, sich bäumte". Das sind Bilder, die einen starken Gegensatz bilden zu seinem Erwachsenenleben, in dem sich viele Jahre der Leere, sogar tote Jahre angehäuft haben, eine lange Zeit, in der das lyr.Ich sich immer weiter von dem schöpferischen, lebensfrohen Kind, das es einmal war, entfernt hat.
In seinem Traum schürft es tief und tiefer, hat aber gleichzeitig Angst davor, das Kind in sich wiederzufinden, weil sich ihm dann die Frage stellt, wie es weiterleben soll, weiterleben kann, weiterleben will mit all den Konsequenzen, die sich aus den Antworten ergeben....., - wenn es denn Antworten gibt.
Ein schönes, tief empfundenes Gedicht, das die hohe Sensibilität der Autorin offenbart.
Gruß Jolante

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ear
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Liebe windflug,
Dein Sonett ist formvollendet, wie schon von ferdi und Jolate gesagt. ich kann nur jedes Wort unterstreichen, das Jolante verwendete.Genau so begreife ich dein Sonett.
Die Aktivitaet des Lyrischen Ichs ist ungemein stark, es graebt, es schuerft, will die Leere nicht wahrhaben . Der Konjunktiv der letzten Frage beweist, dass ein Finden der Kindheit weder erwuenscht noch ernstlich angenommen wird.
Emily in Thornton Wilders "Our Town" stellt mit Grausen fest, wie verkehrt es ist, Vergangenes noch einmal zu erleben. Hier werden die toten Jahre mit dem grausigen Gewoelle einer Eule mit Knoechelchen, Krallen und Federn verglichen.
Ein sehr gelungenes Gedicht, welches mich anregte , nach dem Wilder Theater-Stueck zu suchen. Danke, ear.

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augustine
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05.01.2007, 10:20 / 1 x geändert
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Denk nicht, windflug, ich hätte Dein Sonett nicht öfter gelesen - allein schon aus der Freude über das formale Gelungensein und eben auch, weil es nicht mehr befremdlich zu sein scheint, hier eine solche Gedichtform zu verwenden. (Bei meinen ersten - und das allererste heißt immerhin 'Die Liebe' - schien das noch so zu sein.)
Ob nun ein Traum dir die Gedanken geschenkt hat oder umgekehrt Du sie in die Form eines Traums gekleidet hast, ist wahrscheinlich egal. "Was, wenn ich es find?" Das Kind, das wir einmal gewesen sind, finden wir sicher nie mehr wieder, denn dazu müssten wir wieder Kind SEIN können. Aber es ist doch in uns und wirkt, irgendwie und ohne dass da etwas genau zuzuordnen wäre. Jedenfalls: je älter ich werde, um so verwandter fühle ich mich auch dem Kind, das ich einmal war und lange verachtet habe. - "Was, wenn ich es find?" klingt angstvoll (für mich; ich meine: so als sei damit für Dich Angst verbunden). Du fändest aber Leben und Phantasie und magische Kräfte!
Das, wenn Du selbst das im Geröll des Lebens verschüttete Kind bist.
Es ist mir noch die Lesart eingefallen - kaum wage ich, sie aufzuschreiben -: dass Du ein Kind verloren haben könntest und nun erst wieder wagtest, Dich mit ihm in eine Beziehung zu setzen.
Eine einfache Frage: wie kam's, dass Du auf das Sonett als Form verfielst, und wie waren Deine Erfahrungen damit beim Schreiben?
Liebe Grüße und Dank von augustine

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windflug²
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ferdi, Jolante, ear und augustine,
lieben Dank euch allen für die freundlichen Worte, dir, ferdi, für das Aufmerksammachen auf den ärgerlichen Tippfehler, dir Jolante, für die so treffende Deutung, dir, ear für den Verweis auf Thornton Wilder, den ich auch noch einmal ausgraben werde, und dir, augustine für deine Gedanken zum inneren Kind!
Wie kam ich auf die Form? Wieder einmal durch den äußeren Impuls, den ich für mein Schreiben immer noch brauche. Aufgabe, die bei mir Hausaufgabe wurde, war es, ein Sonett zum Thema "Stein" zu schreiben. Ich setzte mich hin und tat einen Blick in meine steinige Tagtraumlandschaft, ich grub und schürfte und merkte, dass da etwas verschüttet war, das ich ausgraben wollte. Die Form war eine große Hilfe beim Ordnen der Funde, und wie das manchmal so ist, findet man bisweilen mehr als man eigentlich erwartet, in diesem Fall das Reimwort auf Geröll, auf das ich ohne den Reimzwang nie gekommen wäre, das für mich aber ein so stimmiges Bild ergab.
Was steckt in der Schlussfrage? Alles, was ihr herauslest, Angst, Erschauern, Nicht-Wissenwollen, aber auch Neugier, Gespanntsein, Wissenwollen. The quest must go on!
Liebe Grüße
windflug
PS: Glücklicherweise. liebe augustine, trifft deine zweite Lesart nicht zu.

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arisia (Gast)
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06.01.2007, 11:58 / 1 x geändert
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hi, windflug,
dein Sonett gefällt mir rundherum; :)
Der formale Aufbau der Form des Sonett unterstützt geschickt die Intention des Gedichtes.
In den Quartetten wird das "hier und jetzt" beschrieben, erst das äußere, dann das innere Erleben beim Betrachten der Geröllhalde;
Die Terzette beginnen mit der Frage, wo das Leben unter dem Gröll sein mochte, gehen über in reales Suchen, verhalten zum Schluß wieder mit einer Frage:
"Was, wenn ich es find?"
Das Sonett führt die Lesenden einmal rund um das Leben des LI mit viel Raum für das eigene Erleben der Lesenden. Die Frage nach den verlorenen Jahren, ein Erleben, dessen sich fast jede/r irgendwann einmal bewußt wird, wird sehr schön an dem Bild einer Steinwüste dargestellt. Sehr anschaulich auch der Prozess des Suchens, die Anstrengung, die eine solche Suche mit sich bringt kommt in den Zeilen
"Ich grabe mit den Händen in den Steinen.
Ich schürfe tiefer, unter den Gebeinen"
zum Ausdruck. So tief ist das innere Kind verschüttet, daß tief "geschürft" werden muß, "schürfen", ein Ausdruck aus dem Bergbau, der die Schwere der Arbeit deutlich sichtbar macht.
Sehr gut gefällt mir die Metapher der "angehäuften Leere" im zweiten Terzett. Hier wird das Bild der Geröllwüste, schwer, gewichtig, mit körperlicher Arbeit assoziiert, auf eine andere Ebene gehoben, aber nicht um Veränderung der Bedingungen auszudrücken, sondern um von der mehr psychischen Seite her nochmal zu unterstreichen, wie weit der Weg ist, das Kind zu finden. Das Bild des Gerölls vermittelt den Eindruck von der "Schwere" der Arbeit, die geleistet werden muß, die oft auch im realen therapeutischen Prozess als körperliche Arbeit empfunden wird, das Bild der "angehäuften Leere" hingegen macht eine Aussage über die innere Entfernung, die zurückgelegt werden muß.
Jedenfalls diese Metapher erzeugt in mir ein ganz starkes Bild, Assoziationketten, die ich so hier in Worten nicht mehr unterbringen kann. :)
Dein Gedicht wird mich noch eine Weile und immer mal wieder beschäftigen.
liebe Grüße
arisia

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Ingar
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Liebe windflug,
stiller Leser, der ich bin, melde ich mich hier doch einmal wieder zu Wort.
Das Sonett spricht mich an, deine Annäherung an das 'innere Kind' (den Ausdruck mag ich im Grunde nicht, habe jedoch keinen besseren parat), das Graben, Schürfen, die Angst, die erschauernde Neugier - all das ist mir wohlbekannt, nicht nur aus eigenem innerem Erleben, nein, ich weiß darum auch, weil ich mit anderen Menschen gegangen bin in deren Tagtraumlandschaften (wie du es nennst), seien es Geröllfelder, Sümpfe, Wüsten, verschlossene Gärten, Dschungel, Kerkerräume, Friedhöfe, was auch immer - not-wendige, not-wendende Expeditionen, um einem Kind zu begegnen, das vernachlässigt war, ausgehungert, verwahrlost, verängstigt, verstummt, geschunden auf die eine oder andere Art und Weise ... es gibt so viele verschiedene Bilder ...
Du siehst, ich lese persönlich - es ist gut, solche Expeditionen zu unternehmen, gut, mit diesen 'Kindern' in Kontakt zu gehen. Sie sind oft so scheu, man muss zart sein, vorsichtig, liebevoll - aber ich will nicht viele Worte machen.
Gut, was du geschrieben hast, eine vielschichtige Thematik ...
Mit Gruß, Ingar.

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Klaus
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Liebe Windflug,
dein Gedicht geht mehr als tief...
Hoffentlich ist eine "Grabes-" und "Gräber-" Be-gleitung
vorhanden, die sich mit den unterirdischen Wegen aus-
kennt...und nicht nur mit diesen...
LG Klaus

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